Herr, wir bringen in Brot und Wein

Vor 50 Jahren feierte die Universität Innsbruck ihr 300-Jahr-Jubiläum. Für den Festgottesdienst 1969 schufen Hans Bernhard Meyer, der dortige Professor für Liturgiewissenschaft, und Peter Jannsens, der Komponist zahlreicher  Neuer Geistlicher Lieder, die „Innsbrucker Universitätsmesse“. Die Messe mit dem Titel „Gute Nachricht für alle Völker“ besteht aus den Teilen „Zum Eingang: Herr, dein Wort ist gute Nachricht – Kyrielitanei – Antwortpsalm: Singt dem Herrn alle Völker und Rassen – Allelujavers mit Klangmeditationen – Gabenbereitung: Herr, wir bringen in Brot und Wein – Lied zum Brotbrechen: Lamm Gottes“. Der Refrain des Liedes zur Gabenbereitung wurde 1975 in den Stammteil des Gotteslobs übernommen.

Gotteslob 1975, Nr. 534

Die Autoren Hans Bernhard Meyer (T) und Peter Jannsens (M) versteckte man unter dem Kürzel Q9. Da die zugehörigen Strophen des Liedes nur im Chorbuch zum Gotteslob abgedruckt waren, kamen sie nur selten zum Einsatz. Deshalb nahm man den Refrain als Ersatz für eine Gemeinde-Akklamation, die für den Fall vorgesehen ist, dass zur Gabenbereitung nicht gesungen oder musiziert wird.

Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit. Wir bringen dieses Brot vor dein Angesicht, damit es uns das Brot des Lebens werde.

A Gepriesen bist du in Ewigkeit, Herr, unser Gott.

P Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns den Wein, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit. Wir bringen diesen Kelch vor dein Angesicht, damit er uns der Kelch des Heiles werde.

A Gepriesen bist du in Ewigkeit, Herr, unser Gott.

Damit lag man auf zweifache Weise schief, denn dieser Refrain ist keine Akklamation, sondern wiederholt lediglich die Gebete des Priesters, und entgegen der Anweisung um Sprechen wird jetzt gesungen. Normalerweise werden die Priestergebete zur Gabenbereitung sogar still gebetet. Die Situation änderte sich, als im Gotteslob 2013 auch die Strophen abgedruckt wurden.

Gotteslob 2013, Nr. 184

Doch leider hatte auch hier der „Genderwahn“ zugeschlagen. Im Refrain wurde aus dem „brüderlichen Mahl“ ein „österliches Mahl“. Der Autor dachte hier wohl an eine Liebesmahlfeier (Agape), die jetzt durch den Katechismusbegriff vom österlichen Mahl ersetzt wurde. In der 3. Strophe traf es die „Brüder an seinem Tisch“, die nach Ps 133 miteinander in Eintracht wohnen. Aus ihnen wurden „Freunde“, die sich zufällig versammelt haben.

Die Melodie des Liedes im „Walzer“-Takt erstreckt sich über acht mal vier Takte. Der erste und dritte Teil des Refrains enden mit einer eleganten Synkope, der zweite und vierte Teil mit einer Pause, bei der die singende Gemeinde durch einen Break am vorzeitigen Einsetzen gehindert werden muss. Leider steht im Gotteslob 2013 der Fine-Doppelstrich einen Takt zu früh. Man vergleiche die Stelle im Gotteslob 1975, wo die Pause vor dem Doppelstrich steht. Der Rhythmus der Strophenmelodie wird durch einen besonderen Kunstgriff belebt. Zu Beginn des ersten und dritten Teils werden zwei ¾-Takte zu einem 3/2-Takt, einer Hemiole, zusammengefasst. Auch am Ende der Strophe sollten die Akkorde jeweils in diesem Rhythmus erklingen, um wirkungsvoll zum Beginn des Refrains überzuleiten, falls sich die singende Gemeinde davon überhaupt inspirieren lässt.

Über kleine Unstimmigkeiten bei der Vertonung des Textes kann man großzügig hinwegsehen. Denn er ist Gabe müsste eigentlich Denn er ist Gabe heißen. Die Atempause zwischen Menschen und so sind in der dritten Strophe ist ziemlich knapp, aber die trainierten Sängerinnen und Sänger des Ansinge-Chores werden das schon schaffen. Für die punktierte Halbe sollte Tempo 66 genommen werden, also etwas schneller als für einen Wiener Walzer. Unbetonte Silben und das Ende von langen Noten muss man zurücknehmen, damit ein schwingender bzw. swingender Vortrag entsteht. Ein schwieriges Problem ist der Gemeindegesang im Refrain. Mit einem dezenten Schlagzeug könnte man ihn in das rhythmische Geschehen einbinden. Da aber in den wenigsten Fällen ein Schlagzeug zur Verfügung steht, muss die Orgel mit viel non legato den Gesang rhythmisch unterstützen.

