Adorna, Sion, thalamum

Nachdem das zweite Vatikanische Konzil 1963 die Konstitution zur Heiligen Liturgie SACROSANCTUM CONCILIUM verfasst hatte, begann eine gründliche Überarbeitung der Liturgie, die seit dem Tridentiner Konzil in der bisherigen Form gefeiert wurde. Das betraf auch die Hymnen, die im täglichen Stundengebet gesungen werden.

93. Die Hymnen sollen, soweit es angezeigt erscheint, in ihrer alten Gestalt wiederhergestellt werden; dabei soll beseitigt oder geändert werden, was mythologische Züge an sich trägt oder der christlichen Frömmigkeit weniger entspricht. Gegebenenfalls sollen auch andere Hymnen aufgenommen werden, die sich im Schatz der Überlieferung finden.

Im alten Ritus war für den 2. Februar, dessen Fest früher ‚Mariä Reinigung‘ oder ‚Mariä Lichtmess‘ hieß und jetzt ‚Darstellung des Herrn‘ genannt wird, der Hymnus Ave maris stella (GOTTESLOB 520) vorgesehen. Dieser Hymnus ist ein an Maria gerichtetes Bittgebet und wird im Stundengebet an mehreren Marienfesten verwendet. Die für die Hymnen zuständige Kommission suchte für die Laudes (= Morgenlob) an diesen Tag einen anderen Hymnus, der dem speziellen Festcharakter besser gerecht wird, und wurde im Hymnarius Paraclitensis von Peter Abelard (1079‒1142) fündig. Abelard war ein französischer Theologe und Philosoph, der wegen seiner kontroversen Lehren und auch wegen der Liebesaffäre mit seiner Schülerin Heloisa in zahlreiche Konflikte geriet. Heloisa wurde später Äbtissin eines Frauenkonvents in Paraklet bei Nogent-sur-Seine, für den Abelard seine Hymnensammlung verfasste.

In dieser Sammlung finden sich unter der Überschrift In Hypapante Domini (= Darstellung des Herrn) zur ersten und zweiten Nokturn (= Teile des Nachtgebets) zwei Hymnen Adorna, Sion, thalamum (38) und Parentes Christum deferunt (39). Aus diesen beiden Hymnen wurden für den LIBER HYMNARIUS insgesamt fünf Strophen ausgewählt und durch  eine Doxologie ergänzt, die an Epiphanias (= Erscheinung des Herrn) verwendet wird. Sie zeigt relativ starke Bezüge zur zweiten Strophe (revelas gentibus – revelandum gentibus).

1. Adorna, Sion, thalamum,
quæ præstolaris Dominum;
sponsum et sponsam suscipe
vigil fidei lumine. (= 38,1)

2. Beate senex, propera,
promissa comple gaudia
et revelandum gentibus
revela lumen omnibus. (= 38,4)

3. Parentes Christum deferunt,
in templo templum offerunt;
legi parere voluit
qui legi nihil debuit. (= 39,1)

4. Offer, beata, parvulum,
tuum et Patris unicum;
offer per quem offerimur,
pretium quo redimimur. (= 39,2)

5. Procede, virgo regia,
profer Natum cum hostia; (= 39,3)
monet omnes ad gaudium
qui venit salus omnium.

6. Iesu, tibi sit gloria,
qui te revelas gentibus,
cum Patre et almo Spiritu,
in sempiterna sæcula.

Die Nachdichtung im deutschen Stundenbuch ändert die Reihenfolge und verzichtet auf die vierte Strophe.

1. Auf, Zion, schmücke dein Gemach,
der Herr ist da, den du ersehnt.
Steh auf und mache dich bereit,
empfange Bräutigam und Braut. (= 38,1)

3. Zu seinem Tempel kommt der Herr:
Die Eltern bringen Christus dar.
Der ohne alle Sünde ist,
macht dem Gesetz sich untertan. (= 39,1)

5. Tritt, königliche Jungfrau, ein,
bringt mit dem Opfer dar dein Kind,
des ew’gen Vaters wahren Sohn,
der uns zum Heil erschienen ist. (= 39,3)

2. Was dir verheißen, Simeon,
das ist in diesem Kind erfüllt.
Nun mache allen Völkern kund
das Licht, das ihnen leuchten soll. (= 38,4)

6. Herr, dir sei Preis und Herrlichkeit,
der sich den Heiden offenbart,
mit dir dem Vater und dem Geist
durch alle Zeit und Ewigkeit. Amen.

Was könnte der Grund sein, dass im Stundenbuch die 4. Strophe ausgeklammert wird?

4. Offer, beata, parvulum,
tuum et Patris unicum;
offer per quem offerimur,
pretium quo redimimur. (= 39,2)

Trage, Gesegnete, das Kind,
deines und des Vaters Einzigen;
trage den, durch den wir getragen werden,
den Preis, durch den wir erkauft werden.

Zunächst handelt es dabei um eine Kürzung, wie sie im Stundenbuch auch bei anderen Hymnen vorkommt, z.B. bei Veni, redemptor gentium – Du Heiland aller Völker, komm. Die Strophe wurde offenbar ausgelassen, weil sie zum einen bereits Gesagtes enthält (5. Strophe), zum anderen steht der Preis für die Erlösung nicht im Mittelpunkt des Festes.

Hätte man nicht eher die fünfte Strophe eliminieren sollen? Denn die beiden letzten Zeilen dieser Strophe stammen überhaupt nicht aus einer der beiden Hymnen, sondern aus dem Laudes-Hymnus (41) Omnis sexus et quaelibet des LIBER HYMNARIUS. Ursprünglich hatten diese Zeilen folgenden Wortlaut:

Tollantes aves mystica,
Tibi vel ipsi congruae.

Es erheben sich die mystischen Vögel,
zwischen dir und Ihm harmonierend.

Dass man diese beiden nur schwer zu verstehenden Zeilen durch verständlichere ersetzt hat, ist im Sinne des Artikels 93 der Konstitution gut zu begreifen. Die Kompilation des Hymnus aus unterschiedlichen Hymnen Abelards passt dennoch gut zur ‚Darstellung des Herrn‘, da der Text eng mit der Bibel verflochten ist. Aus Platzgründen seien nur die entsprechenden Bibelstellen aufgezählt: Ps 18; Joel 2,16; Jes 8,17; Lk 2,22-39); LK 2,25-26; Lk 2,22ff; Mt 26,61; Kor 5,20ff; Ps 54,5. Der Leser möge selbst vergleichen.

Literaturnachweis: Peter Abelard’s Hymnarius Paraclitensis, an annotated Edition with introduction by Joseph Szövérffy. II, Text and Notes, Albany, N.Y. 1975.

Anton Stingl jun.

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