Der Fall „Georg Thurmair“

Etwas vollmundig wird im Nachwort der Neuerscheinung „Die Lieder des Gotteslob. Geschichte – Liturgie – Kultur“ (2017) behauptet, dass dieses Kommentarwerk das erste sei, „das alle echten Lieder eines großen katholischen Gesangbuchs umfassend erschließt“. Die Herausgeber scheinen vergessen zu haben, dass das achtbändige *Werkbuch zum Gotteslob (1975‒1978), aus dem im ganzen Buch immer wieder zitiert wird, diesen Anspruch mit etwas anderer Akzentsetzung, vor allem im musikalischen Bereich, bereits vor vierzig Jahren erfüllt hat. Nach Aussage der Herausgeber „findet die musikalische Seite Aufmerksamkeit, steht aber nicht im Vordergrund“. Genau, sie steht eher im Hintergrund, was man an der für deutsche Ohren eher abschätzig klingenden Bezeichnung „Melodist“ für einen Liedkomponisten feststellen kann. Zur Produktion eines Liedes gehören immer zwei Personen, eine für den Text und eine für die Melodie. Im Idealfall sind beide in Personalunion vereint. Da es aber sehr schwierig ist, das Verhältnis von Melodie und Text angemessen zu beschreiben, haben sich die Herausgeber in diesem Punkt vorsichtshalber äußerster Zurückhaltung befleißigt.

Im Allgemeinen werden die Lieder des *Gotteslob im vorliegenden Kommentarwerk sachlich kommentiert; „doch wird in wenigen Fällen mit Kritik an schwachen Texten oder misslungenen Fassungen nicht hinterm Berg gehalten“. Besonders hart traf die Kritik den Dichter Georg Thurmair (1909‒1984), „eine wichtige Figur in der Kirchenliedgeschichte des 20. Jahrhunderts“.

Bei den ersten seiner – alphabetisch eingeordneten – Lieder zollt HK dem Dichter noch Lob. In Alles meinem Gott zu Ehren (Nr. 455,2‒4) „bleibt Thurmair der Form und dem Geist der ersten Strophe zweifellos besser treu als Bone und Mohr“. Bei Also sprach beim Abendmahle (Nr. 281) wird Thurmair von HK ziemlich großzügig als „Texter der einflussstarken Sammlung *Kirchenlied von 1938 bezeichnet. Richtig ist, dass in dieser Publikation von 1938 im Nachwort (aus guten Gründen!) nur „Die Bearbeiter“ genannt werden. Bei Lasst uns loben, freudig loben (Nr. 489) wird Thurmair von FRW als ein Autor bezeichnet, „der sich als Lyriker, Publizist und Kirchenlieddichter engagiert für die liturgische Erneuerung und die Ökumene eingesetzt hat“. Es wird sogar Thurmairs Interpretation des Liedes aus dem *Werkbuch zum Gotteslob VII zitiert.

Ab Nun lässest du, o Herr (Nr. 500) wird der Ton schärfer. Bei der Beurteilung des Textes ist bei HK von „religiösem Füllmaterial“ die Rede. „Anstelle von sechs Zeilen [Lobgesang des Simeon; Lk 2,29‒32] hat Thurmair achtzehn Zeilen Platz, was zu vielen Füllphrasen führt, die den Sinn des biblischen Gesangs verändern und vernebeln.“ … „Dem Hinzugefügten steht Weggelassenes gegenüber.“ Zu Nun singe Lob, du Christenheit (Nr. 487) bemerkt EF unter der süffisanten Überschrift „Einheitsjubel“: „Das mit Bibelzitaten gesättigte Lied betrachtet die Einheit der Christenheit als Folge der Liebe des dreieinigen Gottes und der christlichen Geschwister untereinander.“ Ist das ernst gemeint oder Satire? Zur Umdichtung des Psalms 98 zum Text von Nun singt ein neues Lied dem Herren (Nr. 551) schreibt SF: „Insgesamt orientiert sich der Text Thurmairs eng an dem motivischen Gehalt des Psalms, auch wenn sich im Vergleich zum zweiten und dritten Teil des Psalms einige wenige thematische Verschiebungen in der zweiten und dritten Strophe ergeben“. Ähnlich sachlich bleibt der Ton von AA bei O Herr, aus tiefer Klage (Nr. 271). „Das Ich des Liedes hat in seiner tiefen Klage, in seinen Schuldgefühlen und im Angesicht seiner Sünden eine Hoffnung: Es wendet sich an das gerechte Gericht Gottes, das zugleich auch ein barmherziges ist, denn der Richter ist niemand anders als der barmherzige Vater des in Strophe 3 herangezogenen Gleichnisses.“

Im Artikel zu O Licht der wunderbaren Nacht (Nr. 334) schlägt AA einen ganz anderen Ton an. Mit den Schlagworten „Unglückliche Auslassungen und glückliche Schuld“ wird bemängelt, dass Thurmair nur ausgewählte Motive des Exsultet, des Osterlobs der Lichtfeier der Osternacht, aufgreift. „Vollständig ausgespart werden die alttestamentlichen Bezugsstellen (der Durchzug durchs Rote Meer in Ex 14 ist eine unverzichtbare Lesung der Osternacht!) und die Taufthematik.“ Hallo AA, geht’s noch? Kennen Sie nicht den Antwortpsalm (Ex 15) nach der dritten Lesung, in dem das von Ihnen Geforderte besungen wird? Sie wissen doch, Verdoppelungen in der Liturgie sind zu vermeiden! Die Taufthematik ist nur dann relevant, wenn in der Osternacht tatsächlich eine Taufe stattfindet. Und noch eine profane Bemerkung: Drei Strophen sind in der langen Osternachtfeier wirklich genug! Im Übrigen freue ich mich, dass mein Lied Lob der Auferstehung direkt nach dem Osterjubel von Thurmair im *Kirchenlied II stand, auch wenn ich im Gegensatz zu Thurmair mit diesem Lied keinen Erfolg hatte.

