Gott loben in der Stille? (GL 399)

„Gott loben in der Stille“? Geht das überhaupt? Das Zitat stammt aus Martin Luthers Übersetzung von Psalm 65 Vers 2: „Gott, man lobt dich in der Stille zu Zion, und dir hält man Gelübde.“ Diesen Vers hatte bereits Johann Sebastian Bach in seiner Kantate „Gott, man lobt dich in der Stille“ (BWV 120) den ersten drei Sätzen zu Grunde gelegt. Doch das Wort von der Stille, mit dem Günter Balders seinen Liedtext eröffnet, hat Luther im Psalmtext frei erfunden. Weder im hebräischen Original der Psalmen, noch in den griechischen und lateinischen Übersetzungen ist es zu finden. Alfons Deissler übersetzt den Vers so: „Dir gebührt Lobpreis, Jahwe, auf dem Sion, dir erfülle man Gelübde“. Die Stille wird im Alten Testament in ganz anderem Zusammenhang gesehen: „Gut ist es, schweigend zu harren auf die Hilfe des Herrn“ (Klg 3,26). Noch deutlicher sagt es Psalm 115 Vers 17: „Nicht die Toten lobpreisen Jahwe, noch wer zur Stille hinabfuhr“. Vers 18 setzt hinzu: „Wir aber, die Lebenden, segnen Jahwe von nun an auf ewig“. Luther leugnet den freien Willen des Menschen und billigt ihn allein Gott zu. Nach Luther kann also der Mensch nur schweigend beten, „bis er [Gott] die Stimme zum Lob befreit“. Das theologisch fragwürdige Lied hat zwar das ö-Sigel bekommen, aber selbst im Evangelischen Gesangbuch hat man sich nicht getraut, das Lied aufzunehmen.

399-gott-loben-in-der-stille

Nicht nur der Text ist fragwürdig, sondern auch seine musikalische Gestaltung. Im Liedporträt von Meinrad Walter erfährt man zwar, dass Günter Balders auf dem Flohmarkt ein Liederbuch von 1935 mit der Melodie von Huugo Nyberg fand, aber nicht, welcher Text dem Lied einst unterlegt war. Die Melodie ist in verschiedener Hinsicht ungewöhnlich. Bei den Zisterziensern wäre sie mit ihrem Umfang von zehn Tönen gerade noch durchgegangen. Denn der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux war der Überzeugung, dass man Gott nach dem Zeugnis der Psalmen (33,2; 92,4; 144,9) nur mit der zehnsaitigen Harfe loben soll. Deshalb dürfen die Choralmelodien nicht mehr als zehn Töne Umfang haben. Im Gegensatz zu dem im „Gotteslob“ zwei Seiten vorher stehenden „Den Herren will ich loben“ (395), dessen Dur-Melodie ebenfalls den Umfang einer Dezime erreicht, steht „Gott loben in der Stille“ in Moll, das es auch nicht verlässt, „wenn die Stimme zum Lob befreit“ wird. Besonders unbefriedigend ist aber der Rhythmus, der jeden Takt mit zwei Achteln beginnen lässt, die fast immer über einer unbetonten Silbe zusammengebunden werden. Oft sind das kurze Silben: Go-ott, de-er, mi-it, bi-is, ohne-e, ha-at, alle-e. Die Unterlegung eines Textes zu einer bestehenden Melodie ist ein schwieriges Unterfangen. Fast hätte ich gesagt, der umgekehrte Ablauf sei besser, wenn die Melodie nach dem Text gestaltet wird. Der Blick auf „Und suchst du meine Sünde“ (GL 274) belehrt mich leider eines Schlechteren. Das Problem mit den zwei auftaktigen Achteln über einer Silbe ist dort auch nicht zufriedenstellend gelöst.

Anton Stingl jun.

666 Marianische Antiphonen

Waren sich die Herausgeber des Gotteslob 2013 über die Bedeutung der Zahl 666 im Klaren, als sie den Marianischen Antiphonen, die am Ende der Tagzeitenliturgie stehen, die Nummer 666 zuordneten? In der Geheimen Offenbarung des Johannes (15,18) wird die Zahl 666 als Zahl des Tieres oder als Zahl des Antichristen bezeichnet. Vielleicht hat die Kommission jedoch diesen Einwand abgetan im Blick auf jenes Bild von Maria, das in der zweiten Strophe des Marienliedes „Die Schönste von allen“ aus Louis Pinck, „Verklingende Weisen“ (1928) folgendermaßen beschrieben wird: „Ein sehr starke Heldin, mit englischem Schritt der höllischen Schlange den Kopf sie zertritt.“ Das schlichte Vertrauen hat jedoch leider nichts genützt, denn der Teufel steckt bekanntlich im Detail.

be_20080207_0021_gb

Kirchzarten, Ortsteil Zarten, St. Johanneskapelle, Maria zertritt die Schlange (Detail) © Bernd Ebbmeyer (7.2.2008)

Es ist zwar sehr löblich, dass außer „Regina caeli“ und „Salve Regina“ auch die beiden anderen Marianischen Antiphonen „Alma Redemptoris Mater“ und „Ave Regina caelorum“ in das Gotteslob aufgenommen wurden. Aber offenbar war nicht mehr genügend „Platz in der Herberge“. Denn zum einen herrscht auf der Seite 858 ein so dichtes Gedränge, dass die deutsche Übersetzung des lateinischen Textes schier keinen Platz mehr findet und der Abstand der letzten Zeile zum unteren Seitenrand deutlich zu klein wird. Zum anderen muss man auf der Seite 859 nach einer Zeile „Salve Regina“ bereits umblättern, was der Notensetzer für diejenigen, die das möglicherweise verschlafen, mit einem Pfeil deutlich markiert hat. Besonders lästig aber ist diese Vorgehensweise für den begleitenden Organisten, der nicht unbedingt mit zwei Büchern hantieren will; er sollte möglichst beide Hände zum Spielen benützen dürfen und nicht noch mit einer Hand umblättern müssen.