Beim kommenden Dankgottesdienst zu 350 Jahren Universität Innsbruck am 13.10.2019 wird man man nicht mehr auf die nur 50 Jahre alte „Innsbrucker Universitätsmesse“ zurückgreifen, sondern schlägt mit der Messa à 4 „Sacrae laudes complectentes […]“, Venedig 1660 von Pietro Andrea Ziani (1616-1684) einen viel größeren Bogen bis zur Gründungszeit der Universität Innsbruck. Wenn das Neue Geistliche Lied nicht mehr neu ist, dann muss man eben zu Alter Musik greifen.

Anton Stingl jun.

Seht, der Stein ist weggerückt

Seht der Stein ist weggerückt
nicht mehr wo er war
nichts ist mehr am alten Platz
nichts ist wo es war.

Seht das Grab ist nicht mehr Grab
tot ist nicht mehr tot
Ende ist nicht Ende mehr
nichts ist wie es war.

Seht der Herr erstand vom Tod
sucht ihn nicht mehr hier
geht mit ihm in alle Welt
er geht euch voraus.

Lothar Zenetti (1926−2019)

Seit dem Jahr 1971, als das Gedicht veröffentlicht wurde, gab es immer wieder Versuche, den Text vom leeren Grab in ein angemessenes musikalisches Gewand zu kleiden. Die erste Vertonung stammt vom Limburger  Kirchenmusikdirektor Karl Fink (1971) und erschien im Limburger Diözesananhang von 1975, ebenso im Schweizerischen Katholischen Gesangbuch (1998), sowie im Regionalteil des EG (Evangelische Kirche von Hessen und Nassau) und im Gesangbuch der reformierten Kirche. Mit weiteren Vertonungen beteiligten sich Herbert Beuerle („Liedersammlung zum Osterfestkreis III“), Heinz Martin Lonquich (1937–2014)  http://www.heinz-martin-lonquich.de/hoerproben/ Nr. 49, Kurt Grahl  http://www.kurt-grahl.de/SehtDerSteinIst.MP3 und der evangelische Pfarrer Christian Hählke aus dem Westerwald.

Keine dieser Melodien fand bei den Gemeinden allgemeine Verbreitung. Deshalb unternahm man im Zuge der Vorbereitungen zum Gotteslob 2013 neue Anläufe, um für den Text neue Gewänder zu schneidern.

Für den Eigenteil der Diözese Aachen (GL 766) hat Domorganist Michael Hoppe „den Text zu Musik gemacht. Der Jubel wird sinnlich spürbar. Vor allem aber schärfen die zahlreichen Synkopen und Vorhalte das Bewusstsein: Es ist nicht alles aus dem Lot, aber die Welt hat sich für immer verschoben.“ (Karl Allgaier)

Die Melodie von Bezirkskantor Franz-Josef Oestemer im Eigenteil Limburg (GL 783) „hat die dorische Tonart der bisherigen Vertonung von K. Fink übernommen. Darüber hinaus lehnt sich die Melodie an den Duktus zweier bekannter Ostergesänge an. Die Melodie zitiert zu Beginn das berühmte „Christ ist erstanden“, bei „weggerückt“ rückt auch die Melodie einen Ton nach unten. Die Ostersequenz „Victimae pascali laudes“ klingt in der 3. Zeile an: bei „Platz“ jedoch rückt die Melodie einen Ton nach oben und macht damit hörbar, dass nichts mehr am alten Platz ist und nichts mehr so klingt, wie es war. Das im Original einmalige Halleluja wird in der neuen Vertonung von Oestemer auf ein dreimaliges Halleluja erweitert. Dabei wird die Melodie des Anfangs wieder aufgegriffen und zum dorischen Abschluss geführt.“ (Carsten Igelbrink)

Für einen Überraschung sorgte der Eigenteil Mainz (GL 812). Hier wird auf die allererste Vertonung von Karl Fink zurückgegriffen.

Gotteslob Eigenteil Mainz Nr. 812

 „Die Atmosphäre der grundlegenden Veränderung von allem Gewohnten, kommt auch durch die Melodie zum Ausdruck, die der Komponist nicht im gewohnten Dur oder Moll, sondern ausschließlich modal (dorisch) – für heutige Ohren eher fremd wirkend – verfasst hat. Der Verlauf der Melodie und deren Rhythmik verdeutlichen die Bilder und den Sinnzusammenhang des Textes: Man kann geradezu hören, wie der Stein weggerückt wird, dass die Dinge nicht mehr so sind wie früher. Das gilt zunächst für die erste Phrase (Zeile 1-2) mit ihren rhythmischen Unregelmäßigkeiten und Intervallsprüngen. Die Melodie der zweiten Phrase (Zeile 3-4) setzt eine Quint höher ein und steigt in Sekundschritten zum Spitzenton an. Die Steigerung entspricht der Dynamik des Textes in der zweiten Strophenhälfte, in der das zuvor aufgerufene biblische Bild überschritten wird. Die dadurch entstehende Spannung löst sich zum Ende der absteigenden Phrase und schließlich im Hallelujaruf auf.“ (Annette Albert-Zerlik)

Als Alternative zu der im Gesangbuch der evangelisch-methodistischen Kirche abgedruckten Fassung von Karl Fink komponierte Pfarrer Andreas Wittkopf seine neue Melodie.

