Drei ö-Lieder

Ferienzeit – Urlaubszeit auch für Organisten! Deshalb gab es für mich am 19. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) Gelegenheit zu zwei Orgelvertretungen in anderen Kirchen. Auf dem Liedzettel standen statt der erwarteten Vorschläge zu Eröffnung, Gabenbereitung und Dank, die sich in erster Linie auf das Thema „Brot“ in den Lesungen des Sonntags beziehen sollten, zu meiner Überraschung drei Lieder mit dem Logo „ö“, die zufälligerweise alle drei auf evangelischen Kirchentagen bekannt wurden: Solang es Menschen gibt auf Erden 1975 in Frankfurt am Main, Gott gab uns Atem, damit wir leben 1983 in Hannover und Bewahre uns, Gott 1985 in Düsseldorf.

Mit seiner Melodie  von Tera de Marez Oyens-Wansink, die außer in der dritten Zeile nur aus fünf Tönen besteht, und seinen eleganten Synkopen ist das Lied Solang es Menschen gibt auf Erden mit dem Text von Huub Osterhuis seit seinem Erscheinen im Gotteslob 1975 einzigartig. In der Ausgabe von 2013 wollten die Herausgeber der zunehmenden Überalterung der Katholiken Rechnung tragen und setzten deshalb die Melodie einen Ton tiefer. Offenbar blieben aber die Bearbeiter des Orgelbuchs standhaft und ließen es bei der Originaltonart F dur. Das „Rufen“ in der 5. Strophe muss sich Gehör verschaffen. Es gibt sogar zwei Begleitsätze, als Satz B den Satz aus dem alten Orgelbuch, der so wunderbar zur Melodie passt, und einen neuen Satz A für diejenigen, die es etwas schärfer gewürzt mögen. In der stimmigen Übertragung von Dieter Trautwein, die das Evangelische Gesangbuch unter der Rubrik ‚Erhaltung der Schöpfung‘ einordnet, ist in der vierten Strophe sogar noch ein kleiner Bezug zur Sonntagsliturgie zu finden: Brot, das uns vereint.[1]

Den Bearbeiter der Liedvorschläge für den 19. Sonntag hat das Thema ‚Bewahrung der Schöpfung‘ offenbar besonders stark beschäftigt. So hat er mit Gott gab uns Atem, damit wir leben versucht, das Thema ‚Gabenbereitung‘ abzudecken. Gaben Gottes sind Atem, Augen, Ohr, Worte, Hände, Füße. Aber sind diese Gaben bei der Gabenbereitung gemeint? Etwas überraschend ist auch die Rede von der möglichen Zerstörung der Erde durch Gott. „Gut gemeint, aber poetisch nicht zu Ende gemachter Versuch.“[2]

Bei der Notation der Melodie fällt auf, dass die Taktstriche falsch gesetzt sind. Die Silbe nach dem Taktstrich trägt nach allgemeiner Überzeugung die stärkste Betonung. Obwohl ich bestimmt gottgläubig bin, liegen die Hauptbetonungen nicht bei Gott, sondern bei Atemleben / Augensehn / diesegegeben / ihrbestehn. Dann entfalten auch die rhythmischen Zutaten, die Bruckner-Triole in der zweiten Zeile und die beiden Synkopen in der vierten und sechsten Zeile, am rhythmisch richtigen Platz ihre Wirkung.

Mit Bewahre uns, Gott stammt das vorgeschlagene Danklied mit Text und Melodie aus der völlig falschen Kiste. Das Lied mit dem ursprünglich spanischen Text La paz del Señor entstand 1968 im Horizont der Friedensbewegung und ist von argentinischen Volksweisen beeinflusst. Die deutsche Übertragung von Jürgen Eckert ist besonders bei We-geeeeen, Lei-deeeeen, Bö-seeeeen und Se-geeeeen nicht gelungen. Die Zeile Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft hieß ursprünglich Sei Willen und Kraft, die Frieden schafft. Diesen grammatikalischen Fehler konnten Germanisten nicht dulden. Da schafft sich auf Kraft reimen muss, musste Willen weichen. Willen hätte viel besser die Verbindung dieser Zeile zur Vaterunserbitte gezeigt: sei mit uns vor allem Bösen.

Auch wenn das Lied bei der öffentlichen Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs in Winnenden am 11.03.2009 gesungen wurde, ist es aus drei Gründen als Danklied der Messe ungeeignet. Der Text ist kein Danklied, wie man in der Rubrik ‚Lob, Dank und Anbetung‘ von Te Deum laudamus – Großer Gott, wir loben dich bis Erde, singe nachprüfen kann. ‒ Vorsicht! Unter den Liedern sind zwei blinde Passagiere aus der Schubert-Messe versteckt. ‒ Zweitens verkörpert das Lied den Typ des Segensliedes – Gib Herr, uns deinen Segen –, der in der Zeit der Aufklärung in den deutschen Singmessen verkörpert wurde und der heutzutage nicht mehr zur Messliturgie gehört. Und drittens, wenn bei Bewahre uns, Gott im Spanischen der Optimismus eines Aufbruchsliedes herrscht, dann ist im Deutschen die Stimmung wehmütig wie vor einem schweren Weg.[3] Da nützt auch der Sonntagsgruß des Priesters nichts mehr.

Anton Stingl jun.

[1] Mehr zu diesem Lied – eines meiner Lieblingslieder – findet sich im Artikel von Michael Pfeifer in: Die Lieder des Gotteslob, S. 1030ff.

[2] Ansgar Franz und Elke Liebig in: Die Lieder des Gotteslob, S. 376.

[3] Christiane Schäfer und Hermann Kurzke in: ‚Die Lieder des Gotteslob‘, S. 80ff.

Eine „Königin“ mit Imageproblem?

Davon ist Amelie Tautor, Redakteurin der katholischen Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ überzeugt. Der ökumenischen Ausrichtung der Zeitschrift folgend hat sie im „wunderschönen Monat Mai“ zum Thema Orgel diverse Artikel im Monatsmagazin „Zeitzeichen“, Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft (Zz) gelesen und ihre Erkenntnisse in CiG (26/2018, S. 283f.) unter der Überschrift „Die Klangwelten einer ‚Königin‘“ zusammengefasst. Die Redakteurin beschäftigte sich in der Vergangenheit mit ganz unterschiedlichen Themen wie „Geld für alle“ (CiG 31-05-16), „Seichte Lieder oder brennende Herzen?“ (Musica sacra 2016/05), „Vom Reden und Schweigen in der Kirche“ (CiG 35/2016). Amelie Tautor studierte in München Politische Wissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte und Kommunikationswissenschaft und absolvierte anschließend ein Volontariat beim Evangelischen Presseverband für Bayern.

