Ein Halleluja für den Brexit

Das gab es noch nie! Am Freitag in der 27. Woche, an dem es in der Lesung aus Joel heißt: „Der Herr ist nahe“ und im Evangelium aus Lukas: „…dann ist das Reich Gottes zu euch gekommen“, hatte ich als Danklied „Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt“ mit der Melodie „For all the saints“ von Ralph Vaughan Williams (GL 552) ausgewählt. Den zugehörigen Satz im Orgelbuch, der ebenfalls vom Komponisten stammt und mit seinen durchlaufenden Vierteln im Bass nicht ganz einfach zu spielen ist, hatte ich besonders studiert.

Beim Spiel hielt ich mich an den Tempovorschlag im Orgelbuch: Viertel = 96. Das löste ungeahnte Reaktionen aus. Schon beim Begleiten merkte ich, dass einige der eifrigen Kirchensängerinnen und –sänger bei den punktierten und den ganzen Noten versuchten, mich als Langsamfahrer links zu überholen. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich, der wie weiland Johann Sebastian Bach für flotte Tempi bekannt ist. Die größte Überraschung jedoch erwartete mich , als ich nach dem Postludium meine sieben Sachen an der Orgel (Brille, Gesangbuch, Mikrofon, Orgelbuch, Orgelschuhe, Notentasche, Orgelschlüssel) versorgt hatte. In der Sakristei harrte ausnahmsweise noch mein Pfarrer aus und meinte, dass ich das Danklied viel zu langsam begleitet hätte. Er sang mir vor, in welchem Tempo er sich das Lied vorstelle. Ich war schon ein bisschen darüber enttäuscht, dass man so auf die Nase fallen kann, wenn man sich an die Tempovorgaben des offiziellen Orgelbuchs hält.

Wo liegt das Problem? Tatsächlich singen die Anglikaner ihre Hymne „For all the saints“ zwei Striche schneller: Viertel = 104. Das kann man in den verschiedenen Aufnahmen bei YouTube nachprüfen.

Plymouth Choir and Congregation

HIMaachen

David McWilliams

Dass dieses Tempo wirklich gemeint ist, sieht man bei dem Dirigenten der ersten Aufnahme, der deutlich die Viertel schlägt. Aber leider  war das immer noch nicht jenes Tempo, das meinem Pfarrer vorschwebte, der – 25 Jahre jünger als ich – offensichtlich unheilbar mit NGL infiziert ist. Ich begann deshalb nach deutschen Aufnahmen zu suchen.

Mädchenkantorei am Müncher Dom und Müncher Domsingknaben, Halbe = 66.

Mädchen der Chorsingschule Himmelfahrt, Mülheim/Ruhr-Saarn, Halbe = 72.

Bei diesem Tempo können tatsächlich die Viertel nicht mehr geschlagen werden, sondern der Dirigent muss zum Schlag der Halben übergehen. Unter dieser Maßnahme leiden zwangsläufig die Stellen mit den Achtelnoten. Anstelle von feierlichem Hymnuscharakter breitet sich eiliges Geschnatter aus. Anstelle von historisch informiertem Singen, wird das Lied einfach heruntergenudelt. Das Halleluja wird zur Karnevalsveranstaltung.

Nun ist klar, warum die Briten im Stammland der anglikanischen Kirche mit der EU und speziell mit den liturgisch beschleunigten Deutschen, die ihre Hymne verhunzen, nichts mehr zu tun haben wollen. Mit des Komponistene Ralph Vaughan Williams Fantasie on Greenleeves schicken sie uns noch einen letzten Gruß von der Insel.

Anton Stingl jun.

Komm, Herr, mach mich schlau

Bei einer Orgelvertretung lernte ich jüngst das Lied „Komm, Herr, segne uns“ des evangelischen Theologen Dieter Trautwein kennen, das neu in das Gotteslob aufgenommen wurde (GL 451). Von den zwanzig Liedern, die Trautwein im Laufe seines Lebens verfasst hat, war offenbar „Komm, Herr, segne uns“ sein wichtigstes, denn mit ihm beginnt der Titel seiner Lebenserinnerungen: „Komm Herr segne uns! – Lebensfelder im 20. Jahrhundert“, an denen er bis zum Tag vor seinem Tod im November 2002 gearbeitet hat. Im Gotteslob 2013 ist es als ökumenisches Lied gekennzeichnet, denn es wurde durch den Evangelischen Kirchentag 1979 bekannt und 1996 in das Evangelische Gesangbuch (Nr. 170) aufgenommen. Im internationalen ökumenischen Liederbuch „Thuma mina“ ist es in zehn Sprachen vertreten.