Das ganz große Geschütz hat sich HK für Wir sind nur Gast auf Erden (Nr. 505) aufgehoben. Es beginnt zunächst mit Zuckerbrot: „Er [Thurmair] ebnete mit diesen beiden Büchern [Singeschiff (1934) und Kirchenlied (1938)] über dreißig evangelischen Liedern die Bahn in den katholischen Gottesdienst, wo sie noch heute meistens in den Fassungen gesungen werden, die Thurmair ihnen gegeben hat.“ Anschließend wird die Peitsche geschwungen: „Er war als Poet nur mittelmäßig, aber als Bearbeiter alter Lieder sehr talentiert.“ Dann holt HK zum Vernichtungsschlag aus: „Was Thurmair sonst damals schrieb, Lieder vom Typus Wir stehn im Kampfe und im Streit [Georgslied von Georg Thurmair], atmet den kernig-altdeutschen Geist, der damals in der Jugend Mode war.“ … „Er war in der Hitlerzeit zweifellos ein Oppositioneller, aber der Geist dieser Opposition war nicht freiheitlich, demokratisch oder sozialistisch, sondern antiliberal, konservativ-christlich und deutschnational. Man bekannte sich zu markigen Wahlsprüchen wie ‚Alles für Deutschland! Deutschland für Christus!‘ Man schwärmte vom ‚Ewigen Reich‘, das von Christkönig regiert werden sollte. Die Sammlung *Kirchenlied ist das bedeutendste Zeugnis dieser Opposition.“ Seien Sie froh, HK, dass Sie vom Dritten Reich nicht mehr viel mitbekommen haben! Wie hätten Sie opponiert? Was das *Kirchenlied betrifft, so bin ich froh, dass ich mit einem so bedeutenden Gesangbuch allerdings erst nach Beendigung des Tausendjährigen Reiches kirchenmusikalisch aufgewachsen bin.

Da HK offensichtlich nur einen halben guten Faden an Thurmair lässt, ist es nur logisch, dass Wir sind nur Gast auf Erden als „Endprodukt“ einer Bearbeitung  eingestuft wird. Die Vorlage ist Ich bin ein Gast auf Erden von Paul Gerhardt (EG Nr. 529). Statt für die Strophen 1, 4 und 5 die „zwei Drittel aller Vokabeln, Bilder und Aussagen“ aufzulisten, die aus dem Lied von Paul Gerhardt stammen, hätte HK auch umgekehrt zeigen können, wie Thurmair den barocken Text Gerhardts von zwölf Strophen auf drei Strophen konzentrierte. HK erkennt sowohl das Lied von Gerhardt als auch von Thurmair als weltflüchtig. „In dieser Weltflüchtigkeit liegt seine Kraft.“ Der folgende Abschnitt klingt fast wie eine Versöhnung mit dem zuvor gebeutelten Thurmair. „Thurmairs Lied deutet an, dass man sich entscheiden muss, … ob man mit Hitler zieht oder dem Licht folgt.“

Es ist gewisslich an der Zeit (EG 149), die Autorenkürzel der beteiligten Bearbeiter aufzulösen.
HK: Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Kurze, Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Gesangbucharchiv Mainz, ist selbst einer der Herausgeber. Alle Artikel wurden von ihm bzw. „vom Herausgeberteam redaktionell durchgesehen und überarbeitet.“
AA: Dipl.-Theol. Andrea Ackermann, Liturgiewissenschafts-Promovendin und Mitarbeiterin im Gesangbucharchiv Mainz.
FRW: Franz-Rudolf Weinert, Dompfarrer in Mainz.
EF: Dr. Elisabeth Fillmann, Gesangbucharchiv Mainz.
SF: ist nicht im Verzeichnis der Autorenkürzel zu finden. Infrage kommen dürfte Dr. Siri Fuhrmann, Assistentin für Liturgiewissenschaft und Homiletik in Mainz.
Zum Glück hielten sich die meisten Autoren an die geforderte „wissenschaftliche Seriosität“ und überließen den „frischen Ton“ ihrem Herausgeber und seiner jüngsten Mitarbeiterin AA.

Anton Stingl jun.

Alle Zitate aus: Ansgar Franz/Hermann Kurzke/Christiane Schäfer(Hrsg.), Die Lieder des Gotteslob. Geschichte ‒ Liturgie ‒ Kultur. Bibelwerk Stuttgart 2017

Der Blogbeitrag vom 1.5.2018 wurde am 14.5.2018 überarbeitet, weil bedauerlicherweise die Autorenkürzel AA und HK bei O Licht der wunderbaren Nacht (Nr. 334) verwechselt wurden. Ich bitte das Versehen zu entschuldigen.