Im orgelgeschichtlichen Teil ihres Aufsatzes zitiert Amelie Tautor aus dem Artikel „Orgel historisch“ (Zz 31-05-18) des Kölner Germanistikprofessors Karl-Heinz Göttert, der unlängst ein Buch mit dem phänomenalen Titel „Die Orgel. Kulturgeschichte eines monumentalen Instruments“ herausgebracht hat.  Martin Hagen urteilt in SWR2 Cluster über das Buch: „Eine unterhaltsame Lektüre ohne Belehrung und wissenschaftlichen Ballast.“ Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass das Bilderbuch seit Weihnachten ungelesen auf meinem Nachttisch liegt. Zur Rolle der Orgel ergänzt Amelie Tautor die Ausführungen Götterts mit der Bemerkung „Daneben wird sie [die Orgel] aber auch genutzt, um durch ihre starken Klänge ein Gefühl der Festlichkeit zu erzeugen, etwa wenn der Klerus in die Kirche einzieht“. Das Gleiche gilt natürlich auch für den Auszug. Erzbischof Conrad Gröber in Freiburg „bestellte“ sich regelmäßig mitten im Gottesdienst über seinen Zeremoniar als „starke Klänge“ zum Auszug des Klerus die « Pièce héroïque » von César Franck bei seinem Domorganisten Dr. Carl Winter.

Aus dem Artikel die „Orgel als Weltkulturerbe“ des Heidelberger Professors für Musikgeschichte, Michael Gerhard Kaufmann (Zz 31-05-18) wird der Satz zitiert: „Wenn die Unesco als internationale Organisation, die weder religiös noch staatlich gebunden ist, die Orgel so wertschätzt, lässt sich gegenüber kirchlichen und kommunalen Verwaltungen ganz anders argumentieren“. Bei aller Freude, dass Orgelbau und Orgelmusik in Deutschland dieselbe Würdigung erfahren hat wie die Pizzabäckerei, so vermute ich, dass Michael Kaufmann mit seinem Antrag an die Unesco handfeste Absichten hatte, die im Artikel von Tautor auch genannt werden: „Die Restaurierung einer Orgel sei teuer, und oft lockten ausländische Firmen mit Dumpingpreisen“. Germany first!

Kaufmann spricht auch das Nachwuchsproblem bei nebenamtlichen Kirchenmusikern an und vermutet, dass dies am Lebensstil der Menschen liegt, die sich nicht dauerhaft und verbindlich verpflichten wollen. Vielleicht liegt es aber auch an ganz praktischen Dingen. Wird von den Kirchen gratis Orgelunterricht angeboten? In den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte ich in Bühl (im ländlichen Raum!) in einem Jahr 30 Anmeldungen zum kostenlosen Orgel-Kurs; 20 konnte ich neben meinem Schulunterricht annehmen. Doch ich musste die Orgelschüler leider im 20-Minuten-Takt wie am Fließband abfertigen. Werden auch genügend Übemöglichkeiten angeboten? Ich beobachte in meiner Kirche, dass übewillige C-Schüler vor der Kirche stehen, weil nicht rechtzeitig aufgeschlossen wird. Der Zugang zur Orgel sollte den Übenden offen sein. Ich persönlich erinnere mich an Konflikte mit Putzfrauen, Mesnern und sogar mit der Polizei, weil die Fenster nicht geschlossen waren und die Anwohner sich beschwerten. Interessant finde ich die Feststellung, „dass man eigens in die Kirche gehen muss, um Stücke einzuüben“. Man muss übrigens nicht „nur Stücke“ einüben, sondern auch die Liedbegleitung und die Bedienung der unterschiedlichen Liedanzeiger. Vor allem das „Strophen picken“ will gelernt sein. Zum Thema „jeden Sonntag früh aufstehen“ nur so viel:  Als Ministrant begann die Woche am Montag um 6.15 Uhr. Während meines Studiums hatte ich regelmäßig bei Seelenämtern um 7.00 im Freiburger Münster in Personalunion gregorianisch zu singen und mich zu begleiten. Bei meiner ersten Stelle in St. Ulrich/Bollschweil begann der Sonntag stets um 7.00 Uhr mit der Frühmesse und einem anschließendem Frühstück im Pfarrhaus, danach wurde um 10.00 Uhr regelmäßig das Amt mit dem Kirchenchor gefeiert. Heute hat sich die Bedeutung des Begriffs Frühmesse stark verändert. Der nächste Termin der Band „Frühmessler“ aus St. Martin in Sinzheim ist am 23.09.2018 um 10.30 Uhr!

Die wahren Ursachen für die mangelnde Wertschätzung der „Königin der Instrumente“ – nach Mozart „des Königs aller Instrumente” – kennt der Kirchenmusiker Daniel Stickan. Seine professionell gestaltete Website [http://stickan.org/] erklärt, was Stickan unter Neuer Kirchenmusik versteht. Ob aber seine Rezepte die Misere beheben, die Amelie Tautor unter der Überschrift „Organisten – fern der Gemeinde“ schildert, glaube ich nicht. Ich zitiere nur Stichworte: „typischer Gottesdienst am Sonntagmorgen, in den Bänken überwiegend nur eine Handvoll alter Menschen, Gesang kläglich, Organist weit entfernt auf der Empore, kein Kontakt zwischen Musiker und Gemeinde, beim Vorspiel wegen Fülle der Schnörkel und Triller Melodie nicht zu erkennen [Wenn die Autorin öfters hier wäre, würden sie die Melodie kennen!], leise und einfühlsame Töne fehlen, langatmiges Vorspiel ermüdet, Gemeindegesang verliert sich unter Orgelklängen, Gefühl der Unterdrückung unter bombastischen Brausen der Klänge, Gegenrezept: E-Piano im Altarraum.“ Abgesehen davon, dass diese Vorwürfe uralt sind, habe ich den Verdacht, dass Amelie Tautor noch einen weiteren Beitrag aus den „Zeitzeichen“ in ihrem Artikel verwertet hat: Konrad Klek und Stephan Kosch, Pro und Contra – Brauchen wir die Orgel im Gottesdienst? (Zz 27-05-18).

