Orgelmusik in der Fastenzeit

Kirchenmusikdirektor Michael Meuser hat wohl nicht geahnt, als er für die Sonntagshilfen der Fastenzeit 2020 seine Betrachtung zum Thema „Orgelmusik und Musikbegleitung in der Österlichen Bußzeit“ schrieb, dass nach der Hälfte der Fastenzeit alle Gottesdienste ausfallen müssen. Michael Meuser hatte von vornherein einen schweren Stand, denn in der gleichen Nummer der Sonntagshilfen war die übliche offizielle Verlautbarung aus dem Direktorium zu lesen:

„Die Altäre werden nicht mit Blumen geschmückt. Die Orgel kann den Gesang unterstützen, sonst schweigt sie aufgrund des Bußcharakters dieser Zeit – angebracht ist jedoch Passionsliteratur (Choralbearbeitungen und freie Orgelstücke). Am Vierten Fastensonntag („Laetare“), an Festen, Hochfes­ten und außergewöhnlichen Anlässen ist Blumenschmuck und festlicheres Orgelspiel möglich.“

Es ist äußerst befremdlich, dass Blumen und Orgel in einem Atemzug genannt werden. Allein von den Kosten her spielt die Orgel in einer ganz anderen Liga. Aber ich aber den Verdacht, dass es um den Schmuck geht. Die Orgel schmückt den Gesang und Schmuck ist nicht notwendig, wie aus dem Satz „Die Orgel kann den Gesang unterstützen“ hervorgeht. Das ist vorkonziliare  Sprache, wie in der Instruktion über die Kirchenmusik von 1958 zu lesen ist:

„Das Spiel der Orgel … stellt eine Ausschmückung der heiligen Liturgie dar“.

 In der Kirchenmusikinstruktion von 1967 klingt das ganz anders:

„Die Pfeifenorgel soll in der lateinischen Kirche als traditionelles Musikinstrument in hohen Ehren gehalten werde; denn ihr Klang vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern und die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben.“

Widersprüchlich im Direktorium ist, dass die Orgel einerseits „aufgrund des Bußcharakters dieser Zeit schweigt“, andererseits „jedoch Passionsliteratur angebracht ist“. Wann soll sie erklingen? Meuser empfiehlt zur Gabenbereitung oder zum Ausklang des Gottesdienstes zu spielen. Während der Kommunionausteilung entsteht bei ihm offenbar Unruhe, die er mit Gesang oder Instrumentalmusik überblenden möchte.

Eine Sache hat Meuser nicht angesprochen, weil sie ihm vielleicht als selbstverständlich erschien, die Registrierung bzw. die Lautstärke der Orgel. Da lässt mein Pfarrer nicht locker. Keine scharfen Registrierungen und keine Stücke, die ihn von der Kommunionausteilung ablenken, sondern nur Hintergrundmusik! Im nächsten Jahr muss ich mir da etwas einfallen lassen.

Anton Stingl jun.

katholisch.de: Die Fastenlieder im Gotteslob

Auf der Plattform katholisch.de veröffentlichte am 7.3.2020 der 29jährige Fabian Brand, der gerade ein Promotionsstudium in Theologie an der Universität Würzburg absolviert, einen Beitrag über „Die Fastenlieder im Gotteslob und ihre Bedeutung“. Von den  zwölf mit Noten und vier ohne Noten für die österliche Bußzeit vorgeschlagenen Gesängen im Gotteslob hat sich der Autor vier ausgesucht, deren theologischer Hintergrund von ihm gründlich beleuchtet wird. Wie üblich wird dabei der wichtige Träger des Textes, die Melodie, sträflich vernachlässigt.

Da sich meine Bemerkungen auf den Beitrag von Fabian Brand beziehen, ist es angebracht, ihn vorher zu lesen.

Bekehre uns, vergib die Sünde (GL 266)

Der Text des Kehrverses stammt aus der mozarabischen Liturgie in Spanien, seine Melodie aber erst aus dem Frankreich des 17. Jahrhunderts. In den Variae Preces (Solesmes, 1901, Seite 112-114) sind das lateinische Responsum Attende Domine, et miserere, quia peccavimus tibi und vier Versikel abgedruckt, die Josef Seuffert, der damalige Sekretär der Kommission für das Gotteslob 1975,  für die deutsche Übertragung umgeformt und erweitert hat. Der Text wurde damals unter dem Pseudonym Walter Röder veröffentlicht (GL 160). Die Melodie, die nicht nur an den Sonntagen, sondern auch an den Werktagen der Fastenzeit gesungen werden kann, steht im durseligen V. Ton. Leider wurde im Gotteslob 2013 die Wiederholung des Kehrverses am Anfang gestrichen, die im Gotteslob 1975 und in den Variae Preces als typischer Formbestandteil solcher Gesänge erhalten blieb.

Kreuz, auf das ich schaue (GL 270)

Für Fabian Brand ist das „ein modernes Lied für die Fastenzeit“, obwohl sein Text aus dem Liedtext Stern, auf den ich schaue, Feld auf dem ich steh (EG 407) von C.F.A. Krummacher aus dem Jahr 1857 recycelt wurde. Dabei wurde die Strophenlänge halbiert, sodass man anstelle der drei Doppelstrophen nur noch drei kurze Einfachstrophen betexten musste. In der Originalmelodie von Minna Koch von 1897 wirken die Takte mit den vier Viertelnoten durch eine Punktierung auf Taktzeit eins viel „beschwingter“ als die gleichlangen Viertel in der Bearbeitung und mit der folgenden Halbenote wird der Textbetonung Rechnung getragen: Kreuz, auf das ich schaue. Der singenden Gemeinde im 19. Jahrhundert gab man im Gegensatz zu heute durch die eingefügte Viertelpause öfters Gelegenheit zum Atmen. Weil das Lied nun viel kürzer ist, glaubte der Komponist bei der Einfahrt in die Garage mit zwei Halben kräftig auf die Bremse treten zu müssen. Das ging in der ersten Strophe bei dir mir nah noch gut. Aber bei der zweiten und dritten Strophe erwischte es lauter kurze Silben: Hoffnungs-zeit und nicht ver-zag.

Zeige uns, Herr, deine Allmacht und Güte (GL 272)

Siehe meinen Beitrag vom 1.4.2014.

Und suchst du meine Sünde (GL 274)

Siehe meinen Beitrag vom 1.2.2014.

Anton Stingl jun.