Die kürzeste Geschichte des Gregorianischen Chorals

In seiner „kurzen Abhandlung“ über „Das deutschsprachige Kirchenlied im katholischen Gottesdienst. Berlin 2019“ führt der Autor Manfred Schneider einige der in seiner Broschüre erwähnten Lieder auf Melodien und/oder Texte des Gregorianischen Chorals zurück. Aus diesem Grund beginnt das Kapitel „Liturgie und Volksfrömmigkeit im Mittelalter“ mit einem kurzen Abschnitt (ca. 40 Zeilen) über den „Gregorianischen Choral“. In der Vorbemerkung hatte Manfred Schneider bereits angekündigt, dass „auf diesem knappen Raum nur grundsätzliche Strömungen und Entwicklungen aufgezeigt werden können“. Beim Lesen der „kürzesten Geschichte des Gregorianischen Chorals“ (frei nach Stephen Hawking, Die kürzeste Geschichte der Zeit) stellt man fest, dass der kurze Text bedauerlicherweise von vielen Halbwahrheiten durchsetzt ist.

In der westlichen Kirche prägte Papst Gregor der Große (um 540 – 604) das kirchliche Leben an der Schwelle von der Spätantike zum frühen Mittelalter. Nach der historisch nicht belegbaren Überlieferung vereinheit­lichte er die Liturgie der Messfeier und des Stundengebetes und schuf eine besondere Form des liturgischen Gesanges, den sog. „Römischen Choral“.

Papst Gregor der Große organisierte zwar die päpstliche Schola, die aber keinen neugeschaffenen „liturgischen Gesang“ ausführte, sondern den bisher in Rom üblichen „altrömischen Choral“.

Dieser wurde von der fränkischen Kirche im 8. Jahrhundert unverändert übernommen, jedoch auch mit Gesängen aus der eigenen fränkischen und anderen Traditionen, z.B. der gallikanischen Liturgie, ergänzt und erwei­tert. In dieser Form setzte er sich durch und wurde jetzt „Gregorianischer Choral“ genannt.

Der Versuch, den altrömischen Choral zu Beginn der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts ins Frankenreich zu übernehmen misslang, weil den Franken die einfache musikalische Struktur nicht genügte. Sie überarbeiteten die Gesänge und fügten dabei nur wenige Gesänge aus der Gallikanischen Liturgie ein. Erst im 9. Jahrhundert begann der Mythos um Gregor den Großen mit dem Werbe-Prolog Gregorius Praesul, der im 11. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte und zur Bezeichnung „Gregorianischer Choral“ führte.

Einer besonderen Wertschätzung und Pflege erfreute sich dieser Cho­ral in den Klöstern, die jetzt nach der Regel des Hl. Benedikt entstanden. Sie wurden von den weltlichen Herrschern sehr gefördert, trugen sie doch dazu bei, die gesellschaftliche Ordnung und das jeweilige Machtgefüge zu stabilisieren.

Die Zisterzienser im 11. Jahrhundert und die Franziskaner im 13. Jahrhundert dürfen nicht vergessen werden.

Bei diesen gregorianischen Gesängen handelt sich um einstimmige, ohne Begleitung vorgetragene schlichte Melodien, die allerdings immer mehr mit Verzierungen und Melismen angereichert wurden.

Als „schlicht“ kann man vielleicht die Melodien des Stundengebets bezeichnen, die Hymnen, die Antiphonen und Responsorien, aber die Gesänge des Propriums sind so anspruchsvoll, dass für die solistischen Partien in Graduale, Alleluia und Offertorium ausgebildete Sänger erforderlich sind. Den Begriff der „Verzierung“ gibt es im Choral nicht und Melismen sind integraler Bestandteil dieser Musik.

Im Laufe der Zeit erfuhren nicht nur die Melodien sondern auch das Repertoire inhaltliche Erweiterungen, z. B. Hymnen und Sequenzen oder auch andere strophische Gesänge.

Diesem Satz liegt offensichtlich die Vorstellung zu Grunde, dass die Melodien zunächst einfach waren und dann erweitert wurden. Da es vor dem 10. Jahrhundert keine Notation gab, ist das reine Spekulation. Ab dem 10. Jahrhundert haben sich die Melodien nicht mehr verändert. Hymnen gibt es bereits seit dem 4. Jahrhundert (Ambrosius!). Die Sequenzen kamen tatsächlich erst nach der Einführung des Alleluia hinzu. Für das Stundengebet entstehen Reimoffizien, d.h. Antiphonen in metrischer Versform mit Endreim.

  • Die vom Autor angeführten Beispiele zu Hymnen und Sequenzen werden hier ausgelassen.

Wurde der Gesang zunächst mündlich weitergegeben, so wurden doch bald die Texte und Singweisen schriftlich aufgezeichnet. Es bildeten sich zwei Gesangbücher heraus, das „Graduale“ zum Gebrauch in der Messfeier und das „Antiphonale“ zum Gebrauch im Stundengebet.

Wenn man das Jahr 810 als Abschluss der Umarbeitung annimmt, dann werden im Laufe dieses Jahrhunderts die Texte fixiert. Neumenhandschriften sind erst für das 10. Jahrhundert überliefert.

Für die Melodien entstand im 9. Jahrhundert eine einfache Notenschrift, die Neumen. Aus den Neumen entwickelte sich um das Jahr 1000 eine Qua­dratnotenschrift auf vier Zeilen. Im 12./13. Jahrhundert war diese Notati­onsweise in allen westlichen Ländern verbreitet. Sie wird in leicht abge­wandelter Form heute noch in den liturgischen Editionen verwendet.

Im 9. Jahrhundert gibt es nur vereinzelte Neumeneinträge in Schriften dieses Jahrhunderts. Ob die eingetragenen Neumen tatsächlich dieser Zeit angehören, ist nicht sicher. Die Neumenschrift ist keineswegs „einfach“, sondern beinhaltet außer der Angabe der relativen Tonhöhen auch zahlreiche rhythmisch Anweisungen, die bei den späteren Notationen auf Linien verloren gingen. Guido von Arezzo, führte zu Beginn des 11. Jahrhunderts zu den bereits vorhandenen f-und c-Linien noch eine weitere im Terzabstand ein. Nach den zunächst unterschiedlichen Liniennotationen hat sich im 13. Jahrhundert die Quadratnotation auf vier Linien durchgesetzt.

Den am Gottesdienst teilnehmenden Gläubigen war zwar die lateini­sche Sprache nicht verständlich, jedoch waren die Melodien der gleich­bleibenden Teile der Heiligen Messe, das sog. Ordinarium (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei) durch die häufige Wiederkehr vertraut und wurden wohl auch mitgesungen.

Hier wird an den sogenannten „Volkschoral“ erinnert, den die Benediktiner in den 30er Jahren propagierten. Aber bereits im 19. Jahrhundert seit den Forschungen der Benediktiner von Solesmes sang die Gemeinde beim Ordinarium mit.

Als Quelle für seinen Kurztrip durch den Gregorianischen Choral gibt der Verfasser an: Hans Musch (Hg.), Musik im Gottesdienst. Bd. 1 Historische Grundlagen, Liturgik, Liturgiegesang, Regensburg 1993. Das Kapitel über den Gregorianischen Choral verfasste Luigi Agustoni. Wenn Manfred Schneider sich an ihn gehalten hätte, wäre dieser Blog nicht entstanden. Es heißt zwar „In der Kürze liegt die Würze“, aber will gut Ding nicht Weile haben? 600 Jahre lassen sich nicht in 40 Zeilen abhandeln.

Anton Stingl jun.