Für das Folgende sollten wir einmal zwischen Orgelmusik für den katholischen und den protestantischen Bereich und für Orgelkonzerte sauber trennen. Welche der im Artikel genannten zeitgenössischen Kompositionen Olivier Messiaen, Pierre Cochereau, Wofgang Rihm oder Isabel Mundry passen in welche Kiste? Entschuldigen Sie bitte, dass ich nur die katholische Kiste berücksichtigen kann, da ich nur wenige Gelegenheit hatte, in evangelischen Kirchen Vertretungen anzunehmen. Von Messiaen habe ich „Le banquet céleste“ zur Kommunion und „Apparition de l’Église Éternelle“ zum Auszug gespielt. Die übrigen Orgelwerke gehören wohl eher ins Konzert. Außerdem hat Messiaen selsr sehr traditionell in St-Trinité in Paris gespielt. Von Cochereau gibt es nur wenige Kompositionen, dafür zahlreiche Transkriptionen seiner Improvisationen, alle für den Konzertbereich. Die Orgelwerke von Wolfgang Rihm auf der letzten CD sind sicher nicht für die Liturgie entstanden (z.B. Siebengestalt für Orgel & Tamtam). Von Isabel Mundrys „Innenräumen“ habe ich bisher nichts gewusst. Der Beschreibung entnehme ich, dass es sich nicht um liturgische Musik handelt. Die Förderung moderner Komponisten in der evangelischen Martinskirche in Kassel, in der katholischen Kunst-Station Sankt Peter Köln und beim vom SWR gesponserten Festival Europäische Kirchenmusik in Schwäbisch Gmünd betrifft nur repräsentative Werke, mit denen man Staat machen kann, was für die Veranstalter wichtig ist.

Warum sind Orgelstücke von den fünf genannten Komponisten „zu beliebt und verlockend bequem“? Von den 220 Stücken von Bach fallen mir nur die Toccata d moll BWV 565 und die Bearbeitung von „Jesus bleibet meine Freude“ BWV 147, beide nicht bequem zu spielen. Ich trainiere z.Zt. Präludium („Bach-Walzer“) und Fuge C dur BWV 547. Welche von den 89 Orgelwerken des Dieterich Buxtehude beliebt sind, vermag ich nicht zu sagen. Ich spiele gerade Toccata F dur BuxWV 157. Bei Christian Heinrich Rinck muss ich passen. Der thüringische Enkelschüler von Johann Sebastian Bach ist mir nur in obskuren Sammlungen begegnet. Auch von Camille Saint-Saens kann ich in meinem Repertoire nichts finden. An Max Reger kommt keiner vorbei. Zumal er außer den großen und schweren Choralfantasien auch Stücke für die „zweite Reihe“ komponiert hat, wie Toccata und Fuge op. 59, Nr. 5 & 6.
[https://www.youtube.com/watch?v=qja_YELGOSA]
Was ist daran schlecht, wenn ich nach dem „Bach-Walzer“ als Postludium von Gemeindemitgliedern gefragt werde, „was war das für ein tolles Stück heute?“ Haben wir Organisten nicht nach Robert Schumann eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: „Schlechte Kompositionen musst du nicht verbreiten“?

Was soll also die Umerziehungsaktion zur zeitgenössischen „qualitativ hochwertigen“ Orgelmusik? Tautor zitiert selbst, es „bedarf einer gewissen Bereitschaft in den Kirchengemeinden erstens mental und zweitens intellektuell diese aufnehmen zu wollen“. Zu „mental“ bietet mir Word folgende Synonyme an: in Gedanken, geistesabwesend, verträumt und zu „intellektuell“: geistig, gebildet, intelligent, urteilsfähig, verstandesmäßig. Da Word kein Latein kann, muss man für „mental“ noch die Bedeutungen geistig, bedächtig und sinnlich hinzufügen. Tautor stellt also recht hohe Anforderungen an den Bildungsgrad einer Pfarrgemeinde. Doch nicht der IQ ist entscheidend für die Zugehörigkeit zur Gemeinde, sondern das Bekenntnis zum Glauben. Ein Totschlagargument, ich weiß! Aber was antwortet man, wenn ein Schüler nach dem Anhören von Dt 31,6 von Dieter Schnebel zu seinem Musiklehrer sagt: Wie kann man so etwas komponieren, wenn einem der liebe Gott gesunde Sprechwerkzeuge geschenkt hat? [https://www.youtube.com/watch?v=y4nX3mpIcWw]

So landen wir schließlich bei Pop und Jazz. Jazz ist für die meisten zu anspruchsvoll, gerade weil er sich laut Stickan für Experimente eignet: „Er ist eine globale Musik mit einer spirituellen Geschichte, die zu einer theologisch fruchtbaren Vision von Kirchenmusik taugt.“ Der Pop hat ja schon lange in den Kirchen Einzug gehalten, die vielen NGLs und die entsprechenden „Gospelchöre“ (früher schlicht „Singgruppen“) beweisen das. Das meiste davon ist leider Schrott, textlich wie musikalisch. Das abschließende Zitat von Stickan: „weniger Ideologie – mehr Experiment … Qualitätsbewusst, traditionsbewusst, aber auch mit Forschungsdrang und Neugier auf Gottes wehenden Geist“ bleibt leider frommer Wunsch, wenn nur Worthülsen produziert und keine konkreten Vorschläge gemacht werden.

Anton Stingl jun.

Verstörendes und eine Preisverleihung

Nach dem Konzert der Gruppe Vox Clamantis unter der Leitung von Jaan-Eik Tulve am 18. Juli 2018 in der Augustinus-Kirche in Schwäbisch Gmünd wurde dem Gregorianik-Forscher Godehard Joppich der diesjährige Preis der Europäischen Kirchenmusik verliehen. [1] Leider konnte Godehard Joppich (geb. 1932) den Preis nicht persönlich entgegennehmen, weil sein Gesundheitszustand dies nicht zuließ und zum größten Bedauern seine Frau vor wenigen Tagen verstorben war.