Missglückte Bergtour − GL 363

Der Tabor ist mit einer Höhe von 588 Metern eine wirklich imposante Erscheinung. Er überrascht durch seine unerwartete Höhe von 300 m über der umliegenden flachen Landschaft. Nach Aussagen des Alten Testaments war früher hier richtig was los. „Sie [Debora] sandte hin, rief Barak, den Sohn Abinoams aus Kedesch-Naftali, herbei und sagte zu ihm: Befiehlt der HERR, der Gott Israels, nicht: Geh hin, zieh auf den Berg Tabor und nimm zehntausend Mann von den Naftalitern und den Sebulonitern mit dir?“ (Ri 4,6) „Da sagte Debora zu Barak: Auf! Denn das ist der Tag, an dem der HERR den Sisera in deine Hand gegeben hat. Ist nicht der HERR vor dir her ausgezogen? Barak zog also vom Berg Tabor herab, zehntausend Mann hinter sich.“ (Ri 4,14) „Hört dies, ihr Priester! Gebt Acht, ihr vom Haus Israel! Horcht auf, ihr aus dem Königshaus! Denn ihr seid die Hüter des Rechts. Doch ihr wurdet für das Volk zu einer Falle in Mizpa, zu einem Netz, das auf dem Tabor ausgespannt ist.“ (Hos 5,1).  „Nord und Süd hast du geschaffen, Tabor und Hermon jauchzen bei deinem Namen.“ (Ps 89,13). Noch an weiteren neun Stellen wird der Berg Tabor erwähnt.

Im Neuen Testament ist der Tabor nicht zu finden. Der nicht näher bezeichnete Berg der Verklärung wird nach christlicher Tradition mit dem Berg Tabor identifiziert. Der Priester und Liederdichter Peter Gerloff (geb. 1957) gesellt in seinem Liedtext den drei Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes noch Kinder zu, die beim Aufstieg, auf dem Gipfel und beim Abstieg unbekümmert ihre Wünsche äußern: „Herr, nimm auch uns … mit“, „Lass unsre Hoffnung … zu Gott aufsteigen“, „Mach uns für Gottes Reich bereit“, „Dann geh mit uns vom Berg hinab“, „sei uns Weg und Wanderstab“. Die Kinder sind sich offensichtlich ganz sicher, dass all ihre Wünsche erfüllt werden: „Du wirst auch uns verklären.“

Der Kölner Kirchenmusikdirektor Richard Mailänder (geb. 1958) hat sich nach Meinrad Walter (Konradsblatt 8/2018) zu einer  „Bergtour“ aufgemacht, um die Route zu musikalisch zu untermalen. Offensichtlich prophezeite Mailänder der Tour von Anfang an wenig Aussicht auf Erfolg, denn er wählte das triste D moll als Tonart des Liedes. Die Wanderer sind verunsichert, weil Mailänder den 3/2-Takt anstelle des beim Wandern üblichen 4/4-Taktes wählte. Wichtige Worte fallen dabei auf unbetonten Zeiten: „Herr, nimm auch uns zum Tabor mit“, „Lass unsre Hoffnung Schritt für Schritt“, „Dann geh mit uns vom Berg hinab“. Zum Marschrhythmus würde die Halbe Note auf der Eins des ersten Taktes passen, aber sie steht leider gegen die kurze Aussprache von „Herr“, „Lass“, „Mach“, „Dann“, „und“. Ob „dein Licht zu zeigen“ und „zu Gott aufsteigen“ den Komponisten veranlasst haben, zum Oktavton aufzusteigen, sei dahin gestellt. Auf alle Fälle ist es im Hinblick auf den Schluss völlig unlogisch bei dieser relativ kurzen Bergtour den Gipfel zweimal (eigentlich dreimal) zu besteigen. Ob es am Tabor wirklich eine so gefährliche Stelle wie die letzten zwei Takte gibt, weiß ich nicht. Musikalisch wird hier jedenfalls die siebte Stufe im Sprung erreicht.  Nach dem Klimmzug auf die achte Stufe passiert es: Ein Oktavsturz in die Tiefe. Vorbei ist es mit dem Weg „ins Tal“. Da hilft nur die Bergrettung. Die versucht jetzt das ganze neu zusammenzusetzen.

Die Herausgeber des Gotteslobs 2013 waren offenbar selbst nicht davon überzeugt, dass die Melodie von Mailänder ein Hit wird. Sie haben deshalb vorsichtshalber „Gelobt seist du Herr Jesus Christ“ (Nr. 375) als Alternativmelodie angegeben. Die Dur-Melodie des Spätromantikers Josef Venantius von Wöß passt aber wie die Faust aufs Auge zum Tabor-Text. Leider ist dieses Ersatzlied alternativlos, weil es zum Strophenschema 8/7/8/7/7/4 kein anderes Lied im Gotteslob gibt.

Anton Stingl jun.

Amen, wir glauben

Manche Dinge  fallen einem erst richtig auf, wenn man sie selbst erlebt hat. So ging es mir neulich, als beim Mitarbeiterfest der Pfarrgemeinde am Sonntag vermutlich zur Erhöhung der Feierlichkeit das Apostolische Glaubensbekenntnis  aus dem Gotteslob (Nr. 178) gesungen wurde.

Bei dieser Vertonung muss die Gemeinde, bevor sie auch nur einen einzigen Glaubenssatz gehört hat, mit dreimaligem „Amen“ ihre Zustimmung beteuern. Das „Amen“ steht eigentlich erst am Ende eines Gebets. Nach der Intonation durch den Priester beginnt hier ein Dialog zwischen einem modellgestützten Kantorengesang und der Gemeindeakklamation.  Nach  der zweiten (hier: dritten) Akklamation weicht die Kantorenmelodie vom ersten Modell ab und steigt in die Tiefen des Todes hinab, von wo sie wieder auffahren muss in die Höhen des Himmels. Dort endet die Melodie vor der Akklamation nicht mit dem sonst üblichen Ton „a“, sondern mit „h“. Steht „h“ für Himmel? Zum Glück entsprach die Stimmlage der Kantorin der tiefen Grabespartie. Was machen aber höhere Stimmen an dieser Stelle? Während dieser 72 Töne währenden Episode durfte die Gemeinde nur den stimmlichen Bemühungen der Kantorin zuhören und auf den nächsten Einsatz warten. Bei „Er sitzt zur Rechten Gottes“ wechselt wiederum das Modell. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass die Position dieser „Rechten“ ziemlich weit oben ist, verharrt das Modell in mittlerer Lage. Erst bei der „Gemeinschaft der Heiligen“ wird wieder das erste Melodiemodell mit dem Spitzenton „c“ eingesetzt. Die „Auferstehung der Toten“ berührt erneut die Grabestiefe. „Das ewige Leben“ wird auf gleiche Melodie wie „die Lebenden und die Toten“ gesungen, scheint also nichts Besonderes zu sein.