Woher kommt der Erfolg dieses Liedes? Ist es die Sprache des Textes oder ist es die Melodie, die der Textdichter selbst komponiert hat? Mich beschlich eher Unbehagen ob des Textes und der Melodie. Durch Analyse und Recherche versuchte ich daraus schlau zu werden.

Der Autor greift bei seinem Text meist auf bekannte Begriffe zurück, die jeder im Ohr hat oder die ihn selbst betreffen. Betrachten wir das Wort trennen. Vor ihrer Trennung haben sich viele Paare schon gefragt: „Passen wir zusammen oder sollen wir uns trennen?“. Das Wort vom Bekennen wird von vielen in den Mund genommen, z.B. von Mercedes-Benz: „Wir bekennen uns zu unserer Gesamtverantwortung und nehmen diese Aufgabe wörtlich: Wir analysieren die Umweltverträglichkeit […]. Die Formulierung die Deinen sind in Kirchenliedern ein beliebtes Pronomen:

Die Deinen, Herr, sind lauter Gnadenwunder, du herrlicher und wunderbarer Gott!
Jesu, all´ die Deinen lieben dein Erscheinen in der Herrlichkeit.
O Vater, sieh die Deinen vor Dir sich hier vereinen zu kindlichem Gebet.
O wie lieb ich, Herr, die Deinen, die dich suchen, die dich meinen; o wie köstlich sind sie mir!
Schütze die Deinen, die nach dir sich nennen und dich, o Jesu, vor der Welt bekennen. Text: Johann Samuel Diterich (1765), Matthäus Apells von Löwenstein (1644).

Im zuletzt genannten Liedtext, der bereits aus der Barockzeit stammt, findet sich das Motiv des Bekennens („überall“ =  „vor der Welt“) wieder. Das Begriffspaar „Lachen oder Weinen“ ruft unwillkürlich die Erinnerung an ein Lied von Franz Schubert mit dem Text von Friedrich Rückert hervor: „Lachen und Weinen zu jeglicher Stunde ruht bei der Lieb auf so mancherlei Grunde.“

Mit der Formulierung Keiner kann allein Segen sich bewahren in der zweiten Strophe steht Trautwein ziemlich allein. Auch die Fortsetzung erschließt sich nicht auf den ersten Blick: Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen. Da sagt der Bürgermeister bei der Aufstellung des neuen Haushaltsplans seinem Gemeinderat etwas anderes: „Wir müssen sparen, sparen, sparen, ob uns das nun passt oder nicht!“ Und die Webseite „Tipps, Tricks und Rezepte“ führt aus: „Müssen wir nicht alle sparen?“ und „Was gibt es Schöneres, als auf ein Ziel hin zu sparen?“ Zum Thema Schadensheilung gibt es noch andere Rezepte: „Dr. Wolfgang Feil empfiehlt: Humor hilft heilen.“

In der dritten Strophe wechselt Trautwein das Thema. Bei Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden denkt der bibelfeste Kirchenbesucher sofort an: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“ (Joh 14,27). Beim Wohl auf Erden führte mich Prof. Google zunächst in die Irre: „Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen?“ Dieses Zitat aus dem Freischütz von Carl Maria von Weber hatte Google nur gefunden, weil Groß- und Kleinschreibung nicht auseinandergehalten werden. Das nächste Zitat kommt der Sache schon etwas näher: „… auf dass dir’s wohl gehe und du lange lebest auf Erden. (Eph 6,3; 5 Mose 5,16). Aber vermutlich meint Trautwein jene Stelle aus der Weihnachtsbotschaft der Engel: „… und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lk 2,14). Das Wort erspähen erinnert mich an „Er suche Frieden und jage ihm nach.“ (1 Petr 3,11) Hier wird allerdings expressis verbis ausgedrückt, was wir tun sollen. Das fehlt im Liedtext. Die Werbung für intuitives Bogenschießen drückt es so aus: „Wir lieben, was wir tun. Durch den Wald streifen, das Ziel erspähen, sich daran erfreuen, eins mit Bogen und Pfeil werden.“ Trautweins letzter Griff in die Bibelkiste wird leider ein Schlag ins Wasser. „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten“ heißt der vollständige Vers 5 von Psalm 126. Ein durch die Mottete von Heinrich Schütz so bekanntes Bibelzitat darf durch die nichtssagende Formulierung „werden in ihm ruhn“ nicht entstellt werden.