Ich wage zu bezweifeln, ob er mit der Auswahl und der Interpretation des Gregorianischen Chorals, wie sie das Ensemble Vox Clamantis bot, völlig einverstanden gewesen wäre. Zwar begann das Konzert mit vier Antiphonen aus der Laudes und Psalmen aus der Vesper am Fest des hl. Michael, die in dem von Godehard Joppich herausgegebenen Kodex Hartker (um 1000) zu finden sind. Doch man traute offenbar dem Publikum nicht zu, die ca. 40 Psalmverse ohne Begleitung zu ertragen. So wurde ein elektronischer Sound aus Geräuschen und Klängen gemixt, um die Hörer vom Aufnehmen der Psalmworte abzuhalten. Dennoch blieb nicht verborgen, dass in der Doxologie dem Spirítui Sancto, dem Heiligen Geist, nur in den beiden Psalmen im siebten Ton die richtige Betonung zuteilwurde, in den anderen erklang fälschlicherweise Spíritúi.

Aus dem Bereich des Messpropriums wählte man nicht die von Joppich bei seinen Forschungen so bevorzugten Gesangsteile Introitus oder Communio sondern zwei Vertreter der jüngsten Gattung des Gregorianischen Chorals, den Alleluia-Vers „Laetatus sum“ vom zweiten Adventssonntag und den Vers „In omnem terram“, der nicht zum Graduale Romanum gehört und in alten Handschriften entweder dem Fest des hl. Jakobus oder dem Evangelisten Matthäus zugeordnet wird. In beiden Alleluia-Versen verzichtete man auf den für den Gregorianischen Choral so typischen Wechsel zwischen Kantor und Schola (= kleinem Chor). Dadurch ging viel vom Rhythmus verloren, der in den Handschriften durch Episeme (= waagrechte Strichlein), Buchstaben und Liqueszenzen (= Veränderung der regulären Neumen) geregelt ist. Auch hier wurde der Gesang durch elektronisch erzeugte Geräusche und Klänge „untermalt“.

Den „Höhepunkt des Dialogs zwischen Mittelalter und Moderne“ bildete der Tractus „Domine, exaudi“ vom Karfreitag. Der Computer „produziert Störgeräusche und imaginäres Donnergrollen und umgibt den alten Gesang … mit einer endzeitlichen Klangkulisse“, begeistert sich die Journalistin in der Gmünder Tagespost. Hier offenbart sich das grundsätzliche Missverständnis: Die Musik des Gregorianischen Chorals ver-tont nicht den Text, sondern be-tont ihn. Aus der richtigen Betonung erschließt sich der Text für die Ausführenden und der Funke springt dann auch auf die Zuhörer über.

Bei der Allerheiligenlitanei schließlich gewann der Laptop die Oberhand über den Gregorianischen Choral. Was für die Osternacht vor einer Kindstaufe sinnvoll ist, alle Heiligen um ihren Beistand für das kleine Kind zu bitten, wird für ein Konzert sinnlos bzw. reine Folklore, wenn die vier Töne der Litanei in zwei Formeln endlos wiederholt werden. Da muss natürlich mit Elektronik kräftig nachgeholfen werden.

Den Gregorianischen Choral als ältesten abendländischen Gesang aus seinem liturgischen Kontext zu reißen und ihn konzertant darzubieten, kann nur dann befriedigend gelingen, wenn die Gesänge zueinander in einem textlichen Zusammenhang stehen und dieser durch geistliche Lesungen vertieft wird.

Anton Stingl jun.

[1] Betörendes und eine Preisverleihung. Überschrift in der Gmünder Tagespost am 20. Juli 2018.

Fröhliche Lieder?

Unter dem Titel „Das gesungene Lob“ veröffentlichte der Schweizer Theologe für Exegese des Neuen Testaments Dr. Robert Vorholz in der Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ Nr. 28 am 15. Juli 2018 einen Beitrag, der mit dem schönen Satz beginnt: „Zu Beginn der Eucharistiefeier wird meistens ein fröhliches Lied gesun­gen.“ Nach der Lektüre brauchte ich dringend frische Luft und brach zu einer Schwarzwaldwanderung auf. Unterwegs verdichtete sich das Gelesene zu einem Limerick.

Wie sollen wir Gott richtig loben,
zum Einzug ein Lied fröhlich proben?
Mit Schlager und Hit?
Ich mir das verbitt‘,
da werden die Völker doch toben! (Ps 2,1)

Die „Schlager″, die hier genannt werden (GL Nr. 477 oder 142), können mindestens musikalisch nicht als solche erkannt werden. Sie sind eher als Lückenbüßer zu sehen, wie jener Hinweis in den Antiphonarien des 8./9. Jahrhundert, wenn die Liturgie keinen passenden Text vorgab: « Quale volueris » ‒ „Was du willst“. Eigentlich ist „Zu Dir, o Gott, erheben wir die Seele mit Vertrauen“ (Nr. 142) der liturgiegemäße Einzugsgesang zum 1. Adventssonntag: Ad te levavi animam meam am Beginn des neuen Kirchenjahres. Das wird nicht immer so passen, aber man sollte möglichst oft das „Was du willst“ vermeiden und sich am lateinischen Introitus oder an den Lesungen des Tages orientieren. Die Kategorie „fröhlich“ taugt vielleicht für Kindergottesdienste (vgl. Martin Gotthard Schneider, Der Gottesdienst soll fröhlich sein, EG Nr. 169).

Die Formulierung „Wer es klassisch mag“ wird z.B. in der Welt der Küche, der Mode, der Musik, des Hundegeschirrs, der Schokolade, der Hotels und überall dort verwendet, wo es auf den Geschmack, also auf ein subjektives Werturteil ankommt. Wer auf den Gregorianischen Choral „schwört“, weiß sich einer Musik verbunden, die in dieser Form um  750 als Liturgiegesang der Kirche geschaffen und in ganz Europa verbreitet wurde. Nach dem allmählichen Niedergang des Gregorianisch Chorals begannen die Mönche von St-Pierre in Solesmes mit einer Restitution, die im Graduale von 1908 ihren Niederschlag fand. Das zweite Vatikanische Konzil (1963) setzte den Gregorianischen Choral erneut an den ersten Platz in der Liturgie und forderte eine kritische Ausgabe der zugehörigen Bücher. Diese Ausgabe wird mit dem Erscheinen von Band II des Graduale Novum im Oktober dieses Jahres abgeschlossen sein. So also sehen die „Bahnen einer altehr­würdigen liturgischen Tradition“ aus. Übrigens: „einen gregorianischen Choral“ gibt es nicht. Gregorianischer Choral ist ein Singulare tantum und wird ohne unbestimmten Artikel gebraucht. Die einzelnen Teile des Messpropriums werden bei ihrem Gattungsnamen gerufen.