Hier wollte jemand (GGB 2009) mit untauglichen Mitteln den Text „ver-tonen“ und die Gemeinde nur an jenen Stellen beteiligen, an denen in der ökumenischen Fassung ein Punkt steht: „… und der Erde.“ „… und die Toten.“  „… das ewige Leben.“ Weil das dem Bearbeiter doch ein wenig dürftig erschien, gestattete er noch eine Stelle, bei der in der lateinischen Fassung ein Doppelpunkt steht: „…unsern Herrn:“ und eine weitere mit einem Semikolon: „…in den Himmel;“  Weil  die Gemeinde mit der einfachen Akklamation „Amen, wir glauben“ an diesen wenigen Stellen nur kurz zu Wort kommt, hat man die Akklamation durch die Verdreifachung des „Amen“ künstlich verlängert. Nach Mt 5,37 „sei aber eure Rede: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ Auch „getretener Quark wird nur breit, nicht stark“. Am sinnvollsten wäre überhaupt keine Verdoppelung.

Ein solche Vertonung ohne Verdoppelung gab es bereits im Gotteslob 1975, wo Fritz Schieri das Apostolische Glaubensbekenntnis III (Nr. 448) nach einem variierten Modell gestaltet hat und bei dem die Gemeinde regelmäßig mit der Akklamation „Amen, wir glauben“ zustimmt. Gegen diese Vertonung könnte man einwenden, dass sie einen Ton zu hoch notiert ist, im unbeliebten III. Ton steht und einen geübten Kantor erfordert. Das waren wohl die Gründe, das Stück nicht wieder aufzunehmen. Da aber der Ersatz im Gotteslob 2013 mit Mängeln behaftet ist, schlage ich die nachfolgende Korrektur vor. Dabei gestehe ich gerne, dass das Ergebnis in vielem  dem Apostolischen Glaubensbekenntnis  I von Josef Seuffert im Gotteslob  1975 (Nr. 479) gleicht. Er benutzt für die Abschnitte ein dreiteiliges Modell, die Rezitation erfolgt im ersten Teil auf g, in den anderen Teilen auf a. Den Abschluss auf g übernimmt jetzt die Akklamation. Es gibt nichts Neues unter der Sonne (Koh 1,9)!

Anton Stingl jun.

Septuagesima

In der ersten Nummer des Jahres 2018 stellte „chrismon – das Evangelische Magazin“ unter der Rubrik „Kreuz und Quer“ drei Fragen zum Thema Epiphanias. Die dritte Frage lautete:

Die beiden letzten Antworten sind unschwer als Unsinn zu erkennen. Bei den beiden ersten dagegen kann man durchaus ins Grübeln kommen. Denn sowohl Septuagesimae und Sexagesimae wie auch Estomihi sind Namen der ersten drei Sonntage vor Ostern oder der Sonntage der Vorpassionszeit, wie diese Zeit in der evangelischen Kirche benannt wird. In der katholischen Kirche hieß die Zeit bis zur Liturgiereform 1969 Vorfastenzeit. Da Invokavit der Name des ersten Passionssonntags ist, musste man also das erste Kästchen ankreuzen.

Zur Namensgebung der drei Sonntage ist anzumerken, dass im katholischen Bereich die Formen Septuagesima, Sexagesima und anstelle von Estomihi Quinquagesima gebräuchlich waren. Das Wort « Septuagesima [dies] » bedeutet „der 70.“ Tag vor Ostern. Wenn man nachrechnet, kommt man allerdings nur auf 63 Tage. Wie ist die Differenz zu erklären? Entweder man bezieht die Osterwoche in die Rechnung mit ein oder man deutet die Zahl symbolisch, die auf die 70 Jahre währende babylonische Gefangenschaft des Volkes Israel hinweist. Die beiden anderen Sonntage werden ihrem Namen folgend am 60. und 50. Tag gefeiert. Die Zahl 40 der Tage der Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern ergibt sich, wenn man von  den 46 Tagen bis Ostern die Anzahl der Sonntage abzieht, an denen bekanntlich nicht gefastet wurde. Die symbolische Deutung der Zahl 40 bezieht sich auf die 40 Tage, die Jesus in der Wüste gefastet hat.

Im evangelischen Bereich wird  bei den Bezeichnungen Septuagesimae und Sexagesimae der lateinische Genitiv „explicativus“ verwendet, was im Grunde dasselbe wie Sonntag „Septuagesima“ bzw. „Sexagesima“ bedeutet. Die beiden anderen Sonntage Estomihi und Invokavit leiten ihren Namen vom Anfang des Introitus des jeweiligen Sonntags im katholischen Gottesdienst her: « Esto mihi » − „Werde mir zum Gott“ und « Invocabit » − „Anrufen wird er mich“. Im katholischen Bereich sind nur noch « Gaudete » − „Freut euch im Herrn“ und « Laetare » − „Sei fröhlich, Jerusalem“ als Namen für zwei Sonntage in der Advents- bzw. Fastenzeit üblich. Die Namen der Fastensonntage 2 – 6 und des „Weißen“ Sonntags werden auch in einem in Jägerkreisen bekannten Merkvers zum Schnepfenstrich, dem Balzflug der Waldschnepfe, genannt.

