Vier Liedanzeiger in drei Tagen

Die Urlaubszeit erzeugt nicht nur viel CO2, sondern auch einigen Vertretungsbedarf bei Organisten. Denn die daheimgebliebenen Gläubigen wollen im Gottesdienst wie gewohnt von ihrer Orgel begleitet werden. Meine fünf Orgelauftritte am Wochenende beginnen in meiner  eigenen Gemeinde am Freitagabend. Dort bediene ich in der barocken Kirche neben der Orgel mit 20 Registern einen stilvoll mit Holz verkleideten Liedanzeiger (1).

Bild 1

Die Tasten für die Nummern von 1 bis 999 sind sehr übersichtlich angeordnet. Rechts kann jeweils eine Strophe von Nr. 1 bis 19 angezeigt werden. Das reicht für „Großer Gott, wir loben dich“ mit 11 Strophen, auch für „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ mit 15 Strophen aus dem EG. Aber da sind noch weitere Tasten vorhanden, die eine Erweiterung bis zu 59 Strophen zulassen. Wer kam auf eine solche Idee? Was ist aber mit dem sogenannten Strophenpicken, z.B. » 464, 1 – 2 + 5 «? Das kann offensichtlich nur händisch erledigt werden. Denn nach der zweiten Strophe müsste man den Kopf von den Noten nach links wenden und mit der linken Hand die Taste 5 drücken, um dann mit sicherem Griff wieder den ersten Ton der Begleitung zu finden. Das Drücken der Taste 5 hat zur Folge, dass die zuvor gedrückte Taste 1 mit erheblichem Lärm nach oben springt, was den lärmempfindlichen Pfarrer aber ziemlich stört. Die Ein-Taste, die auch als Aus-Taste dient, muss ziemlich fest gedrückt werden, weil sich sonst keine Veränderung der Anzeigelage einstellt. Die Gemeinde muss dann gegebenenfalls die erste Strophe auswendig singen, was der Organist natürlich am schwachen Gesang gleich bemerkt und irgendwie versucht, die Ein-Taste in Funktionsstellung zu bringen.

Beim nächsten Auftritt am späten Samstagnachmittag erwartet mich ein etwas moderneres Gerät (2).

Bild 2

Man tippt die Nummer des Lieds samt einer Strophe ein und sieht das Ergebnis auf dem Display. Mit dem Doppelpfeil schickt man es zum Projektor. Die Anzeigedauer von 60 sec kann zwar verändert werden, aber die Gebrauchsanweisung zur Verlängerung ist unter irgendwelchen Stapeln auf der Empore verborgen. Und so bleibt mir auch die Technik des Strophenwechsels ein Rätsel. Man könnte zwar den Speicher vorher programmieren, aber da man in der neugotischen Kirche vor Beginn des Gottesdienstes durch den Kirchturm zur Sakristei hinunterklettern muss, um beim Zelebranten das Placet holen, und anschließend wieder hinaufklettern muss, bleibt dafür keine Zeit.

In der Frühe des Sonntagmorgens (10.30 Uhr!) erwartet mich in einer kleinen Barockkapelle mit einer Orgel mit 17 viel zu lauten Registern ein museumsreifer Liedanzeiger (3).

Bild 3

Der Einstellmechanismus ist hier mit dem Projektor fest verbunden. Drei Einstellräder für die Liednummer und ein Rad für die Strophe sind zu bedienen. Meine Position ist auf der Orgelbank vor dem Spielschrank. Der Mechanismus ist rechts hinter mir mit einer Drehung von ca. 120° auf der Emporenbrüstung zu erreichen. Das bedeutet, dass ich nicht sehen kann, ob die Ziffer auf dem Rad genau unter dem weißen Punkt steht. Zur Kontrolle ist immer ein Schulterblick zur Projektion auf der Kirchenwand notwendig. Die Eingabe » 464, 1 – 2 + 5 « funktioniert nur durch blitzschnelles Rädchendrehen mit der rechten Hand, die wieder rechtzeitig zum nächsten Akkord bereit sein muss.

Am späten Vormittag gastiere ich in einer neobarocken Kirche. Die elektropneumatische Orgel besitzt 45 Register auf vier Manualen. Da die Kirche seit einem Jahr keine ständige Organistin mehr hat, ist man dort auf Aushilfen angewiesen. Für diese hat man praktischerweise einen Zettel zur Bedienung des Liedanzeigers bereit gelegt (4 und 5).

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Bild 5

Dank dieser Einweisung kommt man mit der umständlichen Bedienung einigermaßen zurecht! Leider ist das Display ziemlich dunkel und die Eingabe » 464, 1 – 2 + 5 « ist nicht möglich, weil man nur zwei Angaben für die Strophen machen kann.

Am Abend spiele ich dann noch einmal in der neugotischen Kirche auf der Orgel mit einundfünfzig Registern auf drei Manualen und tippe drei Minuten vor Beginn des Gottesdienstes dreimal auf die Liedanzeige, weil die Anzeigedauer auf 60 sec eingestellt ist (s.o.).

In solchen Momenten denke ich, warum bin ich nicht evangelisch geworden?  Dort werden vor dem Gottesdienst die Liednummern vom Küster aufgesteckt und der Organist kann sich auf sein Spiel konzentrieren (6).

Bild 6: Forchheim (Oberfranken)

Doch es gibt Hoffnung. Im Winterhalbjahr wird in meiner Gemeinde der Gottesdienst am Freitagabend nicht in der alten Barockkirche gefeiert, sondern in der neuen Pfarrkirche, weil man sie schneller aufheizen kann. Dort steht ein Gerät, das alle Wünsche erfüllt (7).

Bild 7

Das ist der ultimative Liedanzeiger zum Strophenpicken! Mit ihm kann man auch anzeigen, wenn neben dem Gotteslob aus anderen Gesangsquellen gesungen wird. So kann ich z.B. der Nummer des Kehrverses aus meinen Antwortpsalmen ein „A“ voranstellen. Wie man sieht, lässt sich auch die Eingabe  » 464, 1 – 2 + 5 « ohne weiteres bewerkstelligen. Der große Vorteil ist, dass man vorher einstellen und hinterher sich ganz auf das Orgelspiel konzentrieren kann. Das haben im übrigen auch schon andere entdeckt.

„Organisten – schlechte Christen“ heißt ein altes Sprichwort, das auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass die Organisten „rang- und besoldungsmäßig nicht gerade zu den angesehensten Musikern gehörten“ .  Dennoch sollte man ihnen heute die Arbeit mit Hilfe von neuer Technik erleichtern. Zum Vergleich verwendet man im Mobilfunk der dritten Generation heute den UMTS-Standard und bereitet z.Z. die 4. Generation vor.

Anton Stingl jun.