Um auf das Sparen zurückzukommen, die Herausgeber hätten sich die vierte Strophe sparen können. Sie hätten einfach 4. = 1. schreiben können, denn die vierte Strophe ist nichts anderes als die Wiederholung der ersten Strophe. Die drei Strophen sind nichts anderes als eine Paraphrase des aaronitischen Segens: „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ (4 Mo 6, 24-26)

Wenden wir uns der Melodie zu. Die Eröffnung der Melodie mit dem Paukenmotiv „Quarte abwärts – Quarte aufwärts“ ist eigentlich Texten vorbehalten, in denen zum Gesang vor dem Herrn aufgerufen wird, wie in dem Kehrvers „Singt dem Herrn alle Länder der Erde“ (GL 376) oder im „Gloria“ aus der H moll-Messe von Johann Sebastian Bach. In „Singt dem Herrn ein neues Lied“ (GL 409) sind sogar die ersten 5 Noten mit unserem Lied identisch. Das Motiv taucht auch am Schluss bei „seinen Ruhm“ noch einmal auf. Im Kehrvers „Du bist Licht und du bist Leben“ (GL 373), dessen Melodie dem Osterlied „Halleluja lasst uns singen“ (FR 796) nachempfunden wurde,  setzten die 5 Töne erst nach zwei zusätzlichen ein. Während in all diesen Beispielen Viertel- bzw. Achtelnoten dem Motiv einen drängenden Charakter verleihen, machen die Halben bei Komm, Herr, segne uns den Eindruck, als ob der Herr sich noch Zeit lassen kann mit seinem Kommen. Nicht nur die Vertonung mit dem Paukenmotiv, sondern auch die Formulierung Komm, Herr, segne uns ist der Segenssituation nicht angemessen. Die Formulierungen im alten Gesangbuch, die sich alle auf Advent und Wiederkunft beziehen, klingen da viel ehrfürchtiger: „Sei uns willkommen, Herre Christ“ (131), „Komm, Herr Jesu, komm, führ die Welt“ (568), Komm, Herr Jesus, komm zur Erde (565), „Komm, Herr, komm und erlöse uns“ (118,3), „Komm, o Herr, und bring uns deinen Frieden“ (118,4). Diese Gesänge sind alle aus dem Gesangbuch verschwunden. Im neuen Buch findet sich außer „Komm, Herr, segne uns“ nur noch der Kehrvers „Komm Herr Jesus, Maranatha“ (GL 634,6). Im Diözesanteil Freiburg/Rottenburg gibt es außerdem noch den Kanon „Komm, Herr Jesu, sei unser Gast (FR 709).

Punktierungen werden in der Melodie zweimal verwendet, die  ihre Wirkung, nämlich das Spannen des rhythmischen Bogens, nicht verfehlen: Nie sind wir allein – Lachen oder Weinen – Segen kann gedeihn – Hilf, dass wir ihn tun. Nur bei dem Zitat „die mit Tränen säen“ trifft es mit dem Pronomen das falsche Wort.

Die abwärtsgehende Tonleiter bei „stets sind wir die Deinen“ ändert beim letzten Ton ihre Richtung und schwächt somit die Bedeutung des wichtigen Wortes „die Deinen“ ab. Man vergleiche bei „Nun saget Dank und lobt den Herren“ (GL 385) in der fünften Zeile, welche Wirkung die Tonleiter bis zum tiefsten Ton c auf das letzte Wort ausübt: verkünden, Gerechten, singen, Herren.

Brauchen wir dieses Lied überhaupt? Obwohl das Lied im Evangelischen Gesangbuch unter dem Abschnitt „Eingang und Ausgang“ steht, ist in den Agenden der Evangelischen Landeskirchen offiziell kein Platz für ein Segenslied vorgesehen. Im traditionellen Gottesdienst der katholischen Kirche ist der Gesang zur Kommunion der letzte Gesang des Gottesdienstes. Da nun aber meist zur Kommunion die Orgel spielt, wurde ein Danklied nach der Kommunion eingeführt. Bei besonderen Gelegenheiten wie z.B. Patrozinium kann nach dem Segen noch ein Lied gesungen werden. Wo ist da noch Platz für ein Segenslied? Und ehrlich, der Priester spricht auch ohne Segenslied „den Gläubigen die begleitende Nähe Gottes“ (GL 591) zu.