Die Lösung des Problems ist relativ einfach, denn auf der Seite 862 ist noch genügend Platz vorhanden, um das Nachtgebet (667) etwas zu verschieben und dadurch Platz für die Marianischen Antiphonen zu gewinnen. Oder hat hier jemand eisern darauf bestanden, dass das Nachtgebet am Kopf der Seite beginnt?

Ein weiterer Mangel, der bei allen lateinischen Gesängen im Gotteslob auftritt, ist die Position der zugehörigen deutschen Übersetzung. In ihrer linksbündigen Stellung wirkt sie etwas lieblos und wenig durchdacht. Man sehe sich z.B. auf Seite 860 die achte Zeile an. Der lateinische Text O clemens befindet sich am Ende der Zeile, seine Übersetzung O gütige aber ganz am Anfang der Zeile. Bereits im „Schott“, der mir in einer Auflage von 1948 vorliegt, ist bei den Gesängen die Übersetzung entsprechend dem lateinischen Text in einzelnen Abschnitten zentriert abgedruckt. Auch wenn es sich nicht an allen Stellen um eine Wort-für-Wort-Übersetzung handelt, ist diese Methode für das Verständnis des lateinischen Textes äußerst sinnvoll. Sie ist der Ehrfurcht vor den alten Gesängen angemessener und verleiht auch einen ästhetischeren Anblick.

Doch weil ich hier nicht nur meckern will, habe ich die Seiten 858 bis 862 gleich im obigen Sinne verändert. So könnten die Seiten in eine Neuauflage aussehen. Doch Vorsicht, die Seitenzahlen des Vorabdrucks, der wiedergegeben ist, differieren zu den Seitenzahlen der späteren Diözesanausgaben um 4!

gl-s-854-855-korr

Der Layouter müsste auf den Seiten 854-855 noch die Zeilenabstände ausgleichen. Ich wollte ihm aber nicht alle Arbeit abnehmen.

gl-s-856-857-korr

gl-s-858-korr

Anton Stingl jun.

Danke

Am ersten Sonntag des Monats Oktober feiern evangelische und katholische Christen gemeinsam das Erntedankfest. Da lag es nahe, dass am zweiten Sonntag die Chapelle de la Vigne im Rahmen ihrer Freiburger BACHkantaten die Kantate »Wer Dank opfert« BWV 17 von Johann Sebastian Bach musizierte. Der Text der Kantate schließt sich eng an die Evangelienlesung des Sonntags an, der Heilung der zehn Aussätzigen (Lukas 17, 11−19). Dazu kommen noch mancherlei Bibelworte. Der Eingangssatz entstammt dem Psalm 50, 23: »Wer Dank opfert, der preiset mich«. In der Sopran-Arie, die sich an Psalm 36,6 (»Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen«) anlehnt, formuliert der Dichter »Wie sollt man dich mit Dank davor nicht stetig preisen?« Das Eingangsrezitativ zum II. Teil, Lukas 17, 15−16, entstammt dem Sonntagsevangelium selbst: »Nur einer von ihnen kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm«. Der Tenor singt im Mittelteil seiner darauf folgenden Arie: »Herr, ich weiß sonst nichts zu bringen, als dir Dank und Lob zu singen«. Nachdem die Kantate in gewohnter Weise mustergültig aufgeführt war und ich meinen Dank ins bereitgehaltene Körbchen gelegt hatte, kam mir die Frage: Welche Rolle spielt eigentlich der Dank in den Liedern des Gotteslob 2013?

Da das Buch über eine eigene Abteilung Lob, Dank und Anbetung verfügt, wird man ohne Schwierigkeiten fündig. In der 10. Strophe von »Großer Gott, wir loben dich« (GL 380) findet man den Satz »Alle Tage wollen wir / dich und deinen Namen preisen / und zu allen Zeiten dir / Ehre, Lob und Dank erweisen«. Doch von »Dank« ist im lateinischen Original des Te Deum nichts zu finden: »Per singulos dies benedicimus te; et laudamus nomen tuum in sæculum, et in sæculum sæculi« = An jedem Tag preisen wir dich und loben deinen Namen in Ewigkeit, ja in der ewigen Ewigkeit. Die Hinzufügung ist der dichterischen Freiheit von Ignaz Franz (1768) zu verdanken.

Guido Maria Dreves (1886) zählt in den Strophen von »Ein Danklied sei dem Herrn« (GL 382) Gründe für den Dank an den Herrn auf: »seine Gnade«, «seine Huld«, »unser Leben«, »jedes Haar«, »unser Name in Gottes Hand«.

»Nun saget Dank und lobt den Herren« (GL 385) ist eine Bereimung des Psalms 118 durch Ambrosius Lobwasser (1573). Der Psalm beginnt mit dem Vers »Danket dem Herrn, denn er ist gütig! / Denn seine Huld währt ewig! « Das Wort vom Danken taucht auch in der dritten Strophe auf. »Lasst danken uns in hellem Chore / dem großen Herrn der Herrlichkeit«. Es ist abgeleitet aus Vers 19: »Eintreten will ich, dem Herrn zu danken«. Die zweite Hälfte der vierten Strophe greift den Anfang der ersten Strophe wieder auf.

»Danket Gott, denn er ist gut« (GL 402) ist nach dem Vorbild des Psalms 136 geformt, der bereits eine litaneiartige Gestalt hat, bei der auf jeden Ruf der gleiche Kehrvers antwortet. Die Textfassung stammt von Christoph Johannes Riggenbach (1868).

Der Prototyp der Danke-Lieder ist „Nun danket all und bringet Ehr“ mit dem Text von Paul Gerhardt (1647), der auf dichterische Weise den Dreischritt des Herzens verwirklicht: Loben – Danken – Bitten. Das Lied fand seit Kirchenlied I (1938) Aufnahme auch in katholischen Gemeinden und wurde neben »Lobe den Herren« (GL 392) zum meist gesungenen Lied aus dem reformatorischen Erbe.

Wenn man auf Seite 469 die etwas wackelige Himmelsleiter (?) erklommen hat, gelangt man zum letzten Danklied der Gruppe Lob, Dank und Anbetung. In dem ebenfalls sehr bekannten »Nun danket alle Gott» (GL 405) mit dem Text von Martin Rinckart (1636) haben die drei Grundbewegungen des Herzens Dank, Bitte und Lob in den drei Strophen einen gültigen Ausdruck gefunden.