Das Wort Introitus = Eingang, Eintritt, Einzug, Einmarsch, Zugang hat denselben Wortstamm wie introibo, aber nicht weil der Psalm 43 damit beginnt: „Hintreten will ich zum Altare Gottes, zum Gott, der froh macht meine Jugend.“ Dies ist auch nicht der Text eines Introitus, den „ein kleiner Chor [= die Schola] singt“, sondern er gehört zu einer Communio. Der Vers ist auch aus dem früheren „Staffelgebet“ (Stufengebet) bekannt, dem Schrecken aller Ministranten, die kein Latein konnten.

Die Verbindung zu Gott kann, ohne dass die „musikalisch-liturgischen Geschmacksfragen“ geregelt sind, nicht funktionieren. Wie kann Gott mit mir in Verbindung treten, wenn ein „Gospelchor“ mit hämmernder instrumentaler Unterstützung seine NGLs mir aufzwingt. Die Stelle mit den „Kindern und Säuglingen“ (Ps 8,2 eigentlich 8,3) wird im Übrigen sehr unterschiedlich übersetzt. Alfons Deissler: „[Besungen] wird dein Glanz am Himmel / von der Kinder und Säuglinge Mund.“ Erich Zenger: „Aus dem Munde von Kindern und Säuglingen / hast du eine Festung errichtet / um deiner Widersacher willen, / um zum Aufhören zu zwingen Feinde und Rachgierige.“ Neue Einheitsübersetzung: „Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du dir ein Bollwerk errichtet / wegen deiner Gegner, * und zum Einhalten zu bringen Feind und Rächer.“

Anton Stingl jun.

Ist Jesus Christus noch der Herr?

Der Hymnus aus dem Philipperbrief, Kapitel 2, Verse 6-11 hat im Gotteslob 2013 seinen Platz gewechselt. 1975 wurde das Canticum seines Inhalts wegen an den Beginn der Gesänge von der Passion gesetzt (Nr. 174), 2013 schob man es an seinen liturgischen Platz in der Sonntagsvesper (Nr. 629,6). Außerdem hat man hier im Gegensatz zu anderen Stellen die neue Einheitsübersetzung verwendet, die zum Zeitpunkt der Bearbeitung des Gesangs (2008) noch gar nicht veröffentlicht war, sie kam erst 2016 auf den Markt. Daraus ergab sich die Konsequenz, dass die Bearbeitung von Walter Röder (1970) mit der alten Übersetzung nicht mehr verwendet werden konnte. Walter Röder ist übrigens das Pseudonym für einen Gruppe von Kirchenmusikern um Heinrich Rohr (1902‒1997). Mit dem alten Gesang verzichtete die GGB-Kommission, die für die neue Bearbeitung im Gotteslob verantwortlich zeichnete, auch auf den Kehrvers mit der zentralen Aussage des Hymnus „Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters“, der im Gotteslob 1975 als Rahmenvers vorgesehen war. In der neuen Fassung überlässt man den Vers am Ende der letzten Strophe dem Kantor. Anstelle des Rahmenverses wählte GGB als Kehrvers „Christus Sieger, Christus König“ mit der pseudogregorianischen Melodie von 1900, die man einen Ton tiefer setzte, um den Huldigungscharakter aus Hinkmars Lobgesang etwas abzuschwächen.

War es Zufall oder Absicht, dass die GGB-Vertonung in derselben Tonart steht wie 1975? Jedenfalls erleichtert es den Vergleich zwischen den beiden Fassungen ungemein. Dabei treten auch die Unterschiede der beiden Übersetzungen zu Tage. Da in der neuen Fassung der Kehrvers mit der zentralen Aussage wegfiel, musste zu Beginn der 1. Strophe das Personalpronomen Er durch Christus Jesus ersetzt werden. Diese zwei Worte stammen aus dem vorangehenden Vers 5 und sind notwendig, damit man versteht, um wen es hier geht. Die Walter-Röder-Gruppe (WRG) hatte im Vers 6 des Hymnus bei der Passage Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein Anfang und Schluss vertauscht. Die Gruppe war ebenso verantwortlich für die Auslassung des Pronomens er vor entäußerte sich.

In der 2. Strophe schwächte die GGB das starke Wort Kreuz in der neuen Einheitsübersetzung durch die die altertümelnde Wendung Kreuze.

Um eine eigene 3. Strophe zu profilieren, veränderte die WRG ohne Not den Schluss des Verses 9. Aus der größer ist als alle Namen wurde der jeden Namen übertrifft.

In der vierten Strophe hatte die WRG den Text nach Belieben umgestellt. Der ursprüngliche Text lautete in der alten wie in der neuen Übersetzung: damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt.

Die Textentstellungen der WRG können natürlich nicht entschuldigt werden. GGB dagegen hat aus guten Gründen am Anfang zwei Worte ergänzt. Musikalisch gesehen spricht aber vieles für das Konzept der WRG. Es verwendet für den Hymnus ein dreiteiliges Modell, das „nicht für Vorsänger gedacht“ ist, „sondern wie die Gemeindepsalmodie für den abwechselnden Gesang der Gemeinde: Vorsänger – Alle, Sängerchor – Alle oder rechte Seite – linke Seite“ (Werkbuch II/1 zum Gotteslob). Mit dieser guten Absicht hatte die WRG allerdings die musikalische Auffassungsgabe von durchschnittlichen Kirchenbesuchern wohl überschätzt. Aus diesem Grund hat GGB den Text des Hymnus vollständig einem Kantor übergeben. Bei der Vertonung fallen aber verschiedene Ideen negativ auf. An einigen Stellen hat GGB wissentlich oder unwissentlich die Melodie ihres Vorgängers übernommen:

1. war Gott gleich, hielt aber nicht da(ran); Menschen gleich.
2. eines Menschen;
3. Darum hat ihn Gott ü(ber) al(le erhöht); (al)le Namen.
4. ihre Knie beugen; und jeder (Mund) bekennt:

Bei einzelnen Worten versuchte man ihren Bezug zueinander durch eine Tonhöhenbeziehung zu interpretieren, was im Gregorianischen Choral, auf den hier unzweifelhaft Bezug genommen wird, unüblich ist:

1. wie Gott zu sein – entäußerte sich: im Quintabstand,
2. Menschen – Tod: im Quintabstand,
3. Namen verliehen – alle Namen: im Quintabstand,
4. Himmel – Erde: im Oktavabstand.