Reminiscere, putz die Gewehre;
Oculi, da kommen sie;
Laetare, das ist das Wahre;
Judica, sie sind noch da,
Palmarum, trallarum,
Quasimodogeniti –
Halt, Jäger, halt, jetzt brüten sie!

Der Sonntag Septuagesima zu Beginn der Vorfastenzeit hatte im Mittelalter eine ganz besondere Bedeutung. Denn an ihm wurde das Alleluia verabschiedet, was Wilhelm Durandus im 13. Jahrhundert so beschreibt: „Wir verabschieden uns vom Alleluia wie von einem lieben Freund, den wir vielmals umarmen und auf Mund, Kopf und Hände küssen, bevor wir uns von ihm trennen“.

Der Brauch der « depositio alleluiæ », der „Absetzung des Alleluia“, wird auf eine Anordnung Papst Gregors des Großen (um 590–604) zurückgeführt; in Deutschland gab es den Brauch sicher seit der Synode von Aachen (817). Die Verabschiedung geschah am Vorabend in der Vesper oder in den nächtlichen Gottesdiensten der Matutin und Laudes, an die sich eigenartige Volksbräuche  anschlossen, in denen  das Alleluia „abgestellt, eingeschlossen, aufgehängt, entlassen, verbrannt, beerdigt“ wurde, wie es in den verschiedenen Ritualien heißt. Aus Chartres wird von einem « Alléluia fouetté » − „einem gepeitschten Alleluia“ berichtet. Zunächst wurden in der Matutin alle Psalmen mit Alleluia-Antiphonen umrahmt,  wie sie heute noch in der evangelischen und katholischen Kirche gesungen werden:

1. EG 181.2 ö                                           2. GL 176,2 ö

   
  1. EG 181,3 ö                                          4. GL 584,8 ö
   
  1. GL 175,5                                             6. GL 175,2

Der Buchstabe ö(kumenisch) bei den ersten vier Beispielen bedeutet, dass sie aus einer Vorschlagsliste ökumenischer Lieder stammen. Auf absolute Gleichheit der Lieder in den Gesangbüchern wird aber keine Garantie gegeben. Die ersten beiden Beispiele unterscheiden sich wenigstens nur in der Tonhöhe. In der zweiten Zeile zeigt das Gotteslob die originale gregorianische Fassung. Das Evangelische Gesangbuch weicht in der zweiten Hälfte bei der Textverteilung ab. Die letzte Antiphon (GL 175,2) wurde beim Abschied des Alleluia garantiert nicht gesungen, weil sie für die Begrüßung des Alleluia in der Osternacht reserviert war.

Nach den Psalmen wurde der bis heute beim „Farewell to Alleluia“ in englischsprachigen Ländern bekannte Hymnus « Alleluia, dulce carmen » − Alleluia, süßes Lied“ angestimmt. Die Texte der Responsorien setzten das Alleluia in Szene, indem sie über seine Abreise weinen und seine Süße loben: „Alleluia! Guter Ruf ist kostbarer als großer Reichtum“ – oder indem sie die Gerechtigkeit Gottes gegen seine Vertreibung anrufen: „Alleluia! Führe meine Sache“. Auch in den Laudes umrahmten Alleluia-Antiphonen die Psalmen. Im Alleluia-Offizium von Auxerre aus dem 13. Jahrhundert wurde jedem folgenden Halbvers des Psalms 148 ein Alleluia mehr angehängt, sodass dem letzten Vers achtundzwanzig Alleluia folgten. Der Gottesdienst endete mit dem Ruf, der als einziger von dem Ritus erhalten blieb.

                                     Preisen wir den Herrn, halleluja, halleluja.
                                     Dank sei Gott, halleluja, halleluja.

Am Ende der Laudes schloss sich in Chartres eine gespenstische Szene an:
„In der vorangehenden Woche kaufte man den Kindern zwölf Kreisel und zwölf Peitschen für zwölf Sol und einen Gürtel oder ein Schaffell für vier Sol. Wenn der Sonntag Septuagesima kam, warfen die Kinder am Ende der Laudes, nach dem letzten Abschiedsruf für das Alleluia, ihre Kreisel in den Chor, peitschten sie und brachten sie zum Tanzen. Sie jagten dann das Kirchenschiff hinauf um den Chor herum und trieben sie durch das große Kirchenschiff auf den Vorplatz, während alle versammelten Kanoniker und eine Menge von Leuten sie betrachteten. Die auf diese Weise geworfenen Kreisel stellten das Alleluia dar, das bis zum Karsamstag aus dem Tempel vertrieben wurde.“

Nicht nur die katholische Kirche hat inzwischen Abschied von Septuagesima und seinem alten Brauch genommen, auch die evangelische  Kirche verzichtet ab 2019 auf den Sonntag Septuagesimae, wenn Ostern wie in diesem Jahr vor dem 7. April liegt (im Schaltjahr: 6. April).

Anton Stingl jun.

Ein Haifisch im II. Modus

In der Silvesternacht 2017 treffen sich der 77jährige AS und sein 26jähriges Alter Ego. Sie sprechen in Fortsetzung der „Silvestergespräche eines Sechsecks“ über sieben Lieder, die AE im Jahre 1966 für das das „Kirchenlied II“ komponiert hat. Dieser zweite Band sollte das legendäre „Kirchenlied  I“ von 1938 mit neuen Psalm- und Christusliedern ergänzen und das Liedgut im Gemeindegottesdienst bereichern.

