Rorate

All die Jahre suchte ich in der Adventszeit am Freitagabend tastend meinen Weg über die Treppe zur Orgel, weil die Kirche nur durch Kerzen erleuchtet war. Erst in den letzten Jahren gab es eine Marscherleichterung, denn man ließ das elektrische Licht brennen, bis die Messe begann. Sie war im Pfarrblatt als Rorategottesdienst angekündigt. Bisher hatte ich gedacht, dass sich die Gestaltung nur auf die brennenden Kerzen bezieht, bis mein Pfarrer gestern Abend erstmalig im Ablauf ein Marienlied vermisste und auch der Mesner etwas von einer marianischen Votivmesse im Advent wusste, zu der man sich früher in der Frühe traf. Ich wusste natürlich, was das Wort Rorate bedeutet, aber ich ließ sicherheitshalber mal eben die letzten 13. Jahrhunderte passieren.

Rorate ist das erste Wort eines lateinischen Introitus, eines Gesangs zum Eingang:
Rorate caeli desuper, et nubes pluant iustum :
Tauet, ihr Himmel, von oben, und die Wolken sollen regnen den Gerechten.
aperiatur terra, et germinet Salvatorem.
Es tue sich auf die Erde und lasse sprießen den Heiland.

Der Introitus mit dem Text aus Jesaia 45,8 wurde zum ersten Mal um 800 für den Mittwoch vor dem vierten Adventssonntag mit der Stationskirche Santa Maria Maggiore in einem Messantiphonar notiert. Dieser Mittwoch war der erste Tag des adventlichen Fastens, das am Freitag und Samstag fortgesetzt wurde. Da der Gottesdienst am Samstagabend sich bis weit in die Nacht hineinzog, fiel die Messe am Sonntag in manchen Gebieten aus.

Im 10. Jahrhundert gesellten sich zum Introitus Rorate caeli zwei andere ausgesprochen marianische Gesänge, das Offertorium Ave Maria (= Sei gegrüßt, Maria) und die Communio Ecce virgo concipiet (= Siehe, die Jungfrau wird empfangen). Beide Gesänge wurden auch für den nun überall gefeierten vierten Adventssonntag verwendet, nachdem man offensichtlich entweder das samstägliche Feiern verkürzte oder wieder auf dem Sonntagsgebot bestand. Ab dem 11. Jahrhundert verschwand das Offertorium Ave Maria wieder aus dem Messformular am Mittwoch und wurde durch das Offertorium Confortamini (= Sei getröstet) ersetzt.

Nach dem Konzil von Trient führte Papst Pius V. 1570 für die Zeit von Advent bis zur Geburt des Herrn eine neue Votivmesse de Sancta Maria ein. Die Texte dieser Messe sind mit den Texten des vierten Adventssonntags identisch: In. Rorate caeli. Gr. Prope est Dominus. Al. Veni Domine. Of. Ave Maria. Co. Ecce virgo. Nach der Liturgiekonstitution 1963 wurden die Texte des Mittwochs vor dem 4. Adventssonntag völlig überarbeitet, sodass der ursprüngliche Bezug zu Maria entfiel: In. Memento nostri (= Gedenke unser, Herr). Gr. In sole posuit (Der Sonne bestimmte er ein Zelt). Of. Audi Israel (= Höre, Israel. Co. Veni Domine (Komm, Herr).

Ich fasse zusammen. Ursprünglich eröffnete Rorate das Adventsfasten beim Stationsgottesdienst in Santa Maria Maggiore. Dann kommen Ave Maria und Ecce virgo dazu. Schließlich wandert Rorate zum 4. Adventssonntag und wird durch die Votivmesse de Sancta Maria dupliziert.  Ich muss zugestehen, dass zum „Rorategottesdienst“, auch wenn er am Abend gefeiert wird, am Ende ein „Gruß an Maria“ gehört. Es bieten sich an Maria, Mutter unsres Herrn (Nr. 530) als traditionelle marianische Antiphon in der Advents- und Weihnachtszeit, Ave Maria gratia plena (Nr. 537), Ave Maria zart (Nr. 527) und Ave Maria klare (Nr. 891 Freiburg/Rottenburg).

Anton Stingl jun.