Die Ausbeute von sechs Liedern aus 21 zum Thema Dank ist nicht gerade berauschend, aber immerhin das Dreifache des Ergebnisses im Evangelium von den zehn Aussätzigen. Es fällt auf, dass die Texte (und auch die Melodien) alle aus früheren Jahrhunderten stammen: 1573 – 1636 – 1647 – 1768 – 1868 – 1886. Da war die Bilanz im Gotteslob 1975 doch besser. Dort bereicherten immerhin drei zusätzliche Lieder aus dem letzten Jahrhundert die Danke-Landschaft. Da gab es zum einen das »Liedchen« (Werkbuch zum Gotteslob III) von Rolf Schweizer (1966) »Das ist ein köstlich Ding, dem Herren danken« nach Worten aus Psalm 92, 2−6.9.

r-schweizerdas-ist-ein-kostlich-ding

In Kurt Rommels „Singet, danket unserm Gott, der die Welt erschuf“ (1963) werden in gestrafften Formulierungen wesentliche Glaubensinhalte formuliert: Gott, der die Welt erschuf – der uns das Leben gibt – der uns alle liebt – Gott, der Retter aus aller Not.

rommel-weber-singet-danket-unserm-gott

Zu 271 gab es als Parallelstück eines meiner Lieblings-NGLs »Ich will dir danken, Herr, unter den Völkern« von Paul Ernst Ruppel (1964) nach Worten aus Psalm 108, 4−6.

p-e-ruppelich-will-dir-dankenherr

War es der Schwierigkeitsgrad der Melodie, der protestantische Stallgeruch oder die Entstehung in den 1960er Jahren, die zu ihrem Ausschluss aus dem katholischen Gesangbuch führten? Im Evangelischen Gesangbuch (1996) wurden zwei der Lieder (271 und 278) jedenfalls wieder abgedruckt (EG 285 und 291). Lied 277 scheint in einzelnen Diözesananhängen zu überleben (GL 790 Görlitz; GL 874 Österreich).

Gibt es keine Neuen Geistlichen Lieder aus den Jahren 1980−2010 zum Thema Danken? Fällt dieser Generation vielleicht das Danken so schwer wie den übrigen neun  Geheilten? Vielleicht gibt es jemand, der sich hier in der schier uferlosen Landschaft der NGLs auskennt? Mir jedenfalls fiel keines ein, dafür – vermutlich wie jedem andern auch – das »Danke für diesen guten Morgen« von Martin Gotthard Schneider, das er 1961 für ein Preisausschreiben der Evangelischen Akademie Tutzing geschrieben hat und mit dem er den ersten Preis gewann. Wer zu diesem Lied sein Vorurteil pflegt, möge doch lesen, was in der Edition der Preislieder des Wettbewerbs der Evangelischen Akademie Tutzing steht: »Es handelt sich um Versuche; das möge jeder bedenken, der keinen Gefallen daran findet. Wer die Lieder gerne singt, sollte sie nicht überschätzen«.

m-g-schneiderdanke

Der Text fängt mit dem Dank beim Alltag jedes Einzelnen an und führt ihn zielsicher zum Heil des Herrn, dem unser Dank gilt. Die Musik bedient sich der bekannten Tschibum-Kadenz, die zweimal die erste Hälfte des Liedes ausfüllt und – verdichtet auf einen Takt – den Schluss bildet. Dem schlagerüblichen Klischee folgend rückt jede Strophe einen Halbton höher. Ist die Musik der Grund dafür, dass das Lied abgelehnt wird? Ins Evangelische Gesangbuch wurde »Danke« im Abschnitt Glaube – Liebe – Hoffnung, Unterabschnitt Loben und Danken jedenfalls aufgenommen (EG 334).

Zur Abwechslung könnte mal auch eine Katholische Akademie einen Wettbewerb für Neue Geistliche Lieder veranstalten. Vielleicht entsteht dabei ein neuer Hit zum Thema »Danken« .

Anton Stingl jun.

 

Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört

Am Freitag der 21. Woche im Jahreskreis wurde wie jedes Jahr im Gottesdienst das Gleichnis von den zehn Jungfrauen (Mt 15,1−13) verlesen. Da bot es sich an, nach dem Evangelium das Lied Wachet auf, ruft uns die Stimme (GL 554) zu singen, das in den ersten beiden Strophen auf dieses Gleichnis und andere biblische Texte Bezug nimmt. Die dritte Strophe mit Bildern aus Psalm 150, der Offenbarung Kapitel 11, 19, 21 und dem ersten Korintherbrief, Kapitel 2 erklang am Ende des Gottesdienstes.[1] Da dieser Freitag in die Ferienzeit fällt, hatte ich bisher keine Gelegenheit, den zugehörigen Satz im Orgelbuch zum Gotteslob, Band III auszuprobieren. Ich staunte nicht schlecht, als ich sah, dass zu dieser Melodie gleich zwei Sätze angeboten werden. Der Orgelsatz für die erste und zweite Strophe stammt von Gregor Frede, dem Diözesanmusikdirektor in Würzburg. Für die dritte Strophe schrieb Adolf Fichter (geb. 1952), Kantor an St. Servatius in Siegburg, einen eigenen Satz.

[1] Zur Verwendung des Liedes siehe meinen Beitrag Wachet auf, ruft uns die Stimme (GL 554) vom 1.10.2013.

Den Satz von Frede konnte ich sofort vom Blatt spielen, denn er war gut zu lesen und zeigte keine besonderen Extravaganzen.