Andreas Wittkopf

Schließlich soll noch die Vertonung des Rottenburger Diözesanmusikdirektors Walter Hirt (H) im Eigenteil Freiburg/Rottenburg (GL 800) vorgestellt und mit der Melodie von Andreas Wittkopf (W) verglichen werden.

Gotteslob Eigenteil Freiburg/Rottenburg Nr. 800

H benötigt für eine Strophe nur 6 Takte gegenüber 8 Takten bei W. Die Vorgaben von Lother Zenetti sind zweimal 4 Hebungen mit 3 Senkungen und zweimal 3 Hebungen mit drei Senkungen, was zur Folge hat, dass nach der zweiten Zeile eine ganze Note oder eine halbe Note und eine Pause notwendig werden. Nach der vierten Zeile muss eine Verbindung zum Halleluja-Refrain gesucht werden. H lässt die Melodie auf der Quinte, der Dominante, enden, W schreibt einen Quartvorhalt, der sich zum Leitton öffnet. Um seine sparsame Melodieerfindung zu verbergen, „motzt“ W an vier Stellen der Strophe und an zwei Stellen des Refrains die Melodie durch Synkopen auf. H dagegen hat den Ehrgeiz, eine „richtige“ Komposition anzuliefern. Das Wort Seht  am Beginn jeder Strophe wird durch die Punktierung zum musikalischen Zeigefinger auf die anschließende rasante Mountainbike-Tour. Die Anfangsworte der zweiten und vierten Zeile werden in den vorherigen Takt gezogen, um das gesteckte Sparziel von sechs Takten zu erreichen. Im einzigen achtelfreien Takt hat H zum Ausgleich eine intonatorische Falle gestellt. Die Melodie moduliert hier von D-Dur über gis und ais nach h-Moll. Da h aber erst am Ende der Zeile erreicht werden darf, wird noch ein Umweg über cis und d in Kauf genommen. Der höchste Ton d wird effektvoll bei den Worten alten Platz, Ende mehr, alle Welt erreicht. Beim Halleluja-Refrain tobt sich H in zweimal vier Takten nun richtig aus. Das erste Halleluja endet mit der hebräischen Betonung auf der letzten Silbe, das zweite beginnt mit einem emphatischem Sextsprung und betont das Wort auch in den beiden folgenden Rufe wie im Lateinischen auf der zweiten Silbe. Durch die zusätzliche Wiederholung entsteht der Eindruck, dass der Refrain wichtiger ist als die Strophen. Ob das ein Gemeindelied ist, darf bezweifelt werden.  Selbst Profis haben mit der Luft zu kämpfen (Vgl. das Liedportrait von Meinrad Walter).  

„Vielleicht könnte eine Ausführung durch eine Solistin / einen Solisten oder eine Schola sinnvoll sein, vielleicht auch in Hinblick darauf, dass die rhythmischen und melodischen Besonderheiten für manche Gemeinden schwierig zu bewältigen sind“ (Annette Albert-Zerlik zur Melodie von Kurt Fink).

Meinrad Walter, Lied zum Sonntag „Seht, der Stein ist weggerückt“ https://www.swr.de/swr2/programm/lied-zum-sonntag-seht-der-stein-ist-weggerueckt/-/id=661104/did=23910364/nid=661104/a949nk/index.html

Vielleicht sollte der Text aus „Texte der Zuversicht“ von Lothar Zenetti doch lieber Text bleiben und als Predigttext, Oster- oder Gute-Nacht-Gruß seine Bestimmung finden.

Anton Stingl jun.

Lobe den Herrn, meine Seele

Ein lieber Kollege ist gestorben, Musiklehrer meiner Tochter in der Grundschule, Leiter des Kirchenchors der Nachbargemeinde und Mitglied der Freiburger Münsterschola, die ich zwölf Jahr lang leiten durfte. Darüber hinaus leitete er noch weitere Chöre, und es gab kaum einen Freiburger Chor, dem er nicht seine helle Tenorstimme lieh, auf Dauer oder zur Aushilfe. Kein Wunder, dass seine Familie auf die Todesanzeige die Zeilen von Edith Maria Bürger setzte:

Die letzte Strophe deines Liedes war verklungen,
als Er deinen Namen rief.
In uns jedoch wird‘s nie verstummen,
es singt ganz leise, seelentief.

