NEIN DANKE, ORLANDO

Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth hat sich bei ihrer jüngsten Oper „Orlando“, selbst ein Bein gestellt, als sie mit der „Grand opéra“ als eine „Fusion aus Musik, Mode, Literatur, Raum und Videos das ehrwürdige Opernhaus in Wien ein wenig aufschütteln wollte“. In das Libretto, das sie zusammen mit der amerikanischen Dramatikerin Catherine Filloux nach dem gleichnamigen Roman von Virginia Woolf (1928) gestaltete, führte sie eine zusätzliche Szene ein, die im viktorianischen Zeitalter spielt, „welches für seine hohe Zahl von Missbrauchsfällen an Frauen und Kindern geprägt war“. Da sie für den Text dieser Szene nicht auf Virginia Woolf zurückgreifen konnte, suchte sie aus nicht nachvollziehbaren Gründen Zuflucht bei einem Lied, das ihr vielleicht schon an der Wiege gesungen wurde: „Danke für diesen guten Morgen“ von Martin Gotthard Schneider. Das bekannte Lied landete einst mit dem Botho Lucas-Chor in den Charts. Folgen wir seinen Spuren (*) in der 10. Szene!

Als unser Lied nun in diese Szene kam, fragte es sich zu Recht, wo bin ich nur hingeraten? Auf der Leinwand waren die Jahreszahl 1896 und „Nonsens“-Zeichnungen von Edward Lear zu sehen. Kinder spielten friedlich auf der Bühne und begannen nach dem Kommando „Alle! Aufwachen!“ zu singen:

Danke für alle Täter * für alle guten Freunde (2,1)
Danke für alle Feinde. * o Herr für jedermann, (2,2)
Danke, dass ich ihnen allen vergeben kann. * wenn auch dem größten Feinde ich verzeihen kann. (2,3)

Seltsam, aus Freunden werden Täter, und jedermann wird zum Feind.

Danke! Ich habe meinen Beruf. * für meine Arbeitsstelle, (3,1)
Danke für jedes Vergnügen. * für jedes kleine Glück, (3,2)
Danke für Licht und Freude und die schöne Musik auch. * für alles Frohe, Helle und für die Musik. (3,3)

Danke, dass hier nichts verändert wurde!

ERZÄHLER: Orlando verstand, dass Frauengeschichte oft verloren geht oder falsch dargestellt wird, wenn Männer über Geschichte schreiben. Sie [Orlando ist hier Frau] wollte das Konzept der Geschichte überarbeiten. Es ist Tatsache, dass im Leben so vieler Mädchen und Frauen immer etwas verborgen war. Versteckt entweder durch Stille oder durch Ornamente, die der Stille gleichkommen.

Danke für all die freundlichen Worte. * für jedes gute Wort, (4,2)
Danke nur für kleine Sorgen. * für manche Traurigkeiten, (4,1)
Danke für all deine Führung durch diese große Welt. * dass deine Hand mich leiten will an jedem Ort. (4,3)

Nur kleine Sorgen = Traurigkeiten? Vielleicht nur ein sprachliches Problem.

Danke, weil du mir deinen Geist gegeben hast. * dass deinen Geist du gibst, (5,2)
Danke für das Erfassen all deiner Worte. * dass ich dein Wort verstehe, (5,1)
Danke, weil deine große Liebe nah und fern keine Barriere kennt. * dass in der Fern und Nähe du die Menschen liebst. (5,3)

ERZÄHLER: Während der viktorianischen Ära gab es eine alarmierende Zunahme sexueller Übergriffe auf Kinder. Die patriarchalische Familie war die normative Familie und ist in vielen Teilen der heutigen Gesellschaft immer noch die „ideale“ Familie.

Danke, ich möchte dir so danken. * ich will dir danken, (6,3)
Danke, oh großer Meister. * ach, Herr, (6,3)
Danke dafür, dass du deine Sorgen auf mich geworfen hast und danke, dass du dich so dafür bedankt hast. * dass ich all meine Sorge auf dich werfen mag. (1,3) * dass ich danken kann. (6,3)

In der dritten Zeile sind Subjekt und Objekt mutwillig vertauscht worden. Auf diese Weise wurde die ursprüngliche Aussage völlig entstellt.

ORLANDO: Ein erschreckendes Bild einer Familie.

Danke für diesen wunderschönen Morgen. * für diesen guten Morgen (1,1)
Danke für jeden Tag, das ist neu. * für jeden neuen Tag; (1,2)
Danke für jeden Menschen, der lebt, * o Herr für jedermann, (2,2)
und auch für all diese wunderbaren Gentlemen. * (?)

Endlich wird auch der Anfang des Liedes berücksichtigt. Aber was sollen die „wunderbaren Gentlemen“? Vielleicht gibt der folgende Frauenchor eine Antwort darauf.

FRAUENCHOR: Wir dürfen den Verrat unserer Unschuld in der Kindheit nicht vergessen.

Danke für alle Täter. * für alle guten Freunde (2,1)
Danke für alle Feinde * o Herr für jedermann, (2,2)
Danke, dass ich ihnen vergeben kann. * wenn auch dem größten Feinde ich verzeihen kann. (2,3)
Danke, dass deine große Liebe keine Barrieren kennt. * dein Heil kennt keine Schranken, (6,1)
Danke, oh, danke Meister! * Ach Herr, ich will dir danken, (6,3)
Danke, dass du mir deinen Geist gibst. * dass deinen Geist du gibst, (5,2)
Ich möchte dir so danken! * ich will dir danken (6,3)

Offensichtlich hat das Lied zu wenige Strophen, um Frau Neuwirths weitere Anmerkungen unterzubringen. Deshalb versucht sie es ab hier mit Wiederholungen.

ORLANDO: Verrat an unserer Kindheit …

ERZÄHLER: Inzestopfer laufen große Gefahr, das Schweigen über ihren sexuellen Missbrauch und das Gefühl tiefer und völliger Ohnmacht zu brechen, begleitet von der Unfähigkeit des Überlebenden, den Missbrauch zu stoppen.

KINDERCHOR: Kindheit!

Danke, dass du deine Sorgen auf mich geworfen hast. * dass ich all meine Sorgen auf dich werfen mag. (1,3)

FRAUENCHOR: Wir wollen die Mauern öffnen und sehnen uns nach der Ruhe eines Gartens.

Danke, und bin dankbar dafür, dass ich dir so danke. * ich will dir danken, dass ich danken kann. (6,3)
Danke für all diese wunderbaren Herren. * (?)

ENGEL: Als Frau hast du kein Land.

ERZÄHLER: Von nun an war Orlando bestrebt, die Geschichte aus der Sicht des Opfers, des Außenseiters, neu zu schreiben. Deshalb glaubte sie an die grundlegende Genauigkeit des Gedächtnisses.

Orlando war bestrebt die Geschichte neu zu schreiben. Auch Olga Neuwirth wird ihre Oper “Orlando” neu schreiben müssen, denn die Erbengemeinschaft des 2017 verstorbenen Komponisten war der Ansicht, dass sich das Danke-Lied in dieser Umgebung von Missbrauch nicht wohlfühlt. Sie hat deshalb mit Recht durchgesetzt, dass das Lied aus der Oper und allen vorhandenen Tonaufnahmen herausgeschnitten wird.

Die Originalsprache des Libretto ist Englisch. Alle Zitate sind dem Programmheft „Olga Neuwirth, Orlando“ der Wiener Staatsoper entnommen.

Anton Stingl jun.