An anderen Stellen werden bedenkenlos Pes-Figuren aus der Gregorianik bei Worten verwendet, die besonders hervorgehoben werden sollen: Kreuze, Namen, Jesu, Christus.  Die Strophe des Kantors  schließt leider nie mit dem Anfangston des Kehrverses, sondern jedes Mal mit einem anderen Ton: g, f, b. Der letzte Teil ist im Verhältnis zu den anderen zu lang und sollte ebenso aufgeteilt werden wie im Gotteslob 1975. Diese Mängel weist auch das ebenfalls von GGB gebastelte Credo Nr. 178 auf.

Nach dem Motto „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,21) habe ich die Fassung von 1970 durch Recycling (= Wiederaufbereitung) auf den Stand der Einheitsübersetzung von 2016 gebracht. Damit erhält „Jesus Christus ist der Herr“ wieder seinen angestammten Platz.

Anton Stingl jun.

Osterschunkeln

Im Wonnemonat Mai trafen sich erneut der nun 78jährige AS und sein 26jähriges Alter Ego.

AS 26: Hattest du mit deinem letzten Beitrag zum Fall „Georg Thurmair“ Probleme?

AS 78: Ja, eine Mitarbeiterin des Gesangbucharchivs Mainz meinte, dass ich zwei Autorenkürzel aus dem Kommentarband „Die Lieder des Gotteslob“ verwechselt hätte.

AS 26: Und, hast du?

AS 78: Ja, auch ich werde offenbar älter. Den Fehler habe ich korrigiert und die Mitarbeiterin war froh, dass die Prügel, die eigentlich ihr galten, nicht mehr den Kollegen trafen.

AS 26: In diesem Beitrag hast du voller Stolz erwähnt, dass mein Lied Lob der Auferstehung im Kirchenlied II von 1967 direkt hinter dem Osterjubel von Georg Thurmair steht.

AS 78: Genau! Und wie bei unserem Silvestergespräch „Ein Haifisch im II. Modus“ über dein Lied Herr der Könige der Erde habe ich auch bei diesem Lied den Textquellen nachgespürt, die Albert Höfer seinem Text zugrunde gelegt hat.

  1. Singet dem Herrn, der das Dunkel des Todes bezwungen
    und gleich der Sonne durch nächtliche Nebel gedrungen:
    Rühmet die Pracht,
    die solchen Jubel entfacht,
    laut sei der Sieg nun besungen!
  • Singt dem HERRN ein Lied, denn er ist hoch und erhaben! Ross und Reiter warf er ins Meer. (Ex 15,21)
  • Das Volk, das im Dunkel saß, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen. (Mt 4,16)
  • Unser Leben geht vorüber wie die Spur einer Wolke und löst sich auf wie ein Nebel, der von den Strahlen der Sonne verscheucht und von ihrer Wärme zu Boden gedrückt wird. (Weis 2,4)
  1. Tag ohne Abend! Du Glanz, der die Finsternis blendet,
    Säule des Feuers, die Licht auf den Pfaden uns spendet:
    Herr, dir sei Lob,
    der sich vom Grabe erhob
    und alles Grauen beendet!
  • Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit aufstrahlt die Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. (2 Kor 4,6)
  • Durch eine Wolkensäule hast du sie bei Tag geleitet und durch eine Feuersäule bei Nacht, um ihnen den Weg zu erhellen, den sie gehen sollten. (Neh 9,1)
  • Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade. (Ps 119,105)
  • Gepriesen sei der HERR, der Gott Israels, vom Anfang bis ans Ende der Zeiten. Und das ganze Volk rief: Amen, und: Lob sei dem HERRN. (1 Chr 16,36)
  1. Herr, wie die Frauen einst wollen dein Grab wir besingen,
    wollen am Morgen schon Duftwerk des Lobes dir bringen.
    Wo ist das Leid?
    Du ließest Quellen der Freud
    in unsrer Wüste entspringen.
  • Am ersten Tag der Woche gingen die Frauen mit den wohlriechenden Salben, die sie zubereitet hatten, in aller Frühe zum Grab. (Lk 24,1)
  • Auf den kahlen Hügeln lasse ich Ströme hervorbrechen und Quellen inmitten der Täler. Ich mache die Wüste zum Wasserteich und das ausgetrocknete Land zu sprudelnden Wassern. (Jes 41,18)
  1. Lamm, das unschuldig für uns in den Tod ward gegeben,
    dein teures Blut bracht uns allen das ewige Leben:
    Siehe mit dir
    sterben und leben auch wir,
    lass uns dich rühmend erheben!
  • Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! (Joh 1,29)
  • Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. (Joh 6,54)
  • Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Ob wir leben oder ob wir sterben, wir gehören dem Herrn. (Röm 14,8)
  1. Wie hast du, Christus, dein Volk durch das Wasser gerettet
    hast in den Fluten die Mächte des Bösen getötet!
    Schaffe uns neu
    mach die Gefangenen frei,
    die noch der Teufel gerettet!
  • Denn als die Rosse des Pharao mit ihren Wagen und ihren Reitern ins Meer zogen, ließ der HERR das Wasser des Meeres auf sie zurückfluten, nachdem die Israeliten auf trockenem Boden mitten durchs Meer gezogen waren. (Ex 15,19)
  • Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist. (Ps 51,12)
  • Der Geist GOTTES, des Herrn, ruht auf mir./ Denn der HERR hat mich gesalbt; er hat mich gesandt, um den Armen frohe Botschaft zu bringen, um die zu heilen, die gebrochenen Herzens sind, um den Gefangenen Freilassung auszurufen und den Gefesselten Befreiung. (Jes 61,1; vgl. Lk 4,18)
  • wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm. (Apg 10,38)

AS 26: Das ist ja richtig beeindruckend, wie Höfer seine Worte fast ganz aus dem Schatz der Bibel schöpft, angefangen mit dem Buch Exodus bis zur Apostelgeschichte.

AS 78: Ja, aber nach 50 Jahren wirkt doch manches in der Sprache veraltet: Singet, rühmet, besungen, erhob, Grab besingen, Duftwerk, bracht, rühmend, schaffe. Und dann noch die unsauberen Reime: Leid – Freud, gerettet – getötet, neu – frei.