Die Beerdigung in der evangelischen Dorfkirche war für mich in mehrfacher Hinsicht eine Überraschung. Mir war die ganzen Jahre über nicht klar, dass mein Kollege sich mühelos zwischen den Konfessionen bewegte. Die Musik bildete offensichtlich das verbindende Band. Und dann waren da zwei Chöre und die Münsterschola zur Trauerfeier angerückt, um sich musikalisch von ihrem Leiter bzw. ihrem Sänger zu verabschieden. Der Pfarrer, der die Trauerfeier leitete, musste bei so viel Musik-Power die versammelte Trauergemeinde sogar mit der Aussicht beruhigen, dass sie sich auch noch mit einem Lied beteiligen durfte. Dieses Lied wurde aus dem neu erschienenen Anhang zum Gesangbuch der Evangelischen Landeskirche in Baden »Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder« gesungen.

https://www.youtube.com/watch?v=OX8ySlt2UQc

Das Lied kannte ich nicht. Mein Banknachbar zur Linken griff sich das letzte Gesangbuch in der Bank und machte keine Anstalten, mich hineinsehen zu lassen, weil er vieleicht merkte, dass ich von der anderen Fakultät war. Ich versuchte es dann mit einem Blick durch die Lücke zwischen dem Ehepaar in der vorderen Bank. Leider war mir die Schrift auf die Entfernung zu klein, sodass ich nur den Kanon-Refrain mitsingen konnte. Was mir beim Singen, vom elektronischen „Nudelbrett“ begleitet, besonders positiv auffiel, dass alle Anwesenden sehr rhythmisch im Takt sangen und den Text sorgfältig artikulierten.

Ich besorgte mir ein Exemplar des Anhangs und sah mir das Lied genauer an, vor allem den Text der Strophen, die ich in der Kirche nicht lesen konnte. Der Text ist nach Psalm 103 geformt und im Allgemeinen der Melodie gut unterlegt. Etwas merkwürdig klingen Formulierungen wie der mich von Krankheit gesund gemacht und Der Erd und Himmel zusammenhält. Dem Zwang des Reimens ist mit Psalmen und Weisen geschuldet. Tatsächlich reimt sich kein anderes Substantiv auf preisen. Man hat bei der Deutung die Auswahl zwischen Liedweisen oder weisen Männern. Genau an dieser Stelle befindet sich auch eine musikalisch gefährliche Stelle. Die Strophen beginnen interessanterweise in der zur Dominante von F-Dur parallelen Molltonart a-Moll, die statt des Tones b den Ton h verwendet. Um wieder zur Ausgangstonart zurückzukehren, moduliert in den letzten vier Takten die Melodie über C-Dur nach F-Dur zurück. Dabei bewegt sich die Melodie auf einer sehr kurzen Strecke von fünf Tönen von h zurück nach b. Schon in der Kirche war mir aufgefallen, dass hier manche strauchelten. Die Melodieführung in den beiden letzten Zeilen enthält außerdem bedingt durch die abwärtsführende Sequenz einen unsanglichen Septsprung abwärts. Offensichtlich haben die Herausgeber des Eigenteils der Erzdiözese Freiburg und der Diözese Rottenburg-Stuttgart zum Gotteslob die Problematik der Strophen erkannt und nur den Kanon abgedruckt (GL 838).

Anton Stingl jun.

Psalmenbuch für »Arme«

Das jüngst erschienene »Psalmenbuch«, herausgegeben vom Deutschen Liturgischen Institut und dem Liturgiereferat des Bistums Würzburg in Kooperation  mit dem Referat für Liturgie & Kirchenmusik des Bistums Passau, hat sich eine Mammut-Aufgabe gestellt. Sämtliche, d.h. etwa 960 Antwortpsalmen des gesamten Kirchenjahrs wurden zum Singen eingerichtet. Da musste man notwendigerweise bestimmte Anforderungen reduzieren wie einst im Mittelalter bei der « Biblia pauperum » ‒ der „Armenbibel“. Das war eine Kurzbibel, die für Scholaren oder Kleriker gedacht war, die sich den Erwerb einer vollständigen Bibel nicht leisten konnten, bzw. eine bebilderte Bibel, die als Erbauungsbuch für jene diente, die kein Latein oder überhaupt nicht lesen konnten.

Wenn das Bibelwerk mit dem Slogan  »Das Psalmenbuch – für alle Lektoren und Kantoren« wirbt, dann kann wohl nicht gemeint sein, dass die Lektoren jetzt auch noch die Antwortpsalmen lesen sollen, denn diese Psalmen finden sich seit eh und je bereits in den Lektionaren. Es bleibt dann nur die zweite Möglichkeit, dass Lektoren, die bisher nur gelesen haben, mit Hilfe eines Buches befähigt werden, Noten zu lesen und über Nacht singen zu können. Wenn sie dagegen womöglich mit kirchlicher Hilfe Gesangsunterricht erhielten, dann wären sie echte Kantoren, die die Psalmen mit reiner und klarer Stimme intonieren könnten.  Die im Prospekt verwendeten Begriffe »Lektoren« und »Kantoren« gelten vermutlich auch für Frauen, die sich schon seit langem in diesen Ämtern bewährt haben.