Satz Frede, Gregor

Zu bemängeln wäre lediglich, dass die beiden Anfänge der zweiten und dritten Abschnitte, der Wächter und wach auf, die zwar beide mit derselben Quarte beginnen, auch dieselbe Akkordfolge (Sekundakkord – Sextakkord) benutzen. Des Weiteren enden die beiden Schlüsse der zweiten und dritten Abschnitte, der Bräutgam kommt und die Lampen nehmt, mit fast derselben Kadenz: D7 – g moll. Die Septime in der Melodiestimme ist allerdings bei einem Lied von 1599 ziemlich stilwidrig. Zu allem Überfluss taucht diese Kadenz in nur wenig abgewandelter Form in der dritten Zeile bei bereit noch ein drittes Mal auf. Die Stelle bei Wächter sehr hoch fällt wegen der beiden Mollseptimakkorde und wegen des Mollquintsextakkords etwas aus dem Rahmen der übrigen Akkorde.

Weil Philipp Nicolai mit der dritten Strophe des Liedes das Gleichnis von den zehn Jungfrauen verlässt und aus anderen Texten schöpft – hauptsächlich aus der Offenbarung -, glaubten die Herausgeber des Orgelbuchs für die dritte Strophe einen neuen Satz präsentieren zu müssen. Sie hielten sich dabei offenbar an die Stelle aus dem zweiten Korintherbrief, Vers 9: „Wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist.“ Adolf Fichter schuf denn auch einen Orgelsatz, der diesem Anspruch durchaus gerecht wird.

Satz Fichter, Adolf

Von den 59 Melodietönen werden lediglich 15 mit Akkorden ohne Dissonanzen bedient. Wenigstens sind alle sieben Schlusstöne der einzelnen Abschnitte mit von der Partie, dazu vier von den Anfangstönen. Drei gehen den Schlussakkorden voran, und einer folgt einem regelrecht aufgelösten Dominantseptakkord. Der überwiegende Rest der anderen Akkorde gehört zu einer Orgie von Dominantseptakkorden samt Umkehrungen und Molldreiklängen mit hinzugefügter Septime, die möglichst nicht in herkömmlicher Weise aufgelöst werden.

Seltsam, wie die Gloria (= Ehre, Ehrgeiz, Hoffart, Prahlerei, Prunksucht, Ruhm, Ruhmbegierde, Ruhmestat, Ruhmredigkeit, Ruhmsucht, Zierde) besungen bzw. bespielt wird! Man spürt den Ehrgeiz des Bearbeiters, der Melodie eine bis zum tiefsten Ton des Orgelpedals abwärtsgehende Tonleiter in der Bassstimme zu unterlegen.[2] Darüber wechseln sich munter Septakkorde in Dur und Moll ab. Richtig erschreckend ist der Querstand zu gesungen beim Wechsel vom Sekundakkord Es-Dur zum Dominantseptakkord C-Dur. Dass die Engelzungen durch einen übermäßigen Dreiklang angekündigt werden, hat mit der landesüblichen Vorstellung von Engelszungen rein gar nichts zu tun. Bei Zimbeln denkt man im Zusammenhang mit der Orgel an das barocke Register „Zimbelstern“, der sich im Prospekt dreht und Glöckchen zum Erklingen bringt. Deren Klang tut aber niemand weh, wenn der Organist beispielsweise beim Gloria der Osternacht den Registerzug betätigt. Es sind wohl die kleinen Becken gemeint, die gegeneinander geschlagen werden und im Satz von Fichter ziemlich undefinierbare Klänge hervorrufen.

[2] Die Idee mit der Tonleiter hatte auch Franz Josef Stoiber 2013 im „Orgelbuch der Domorganisten“, Kassel 2014. In seinem sich ebenfalls „modern“ gebärdenden Begleitsatz B gewährt er uns immerhin 28 dissonanzfreie Akkorde.

Bestimmt spürt das Auge, dass auf ihm ein Quartsextakkord mit sixte ajoutée lastet, der sich nur schrittweise über einen Dominantseptakkord in einen F-Dur-Dreiklang mit Nonenvorhalt „auflöst“! Mit zwei aufeinanderfolgenden Septakkorden (B7 – f7) versucht der Bearbeiter die Gemeinde vor dem Abschnitt solche Freude am Atmen zu hindern. Er vergisst dabei, dass das Atmen an dieser Stelle vor Halleluja und Hosianna in den ersten beiden Strophen durch einen Punkt sogar erlaubt war. Statt sich über die Freude zu freuen, vermiest er uns das Wort durch einen verminderten Septakkord. Im nächsten Abschnitt wird die Spannung bei Jauchzen und Singen durch chromatische Aufwärtsbewegungen im Bass und teilweise auch im Alt künstlich erhöht, bis sie bei dem Personalpronomen dir, das für Gott (!) steht, auf einem banalen Quartsextakkord hängen bleibt. Die Rhythmik der Akkorde macht den verzweifelten Versuch, die Gemeinde darauf hinzuweisen, dass die unterstrichene Silbe und singen dir nicht betont werden darf. Zum Schluss verabschiedet sich der Tonsetzer vom Halleluja mit einem übermäßigen Dreiklang, den wir von der ersten Zeile schon kennen. Im mittelalterlichen Abschied vom Halleluja vor der Fastenzeit heißt es in der Oration: „Verleihe uns, dass wir einst in der ewigen Seligkeit mit deinen Halleluja singenden Heiligen das ewige Halleluja glücklich singen dürfen“. Aber bitte nur a cappella, nicht mit dieser Begleitung!

Johann Sebastian Bach war dafür bekannt, dass er den Gemeindegesang auf der Orgel in oft überraschenden Klängen begleitete. Die Gemeinde in Arnstadt war „konfundiret“, weil er „in dem Choral viele wunderliche Variationes gemachet und viele fremde Töne mit eingemischet habe.“ Es war aber nicht der Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, den er damals traktierte. Diesen Choral hat er im Gegensatz zu vielen anderen Chorälen nur ein einziges Mal als Gemeindechoral vertont und zwar in der Kantate Nr. 140. Im Eingangschor verwendet er die erste Strophe, im Choral Nr. 4 für Tenor und Violine die zweite Strophe und im vierstimmigen Schlusschoral die dritte Strophe. Bach, der sich 1731 an die in Leipzig gebräuchliche Melodiefassung hielt, konnte nicht ahnen, dass man sich im GOTTESLOB 2013 wie bereits 1975 für die originale Melodiefassung von Philipp Nicolai entschieden hatte. So kann man den Satz von Bach nicht ohne weiteres zur Begleitung verwenden. Aber mit einigen Anpassungen und in feierlichem Tempo (Halbe = 56) könnte man diese Perle unter den Sätzen von Bach auch in einer katholischen Kirche erklingen lassen.