Anton Stingl jun.

Gegen den Strich

Neulich bat mich ein befreundeter CD-Verlag, für eine CD mit Gregorianischen Gesängen für die Hochfeste Dreifaltigkeit, Fronleichnam, Herz Jesu, Christkönig und Kirchweih eine passende Initiale für das Cover zu suchen. Da Kirchweih das älteste dieser Feste ist, begann ich dort in den Handschriften zu suchen. War es der Umstand, dass der Introitus dieses Festes mit „Terribilis locus iste“ (Voll Schauer ist dieser Ort) beginnt, dass der Leiter der Schola mit dieser Auswahl nicht zufrieden war? Oder wollte er, dass ich passend zur Headline der CD „Caritas Dei diffusa est“ (Gottes Liebe ist ausgegossen) etwas suche? Es ging mir schon gegen den Strich, dass meine Mühe umsonst war. Ich überlegte, wie ich die schönen Bilder aus früheren Jahrhunderten, die ich gesammelt hatte, doch noch recyceln könnte. So beschloss ich, die Bilder den Strichzeichnungen der Kölner Künstlerin Monika Bartholomé, die sie für das Gotteslob 2013 angefertigt hatte, gegenüberzustellen, um zu zeigen, welcher Wandel in der Illustration von Gesangbüchern eingetreten ist: Kunst und „Kunst“ im Kirchenliederbuch.

Graduale St. Gallen 15. / 16. Jh.

Gotteslob S. 75

Graduale Köln · 1330-1335

Gotteslob S. 279

Graduale des Johannes von Valkenburg, Köln 1299

Gotteslob S. 373

Graduale gegen 1360 Köln

Gotteslob S. 461

Graduale, Soest, [15. Jh.]

Gotteslob S. 469

Graduale, Marienfrede, [15. Jh. / 16. Jh.]

Gotteslob S. 535

Graduale · Oberrhein · 14. Jh.

Gotteslob S. 541

Goldene Hochzeit

Es muss an meinem Alter liegen, dass sich die Einladungen zur Goldenen Hochzeit gerade häufen. Auf eine von ihnen freue ich mich ganz besonders, durfte ich doch mit einem Singkreis und mit Orgelmusik die Grüne Hochzeit umrahmen. Unlängst feierten in meiner Gemeinde gleich fünf Paare am Freitagabend gemeinsam ihre Goldene Hochzeit zusammen mit zwei Personen, denen der Partner bereits in die Ewigkeit vorausgegangen war. Sie wünschten sich aus diesem Anlass ein besonderes Liedprogramm, das hauptsächlich von gleichaltrigen Textern und Liedermachern stammte. Mit der Melodie „Unser Leben sei ein Fest“ (GL 715 Freiburg/Rottenburg) von Peter Janssens (1934−1998) swingte sich die Goldene Hochzeitsgesellschaft in den Gottesdienst ein. War ihr Leben immer „ein Fest“?

Beim Kyrie mit der ukrainischen Melodie und den schlichten Klängen von Heinz Martin Lonquich *1937 (GL 155) kam die von den Synkopen aufgewühlte Gemeinde wieder zur Ruhe. Zum „Halleluja“ mit der Melodie von Fintan O’Caroll 1981 und Christopher Walker 1985 (GL 175,6) konnten dann alle von Herzenslust schunkeln. Nach der Segnung der Ringe wurde der Gesang etwas traditioneller. Da alle „Fest“-Teilnehmer sehr musikalisch waren, gelang der Kanon „Lobet und preiset“ unter Pfarrers Leitung auf Anhieb. Mit einem mehr ernsten Ton stimmte das nachfolgende Lied „Wir weihn der Erde Gaben“ (GL 187) mit dem Text vom Petronia Steiner 1943/1993 auf die Gabenbereitung ein.

Lass rein uns vor dir stehen,
von seinem Blut geweiht,
durch Kreuz und Not eingehen
in deine Herrlichkeit.