Das »innovative Konzept« namens »Methode Kantorale simplex« (einfach), nimmt Bezug auf das « Graduale simplex » von 1967, in dem einfachste lateinische Responsorialpsalmen  mit zweiteiligen Psalmodiemodellen und kurzen Kehrversen veröffentlicht wurden. Denselben Ansatz verfolgte auch Godehard Joppich in seinen »Preisungen« von 1998, deren Gesangsmodelle sich ausdrücklich auf die sogenannten Urmodi beziehen. In dieser jetzt 50 Jahre alten Tradition verspricht das »Psalmenbuch« Lektoren und Kantoren »ohne große Anstrengung den Einstieg in den gesungenen Vortrag des Psalms« durch Psalmtonmodelle zu ermöglichen –  hier vorsichtigerweise Singweisen genannt –,  die wie Supermodels auf wenige Töne abgemagert sind. Der Verkaufsprospekt weist darauf hin, dass auf Beugungen und Kadenzen weitgehend verzichtet wird, was natürlich nicht möglich ist, denn jede auch noch so einfache Schlusswendung stellt eine Kadenz dar. Was tatsächlich fehlt, sind zweiakzentige Kadenzen, die dafür sorgen, dass der Psalmvortrag kein »teuflisches Geplärr und Geleier« (J. S. Bach), sondern ein adäquates Gewand für das Psalmwort wird. Auch ist in den wenigsten Fällen die »steile Fügung« berücksichtigt, die durch Hervorhebung mit leichter Dehnung vor einer weiteren betonten Silbe zu einer sinnvollen Gliederung des Psalms verhilft. Auch auf ein Initium, das den Übergang vom Kehrvers zum Rezitationston bildet, wurde verzichtet.

Die »kurzen, einprägsamen Kehrverse« helfen die Kosten des Buches niedrig zu halten, weil sie nicht aus dem Gotteslob stammen, weshalb auch keine Lizenzgebühren anfallen. Die »schlichten Neuvertonungen« wurden aus dem Tonvorrat des jeweiligen Melodiemodells »schlecht und recht« entwickelt. Um die treuen Anhänger der Gotteslob-Kehrverse nicht zu vergraulen, sind zusätzlich die Nummern von passenden oder unpassenden Kehrversen aus dem Gotteslob angegeben. Da die Kehrverse by heart/par cœur/a memoria/auswendig gesungen werden sollen, dürfen sie eine bestimmte Länge nicht überschreiten. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnte ich experimentell nachweisen, dass man bis zu einer Zahl von 12 bis 13 Silben den Kehrvers nach einmaligem Hören erfassen kann. Das »Psalmenbuch« hält sich zwar  an diese Regel, aber leider wird sie zum Nachteil von Text und Melodie an vielen Stellen drastisch unterschritten.

Ein konkretes Beispiel soll die aufgezählten Mängel verdeutlichen. Auf der Suche nach dem Antwortpsalm zum Freitag in der 2. Fastenwoche findet man im Register I  (S. 14) die Angabe »Ps 105, 16-21 mit Kehrvers B«. Den Psalm 105 kann man erblättern oder auf der Seite 303 im Inhaltsverzeichnis die zugehörige Seitenzahl nachschlagen: Psalm 105 beginnt auf Seite 196. Dort stehen außer dem Kehrvers B noch zwei weitere Kehrverse, denn der Psalm wird mit unterschiedlicher Versauswahl noch an 13 anderen Tagen benötigt, wie z. B. am Fest der Hl. Familie und am  Mittwoch in der Osteroktav.

Kehrvers zu Psalm 105

Das Beispiel zeigt eine „Eierkohlennotation“, die auf die richtige rhythmische Interpretation des Textes vertraut. Die Melodie lässt erkennen, wie sparsam die Herausgeber mit dem Text und dem Tonvorrat des zugehörigen Psalmmodells umgegangen sind. Wenn sie den Vorschlag des Lektionars verwendet hätten, wären sie immer noch unter der Gedächtnisobergrenze geblieben: Gedenkt der Wunder, die der Herr getan!

GL 432

Als möglichen Ersatz für den hauseigenen Kehrvers wird aus dem Gotteslob die Nr. 432 angegeben. Die Melodie dieses Kehrverses hat zwar dasselbe Vorzeichen wie das Psalmmodell, aber die Melodie und vor allem der Text passen wie die Faust aufs Auge. In Ps 126,3 ist von Großem (Magnificavit) die Rede, in Ps 105,5a aber von Wunder (mirabilium).

Psalmenbuch, Seite 197, Zeile 7-8

Die gewählte Form, in der alle im Laufe des Kirchenjahrs erforderlichen Verse eines Psalms hintereinander aufgeführt werden, hat den Nachteil, dass erste Vers eines Antwortpsalms in den meisten Fällen nicht der erste Vers des Psalms ist, sondern innerhalb des Psalms möglicherweise auf den vorhergehenden Vers Bezug nimmt. Da der Hörer diesen Zusammenhang aber nicht kennt, muss der erste Vers des Antwortpsalms dieser Situation angepasst werden. Der erste Halbvers »Dann aber rief er den Hunger ins Land« muss zugunsten von »Er rief den Hunger ins Land« geändert werden. Auch wenn der Werbeprospekt verspricht, dass  »die Texte vollständig dem Wortlaut der revidierten Einheitsübersetzung entsprechen «, muss man sich die notwendigen Freiheiten zur Änderung nehmen, wenn sie dem Verständnis dienen. Da bei dem verwendeten »Singweise« jede Kadenz den Ton des nächsten Rezitativs vorwegnimmt, konnte man sich ein vermittelndes Initium sparen.