Satz Bach, Johann Sebastian

Segne dieses Kind – in Moll oder in Dur?

Als meine Tochter im August 1975 in St. Maria in Bühl-Kappelwindeck getauft wurde, gestalteten wir die Feier nach dem neuen Gotteslob, dessen Stammausgabe im Frühjahr jenes Jahres bereits erschienen war. Damals konnte man die Stammausgabe vor der offiziellen Einführung am 1. Advent käuflich erwerben im Gegensatz zu dem Vorabdruck für die Einführung des neuen Gotteslob 2013, der „zum ausschließlich kirchlichen Gebrauch“ bestimmt war. Nur durch Zufall kam ich in den Besitz eines Exemplars, weil es herrenlos auf einer Orgel herumlag, an der ich zur Vertretung spielte. Nach der Eröffnung der Tauffeier mit dem vierstimmigen Choral „Lobe den Herren“ von Johann Sebastian Bach sangen wir zum Wortgottesdienst das neue Lied Nr. 636 Segne dieses Kind. In meiner späteren vollständigen Gesangbuchausgabe für das Erzbistum Freiburg fehlte ausgerechnet bei diesem Lied die Nummernangabe.

636 Segne dieses Kind

Der Text dieses Tauflieds stammt von dem katholischen Priester Lothar Zenetti, der z.B. auch den Text Das Weizenkorn muss sterben (GL 210) verfasst hat. Das Lied zur Taufe hat eine neue Form. In der Art einer Litanei werden Bitten für ein Kind vorgetragen. „Alle, die zu diesem Kind gehören, Eltern, Geschwister, Verwandte, Paten und Freunde, die Gemeinde, in die es durch die Taufe eingegliedert wird, stellen sich mit ihrem ganzen Leben unter den Segen und die Liebe Gottes“ (Werkbuch zum Gotteslob VII, Freiburg 1978, S. 245). So haben wir es damals auch empfunden.

Mit der Melodie von Erna Woll (1917−2005), die zuletzt Professorin an der Pädagogischen Hochschule in Augsburg war, hatten wir damals keinerlei Probleme, denn die Noten standen ja da. Aber ich dachte mir schon, dass die „in reinem Moll stehende schwebende Melodie“ (Werkbuch) sicher nicht jedermanns Geschmack ist. Als ich später dann im Werkbuch las, dass „die Komponistin auf Antrag der EGB-Kommission die Melodie und den Rhythmus an einigen Stellen synkopenfrei umgeformt hat“, verstand ich, warum der ehemalige Domkapellmeister von Freiburg, Franz Stemmer, ihre Kompositionen etwas despektierlich als „Gewölle“ bezeichnet hat. Die Melodie von Erna Woll habe ich in den letzten 41 Jahren nirgends  mehr gehört. Jetzt hat das Segensgebet von Lothar Zenetti im Gotteslob 2013 eine neue Melodie erhalten.

490 Segne dieses Kind

Der evangelische Kirchenmusiker Michael Schütz (geb. 1963), Dozent für Popularmusik an der Universität der Künste Berlin, hat die Melodie statt wie Erna Woll in g moll und in meist tiefer Lage jetzt im helleren G dur und in höherer Lage angesiedelt und anstelle eines zwischen 2/4 und 3/4 schwankenden Taktes einen einheitlichen 2/2-Takt gewählt. Die Melodie lädt jetzt tatsächlich mehr zum Singen ein, wie ich jüngst als Kantor bei einer Taufe in Küssaberg am Hochrhein erfahren konnte. Sie weist aber auch Fehler im Wort-Ton-Verhältnis auf, die die Vorgängermelodie vermieden hat. Im Refrain liegt die sinngemäße Betonung auf sehen lernt, lieben lernt, greifen lernt … Michael Schütz legt aber mit einem Quartanstieg zu einer punktierten Halben auf Schlag eins die Betonung auf das untergeordnete Wort lernt. Erna Woll hat dieses Problem durch flexiblere Taktgestaltung und durch die Melodieführung an dieser Stelle besser gelöst. Das zweite Problem habe ich als Kantor am eigenen Leibe, sprich am Atem, erfahren. Zwischen Refrain und Vers hat der arme Kantor kaum Zeit zum Atmen. Auch diese Schwierigkeit hat Erna Woll elegant durch die Einfügung einer Pause umgangen. Was jetzt kommt, ist eine Geschmacksfrage. Wie oft darf man wie hier im Vers eine Sequenz weiterführen? Gemeint ist hier die Wiederholung eines musikalischen Motivs auf einer anderen Tonstufe. „Da dies dem Komponisten die Anstrengung neuer Ideen erspart, hat die Sequenz einen relativ schlechten Ruf und wird spöttisch Schusterfleck genannt“. Sicher ist, dass man sich die Melodie auf diese Weise leichter merken kann. Sicher ist aber auch, dass Michael Schütz durch die abwärts gehende Sequenz den Höhepunkt jeden Verses, die Verheißung, verpasst. Erna Woll dagegen belässt die Melodie des Verses zunächst in der Tiefe und verwendet statt der Sequenz eine Wiederholung. Allmählich steigt die Melodie an und erreicht bei Land bzw. bei Wort der Verheißung den höchsten Ton.

Jetzt könnte man bezogen auf die Melodie von Michael Schütz sagen: Wenn das die Lösung ist, dann möchte ich mein Problem zurück. Man könnte aber auch an der Lösung arbeiten.

Segne dieses Kind-Korrektur

Beim ersten Problem in der zweiten Zeile liegt jetzt der höchste Ton auf dem wichtigsten Wort. Das Atemproblem wurde durch das Einfügen einer Viertelpause gelöst. Die Sequenz des Verses wurde einfach umgedreht, und zwar was die Intervalle anbelangt als auch die Richtung. Auf diese Weise bildet nun die Verheißung den Höhepunkt. Man verzeihe mir am Ende den emphatischen Oktavsprung. Der Kantor schafft das!