„Kreuz und Not“ in diesem Text ließen die anfängliche Vorstellung vom Leben als ein Fest doch nur als frommen Wunsch erscheinen. Fetzige Festfreude kam dann wieder auf bei „Heilig, heilig bist du“ von Klaus Lohrbächer (GL 744 Freiburg/Rottenburg). Köstlich, die Schluckaufsynkopen bei Ihm sei Lob und – Ehr erwiesen und Hosianna – dem Messias!

https://www.youtube.com/watch?v=uJcEiXI9b_g

Weil die Feier am ersten Freitag im Monat stattfand, wurde am Ende des Gottesdienstes des Herzens Jesu gedacht und der eucharistische Segen erteilt. Mit Rücksicht auf die evangelischen Paare wählte man zur Aussetzung des Allerheiligsten ein Lied aus der ökumenischen Liste. Zwei von acht Strophen aus „Gott ist gegenwärtig“ mit dem Text von Gerhard Tersteegen 1729 und der Melodie von Joachim Neander 1680 (GL 387 ö) waren genug, denn die Paare wollten ja nach der Messe noch weiterfeiern. Auch zum Schluss nahm man Rücksicht auf die evangelischen Mitchristen. Zum Gruß an Maria suchte man nicht irgendein Marienlied aus, sondern Marias eigenes Lied, das „Magnificat“, das auch Martin Luther sehr geschätzt hat. Ob ihm allerdings die Vertonung von Jacques Berthier (1923−1994), ein Gesang aus Taizé (GL 390), gefallen hätte, ist fraglich. Der lateinische Text aus Lukas 1,46 lautet Magníficat ánima mea Dóminum, wie es in 631,8 richtig zu lesen ist. Entweder kannte sich der Komponist mit der lateinischen Betonung nicht aus oder er ignorierte sie absichtlich. Wohl aus diesem Grund haben die Herausgeber die Akzente einfach weggelassen. Das Wort Magníficat tritt nie mit der richtigen Betonung auf, sondern immer nur als gnificat. Das nachfolgende Wort ánima ist zunächst mit der Betonung auf der zweiten Silbe vertont. Beim nächsten Auftreten wird zwar die erste Silbe richtig betont, aber durch die Melodieführung ist die letzte Silbe ungebührlich stark herausgehoben, sodass eine falsche Betonung entsteht: animá.

Nach Glückwunsch und Entlassgruß des Pfarrers entließ ich die Jubelpaare mit einem kurzen und schmerzlosen Dialogue von Jacques Boyvin (um 1653−1706) zu ihrem Festmahl.

Anton Stingl jun.

Stadt Land Orgel

Das Spiel „Stadt, Land, Fluss“ kennt wohl jeder und hat bestimmt schon einmal verzweifelt nach einem Land mit dem Anfangsbuchstaben Y gesucht. Im Zeitalter des Wort-Recyclings steht der Spieletitel Pate bei der Kochserie „Stadt, Land, Lecker“, bei der Krimi-Fernsehserie „Stadt, Land, Mord“ oder bei der Spielvariation „Stadt, Land, Fußball“. Und jetzt auch noch „Stadt, Land, Orgel“! Gibt es wie bei der Breitbandversorgung auch bei einer Orgel einen Unterschied zwischen Stadt und Land? Während in der Stadt fast überall Orgeln stehen, die nicht älter als 50 Jahre sind und an deren Spieltisch man sich auch mit den Füßen sofort auskennt, finde ich in aller nächster Nähe drei Dorforgeln, deren Entstehung ins vorletzte Jahrhundert reicht und bei denen das Pedal so versetzt ist, dass man nur auswendig spielen kann, um die Füße zu kontrollieren. Oder der Tastenabstand ist größer als normal, sodass die innere Geometrie versagt.

Welche Auswirkung hat dieses Handicap auf den Gesang? Da der Dorforganist auf seiner Orgel die Tasten aus bekannten Gründen langsam schlagen muss, singt die Gemeinde ebenfalls langsam. Der Orgler ist sogar froh, wenn die Gemeinde zusätzliche Pausen einlegt. Unterstützung bekommt er von einem Pfarrer am Mikrofon, der noch nie etwas von „Atemlos durchs Gotteslob“ gehört hat. Seltsam nur, dass dieselbe Gemeinde eine Woche später bei einem andern Geistlichen ohne Extrapausen fast so flott singt wie die Gemeinde in der Stiftskirche Schlägl im Mühlviertel in Oberösterreich. Da können wir Piefkes von den Österreichern noch etwas lernen. Es scheint doch am Organisten und seiner Ausbildung zu liegen. Als ich in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Bühl (bei den Zwetschgen!) C-Kurse für Organisten abhielt, war der Andrang riesig. Aber die Kurse sollten nur im Winterhalbjahr laufen mit der Begründung, dass die Bauern im Sommer keine Zeit hätten. Also, ich sah bei den bis zu 30 Personen, die sich anmelden wollten, keine einzige, die aus der Landwirtschaft kam.