Psalmenbuch, Seite 197, Zeile 9-10

Wenn man auch der Beachtung des Kommas bei „Zeit, als“ und zusätzlich dem Zeilenumbruch vertraut, so wäre doch an dieser Stelle ein Dehnungszeichen hilfreich, um auf die „steile Fügung“ aufmerksam zu machen.

Psalmenbuch, Seite 197, Zeile 11-12

Warum ändert sich beim dritten Doppelvers innerhalb ein und desselben Antwortpsalms das Modell? Ist der König daran schuld, der sich aus der bisherigen Tiefe des Psalmvortrags befreien will? Abgesehen davon, wäre auch sehr von Vorteil, das Komma bei „König, der“ und „Völker, der“ im Notensystem zu markieren, ganz zu schweigen von der „steilen Fügung bei „Herrn über“, was von unerfahrenen Kantoren leicht übersehen wird. Die Schlusswendung zeigt eine besondere Schwäche, die im gesamten Buch immer wieder auftaucht: Der Schlusston wird über einen absteigenden Tetrachord erreicht, was außerhalb des Psalmenbuchs für „Arme“ sinnvollerweise nirgends vorkommt. Diese Wendung zeigt sich allenfalls innerhalb eines Stückes, aber nie am Ende.

Abschließend folgt eine Vertonung, die versucht, die gezeigten Schwächen zu vermeiden. Der Kehrvers bleibt mit 11 Silben im gesteckten Rahmen und schließt unisonisch an den Schlusston des Psalmverses an. Der Text des ersten Verses ist korrigiert. Das Modell verfügt in allen vier Teilen über Initium und Kadenz und die rhythmischen Besonderheiten sind berücksichtigt. Das gewählte Psalmtonmodell passt tonartlich zum Charakter des Textes.

Antwortpsalm am Freitag der 2. Fastenwoche

Abschließend soll noch auf die bescheidenen Schlussworte zum Konzept des Psalmenbuches hingewiesen werden: »Mit zunehmender Routine werden die Kantorinnen dann auf musikalisch anspruchsvollere Kantorenbücher zurückgreifen«. Also keine Rede mehr von Lektoren und Kantoren. Und die Herausgeber der anderen Kantorenbücher werden sich sich freuen.

Anton Stingl jun.

Pfingsten in Bautzen

»Nächstes Jahr in Jerusalem« ist der traditionelle Wunsch am Schluss des jüdischen Sederabends. Dieses Jahr in Schmochtitz bei Bautzen findet vom 10. bis 15. Juni 2019 der 11. Kongress der Internationalen Gesellschaft für Studien des Gregorianischen Chorals (AISCGre) statt. Das Kongressthema lautet: Der Gregorianische Choral: Semiologie und Interpretation. Die Bedeutung der rhythmischen Artikulation.

Damit widmet sich der 11. Internationale Kongress einem zentralen Aspekt der Interpretation des Gregorianischen Chorals; die rhythmische Artikulation ist zugleich Grundlage und rhythmisch-musikalisch-ästhetischer Kontext für die Anliegen der gregorianischen Semiologie. Das Herzensanliegen der AISCGre steht somit im Zentrum des Treffens: die Fortführung der von Eugène Cardine begründeten semiologischen Ausrichtung des Gregorianischen Chorals, die sich nicht mit Beschreiben oder Analysieren zufrieden gibt, sondern ganz im Geiste Cardines, dessen Werk und Wirken die Verkündigung des gesungenen Gotteswortes zum Ziel hat.

Vorträge, Impulsreferate, wissenschaftliche Kurzreferate und viele Praxiseinheiten,  gemeinsame Proben und Workshops, werden sich abwechseln. Zum Programm gehören tägliche Gottesdienste. In zwei Konzerten werden die Choralscholen More Antiquo (Ltg. Giovanni Conti), Schola Resupina (Ltg. Isabelle Köstler), Schola Maastricht (Ltg. Hans Heykers) und Schola Canticum Cordium (Ltg. Mariusz Białkowski) auftreten.

In einem der Kurzreferate werde ich über den »Pressus« sprechen. Darunter versteht man zwei Noten auf gleicher Tonhöhe, deren Rhythmus von den Handschriften entweder sorgfältig bezeichnet oder einem »common sens« überlassen wird.

Weitere Informationen zum Kursprogramm finden Sie hier:

https://www.aiscgre.org/programm-kongress-2019/

Die reguläre Kongressgebühr beträgt 140 Euro, die ermäßigte für bestimmte Personengruppen 80 Euro. Anmeldeschluss ist am 30. April 2019.

Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns beim Kongress nach »Pfingsten in Bautzen« wiedersehen bzw. kennenlernen.

Anton Stingl jun.

Wiederholung im Gotteslob

In der Fastenzeit soll man auf bestimmte Dinge verzichten, die einem „angenehm und lieb“ sind. Schon im Herbst hatte ich begonnen, diesen Vorschlag zu befolgen, als ich bei der Begleitung von »Ein Danklied sei dem Herrn« (GL 382) die Wiederholung des Schlussteils „ganz ohne Maß ist seine Huld und allbarmherzige Geduld“ schlichtweg vergaß. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen, dass die Wiederholung im Gotteslob-Anhang für die Diözesen Freiburg und Rottenburg  38 Jahre lang nicht notiert war. Wenn ich es aber recht bedenke, war mir die Nichtwiederholung doch sehr „angenehm und lieb“. Denn gilt hier nicht auch die Redensart „getretener Quark wird breit wird, nicht stark“? Schon bei den Anmerkungen zum Adventslied »O Herr, wenn du kommst« (GL 233)  hatte ich bei der Wiederholung der Schlusszeile „O Herr, wir warten auf dich“ solche Bedenken. Wiederholungen am Ende sind nur den großen Meistern gestattet. Auf das Problem der Wiederholung wurde ich wieder aufmerksam, als ich am 17.02.2019 im SWR2 das Wort zum Sonntag hörte und Thomas Weiser über das Lied »Brot, das die Hoffnung nährt« (GL 378) sprach, das seiner Meinung nach durch Wiederholung zum Ohrwurm wird. „Lied, das die Welt umkreist“ ist aber eher wie ein Satellit, der auch im Absturz die Welt nicht erreicht, weil er vorher verglüht. „Brot, das sich selbst verteilt,“ ist einfach eine Utopie.

Besonders die Lieder aus Taizé rechnen mit der Ohrwurmwirkung, denn keines dieser Lieder im Gotteslob kommt ohne Wiederholung aus: »Bleibet und wachet mit mir« (GL 286), »Confitemini Domino« (GL 618,2), »Gloria, Gloria« (GL 168,1), »In manus tuas Pater« (658,1), »Meine Hoffnung und meine Freude«, (365), zwei »Kyrie« (GL 154 und 156), »Laudate Dominum« (GL 394), »Laudate omnes gentes« (GL 386), »Magnificat« (GL 390), »Misericordias Domini« (GL 657,6), »Ostende nobis Domine« (GL 634,2), »Surrexit Dominus vere« (GL 321), »Ubi caritas et amor« (GL 445), »Veni Sancte Spiritus« (GL 345,2), »Veni Sancte Spiritus, tui amoris« (GL 345,1), »Geist der Zuversicht, Quelle des Trostes« (GL 350). »Kyrie« hat wenigstens ein Vorbild in den gregorianischen Kyrie-Gesängen, bei denen zweimal (früher dreimal) dieselbe Melodie gesungen wurde. Auch die lateinischen Taizé-Gesänge sind nicht ohne die gregorianischen Psalmantiphonen zu sehen, die abwechselnd mit Psalmversen gesungen wurden. Hier aber werden sie zum Selbstzweck. Die Communauté von Taizé schreibt dazu: „Die Gesänge sollen eine Atmosphäre schaffen, in der man gesammelt beten kann“ und „Alle können ohne engeren zeitlich Rahmen der Erwartung Gottes Raum geben.“ Die einfache Mehrstimmigkeit der Gesänge verstärkt den Wohlfühleffekt. Der Verstand wird ausgeschaltet und nur das Gefühl wird angesprochen.

Wiederholungen treten bereits bei Liedern aus der Barockzeit auf. Im Weihnachtslied »Als ich bei meinen Schafen wacht« (GL 246) dienen sie den damals beliebten Echoeffekten, wie man sie auch aus den Orgelwerken der damaligen Zeit kennt. Leider sind die Echos im Gotteslob nicht vermerkt. Der Kommuniongesang  »Wir rühmen dich, König der Herrlichkeit« (GL 211), dessen Melodie auf »Es sungen drei Engel« von 1605 zurückgeht, beruht auf dem „call and response“ / Ruf und Antwort-Prinzip. Dazu gehört auch das Lied von Huub Oosterhuis »Wer leben will wie Gott auf dieser Erde« (GL 460).

Bei manchen Liedern wird die ermüdende Wirkung einer Wiederholung bewusst abgeschwächt, indem man Voltenklammern einführt. Bei der Prima-Volta-Klammer endet die Melodie noch nicht auf dem Grundton, der erst bei der Seconda-Volta-Klammer erreicht wird, wie bei »Engel auf den Feldern singen« (GL 250) und »Manchmal feiern wir mitten im Tag« (GL 472). Bei »Suchen und fragen« (GL 457) sind die Voltenklammern ausgeschrieben.

