Der Weg der Liebe (1 Kor 13, 1‒13)

Der Text aus dem ersten Korintherbrief des Paulus ‒ „Das Hohelied der Liebe“, wie er in in der Lutherübersetzung genannt wird ‒ ist unverzichtbarer Bestandteil jeder kirchlichen Trauung. Der hymnische Duktus des Textes hat schon immer Komponisten zur Vertonung angeregt. Für den klassischen Bereich ist Johannes Brahms mit der Nr. 4 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete aus den vier ernsten Gesängen op. 121 das große Vorbild. Brahms vertonte das gesamte Kapitel in der Übersetzung von Luther. Einen anderen Weg geht Markus Pytlik, Lehrer für Musik, Deutsch und Literatur, mit seinem Lied Wenn ich alle Sprachen dieser Welt sprechen könnte. Er zitiert nur bestimmte Stellen aus dem Korintherbrief, während er andere Teile in heutiger Sprache neu formuliert.

1 Kor 13,1‒13

1 Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke.

Markus Pytlik

1) Wenn ich alle Sprachen dieser Welt sprechen könnte, und ich könnt´ sie alle verstehn,
wenn ich den Gesang des Paradieses verstünde, sänge wie die Engel so schön,
dann wär´ meine Sprache nur Sprachlosigkeit, wie lärmende Pauken, wie Glockengeläut,
wie berstende Felsen, wie Glas das zerbricht, hätte ich die Liebe nicht!

2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.

2) Wenn ich auch Visionen hätte wie die Propheten, wär´ mir kein Geheimnis verhüllt,
könnte ich mit meinem Glauben Berge versetzen
, und wär´ ganz mit Weisheit erfüllt,
dann wär´n diese Gaben nur wertloser Tand, wie Steine im Wasser, wie rieselnder Sand,
wie welkende Blätter im herbstlichen Licht, hätte ich die Liebe nicht!

3 Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen,hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.

3) Wenn ich all mein Hab und Gut an Arme verschenkte und bekämpfte Hunger und Not;
wenn ich auf Gerechtigkeit und Freiheit bestünde, stürbe gar den Märtyrertod,
dann wäre mein Leben vergebene Zeit, ein sinnloses Streben nach Vollkommenheit,
dann trüge ich Masken vor meinem Gesicht, hätte ich die Liebe nicht!

4 Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. 5 Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. 6 Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. 7 Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. 8a Die Liebe hört niemals auf. 8b Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht.

Refr.: Die Liebe ist gütig, geduldig und freundlich, die Liebe verletzt nicht und redet nicht schlecht.
Die Liebe sucht Frieden, freut sich an der Wahrheit, sie trägt Dir nichts nach, und sucht nicht ihr Recht.
Die Liebe verändert der Welten Verlauf, die Liebe hört niemals auf.

Der Autor hat sich offenbar vorgenommen, die Verse 1‒8a aus dem 13. Kapitel in ein Lied mit drei Strophen und Refrain zu bringen. Da aber die Verse 1-3 für sein Vorhaben zu kurz waren, musste er die verbleibenden Lücken füllen.

In der ersten Strophe fügte er den Gesang des Paradieses hinzu und interpretierte die Sprache der Engel als Gesang. Wie Sprache dabei Sprachlosigkeit, wie berstende Felsen und wie zerbrechendes Glas sein kann, ist der Fantasie des Autors geschuldet.

In der zweiten Strophe erläutert Pytlik das nichts in der kurzen Formulierung von Paulus wäre ich nichts mit Begriffen wie wertloser Tand, Steine im Wasser, rieselnder Sand und welkende Blätter im herbstlichen Licht.

Da der dritte Vers bei Paulus der kürzeste ist und zusätzlich bei um mich zu rühmen ein Übersetzungsproblem vorliegt, das Pytlik mit dem Begriff Märtyrertod löst, muss er den fehlenden Text mit neuen Begriffspaaren wie Hunger und Not und Gerechtigkeit und Freiheit auffüllen. Die Paulinische Aussage nützte es mir nichts deutetet er aus mit mein Leben als vergebene (vergebliche?) Zeit, sinnlosem Streben nach Vollkommenheit und ganz aktuell mit Masken vor meinem Gesicht.

Von den acht Verneinungen in den Versen 4‒6 übernimmt Pytlik nur eine: sie trägt das Böse nicht nach, von den drei zustimmenden Aussagen werden immerhin zwei zwei zitiert: Die Liebe ist gütig und sie freut sich an der Wahrheit.  Die restlichen Negationen ersetzt der Autor durch eigene Formulierungen. Leider wurde die vier alles-Aussagen in Vers 7 außer Acht gelassen, dafür erscheint als Zitat Vers 8a: Die Liebe hört niemals auf. Die Verse 8b‒13 hat Manfred Pytlik in seine Bearbeitung nicht aufgenommen.

9 Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; 10 wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. 11 Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war. 12 Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. 13 Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe. (Einheitsübersetzung 2016)

Um die große Menge von Text zu bewältigen hat Pytlik die Melodie mit Tonwiederholungen und Tonleiterausschnitten relativ einfach gehalten. Ein große Rolle spielen dabei die oft wiederholten synkopischen Rhythmen, bei denen sich folgende Entsprechungen ergeben: T. 1‒2 = T. 5‒6, T. 3‒4 = T. 7‒8, T. 9‒10 = T. 11‒12 = T. 13‒14, T. 18 = T. 19 = T. 20 = T. 22 = T. 23 = T. 26, T. 21 = T. 24 = T. 25 = T. 27. Bei aller Einförmigkeit gibt es doch in Schlüssen von Strophe und Refrain (T. 15 und 28) bei gleicher Melodie einen charakteristische Unterschied, der durch die unterschiedliche Textstruktur bestimmt ist: auf Liebe ohne Synkope und auf niemals mit Synkope.

Bei aller Gleichförmigkeit des Rhythmus bringen in der zweiten Hälfte der Strophen die Modulationen nach e- und a-Moll die nötige Würze. Im Refrain wird die Aufzählung der Positiv- und Negativ-Liste der Liebe mit einem Aufstieg aus der Tiefe bis zur Oktave gemeistert. Der Schlusssatz (s.o.) begnügt sich schlicht mit zwei Tönen.

Bei den Vorbereitungen zu einer Hochzeit wurde die Frage aufgeworfen, ob das Lied von Markus Pytlik die Lesung aus dem Korintherbrief ersetzten kann. Da das Lied nicht den gesamten Text von Paulus verwendet, insbesondere die letzten fünf Verse auslässt und eigene Formulierungen verwendet, kann es nicht als gesungene Lesung gelten. Nicht nur weil ich die Komposition von Brahms ‒ im Ohr habe, meine ich, dass die Komposition von Markus Pytlik als strophisches Lied mit Refrain eher als ein die Lesung paraphrasierender Antwortgesang geeignet ist.

Und wenn diese Hochzeit endlich vorbei ist, wird sich sicher auch jener Ohrwurm wieder verkriechen, der sich bei mir eingenistet hat.

Anton Stingl jun.