Es gibt auch noch andere Auswirkungen. Die Bezahlung für Organisten auf dem Land ist schlechter als in der Stadt. In der Stadt hat sich die Verrechnungsstelle irgendwann vor 30 Jahren notiert, dass ich am 27.4.1964 die Hochschulprüfung für katholische Kirchenmusik abgelegt habe. Die für das Land zuständige Verrechnungsstelle weigert sich jedoch, diesen Vorgang zur Kenntnis zu nehmen. Wenn nun jemand meint, dass Bürokratie eine typisch katholische Angelegenheit sei, der irrt. Als ich 2001 in einer Winzergenossenschaft einen evangelischen Gottesdienst auf dem elektronischen Nudelbrett begleitete, bekam ich zu meinem Honorar einen Sozialversicherungsausweis, obwohl ich als treuer Beamter Baden-Württembergs pensionsberechtigt bin.

In der Diskussion um die Breitwandversorgung hört man oft das Argument, dass es gut sei, wenn es noch Rückzugsgebiete gebe. Das scheint mir sehr egoistisch gedacht zu sein. Was die Kirchenmusik anbelangt, sollten Stadt und Land gleichziehen! In jeder Kirche sollte der musikalische Standard so sein, dass der Ausspruch von Louis Armstrong überall zutrifft: „Den Rhythmus habe ich in der Kirche gelernt.“

Anton Stingl jun.

Singt dem Herrn ein neues Lied

Am Sonntag „Cantate” wurde der Gottesdienst im St. Kastulus-Münster in Moosburg mit dem Lied „Singt dem Herrn ein neues Lied“ (GL 409) in erfreulich flottem Tempo eröffnet. Der Sonntag hat seinen Namen vom Beginn des lateinischen Introitus: Cantate Domino canticum novum. Diese Zeile aus dem Psalm 97 taucht auch in den Psalmen 95 und 149 und in Jesaja 42 auf. Man soll dem Herrn nicht nur irgendetwas singen, wie an weiteren fünf Stellen des Alten Testaments belegt ist, sondern ausdrücklich etwas Neues. Das Neue hat aber leider die Angewohnheit, dass es zunächst abgelehnt wird und dann nach einiger Zeit veraltet ist. Zum Beispiel zog im 14. Jahrhundert  sogar Papst Johannes der XXII. gegen die Musik der Ars nova mit seiner Bulle Docta Sanctorum (Die wohlbegründete Lehrmeinung der heiligen Kirchenväter) zu Felde. Heute wird aus dieser Epoche die Messe de Nostre Dame von Guillaume de Machaut  nur noch von Spezialisten aufgeführt.

Was ist mit dem „neuen Lied“ eigentlich gemeint? Soll es in neuen Worten oder mit einer neuen Melodie erklingen? Oder gar mit beiden? Das „Neue Geistliche Lied“ (NGL) ist mit biblisch orientierten, christlich engagierten und politischen Texten versehen, liturgisch aber nur mit Bauchweh zu verwenden. Die stilistisch durch die Popularmusik beeinflussten Melodien sollen vor allem Jugendliche ansprechen, die diesen Musikstil dann auch ins Erwachsenenalter weitertragen. Sollte Kirchenmusik nicht einen höheren Anspruch haben? Im neuen Gotteslob von 2013 werden 37 Lieder im Stammteil mit NGL bezeichnet. Der Prototyp eines NGL scheint mir das Motto-Lied des Sonntags Cantate zu sein.