Anton Stingl jun.

Edith Stein 1916|2016

An der Eingangswand des Gasthauses Kybfelsen in Freiburg-Günterstal, in dem ich sonntags regelmäßig „Gaumenfreuden badisch genieße“, hängt seit einiger Zeit eine Gedenktafel.

Gedenktafel-Kybfelsen 1Da speise ich also mit Edith Stein in guter Gesellschaft. Doch damit nicht genug. Unmittelbar vor ihrer Prüfung 1916 stärkte sich Edith Stein in „Birlingers Kaffestuben“ in der Kaiser-Joseph-Straße mit Eiskaffee und Torte. Dieses Café wurde zwar im Bombenangriff 1944 auf Freiburg zerstört, aber 1957 als „Café-Konditorei Birlinger“ in der Hansjakobstraße wieder eröffnet. Dort habe ich in meiner Jugendzeit so manche Stunde in anregender Gesellschaft verbracht.

Gerade jetzt entdeckte ich, dass im neuen Gotteslob ein Lied mit einem Text von Edith Stein existiert (GL 439). Beim Betrachten des Textes fiel mir ein, dass er bereits im Gotteslob von 1975 stand (302). Edith Stein hatte ihn 1936 in Köln veröffentlicht, 1967 wurde er als Lied mit geringfügigen Textänderungen, im Einvernehmen mit dem Karmel zu Köln, in das Kirchenlied II aufgenommen (115). In diesem Buch wurden noch weitere Liedtexte von Edith Stein veröffentlicht: Ich will mein Lied dem König weihn nach Psalm 45 (111), In aller Stürme Toben nach Psalm 46 (112), Jauchzt, ihr Völker nach Psalm 47 (114). Und wieder gab es einen Berührungspunkt zwischen Edith Stein und mir. Denn für das Kirchenlied II durfte ich sieben Texte von Albert Höfer und Georg Thurmair vertonen, zu denen sich bis zu diesem Zeitpunkt keine geeigneten Melodien fanden.

Bei Edith Steins Text Erhör, o Gott, mein Flehen handelt es sich um eine dichterische Umformung des Psalms 61. Da liegt es nahe, den Liedtext mit dem Text des Psalms zu vergleichen. Da ich nicht in Erfahrung bringen konnte, auf welche Psalmenübersetzung sich Edith Stein gestützt hat, habe ich die Übersetzung von P. Beda Grundl OSB 1908 gewählt, weil sie noch aus der Zeit vor der Entstehung des Liedtextes stammt.

Vergleich mit Psalm 61

Edith Stein folgte im Großen und Ganzen genau dem Ablauf der Psalmverse, wenn man von kleineren Umstellungen absieht. Um die zweite Strophe zu füllen, musste die Dichterin allerdings Text ergänzen. Sie fügte den Bildern von Turm, Zelt und Flügel das Bild vom Sturm hinzu, vor dem ihr nicht bang ist. Eine gravierende Änderung hat sie in den Versen 7 und 8 vorgenommen. Denn für einen vertrauensvollen Ausblick auf einen König sah Edith Stein 1936 offensichtlich keinen Anlass. Es hat den Anschein, als ob sie die Zeile dem der, sich dir geweiht ganz persönlich auf sich bezogen hat, auf sie, die 1933 in den Kölner Karmel eingetreten war. Leider waren ihr nur noch sechs Jahre gegeben, bis sie in Auschwitz ermordet wurde.

KL II

GL 1975

Die Melodie ist die des 128. Psalms aus der verschollenen 2. Ausgabe des französischen Psalters, Genf 1543. Sie stand schon im katholischen Gesangbuch „Heil im Glauben“, Köln 1857, und in Mohrs Psälterlein 1891 zu „Dein Heiland ist gestorben“ (Werkbuch zum Gotteslob III, 1975).

Die Melodie steht in der dorischen Tonart wie z.B. O, Heiland reiß die Himmel auf oder Gott ist dreifaltig einer und zeigt für die acht Zeilen folgende melodische Form: A (a b) – B (c d) – C (e f) – D (g h), d.h. jede Zeile hat ihre eigene Melodie! Lediglich die Teile A und C bzw. die Teile B und D enden mit derselben Kadenz. Es gilt also allerhand zu memorieren. Dabei ist erleichternd , dass die Teile A und B im gleichen Rhythmus ablaufen. Die Teile C und D unterscheiden sich davon nur durch eine Verbreiterung beim Übergang zwischen den Zeilen. Dass in der Melodie der Oktavton der dorischen Tonart zweimal erreicht wird, war für die Herausgeber des „Gotteslob“ 1975 offenbar Anlass, die Melodie einen Ton tiefer zu setzen. Für Schulblockflöten war sie jetzt leider nicht mehr spielbar.

Für das neue Gotteslob wollte man die Reimfassung des Psalms 61 von Edith Stein erhalten, suchte aber nach einer neuen Melodie, weil die bisherige von der Mehrheit der Gemeinden nicht angenommen wurde. Im „Liedregister zum Gotteslob“ werden eine ganze Reihe von Liedern angezeigt, denen dasselbe Strophenschema zugrunde liegt wie bei Erhör, o Gott mein Flehen. Doch keine der Melodien scheint für diesen Text geeignet zu sein. Die kleine zweiteilige Liedform von Befiehl du deine Wege (418), Das Jahr steht auf der Höhe (465), Den Engel lasst uns preisen (540), Den Herren will ich loben (395), Die Nacht ist vorgedrungen (220), Du hast, o Herr, dein Leben (185), O Haupt voll Blut und Wunden (289), Wir weihn der Erde Gaben (187) ist dem Text nicht angemessen. Bei Gott ist dreifaltig einer (354), Gott ruft sein Volk zusammen (477),Gott wohnt in einem Lichte (429) träfe man wieder auf die ungeliebte dorische Tonart. Die Melodie zu Die Kirche steht gegründet (482), einer Übertragung des englischen Chorals “The Church’s One Foundation”, von Samuel Sebastian Wesley (1864) ist von ihrem Dur-Charakter her denkbar ungeeignet. Für die „harmlose“ Melodie bei Gott, der nach seinem Bilde (499) hat die Gesangbuchkommission bereits vorsichtshalber die Alternativmelodie Den Herren will ich loben (395) vorgeschlagen.

