Spirituals oder Gospels?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Johann Beichel in seinem Beitrag zur Sonntagsandacht im Konradsblatt Nr. 21/2020. Das Thema „Spirituals“ war im Gegensatz zu heute vor 60 Jahren aktuell, als ich mit Jugendfreunden die Trinity Singers Freiburg gründete, um miteiander Sprirituals zu singen. Wir traten damals für einige Jahre mit Erfolg in kleinerem Rahmen auf. Sogar der Südwestfunk interessierte sich mit einem Interview für uns. Die Frage des Interviewers, ob wir uns vorstellen könnten, diese Musik auch im Gottesdienst zu singen, haben wir damals verneint.

Die Frage nach den Begriffen Spirituals oder Gospels interessierte uns nicht. Wir entnahmen die Melodien dem damaligen Standardwerk „Spirituals“, das von „Jazzpapst“ Joachim Ernst Behrendt und Paridam von dem Knesebeck 1955 herausgegeben wurde. Das Übrige hörten wir auf den Aufnahmen der damals bekannten Ensembles wie „Les Compagnons du Jourdan“ aus Paris, „The four lads“ aus Kanada  und das „Golden Gate Quartett“ aus Norfolk, Virginia. Auch mein Schwager Walter Brändle, Schulmusiker in Stuttgart und Schwäbisch Gmünd, steuerte einige Sätze bei.

Wenn ich unser damaliges Repertoire  von 31 Spirituals heute überblicke, kann ich die These von Johann Beichel bestätigen, dass „der Wechselgesang zwischen Vorsänger und Chor Spirituals auszeichnet“. Aber ich fand auch sechs Ausnahmen wie z.B. das herzzerreißende „O Freedom“, das ohne den Wechsel auskommt. Zu den Ausnahmen gehört auch ausgerechnet „He’s got the world in his hands“, die Titelmelodie des Artikels, das Johann Beichel zur Gruppe der Spirituals zählt.

He’s got the whole world in his hands
Trotz der Erlaubnis von Johann Beichel „Kopieren erwünscht“ habe ich das unterlassen, weil sein beigefügtes Notenblatt eine Reihe von Notationsfehlern enthält.

Der Autor ist der Meinung, dass das Lied „eindeutig zur Gruppe der Spirituals gehört“. Er muss aber zugeben, dass der Text „untypisch“ für ein Spiritual sei, weil es sich nicht um ein alttestamentliches Thema handle. Also nichts mit „call and response“ und AT! Vielleicht hilft die Melodie aus dieser Misere? Ein typisches Merkmal vieler älterer Spiritual-Melodien ist die Pentatonik, d.h. die Melodie verwendet nur fünf Töne ohne Halbtöne wie z.B. bei „Nobody knows de trouble I see“ oder „Swing low sweet chariot“. Wenn man das Lied überprüft, erweisen sich alle Takte bis auf die Takte 3 und 7 als pentatonisch. Also doch ein Spiritual? Lothar Zenetti, der Autor von „Peitsche und Psalm“ (1963) ist der Ansicht, dass man bei der jüngeren Art dieser Gattung, den Gospels, vor allem auf den Einfluss des Jazz … des Rhythm and Blues, aber auch der Schlager hinweisen“ muss.

Zurück zur Pentatonik, die auch eine Eigenschaft vieler Kinderlieder ist. Das erklärt die Verwendung des Liedes bei Bibel TV.

„Dieses bekannte Kinderlied wurde für den Fernsehgottesdienst »Stunde des Höchsten« produziert, der seit 2009 mehrmals wöchentlich über Bibel TV europaweit ausgestrahlt wird.“

Von Mahalia Jacksons Version zum deutschen Kinderlied! Da fällt einem nur noch der Hexameter aus dem 16. Jahrhundert ein: „Tempora mutantur et nos mutamur in illis“. (Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen.) Oder haben die Spiritualisten von damals doch nicht ihre Meinung geändert?

Anton Stingl jun.

Wunderschön prächtige

Johann Beichel gerät während der „Sonntagsandacht“ im Konradsblatt  (Nr. 19/2020) richtig in Begeisterung, wenn er das volkstümliche Marienlied „Wunderschön prächtige“ als „Hymne“, bezeichnet, die zu einem „Hit“ bei Maiandachten wurde.

Gotteslob, Eigenteil Freiburg/Rottenburg-Stuttgart 883

Das ist die Melodiefassung, wie sie im Eigenteil Freiburg/Rottenburg-Stuttgart (GL 883) abgedruckt ist. Auch in der Ausgabe von 1975 war sie so zu sehen (GL 892). Da Johann Beichel vermutlich der älteren Generation angehört, hat er noch die Melodie aus dem früheren Freiburger Gesangbuch Magnifikat von 1960 im Kopf, die mit damals fünf Strophen bereits in der Ausgabe von 1909 stand. Dort war sie in F dur notiert und, weil das ziemlich hoch ist, enthielt sie einen Hinweis für den Organisten, die Melodie in Es dur zu intonieren. In der Ausgabe von 1927 war nur der Text mit jetzt vier Strophen abgedruckt, vermutlich weil man annahm, dass jedermann (und jedefrau) die Melodie auswendig („by heart“) schmettern konnte. Diese vier Strophen wurden auch in das letzte Freiburger Gesangbuch übernommen, von deren Melodie nach Meinung Johann Beichels „eine große hymnische Kraft“ ausgeht. Da in seinem Artikel nicht genug Platz war für einen ausführlichen Melodievergleich, sei der hier nachgeholt. Die Melodien aus dem Eigenteil Freiburg-Rottenburg (FR n), Magnifikat (FR a), Eigenteil Bamberg (Ba), Eigenteil Österreich (A) werden in vier Notensystemen untereinander dargestellt. Die von FR n(eu) abweichenden Noten sind rot markiert.