AS: Erzähl mir doch, wie es zu diesem Auftrag gekommen ist.

AE: Mit der Familie des Herausgebers Josef Diewald war ich gut befreundet. Als die Auswahlkommission jemanden suchte, der ihr die eingesandten Lieder vorsingen und vorspielen konnte, fiel die Wahl auf mich. Als nicht alle Kompositionen bei der Kommission allgemeinen Beifall fanden, wurde ich um meine Meinung gebeten. Das Ergebnis war, dass ich schließlich sieben Texte bekam, denen ich ein neues musikalisches Gewand geben sollte. Das erste der sieben Lieder war „Herr der Könige der Erde“ zum Fest der „Erscheinung des Herrn“.

AS: Ich erinnere mich, dass ich im Beitrag „Meine Gesangbücher“ über diese Geschichte bereits berichtet habe. – Wusstest du damals, wer der Mann war, dessen Text du vertont hast?

AE:  Nein. Ich habe nur den Text daraufhin kontrolliert, ob der Rhythmus in allen Strophen stimmt und der Höhepunkt immer an der gleichen Stelle liegt, was bei einem Strophenlied wichtig ist.

AS: Da kann ich dir also noch etwas Nachhilfeunterricht geben. Albert Höfer stammt aus Salzburg, hat zunächst in Salzburg Philosophie und Theologie, später in München u.a. bei Romano Guardini, in Wien und Graz ebenfalls Theologie studiert und wurde 1959 zum Priester geweiht. Es folgten 1963 die Promotion und 1966 die Habilitation mit dem Thema „Biblische Katechese“. In dieser Zeit entstanden die Liedtexte für das Kirchenlied II.  Nach seiner vollständigen Erblindung 1977 arbeitete er als Gestaltpsychologe.

AE:  Gestaltpsychologe?

AS: Ein wichtiger Satz in der Gestaltpsychologie ist: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“.

AE: Aha! Wenn du so fleißig recherchiert hast, dann hast du sicher auch herausgefunden, worauf sich der Text von Albert Höfer stützt.

AS: Ja, er bezieht sich fast ausschließlich auf die Bibel. Ich habe zu jeder Strophe die Bibelzitate aufgelistet, die zum Text einen Bezug haben.

1. Herr der Könige der Erde, dein ist die Gewalt und Macht; Herrschaft ruht in deinen Händen, Ruhm und königliche Pracht; und durch eines Sternes Strahlen machst du helle unsre Nacht.

  • Herrscher über die Könige der Erde. (Offb 1,5)
  • Ihm … gebührt die Herrlichkeit, Hoheit, Macht und Gewalt. (Jud 25)
  • Preist den HERRN, …, an jedem Ort seiner Herrschaft.(Ps 103,22)
  • Deine Mauern nennst du Heil und deine Tore Ruhm. (Jes 60,18)
  • Hoheit und Pracht ist sein Walten. (Ps 111,3)
  • Wir haben seinen Stern aufgehen sehen. (Mt 2,2)

2. Sei gepriesen, der mit Sündern zu dem Bad der Taufe zieht! Du bist unter deines Vaters Wohlgefallen aufgeblüht: Dich hat er mit Kraft gesalbet, mit des Geistes Glanz durch­glüht.

  • Sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. (Mt 3,6)
  • Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen (Mk 1,11)
  • wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft (Apg 10,38)

3. Du die Quelle allen Lebens, du der Herr des Geistes bist, du das Haupt, von dem er nieder zu des Leibes Gliedern fließt und in unsre müden Herzen Hoffnung und Erquickung gießt.

  • Denn bei dir ist die Quelle des Lebens (Ps 36,10)
  • Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. (Kol 3,15)
  • …, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geiste (Röm 15,13)
  • Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. (Mt 11,28)

4. Lass uns, Christus, deine Gäste bei dem Mahl der Freude sein! Wandle unsrer Mühsal Wasser wiederum zu bestem Wein, dass wir deine Glorie schauen und uns deines Glanzes freun!

  • Dort sollt ihr vor dem HERRN, eurem Gott, das Mahl Ihr sollt fröhlich sein, ihr und eure Familien, aus Freude über alles, was eure Hände geschafft haben. (5 Mo 12,7)
  • Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. (Joh 2,9)

5. Du lässt uns beim Hochzeitsmahle ruhen von der Erde Mühn: sieh, in ungezählten Scharen die Erwählten zu dir ziehn, tragen singend deinem Throne ihres Lobes Gaben hin.

  • Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist! (Offb 19,9)
  • Danach sah ich und siehe, eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. (Offb 7,9)
  • Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron … (Offb 14,3)

6. Betet an und bringet wieder Weihrauch unserm großen Gott! Huldigt ihm mit reinem Golde, wie man es dem König bot! Weiht der Myrrhe heil’ge Gabe seinem Grab und seinem Tod!

  • Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. (Mt 2,11)

AE: Ich hatte damals nicht gesehen, wie Albert Höfer beispielhaft die Intention der Herausgeber erfüllte, neue Liedtexte zu schaffen, die direkt aus der Bibel schöpfen und den Bezug zum Menschen herstellen. Eine Frage noch: Wie hast es in der kurzen Zeit vom 29. Dezember bis jetzt geschafft, die Zitate aufzuspüren?

AS: Das Internet und BibleServer.com machen es möglich. Man findet dort sogar die Einheitsübersetzung 2016. – Jetzt musst du mir aber erzählen, wie du beim Komponieren vorgegangen bist.

AE: Nach Robert Schumanns Haus-und Lebensregeln ist der erste Einfall der beste. Mir jedenfalls fiel damals, als ich den Text las, sofort die Melodie der Moritat von Mackie Messer ein.