Ohne irgendeine Verschleierung der schlichten Wiederholung kommen die folgenden Lieder aus,  bei denen ich mich frage, warum überhaupt eine Wiederholung sein muss.  In »Gottes Stern, leuchte uns« (GL 259) hat man, wenn es beim ersten Mal mit der abtaktig beginnenden C-Dur-Tonleiter nicht ganz geklappt hat, eine zweite Chance. Falls man bei »Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen« (GL 400) von dem viermaligen Sextsprung noch nicht genug hat, darf man ihn bei der Wiederholung ein fünftes Mal singen. Selbst Franz Schubert greift bei »Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe« (GL 413) aus seiner Deutschen Messe zu diesem Mittel. In der Wiener Klassik war das ein zulässiges Stilmittel. Manchmal hat man den Eindruck, wie bei »Meine engen Grenzen« (GL 437), dass das Lied einfach zu kurz ist („meine kurze Sicht“) und deshalb eine Wiederholung braucht. Ähnlich könnte man auch bei »Bewahre uns, Gott« (GL 453) argumentieren. Da ist das letzte Lied »Es wird sein in den letzten Tagen« (GL 549) von ganz anderem Kaliber. 6/4-Takt, Tonart h-Moll, zwei Hemiolen, die räumliche Ausdehnung der Strophe, die melodische Verknüpfung der letzten Zeile mit dem Refrain und dessen Text „Auf, kommt herbei! Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!“ rechtfertigen allemal das Mittel der Wiederholung.

Aber, wie sagte schon Horaz: „Zum zehnten Mal wiederholt, wird es gefallen“.

Anton Stingl jun.

Luja sog i

Zur Diskussion, ob „Luja sog i“ vom „frohlockenden“ Engel Aloisius aus der humoristischen Satire „Der Münchner im Himmel“ von Ludwig Thoma stammt oder aus der bayrischen Mundart kommt, kann ich heute einen gewichtigen Beitrag liefern.

Im 10. und 11. Jahrhundert war es in Bayern üblich, an besonderen Tagen dem lateinischen Alleluia in der Messe eine auf dieselbe Melodie gesungene Prosula (Verkleinerungsform von Prosa) voranzustellen. Da musste der anschließende Stammtisch eben etwas später beginnen, zumal es zum erheblich längeren Alleluia-Vers ebenfalls eine Prosula gab. In zwei aus St. Emmeram in Regensburg stammenden Kantoren-Büchern, die zwischen 1024 und 1037 geschriebenen wurden, findet sich folgende Prosula zum Alleluia « Christus resurgens » ‒ Christus ist auferstanden.

Prosula Rex regum summe

‚Halle‘  Höchster König der Könige,  den jeder lobt im Himmel wie auf Erden, du hast mit der Schuld des Erstgeschaffenen Fleisch angenommen und uns dem gottlosen Feind entrissen, lasst uns miteinander singen: ‚luja‘.

Wer der Quadratnotation nicht mächtig ist, kann sich der Transkription in die „Eierkohlennotation“ bedienen.

Prosula Rex regum summe

Für die Prosula « Rex regum summe »wird das Wort Alleluia in zwei Hälften zerlegt. Die erste Hälfte steht wie eia (= auf!) als Aufforderung am Anfang, auf die zweite Hälfte am Ende führt der Text direkt hin: „Lasst uns miteinander singen: luja“.

Wir sehen also, dass „luja sog i“ ‒ hier im Singular im Unterschied zum Plural in der Prosula ‒ eine fast 1000jährige Geschichte hat. Allerdings wurde aus dem lateinischen langen ū, dessen Klang in der Prosula durch eine liqueszierende ‒ den Übergang von u nach i (j) markierende ‒ Verdoppelung noch verlängert wird, bei Aloisius ein kurz- und bündiger Vokal.

Die Tradition, die Melodie des Alleluia zu prosulieren [Verbum zu Prosula], hat sich nach dem 11. Jahrhundert auf Protest der Frauen, die zuhause mit dem Mittagessen warteten, rasch verloren. Vielleicht könnte man sie heute in der fünften Jahreszeit wieder aufleben lassen. Besonders geeignet erscheint mir zu diesem Zweck das im Gotteslob neu aufgenommene Halleluja des französischen Komponisten Alexandre Lesbordes (174,6).

GL 174,6

Entgegen der Vorschrift breit wird das Halleluja, wie im Beispiel auf YouTube zu hören ist, meist im etwas geschwinderen Schunkel-Tempo gesungen:

„Luja“-Prosula

Und so wird uns am Fasnachtsonntag, Entschuldigung, am Sonntag Septuagesima nach vorchristlicher, nein, vorkonziliarer Zählung ‒ das ist im Jahr 2019 der 8. Sonntag im Jahreskreis ‒ der Abschied vom Halleluja nicht mehr schwer fallen. Um gut über die hallelujafreie Zeit bis zur Osternacht zu kommen, lesen Sie am besten in meinem neuen Buch „Alleluia, dulce carmen“.

Anton Stingl jun.