Die Musik Jesu

„Muss man Theologe und Bibelexperte sein, um Jesu Botschaft zu verstehen? Nein. Die Gute Nachricht [= Übersetzung des griechischen Worts evangelion] richtet sich an alle Menschen.“ So kündigt die Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ in Nr. 27/2020 den Beitrag  „Die Magie der Musik Jesu“ von Joseph Epping an.[1]

Epping begründet seine Meinung mit dem sogenannten „Jubelruf Jesu“ in der Fassung des Matthäus: „Ich preise dich, Va­ter, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klu­gen verborgen und es den Unmündi­gen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen“ (Mt 11,25-26).

In demselben Kapitel kann man anderer Stelle lesen, an der Jesus über die Vorwürfe gegen ihn berichtet: „Siehe, ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und doch hat die Weisheit durch ihre Taten Recht bekommen“ (Mt 11,19). Somit sind zum Glück auch die „Bibliotheken an klugen Büchern“ legitimiert, die durch denkende Menschen entstanden sind.

Die „denkbar einfache“ Aufnahme des Evangeliums wird im Artikel verglichen mit dem Verhalten einer Gruppe italienischer Seniorinnen und Senio­ren bei einer Opernaufführung in der Arena vermutlich von Verona. Sie unterbrechen durch ihren Applaus die Aufführung nach jeder zweiten Nummer – ein Verhalten, das bei uns in Deutschland nicht üblich ist, aber über die Intensität und Qualität der Musikrezeption nichts aussagt.

Dem Gebaren des „italienische Tem­peraments“ stellt der Verfasser eine fiktive Version einer mittelmäßigen Musikkritik über den Opernabend gegenüber, die voll von Klischees ist und höchst provinziellen Charakter hat. Danach stellt er die „Gretchenfrage“: „Wer hat von der Magie der Musik mehr verstanden – die Senioren oder der Fachmann?“ Antwort: Die Senioren wollten gar nichts verstehen, sondern nur genießen – der Fachmann (?) hat das verstanden, was ihm aufgrund seiner Bildung und zur Erfüllung seines Auftrags möglich war.

Hier werden in tendenziöser Weise die Laien dem Profi gegenübergestellt. 40 Jahre lang habe ich versucht, im Musikunterricht meinen Schülern Anleitung zum Hören gegeben. Wie nötig das ist, zeigt eine kleine Geschichte am Ende eines Kollegenausflugs. Ich spielte auf der Silbermann-Orgel den Schübler-Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ von J. S. Bach. Hinterher fragte die evangelische Religionslehrerin sinngemäß, wann kommt denn eigentlich der Choral? [Der Choral erklingt mit einem Trompetenregister im Tenor, darüber liegt eine lebhafte Oberstimme!]

Obwohl die „Musik Jesu“ hier nur eine Metapher ist, habe ich mich gefragt, ob es ein Wort Jesu gibt, das mit der Musik in Verbindung gebracht werden kann. Bei Matthäus im gleichen Kapitel wie oben vergleicht Jesus den „Vorläufer“ Johannes und sich selbst mit Kindern, die auf den Marktplätzen sitzen und anderen zurufen: „Wir haben für euch auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben die Totenklage angestimmt und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen“ (Mt 11,17). Die Musik hatte hier offensichtlich keinen Erfolg!

Mit Begriffen wie „Zauber der Liebe Gottes“ und „Zauber der Musik“ im letzten Abschnitt des Artikels sollte man vorsichtig umgehen. Es gibt nur wenige Momente, bei denen diese beiden Ereignisse so zusammenfallen wie bei Paul Claudel, der mit 18 Jahren bei der Vesper am Weihnachtstag in der Pariser Kathedrale Notre-Dame, als die Chorknaben das Magnifikat sangen, plötzlich erkannte: „Gott liebt mich, er ruft mich.“

In der Musik wie im Glauben hat zwar jede und jeder eine eigene Art damit umzugehen, aber in beiden Gebieten sollte man bestrebt sein sich im Lauf des Lebens auch weiterzuentwickeln.

Anton Stingl jun. (Beitrag 100)


[1] Joseph Epping unterrichtet als Gymnasiallehrer katholische Religion und Deutsch am Franz-Stock-Gymnasium  in Neheim-Hüsten und ist in der Ausbildung am Seminar in Arnsberg tätig.