So entschied man sich für die von dem Österreicher Roman Schleischitz 2009 verfasste Melodie.

GL 2013

Erste Überraschung: Die Melodie steht im 6/4-Takt, was bei Gesangbuchliedern nicht sehr häufig vorkommt und das Lied in eine Reihe stellt mit Macht hoch die Tür (218), O Heiland, reiß die Himmel auf (231), In duci jubilo (253), Ist das der Leib, Herr Jesu Christ (331), Komm, o Tröster, Heilger Geist (349), Ich will dich lieben, meine Stärke (358), Dein Lob, Herr, ruft der Himmel aus (381), Wer unterm Schutz des Höchsten steht (423, ohne Taktangabe), Erfreue dich, Himmel (467). Die meisten dieser Lieder stehen jedoch in Dur und treffen den „Ton“ des Textes nicht.

Zweite Überraschung: Die Tonart ist phrygisch. Ihr Finalton wird in der zweiten Zeile von oben, in der dritten letzten Zeile wie bei O Haupt voll Blut und Wunden von unten erreicht. Ob diese Tonart zusammen mit dem Leitton fis in der vierten Zeile zur Bezeichnung „jüdisch anmutend“ (Sr. Johanna Kobale) geführt hat? Auch der Beginn mit einer kleinen Sexte ist sehr ungewöhnlich.

Dritte Überraschung: Die Form ist bewusst einfach gehalten: A (a b) – A´(a’ c) – B (d e) – A“(a‘ c´). Durch die zahlreichen Entsprechungen lässt sich die Melodie leicht einprägen.

Vierte Überraschung: Der wiegende Rhythmus – ähnlich wie bei Wer unterm Schutz des Höchsten steht – entspricht in vielem der Haltung des Textes, z.B. In deinem Zelt bewahren willst du mich immerdar. Der punktierte Rhythmus wird dreimal als Wendung zum Finalton eingesetzt, zum vierten Mal bei der Einführung des „fremden“ Tones fis.

Zum Schluss bleibt der Wunsch, dass die Melodie, die mit ihrem Umfang von einer Oktave das tiefe b berührt, in den Originaltonraum der phrygischen Tonart einen Ton höher transponiert wird, damit man auch ein überzeugendes Lobesopfer bringen kann und die Melodie auch auf der Schulblockflöte zum Erklingen kommt. Diesem Wunsch bin ich nun selbst nachgekommen und lege noch einen Orgelsatz dazu.

439 Erhör, o Gott, mein Flehen (Stingl 2016)

Anton Stingl jun.

 

 

 

Nicht weltlich, sondern geistlich

GL 465

Das Jahr hat zu dem Zeitpunkt, an dem der vorliegende Beitrag veröffentlicht wird, bereits seinen Höhepunkt überschritten. Seit dem 24. Juni, dem Fest der Geburt Johannes des Täufers, werden die Tage wieder kürzer, bis sie ein halbes Jahr später ab dem 24. Dezember, dem Fest der Geburt des Herrn, wieder länger werden. Diese Hoffnung auf Christus, die Sonne unsres Heil (Laudeshymnus), kommt im Text des Liedes Das Jahr steht auf der Höhe (GL 465) leider nicht zum Ausdruck. Der Dichter sieht im Schwinden der Sonne eine Parallele zum Sterben des Menschen, der so zu Gott findet und durch Gott aufersteht. Zum Textanfang gibt es von Johen Klepper (1938) eine ähnliche Formulierung Der Tag ist seiner Höhe nah im Eigenteil Freiburg/Rottenburg-Stuttgart (GL 708). Der Ausgangspunkt seiner Betrachtungen ist das Gebet zum Mittagsmahl.

Den Text des Mittsommerliedes dichtete 1978 der evangelische Pfarrer Detlev Block (*1934) auf eine Melodie, die Johannes Steurlein für den weltlichen Text „Mit Lieb bin ich umfangen“ schrieb, zu der er auch einen Chorsatz verfasste. Er wird von vielen Chören gern gesungen.

Mit Lieb bin ich umfangen

  1. Wie soll ich von dir lassen, / es kost mir meinen Leib, / dazu zwingt mich ohnmaßen, / dass ich nit von dir scheid. / Dir hab‘ ich mich ergeben / in rechter Stetigkeit, / dieweil ich hab‘ das Leben, / Herzlieb, nit von mir scheid!

Der aufmerksame Leser wird an dieser Stelle bemerken, dass sich die Melodie von GL 465 an zahlreichen Stellen von der Steurleinschen Originalmelodie unterscheidet.

Für den evangelischen Bereich dichtete zu dieser Melodie bereits 1606 Martin Behm frei nach dem Ausspruch von Martin Luther, dass man „die schöne Musik nicht dem Teufel überlassen sollte“, das geistliche Frühlingslied Wie lieblich ist der Maien.

EG 501

Dieses Lied mit fast denselben melodischen Veränderungen wie im GL ist im evangelischen Kirchengesang seit den 1950er Jahren bekannt und bereits im ersten Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG 370) – dort noch in B dur – und im aktuellen Evangelischen Gesangbuch (EG 501) abgedruckt.

Was sind nun im Einzelnen die Veränderungen, die ein unbekannter Bearbeiter an Steurleins Melodie vorgenommen hat?