GL 409

„Der Text erschien 1941, zur Zeit des Krieges und religiöser Bedrängnis; sein Anfang ist also kein abgenütztes Klischee, sondern ein damals  höchst aktueller Aufruf.“ (Werkbuch zum GOTTESLOB III, 1975)

KL 1

Bevor das Lied 1967 mit der von Adolf Lohmann 1952 komponierten Melodie im Kirchenlied II als „Opening“ der ganzen Sammlung erschien, hatte der Komponist 1955 dazu eine kleine Liedkantate verfasst. Ein Satz daraus erschien in den „Orgelstücken zum Gotteslob“, Teil III (1978). In der Metronomangabe „Viertel = 160−168“ verdeutlicht Lohmann seine Vorstellung von der Tempoangabe „Schnelle Viertelnoten“.

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Im Marienstatter Orgelbüchlein (Lob und Dank – Vertrauen und Bitte) erschien 1981 der zugehörige Begleitsatz ebenfalls mit der Tempoangabe „Schnelle Viertel“.

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Die Machart des Satzes lässt klar erkennen, dass die durchlaufenden Viertel keine zusätzlichen „Schnaufer“ erlauben. Wer das Lied also schnell und ohne zusätzliche Pausen singt, liegt nicht falsch.

Die Melodie lässt sich ganz von der Deklamation des Textes leiten. Wo wichtige Wörter stehen, wird die Folge der schnellen Viertelnoten zu Halbenoten  gedehnt: Neues (Lied), niemand, ferne (flieht), singet, niemals, Wunder, Ruhm, mehren. Dadurch entstehen häufig wechselnde Takte:  ||: 2/2, 5/4, 3/2, :||: 2/2, 5/4, :|| 5/4, 3/2. Wenn „Take five“ von Dave Brubeck früher und nicht erst 1959 erschienen wäre, könnte man annehmen, dass sich Lohmann davon inspirieren ließ. Aber vielleicht dachte er an die Tänze im bulgarischen Rhythmus, mit denen  Béla Bartók 1939 den 6. Teil seiner Klavierstücke Mikrokosmos  beendete. Jedenfalls ist der Rhythmus mit zusammengesetzten Taktarten etwas Neues im Kirchenlied.

Die Melodie zeigt ebenso Neuartiges, da sie von der vorgezeichneten Tonart F-dur nur fünf Töne ohne Halbtöne verwendet, wobei der 5. Ton d sogar nur in der 5. und. 6. Zeile auftritt. Der Rückgriff auf die Pentatonik (Fünfton-Musik) als den ältesten nachgewiesenen Tonsystem in Kinderliedern und in der Volksmusik zahlreicher Völker Afrikas, Amerikas, Asiens und Europas ist für die Gattung Kirchenlied eine Novität.

Das Werkbuch zum GOTTESLOB gab 1975 folgenden Praxistipp: „Das durch häufigen Taktwechsel schwierige Lied muss gründlich einstudiert werden, damit es fließend gesungen wird, aber seine rhythmische Prägnanz im Gebrauch nicht verliert.“ In der Hoffnung, dass die Kirchenmusiker 2013 rhythmisch besser ausgebildet sind als 1975, dürften die Schwierigkeiten nicht mehr groß sein. Sowohl Kirchenlied II als auch Gotteslob 2013 schreiben im Gegensatz zu Gotteslob 1975 außer Pausen keine Atemzeichen. Leider verführen die Slash-Zeichen bei den Strophen im Gotteslob zum Atmen an ungeeigneter Stelle bzw. zum Unterbrechen des durchlaufenden Beats der quarter notes.

Das „neue Lied“ (GL 409) ist trotz seines relativ hohen Alters immer noch eine echte Neuheit. Mögen möglichst viele Kirchengemeinden von dem neuen Geist beseelt werden, den das Lied bei adäquater Interpretation ausstrahlt.

Anton Stingl jun.

 

Da pacem, Domine – Verleih uns Frieden gnädiglich

Als Dr. Martin Luther 1529 den Text der lateinischen Antiphon Da pacem, Domine ins Deutsche übertrug, schwebte ihm vielleicht vor, auch die Melodie der Antiphon so zu übernehmen, wie er sie als ehemaliger Augustiner-Eremit aus dem Kloster in Erfurt kannte.

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Die Melodie der Antiphon wurde am Ende des 10. Jahrhunderts im Hartker-Antiphonar der St. Galler Mönche zum ersten Mal mit Neumen festgehalten.

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In einer Handschrift des späten 13. Jahrhunderts aus dem Franziskanerkloster in Fribourg/Suisse wird die Antiphon in der uns heute vertrauten Quadratnotenschrift notiert.

