Herr, die Schöpfung ist dein Lied

In wohl allen Diözesen wurden seit den vergangenen fünf Jahren Listen mit den sogenannten „Liedern des Monats“ aufgestellt, um die Einführung der neuen Lieder aus dem Gotteslob zu organisieren. Alle Gemeinden, auch jene, in denen am ersten Adventssonntag 2013 die neuen Gesangbücher noch nicht zur Verfügung standen, hätten bisher ca. 60 neue Lieder lernen können. Der Konjunktiv steht für die Tatsache, dass nicht immer jemand zur Verfügung stand, um die Lieder mit der Gemeinde einzuüben. Ist dabei jemandem der Gedanke gekommen, dass nicht jedes neue Lied auf der Liste dem alten Grundsatz genügt: „Für Gott ist das Beste gut genug“. Offensichtlich wohnten einige Autoren doch ziemlich nahe bei der jeweiligen Kommission. „Gelegenheit macht zwar Diebe“, aber keine Texter oder Melodisten. So geschehen im Fall des Liedes „Herr, die Schöpfung ist dein Lied“, Nr. 716 im Eigenteil Freiburg/Rottenburg.

Elisabeth Schmitter, die Texterin des Liedes, von Beruf Pastoralreferentin, hat nach eigener Aussage im Bischöflichen Ordinariat in Rottenburg gearbeitet und macht seit vielen Jahren kirchliche Verkündigungssendungen im SWR. Zu ihrem Text, der im Gotteslob als „Lied zum Sonntag“ eingeordnet ist, stellen sich mir viele Fragen.

Ist in der ersten Strophe die Schöpfung ein „Lied“ des Herrn? Ist dieses Wort vielleicht ein Stellvertreter für „Werk“, ein pars pro toto? Ich erinnere mich an Schüler, die jede Art von Musik, auch Instrumentalmusik, als „Lied“ bezeichneten. In diesem Sinne wäre die Schöpfung eine Sinfonie des Herrn; ein einziges Lied ist wäre dafür viel zu wenig. In der zweiten Hälfte der Strophe könnte die etwas erweiterte Formulierung „Als deines Wortes Widerhall ertönt dir Lob, wenn alles singt“ die vermutliche Absicht der Texterin erhellen.

In der zweiten Strophe stellt sie der „Ewigkeit“ die „Wechselzeit“ gegenüber, eine Wort, das mehrfache Bedeutung hat, z. B. als Zeit zwischen zwei Operationen oder als Zeit zum Wechseln der Sportgeräte beim Triathlon. Wenn man das Wort als  „Zeit des Wechsels“ deutet, versteht man den Begriff eher als  eine wechselvolle Zeit. Welchem Herzschlag sollen wir folgen, dem Herzschlag der „Ewigkeit“ oder dem Herzschlag des „Herrn“? Oder sind die Begriffe identisch?

 In der dritten Strophe bleibt nach dem fehlenden Komma hinter „vollendet sich“ unklar, „was für uns im Schatten bleibt“. Wo war vorher von einem Licht die Rede, ohne das es keinen Schatten geben kann?

Es folgen die Strophen vier bis sechs, die, in verschiedenen Formulierungen, alle vom Ereignis der Auferstehung sprechen. Dass der Herr seinen Sohn Christus „aus der Nacht in das Licht des Morgens rief“, ist eine sehr poetische Umschreibung. Dass mit uns auch „alles, was je schlief“, gerufen wird, ist eine sehr freie psychologische Interpretation. Der Sieg über den Tod „am dritten Tag“ wird in der fünften Strophe der „Liebe“ zugeschrieben. Trotz des auffallenden Enjambements ist „Liebe“ ein schwammiger Begriff, der vermutlich durch die Apposition „Christus, unter uns im Brot“ geklärt wird. Die sechste Strophe ist die einzige, die mit verständlichen Aussagen  und einer klaren Struktur aufwarten kann: „künden“, „glauben“, „hoffen“, „rühmen“. Wie schön, dass sich im letzten Refrain „Segens“ auf „Lebens“ reimt. Um dieses Reimes willen musste man fünf Strophen lang „allen Gebens“ statt „aller Gaben“ ertragen.  

Wer ist Antony Forster (*1926)? Im Netz fand sich dazu kein Eintrag, der auf einen Komponisten hindeutet. Unter der Schreibweise  Anthony Foster entdeckt man  jedoch einen Organisten (1926−2012), der zu dem Originaltext  „Christ the Lord Is Risen Again“ 1982 einen vierstimmigen Chorsatz veröffentlicht hat.

Choir of St Mary’s Church, Warwick | „Christ the Lord Is Risen Again“ Anthony Foster (BBC 2019)

Eine sehr volkstümliche Melodie, die die Freude über die Auferstehung mit einfachsten Mitteln zum Ausdruck bringt. In der ersten Zeile liefern je zwei Viertel im Einklang im Abstand einer Quarte und ein absteigender Tonleiterausschnitt in Achteln mit einer Halben als Abschluss das gesamte Material für die Melodie der Strophen. Die zweite Zeile wiederholt die erste Zeile eine Quarte höher. In der dritten und vierten Zeile wird dieses Spiel wiederholt. Die Achtel rufen auf den zugehörigen Silben teilweise einen ha-ha- bzw. he-he-Effekt hervor. Im Refrain setzt die Hallelujamelodie mit Händelscher Betonung und Punktierung auf der ersten Silbe eine Sexte höher ein und fällt in Sequenzen abwärts. Der zweite Teil wiederholt in bekannter Weise die Melodie des ersten Teils. Der He-he-he-he-Effekt umfasst diesmal sogar vier Töne. Hoch lebe die Sequenz bzw. der „Schusterfleck“, wie man früher sagte, wenn einem nichts anderes mehr einfiel.

Der englische Text „Christ the Lord Is Risen Again“ ist die Übersetzung eines Osterchorals von Michael Weisse (1531) durch Catherine Winkworth (1858).

1 Christ the Lord is risen again,
Christ hath broken every chain.
Hark, angelic voices cry,
singing evermore on high, Alleluia!

1. Christus ist erstanden
von des Todes Banden;
des freuet sich der Engel Schar
und singt im Himmel immerdar: Halleluja.

Dieser Text wird in England in unterschiedlichen Vertonungen gesungen. Auffallend ähnlich der Melodie von Foster ist die Bearbeitung von John Rutter, die 2016 veröffentlicht wurde.

Christ the Lord Is Risen Again – John Rutter

Man hört deutlich, dass Rutter fast 20 Jahre später als Foster geboren wurde.

Anton Stingl jun.