Mackie Messer g

AS: Ah, ich sehe schon. Du hast nur den Anfang und den Schluss der Melodie benutzt.

AE: Ohne den balladenhaften punktierten Rhythmus und die drehleierartigen Wiederholungen. Dafür mit Imitationen und im Schlussteil mit Umkehrungen des Motivs. Es war immerhin ein Teil eines Ohrwurms, von dem Martin Luther auch gesagt hätte, man dürfe ihn nicht dem Teufel überlassen.

AS: War dir damals schon klar, dass du damit eine Melodie im II. Modus geschrieben hast, die am Erscheinungsfest im Introitus „Ecce advenit dominator Dominus“ (Sie, es kommt der Herrscher, der Herr) und im Alleluia „Vidimus stellam eius“ (Wir sahen seinen Stern) verwendet wird? Da hast du also mit der Tonart voll ins Schwarze getroffen, obwohl Adam von Fulda im 15. Jahrhundert behauptete, der II. Modus sei nur für die Traurigen.

AE: Hinterher ist man immer schlauer. Aber sag, was hast du eigentlich mit diesem Lied zu tun?

AS: Das will ich dir erklären. Das „Kirchenlied II“ fand nach seinem Erscheinen 1967 keine große Verbreitung, weil bereits 1975 das „Gotteslob“, das gemeinsame Gesangbuch für alle Diözesen, erschien. Im Bistum Hildesheim wurde das Lied „Herr der Könige der Erde“ als einziges deiner Lieder in den Diözesaneigenteil aufgenommen. Bei der Neuauflage 2013 blieb es erhalten und ich durfte einen Orgelsatz dazu anfertigen. Ich hoffe, er findet deine Zustimmung.

Herr der Könige der Erde (Stingl)

AE: Na ja, ein bisschen traditionell ist er schon! Aber ich höre auch Anklänge an Hindemith. Sehr schön, dass sich der Bass meist schrittweise bewegt und im viert- und drittletzten Takt Imitationen der Melodie zeigt.

AS: Es ist gleich zwölf Uhr. Womit wollen wir auf das Neue Jahr anstoßen? Die Weisen aus der sechsten Strophe hatten nur Gold, Weihrauch und Myrrhe dabei, aber nichts zum Anstoßen.

AE: Nehmen wir doch den Gutedel, den unser komponierender Vater so gerne trank. Auf dem Etikett stand der schöne Spruch: “In allen Lebenslagen trink Wein von Zirlewagen!“

AS und AE: Auf die vergangenen 63 Beiträge und darauf, dass uns im Neuen Jahr möglichst viel Kunst und wenig Kitsch begegnen!

Mit NGLs zum Exit

Im vergangenen Monat verstarb im Alter von 84 Jahren ein Pfarrer, den ich samt seiner Familie von Jugend an gut kannte. Deshalb sollte ich auf Wunsch der Familie bei seinem Requiem die Orgel spielen. Die Leitung des Gottesdienstes hatte ein jüngerer Amtskollege, dem der Verstorbene als Subsidiar im Ruhestand beigestanden hatte. Zu meiner und auch seiner Familie Überraschung sah der vorgesehene Liedplan eine größere Anzahl von neuen geistlichen Liedern (NGLs) vor, die wohl dem fortschrittlichen Verständnis des Zelebranten entsprachen, nicht aber der Erwartung der Gottesdienstbesucher bei einem solchen Anlass.

Das Requiem sollte mit „Herr, du bist mein Leben“ (GL 456) nach dem italienischen Canto liturgico „Symbolum 77“ (Tu sei la mia vita) in der deutschen Übertragung von Christoph Biskupek eröffnet werden.

https://youtu.be/A4UaYX8leD4

Das Stichwort für die Auswahl dieses Lied war offenbar die Formulierung in der dritten Zeile der zweiten Strophe: „Dein Weg führte durch den Tod in ein neues Leben“. Bereits im Mittelalter hatte man den Todestag eines Heiligen als „Geburtstag“ zum ewigen Leben bezeichnet.

Zur Gabenbereitung war das Lied „Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht“ (GL 470) vorgesehen, dessen Textanfang an das Rosenwunder der Hl. Elisabeth anknüpft und ohne diesen Hinweise nur schwer verständlich ist.

https://www.youtube.com/watch?v=uSYmuqzPWr4

Das „Brot“ in der ersten Strophe sollte wohl die Verwendung zur Gabenbereitung motivieren, in der „Brot und Wein zum Altar gebracht werden“. Aber erst in der 5. Strophe wird der eigentliche Bezug klar: „… und der Tod, den wir sterben, vom Leben singt …“. Ein schönes Bild vom singenden Tod!

Die Messfeier sollte mit dem Lied „Gott gab uns Atem, damit wir leben“ (GL 468) aus dem Evangelischen Gesangbuch  enden. Sein Text stammt von dem in der evangelischen Jugendarbeit tätigen Eckart Bücken und seine Melodie von dem evangelischen Pfarrer Fritz Baltruweit.

https://www.youtube.com/watch?v=4hrUkSrLqRg

Vom Dank ist hier aber nicht die Rede, sondern hauptsächlich vom Umweltschutz. Man beachte die Melodie, wie elegant die Bruckner-Triolen in der zweiten Zeile das eintönige „tam-ta-ta-tam-tam“ unterbrechen.