Vergleich der Versionen Freiburg neu, Freiburg alt, Bamberg, Österreich

Wer hat die meisten Achtel? Wer hat recht mit seiner Version im Takt 15? Die Mehrheit mit der braven Tonleiter, die zum Oktavton führt, oder die aus „Segne du, Maria“ bekannte Dreiklangsumkehrung? Alle Versionen berufen sich auf ein Gesangbuch aus Einsiedeln 1773. Wer viele Achtel notiert, schwächt die Herkunftsangabe mit „nach“ Einsiedeln ab.

Es gibt bestimmt noch mehr Versionen, z.B. in den Gesangbüchern von Augsburg und Hildesheim. Wenn man dann noch die 321 Seiten der Dissertation von Christiane Schäfer über „Wunderschön prächtige“ liest, findet man sicher noch mehr. Denn in der vierten Strophe im Magnifikat von 1909 heißt es: „Du bist die Helferin, du bist die Retterin“.

Anton Stingl jun.

Segne du, Maria

Das Konradsblatt setzt in der Ausgabe zum ersten Maisonntag (Nr. 18/2020) seine Reihe „Sonntagsandacht“ mit dem problematischen „Segne du, Maria“ (GL 535) fort. Zur Ehrenrettung der Erzdiözese Freiburg muss gesagt werden, dass das Lied dort nie in einem offiziellen Gesangbuch stand und vermutlich erst auf Wunsch von bayerischen und österreichischen Diözesen in das Gotteslob 2013 aufgenommen wurde. Es war übrigens das letzte Lied, das ich bei einer Trauerfeier auf der Orgel spielen „durfte“, als der Lockdown bereits begonnen hatte.

Segne du, Maria (GL 535)

Wieso problematisch? Da sind zunächst die einfachen Formulierungen von Cordula Wöhler: alle, die mir lieb – süße Trostesworte flüstre dann der Mund – Deine Hand, die linde – drück das Aug uns zu (Wie soll das gehen?). Dann wird in diesem Jesusfreien Lied Maria auf die Rolle der Mutter reduziert: Segne mich dein KindMuttersegen (eigentlich wird beim Muttersegen die Mutter gesegnet!) – Mutterhände. Bereits Sedulius († um 450) spricht in seinem Carmen paschale (Osterlied) von der Mutter des Sohns (des Königs), die Jungfrau blieb.

Salve, sancta parens, enixa puerpera regem,
Sei gegrüßt, du heilige Gebärerin, du hast den König geboren,

quæ ventre beato gaudia matris habens cum virginitatis honore
die gesegneten Leibes die Freuden einer Mutter hat samt der Ehre der Jungfräulichkeit.

Das Handbuch »Die Lieder des Gotteslob« spricht zu „Segne du, Maria“ die Mahnung aus, dass „um Missverständnissen vorzubeugen, der gottesdienstliche Kontext sicherstellen sollte, dass im Christentum keine Muttergottheit angebetet wird“.  Dass die Warnung nicht ohne Grund ist, zeigt sich z.B. an der 20000-Einwohner-Gemeinde Todtmoos im Südschwarzwald, wo vor zwei Jahren eine vier Meter hohe Sandsteinmuttergottes errichtet wurde. Auf ihrem Sockel ist zu lesen: Maria von Todtmoos/lässt niemanden hilflos. Und der ehemalige Bürgermeister spielt abends um 18 Uhr auf seinem Flügelhorn vom Balkon abwechselnd mit „Schön war die Zeit“ oder „One Moment in Time“ von Witney Houston das Lied „Segne du, Maria“. Im Dorf wurde noch kein Einheimischer positiv auf Covid-19 getestet.

Auch Melodie von Segne du, Maria ist höchst problematisch, weil sie Bezüge zu einem Lied aufweist, das aufgrund § 86a StGB nicht mehr gesungen werden darf.

Horst-Wessel-Lied

Das Horst-Wessel-Lied war ursprünglich ein Kampflied der SA und später die Parteihymne der NSDAP. Der Text entstand zwischen 1927 und 1929 auf eine aus dem 19. Jahrhundert stammende Melodie. Zur Auswahl stehen zwei Lieder, das vom Wildschütz Jennerwein und Ich lebte einst im deutschen Vaterlande.

Jennerwein-Lied
Ich lebte einst im deutschen Vaterlande

Welches der beiden Lieder für das Horst-Wessel-Lied tatsächlich Vorbild war, lässt sich nicht entscheiden. Unbestritten ist, dass der „Muttersegen“ mit denselben Tönen beginnt wie die drei anderen Melodien. Das bedeutet, wo man dort in seinen schönsten, im deutschen oder die Reihen (fest geschlossen) sang, hört man jetzt Maria. Weil Herrn Kindsmüller dieser Anfang so gut gefiel, wiederholte er ihn gleich in der zweiten Zeile. Auch in der vierten Zeile findet bei lass in dei(nem Segen) die Umkehrung des Dreiklangs wie im Horst-Wessel-Lied noch einmal Verwendung. Die Überhöhung des Oktavtons durch den Ton d mit anschließend stufenweisem Abgang im zweiten Teil ist ein Stilmittel, das alle Lieder außer „Jennerwein“ zeigen.

Man kann nicht sagen, ob sich Kindsmüller für „Segne du, Maria“ bei einem der beiden Volkslieder bediente, aber er wollte eine volkstümliche Melodie kom-ponieren und hat dabei Elemente der Volksmusik benutzt. Offensichtlich gibt es dafür immer noch einen Markt. Aber ist das Gesangbuch für die deutschsprachigen Länder der richtige Ort?

Anton Stingl jun.