AS 26: Egal, damals sprang mir besonders die „bibelfreie“ zweite Hälfte der ersten Strophe ins Auge, die ich als „Aufforderung zum Tanz“ verstand und mich auf die Idee brachte, „die Pracht, die den Jubel entfacht“, mit einer Melodie im 6/8-Takt verwirklichen, wie sie als Gigue die barocken Tanzsuite schließt.

AS 78: Na ja, mich erinnert das eher an Osterschunkeln.

AS 26: Auch Albert Höfer konnte sich so etwas nicht vorstellen. Er hatte den Text auf die Melodie von Lobe den Herren gedichtet.

AS 78: Dann lass uns mal die Tonart betrachten. Der erste Teil deiner Melodie bleibt tonartlich noch etwas unentschieden. Erst im zweiten Teil legt sich der melodische Verlauf mit dem angesprungenen c´ zu Beginn der zweiten Zeile und dem Schlusston auf die Tonart C dur fest.

Da ertönt plötzlich aus der Höhe die Stimme des Vaters von AS:

Mein Sohn, erinnerst du dich noch? Mir hat die Melodie damals so gut gefallen, dass ich für meinen Kirchenchor einen vierstimmigen Chorsatz schrieb.

AS 78: Und mir hat dein Satz so imponiert, dass ich ihn auf deine Webseite gestellt habe. Nebenbei bemerkt: Das „Lob der Auferstehung“ von 1966 wäre im Gotteslob 2013 unter den „echten” Osterliedern dasjenige mit der jüngsten Melodie gewesen. Die vorhandenen Melodien sind mindestens 100 Jahre älter, z.B. „Bleibe bei uns“ (325) von 1861, „Jesus lebt, mit ihm auch ich“ (336) von 1859 und „Freu dich, erlöste Christenheit“ (337) von 1838. An Ostern, wo wir das älteste Kirchenlied „Christ ist erstanden“ von 1120 singen, sind eben nur alte Melodien gefragt. Es gilt weiterhin: Halleluja lasst uns brüllen! [Auf einem Orgelvertretungsplan zum 5. Sonntag nach Ostern]

Anton Stingl jun.

Der Fall „Georg Thurmair“

Etwas vollmundig wird im Nachwort der Neuerscheinung „Die Lieder des Gotteslob. Geschichte – Liturgie – Kultur“ (2017) behauptet, dass dieses Kommentarwerk das erste sei, „das alle echten Lieder eines großen katholischen Gesangbuchs umfassend erschließt“. Die Herausgeber scheinen vergessen zu haben, dass das achtbändige *Werkbuch zum Gotteslob (1975‒1978), aus dem im ganzen Buch immer wieder zitiert wird, diesen Anspruch mit etwas anderer Akzentsetzung, vor allem im musikalischen Bereich, bereits vor vierzig Jahren erfüllt hat. Nach Aussage der Herausgeber „findet die musikalische Seite Aufmerksamkeit, steht aber nicht im Vordergrund“. Genau, sie steht eher im Hintergrund, was man an der für deutsche Ohren eher abschätzig klingenden Bezeichnung „Melodist“ für einen Liedkomponisten feststellen kann. Zur Produktion eines Liedes gehören immer zwei Personen, eine für den Text und eine für die Melodie. Im Idealfall sind beide in Personalunion vereint. Da es aber sehr schwierig ist, das Verhältnis von Melodie und Text angemessen zu beschreiben, haben sich die Herausgeber in diesem Punkt vorsichtshalber äußerster Zurückhaltung befleißigt.

Im Allgemeinen werden die Lieder des *Gotteslob im vorliegenden Kommentarwerk sachlich kommentiert; „doch wird in wenigen Fällen mit Kritik an schwachen Texten oder misslungenen Fassungen nicht hinterm Berg gehalten“. Besonders hart traf die Kritik den Dichter Georg Thurmair (1909‒1984), „eine wichtige Figur in der Kirchenliedgeschichte des 20. Jahrhunderts“.

Bei den ersten seiner – alphabetisch eingeordneten – Lieder zollt HK dem Dichter noch Lob. In Alles meinem Gott zu Ehren (Nr. 455,2‒4) „bleibt Thurmair der Form und dem Geist der ersten Strophe zweifellos besser treu als Bone und Mohr“. Bei Also sprach beim Abendmahle (Nr. 281) wird Thurmair von HK ziemlich großzügig als „Texter der einflussstarken Sammlung *Kirchenlied von 1938 bezeichnet. Richtig ist, dass in dieser Publikation von 1938 im Nachwort (aus guten Gründen!) nur „Die Bearbeiter“ genannt werden. Bei Lasst uns loben, freudig loben (Nr. 489) wird Thurmair von FRW als ein Autor bezeichnet, „der sich als Lyriker, Publizist und Kirchenlieddichter engagiert für die liturgische Erneuerung und die Ökumene eingesetzt hat“. Es wird sogar Thurmairs Interpretation des Liedes aus dem *Werkbuch zum Gotteslob VII zitiert.

Ab Nun lässest du, o Herr (Nr. 500) wird der Ton schärfer. Bei der Beurteilung des Textes ist bei HK von „religiösem Füllmaterial“ die Rede. „Anstelle von sechs Zeilen [Lobgesang des Simeon; Lk 2,29‒32] hat Thurmair achtzehn Zeilen Platz, was zu vielen Füllphrasen führt, die den Sinn des biblischen Gesangs verändern und vernebeln.“ … „Dem Hinzugefügten steht Weggelassenes gegenüber.“ Zu Nun singe Lob, du Christenheit (Nr. 487) bemerkt EF unter der süffisanten Überschrift „Einheitsjubel“: „Das mit Bibelzitaten gesättigte Lied betrachtet die Einheit der Christenheit als Folge der Liebe des dreieinigen Gottes und der christlichen Geschwister untereinander.“ Ist das ernst gemeint oder Satire? Zur Umdichtung des Psalms 98 zum Text von Nun singt ein neues Lied dem Herren (Nr. 551) schreibt SF: „Insgesamt orientiert sich der Text Thurmairs eng an dem motivischen Gehalt des Psalms, auch wenn sich im Vergleich zum zweiten und dritten Teil des Psalms einige wenige thematische Verschiebungen in der zweiten und dritten Strophe ergeben“. Ähnlich sachlich bleibt der Ton von AA bei O Herr, aus tiefer Klage (Nr. 271). „Das Ich des Liedes hat in seiner tiefen Klage, in seinen Schuldgefühlen und im Angesicht seiner Sünden eine Hoffnung: Es wendet sich an das gerechte Gericht Gottes, das zugleich auch ein barmherziges ist, denn der Richter ist niemand anders als der barmherzige Vater des in Strophe 3 herangezogenen Gleichnisses.“