Da pacem, Domine, Verleih uns Frieden gnädiglich,
in diebus nostris, Herr Gott, zu unsern Zeiten.
quia non est alius Es ist doch ja kein andrer nicht,
qui pugnet pro nobis, der für uns könnte streiten,
nisi tu Deus noster. denn du, unser Gott, alleine.

Bei dem Versuch, den deutschen Text der Melodie zu unterlegen, stellte sich aber heraus, dass die unterschiedliche Anzahl der Silben einen größeren Eingriff in das Original zur Folge gehabt hätte. Außerdem schien das Melisma auf der Endsilbe von alius für den Gemeindegesang wenig geeignet zu sein. Weil aber Martin Luther aufgrund seiner Vergangenheit sich im Gregorianischen Choral auskannte, wählte er eine andere Melodie im selben II. Modus, die ähnliche Wendungen hatte wie die Melodie von Da pacem, Domine.

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Der Adventshymnus Veni redemptor gentium, der von Ambrosius im 4. Jahrhundert stammt und zum ersten Mal mit seiner Melodie im Codex 366 der Stiftsbibliothek Einsiedeln im 12. Jahrhundert auftaucht, schien für dieses Unterfangen geeignet zu sein.

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In der großen St. Galler Tropen- und Sequenzsammlung des Pater Joachim Cuontz (vor 1507) wird der Melodie von Veni redemptor gentium der Text des Weihnachtshymnus Christe redemptor omnium aus dem 6. Jahrhundert unterlegt.

Veni, redemptor gentium; Verleih uns Frieden gnädiglich,
ostende partum Virginis Herr Gott, zu unsern Zeiten.
miretur omne saeculum: Es ist doch ja kein andrer nicht,
talis decet partus Deum. der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.

Im Text des lateinischen Hymnus haben alle Zeilen acht Silben und die Zeilen der deutschen Gemeindestrophe wechseln zwischen acht und sieben. Sie lassen sich deshalb leicht anpassen. Die Sache hat nur einen Haken. Die Hymnusmelodie hat vier Zeilen, die Gemeindestrophe hat aber deren fünf. Wie löst Luther dieses Problem?

Klug-Verley

Das ist die Fassung von Verleih uns Frieden gnädiglich, wie sie 1535 in Wittenberg in den „Geistlichen Liedern“, gedruckt von Joseph Klug, veröffentlicht wurde.  Die erste Ausgabe des Gesangbuchs von 1529, für die Martin Luther das Lied geschaffen hatte, ist verloren.

Zunächst ist festzustellen, dass die ersten drei Zeilen tatsächlich der Hymnusmelodie folgen, die vierte Zeile aber davon abweicht. In der heute gebräuchlichen ökumenischen Fassung (GL 475 / EG 421) hat man sich bei dieser Zeile wieder dem Hymnus genähert. Die Melodie der fünften Zeile ist Luthers eigene Schöpfung, in der das „du“ auf der Quinte besonders hervorgehoben wird.

GL 473

GL 475

Kann die „Eierkohlennotation“ der Antiphon Da pacem, Domine im „Gotteslob“ außer den Melodietönen auch den Rhythmus wiedergeben? Die Virga strata aus dem Hartker-Antiphonar bei Da und Domine wird durch eine Doppelnote ersetzt, was eine Verdoppelung des Notenwertes suggeriert. Tatsächlich soll die Note aber neu angesungen werden. Die Liqueszenzen bei in und pugnet fallen völlig unter den Tisch. Ebenso fehlt die charakteristische Angabe celeriter (= schnell) bei den Cliven über diebus und Deus. Das Episem bei non dagegen ist eingetragen. Die senkrechten Episeme am Ende der beiden Tractuli bei alius werden unterschlagen.

Die historisierende Notation der Gemeindestrophe Verleih uns Frieden gnädiglich suggeriert einen Zustand, den es so nie gegeben hat. Die Fassung im Klugschen Gesangbuch ist ganz klar metrisch gegliedert und die fünfte Zeile hat ihrer Sonderstellung entsprechend einen eigenen Rhythmus. Für die ersten vier Zeilen hielt man sich offenbar an die St. Galler Fassung von 1507, die 20 Jahre vor dem Klugschen Gesangbuch gedruckt wurde.

Anton Stingl jun.