Weil der Vorsteher der Liturgie sich so sehr bemühte, im Requiem den Geist der neuen Zeit wehen zu lassen, wurde zwei seiner fünf vorgeschlagenen „neuen“ Lieder doch noch in die Endfassung übernommen. Das Lied „Größer als alle Bedrängnis“ (GL 854 Freiburg/ Rottenburg) war die Antwort auf die Lesung. Der Text der Benediktinerin Silja Walter passt zusammen mit der Melodie der ehemaligen Freiburger Münsterorganistin Barbara Kolberg gut zu den Worten der Lesung aus dem Philipperbrief (3,10-14): „So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen“.

Von Trauer ist hier nichts zu spüren,  denn „dein Leben will singen aus Tod und Misslingen“. Die Melodie möchte diesen Affekt rhythmisch durch das bekannte tam-ta-ta-tam-tam zum Ausdruck bringen und melodisch durch den Quartsprung auf „Dein Leben“ und den Sextsprung auf den „Tod“. Diese Sprünge werden noch getoppt durch  den Septsprung auf „du bringst“. Dagegen fällt das Achtelgenudel auf den Silben von „Halleluja“ etwas ab. Die „Erkennungsmelodie des Christen“ (Kardinal Joachim Meisner) hätte etwas Besseres verdient.

Zum Schluss wurde das andere „neue“ Lied gesungen, dessen Text einer „alten“ Melodie unterlegt ist. „Vertraut den neuen Wegen“ (GL 860 Freiburg/Rottenburg) stammt wie GL 468 aus dem evangelischen Gesangbuch.

Statt auf „den neuen Wegen“ in das „gelobte Land“ zu gehen, begleitete man anschließend den Sarg zusammen mit  21 Mitbrüdern des Verstorbenen auf dem altbekannten Weg zum Friedhof. Wenn ich noch einmal an das Durchschnittsalter der Trauergemeinde denke und an jenen Mann, der während des Gottesdienstes bei mir auf der Orgel auftauchte und mir unaufgefordert die Noten umblätterte und sich am Ende den Zettel mit dem Liedprogramm erbat, und dann mit voller Überzeugung sagte: So hätte sich der Verstorbene sein Requiem gewünscht, dann weiß ich jetzt: Der Einsatz hat sich gelohnt.

Anton Stingl jun.

Ein Halleluja für den Brexit

Das gab es noch nie! Am Freitag in der 27. Woche, an dem es in der Lesung aus Joel heißt: „Der Herr ist nahe“ und im Evangelium aus Lukas: „…dann ist das Reich Gottes zu euch gekommen“, hatte ich als Danklied „Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt“ mit der Melodie „For all the saints“ von Ralph Vaughan Williams (GL 552) ausgewählt. Den zugehörigen Satz im Orgelbuch, der ebenfalls vom Komponisten stammt und mit seinen durchlaufenden Vierteln im Bass nicht ganz einfach zu spielen ist, hatte ich besonders studiert.

Beim Spiel hielt ich mich an den Tempovorschlag im Orgelbuch: Viertel = 96. Das löste ungeahnte Reaktionen aus. Schon beim Begleiten merkte ich, dass einige der eifrigen Kirchensängerinnen und –sänger bei den punktierten und den ganzen Noten versuchten, mich als Langsamfahrer links zu überholen. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich, der wie weiland Johann Sebastian Bach für flotte Tempi bekannt ist. Die größte Überraschung jedoch erwartete mich , als ich nach dem Postludium meine sieben Sachen an der Orgel (Brille, Gesangbuch, Mikrofon, Orgelbuch, Orgelschuhe, Notentasche, Orgelschlüssel) versorgt hatte. In der Sakristei harrte ausnahmsweise noch mein Pfarrer aus und meinte, dass ich das Danklied viel zu langsam begleitet hätte. Er sang mir vor, in welchem Tempo er sich das Lied vorstelle. Ich war schon ein bisschen darüber enttäuscht, dass man so auf die Nase fallen kann, wenn man sich an die Tempovorgaben des offiziellen Orgelbuchs hält.

Wo liegt das Problem? Tatsächlich singen die Anglikaner ihre Hymne „For all the saints“ zwei Striche schneller: Viertel = 104. Das kann man in den verschiedenen Aufnahmen bei YouTube nachprüfen.

Plymouth Choir and Congregation

HIMaachen

David McWilliams

Dass dieses Tempo wirklich gemeint ist, sieht man bei dem Dirigenten der ersten Aufnahme, der deutlich die Viertel schlägt. Aber leider  war das immer noch nicht jenes Tempo, das meinem Pfarrer vorschwebte, der – 25 Jahre jünger als ich – offensichtlich unheilbar mit NGL infiziert ist. Ich begann deshalb nach deutschen Aufnahmen zu suchen.

Mädchenkantorei am Müncher Dom und Müncher Domsingknaben, Halbe = 66.

Mädchen der Chorsingschule Himmelfahrt, Mülheim/Ruhr-Saarn, Halbe = 72.

Bei diesem Tempo können tatsächlich die Viertel nicht mehr geschlagen werden, sondern der Dirigent muss zum Schlag der Halben übergehen. Unter dieser Maßnahme leiden zwangsläufig die Stellen mit den Achtelnoten. Anstelle von feierlichem Hymnuscharakter breitet sich eiliges Geschnatter aus. Anstelle von historisch informiertem Singen, wird das Lied einfach heruntergenudelt. Das Halleluja wird zur Karnevalsveranstaltung.

Nun ist klar, warum die Briten im Stammland der anglikanischen Kirche mit der EU und speziell mit den liturgisch beschleunigten Deutschen, die ihre Hymne verhunzen, nichts mehr zu tun haben wollen. Mit des Komponistene Ralph Vaughan Williams Fantasie on Greenleeves schicken sie uns noch einen letzten Gruß von der Insel.

Anton Stingl jun.