Im Artikel zu O Licht der wunderbaren Nacht (Nr. 334) schlägt AA einen ganz anderen Ton an. Mit den Schlagworten „Unglückliche Auslassungen und glückliche Schuld“ wird bemängelt, dass Thurmair nur ausgewählte Motive des Exsultet, des Osterlobs der Lichtfeier der Osternacht, aufgreift. „Vollständig ausgespart werden die alttestamentlichen Bezugsstellen (der Durchzug durchs Rote Meer in Ex 14 ist eine unverzichtbare Lesung der Osternacht!) und die Taufthematik.“ Hallo AA, geht’s noch? Kennen Sie nicht den Antwortpsalm (Ex 15) nach der dritten Lesung, in dem das von Ihnen Geforderte besungen wird? Sie wissen doch, Verdoppelungen in der Liturgie sind zu vermeiden! Die Taufthematik ist nur dann relevant, wenn in der Osternacht tatsächlich eine Taufe stattfindet. Und noch eine profane Bemerkung: Drei Strophen sind in der langen Osternachtfeier wirklich genug! Im Übrigen freue ich mich, dass mein Lied Lob der Auferstehung direkt nach dem Osterjubel von Thurmair im *Kirchenlied II stand, auch wenn ich im Gegensatz zu Thurmair mit diesem Lied keinen Erfolg hatte.

Das ganz große Geschütz hat sich HK für Wir sind nur Gast auf Erden (Nr. 505) aufgehoben. Es beginnt zunächst mit Zuckerbrot: „Er [Thurmair] ebnete mit diesen beiden Büchern [Singeschiff (1934) und Kirchenlied (1938)] über dreißig evangelischen Liedern die Bahn in den katholischen Gottesdienst, wo sie noch heute meistens in den Fassungen gesungen werden, die Thurmair ihnen gegeben hat.“ Anschließend wird die Peitsche geschwungen: „Er war als Poet nur mittelmäßig, aber als Bearbeiter alter Lieder sehr talentiert.“ Dann holt HK zum Vernichtungsschlag aus: „Was Thurmair sonst damals schrieb, Lieder vom Typus Wir stehn im Kampfe und im Streit [Georgslied von Georg Thurmair], atmet den kernig-altdeutschen Geist, der damals in der Jugend Mode war.“ … „Er war in der Hitlerzeit zweifellos ein Oppositioneller, aber der Geist dieser Opposition war nicht freiheitlich, demokratisch oder sozialistisch, sondern antiliberal, konservativ-christlich und deutschnational. Man bekannte sich zu markigen Wahlsprüchen wie ‚Alles für Deutschland! Deutschland für Christus!‘ Man schwärmte vom ‚Ewigen Reich‘, das von Christkönig regiert werden sollte. Die Sammlung *Kirchenlied ist das bedeutendste Zeugnis dieser Opposition.“ Seien Sie froh, HK, dass Sie vom Dritten Reich nicht mehr viel mitbekommen haben! Wie hätten Sie opponiert? Was das *Kirchenlied betrifft, so bin ich froh, dass ich mit einem so bedeutenden Gesangbuch allerdings erst nach Beendigung des Tausendjährigen Reiches kirchenmusikalisch aufgewachsen bin.

Da HK offensichtlich nur einen halben guten Faden an Thurmair lässt, ist es nur logisch, dass Wir sind nur Gast auf Erden als „Endprodukt“ einer Bearbeitung  eingestuft wird. Die Vorlage ist Ich bin ein Gast auf Erden von Paul Gerhardt (EG Nr. 529). Statt für die Strophen 1, 4 und 5 die „zwei Drittel aller Vokabeln, Bilder und Aussagen“ aufzulisten, die aus dem Lied von Paul Gerhardt stammen, hätte HK auch umgekehrt zeigen können, wie Thurmair den barocken Text Gerhardts von zwölf Strophen auf drei Strophen konzentrierte. HK erkennt sowohl das Lied von Gerhardt als auch von Thurmair als weltflüchtig. „In dieser Weltflüchtigkeit liegt seine Kraft.“ Der folgende Abschnitt klingt fast wie eine Versöhnung mit dem zuvor gebeutelten Thurmair. „Thurmairs Lied deutet an, dass man sich entscheiden muss, … ob man mit Hitler zieht oder dem Licht folgt.“

Es ist gewisslich an der Zeit (EG 149), die Autorenkürzel der beteiligten Bearbeiter aufzulösen.
HK: Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Kurze, Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Gesangbucharchiv Mainz, ist selbst einer der Herausgeber. Alle Artikel wurden von ihm bzw. „vom Herausgeberteam redaktionell durchgesehen und überarbeitet.“
AA: Dipl.-Theol. Andrea Ackermann, Liturgiewissenschafts-Promovendin und Mitarbeiterin im Gesangbucharchiv Mainz.
FRW: Franz-Rudolf Weinert, Dompfarrer in Mainz.
EF: Dr. Elisabeth Fillmann, Gesangbucharchiv Mainz.
SF: ist nicht im Verzeichnis der Autorenkürzel zu finden. Infrage kommen dürfte Dr. Siri Fuhrmann, Assistentin für Liturgiewissenschaft und Homiletik in Mainz.
Zum Glück hielten sich die meisten Autoren an die geforderte „wissenschaftliche Seriosität“ und überließen den „frischen Ton“ ihrem Herausgeber und seiner jüngsten Mitarbeiterin AA.

Anton Stingl jun.

Alle Zitate aus: Ansgar Franz/Hermann Kurzke/Christiane Schäfer(Hrsg.), Die Lieder des Gotteslob. Geschichte ‒ Liturgie ‒ Kultur. Bibelwerk Stuttgart 2017

Der Blogbeitrag vom 1.5.2018 wurde am 14.5.2018 überarbeitet, weil bedauerlicherweise die Autorenkürzel AA und HK bei O Licht der wunderbaren Nacht (Nr. 334) verwechselt wurden. Ich bitte das Versehen zu entschuldigen.