Vergleich

Zunächst wurde in jeder Zeile eine Reihe von Achteln durch punktierte Viertel ersetzt. Doch mit dieser Maßnahme geriet der Bearbeiter vom Regen in die Traufe. Die „Schule der Geläufigkeit“ wechselte ins Trainingslager „Rhythmus“. Wer einmal eine Gemeinde bei Segne du, Maria (GL 535) beobachtet hat, wie sie die punktierten Rhythmen nach der Gesangbuchnotation zu singen versuchte, weiß, wovon ich spreche. Mit dem Rhythmus wurde auch die Melodie verändert. Dass die beiden Sechzehntel in der zweiten Zeile für die Gemeinde ein Problem darstellen, steht außer Zweifel. Dass man aber deshalb in diesem Takt die Melodie so verändern musste, dass auch die Betonungen verschoben werden, ist nicht einzusehen. Aus Durchgangsnoten werden Hauptnoten und umgekehrt. In der dritten Zeile hatte der Bearbeiter offensichtlich Scheu vor einer wörtlichen Reprise der ersten Zeile. Man beachte auch den katholisch-evangelischen Konflikt zu Beginn der zweiten Zeile. Während das EG den originalen Ton h von Steurlein beibehält, verwendet das GL an dieser Stelle den Grundton, was in der ersten Strophe bei Herr, zwischen Blühn und in der dritten Strophe bei Gib, eh die Sonne schwindet eine ungebührlich starke Betonung auf weniger wichtigen Wörtern nach sich zieht.

Dass man einen geistlichen Text auch auf die Originalmelodie mit dem Originalsatz von Steurlein singen kann, beweist im Regionalteil Württemberg (EG 602) die Liedparaphrase über den Psalm 104 Auf, Seele, Gott zu loben von Martha Müller-Zitzke (1947).

Auf, Seele, Gott zu loben-original

Das ist zunächst die Originalmelodie mit dem Originalsatz, die aber an der Stelle mit den Sechzehnteln bei entsprechendem flüssigem Tempo für die Gemeinde nicht zu schaffen ist. Deshalb hält EG 602 folgende Lösung bereit:

Auf, Seele, Gott zu loben-fast original

  1. Gott hat das Licht entzündet, / er schuf des Himmels Heer. / Das Erdreich ward gegründet, / gesondert Berg und Meer. / Die küh­len Brunnen quellen / im jauchzend grünen Grund, / die klaren Wasser schnellen / aus Schlucht und Bergesrund.
  2. Vom Tau die Gräser blinken, / im Wald die Quelle quillt, / daraus die Tiere trinken, / die Vögel und das Wild. / Die Vögel in den Zweigen / lobsingen ihm in Ruh, / und alle Bäume neigen / ihm ihre Früchte zu.
  3. Gott lasset Saaten werden / zur Nahrung Mensch und Vieh. / Er bringet aus der Erden / das Brot und sättigt sie. / Er sparet nicht an Güte, / die Herzen zu erfreun. / Er schenkt die Zeit der Blüte, / gibt Früchte, Öl und Wein.
  4. Der Wald hat ihn erschauet / und steht in Schmuck und Zier. / Gott hat den Berg gebauet / zur Zuflucht dem Getier. / Das Jahr danach zu teilen, / hat er den Mond gemacht. I Er läßt die Sonne eilen / und gibt den Trost der Nacht.
  5. Den Menschen heißt am Morgen / er an das Tagwerk gehn, / läßt ihn in Plag und Sorgen / das Werk der Allmacht sehn. / Er ist der treue Hüter, / wacht über Meer und Land, / die Erd ist voll der Güter / und Gaben seiner Hand.
  6. Laß dir das Lied gefallen. / Mein Herz in Freuden steht. / Dein Loblied soll erschallen, / solang mein Odem geht. / Du tilgst des Sünders Fehle / und bist mit Gnade nah. / Lob Gott, o meine Seele, / sing ihm Halleluja.

In dem fraglichen Takt sind die beiden Sechzehntel gekappt, das fehlende e liefert die Altstimme als Achtel nach. Im Übrigen lässt sich der Satz von Steurlein leicht auf Gitarrenakkorde übertragen, ohne dass man wie in EG 501 zu fremden Akkorden wie Cadd9 und Am greifen muss.

Martha Müller-Zitzke zitiert in Strophe 7 ihrer Reimfassung des Psalms 104 den Vers 34: Möge ihm mein Dichten gefallen. Ich will mich freuen am Herrn. Wenn die Reime auch Gott gefallen mögen, so kommen den heutigen Sängern manche Formulierungen doch merkwürdig vor. Den grammatikalisch unklaren Anfang Auf, Seele, Gott zu loben! formte die Dichterin nach der Formulierung im Lied Halleluja! Gott zu loben bleibe meine Seelenfreud! Bei Müller-Zitzke fehlt eine Satzaussage wie z.B. in Gott loben, das ist unser Amt aus dem Lied Nun jauchzt dem Herren, alle Welt (GL 144). Das Wort Windfittiche ist wohl ihre ureigene Wortschöpfung. Altertümelnde Wendungen wie lasset statt lässt, bringet statt bringt, sparet statt spart, erschauet statt erschaut, gebauet statt gebaut mögen vor 70 Jahren noch zum Sprachgebrauch gehört haben. Heute wirken sie restlos antiquiert.

Bleibt die Frage, ob man eine ursprünglich weltliche Melodie durch Umformung in den geistlichen Stand erheben muss, damit sie als geistlich erkannt wird. Ist eine vermeintliche Vereinfachung zu diesem Zweck ein legitimes Mittel? Mit anderen Worten: Ist Kirchenmusik umso besser geeignet, je einfacher sie ist? Das wäre doch ein fragwürdiger Grundsatz.

Eine andere Frage ist, ob die Kontrafaktur, wie man in der Musikwissenschaft die Unterlegung eines Textes unter eine vorhandene Melodie nennt, bei der Steurlein-Melodie gelungen ist. Das Jahr steht auf der Höhe (GL 465) von Detlev Block mit seiner ernsten Grundhaltung scheint mir den leichten, verspielten Ton der Melodie nicht zu treffen, während der alte Text Wie lieblich ist der Maien von Martin Behm (EG 501) wie auch der neuere Text Auf, Seele, Gott zu loben! von Martha Müller-Zitzke (EG 602) dem ursprünglichen „Ton“ des Liedes Mit Lieb bin ich umfangen näher kommen, die beide in unterschiedlichen Formulierungen Gottes herrliche Schöpfung zum Thema haben.

Anton Stingl jun.