Ein Halleluja für den Brexit

Das gab es noch nie! Am Freitag in der 27. Woche, an dem es in der Lesung aus Joel heißt: „Der Herr ist nahe“ und im Evangelium aus Lukas: „…dann ist das Reich Gottes zu euch gekommen“, hatte ich als Danklied „Herr, mach uns stark im Mut, der dich bekennt“ mit der Melodie „For all the saints“ von Ralph Vaughan Williams (GL 552) ausgewählt. Den zugehörigen Satz im Orgelbuch, der ebenfalls vom Komponisten stammt und mit seinen durchlaufenden Vierteln im Bass nicht ganz einfach zu spielen ist, hatte ich besonders studiert.

Beim Spiel hielt ich mich an den Tempovorschlag im Orgelbuch: Viertel = 96. Das löste ungeahnte Reaktionen aus. Schon beim Begleiten merkte ich, dass einige der eifrigen Kirchensängerinnen und –sänger bei den punktierten und den ganzen Noten versuchten, mich als Langsamfahrer links zu überholen. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich, der wie weiland Johann Sebastian Bach für flotte Tempi bekannt ist. Die größte Überraschung jedoch erwartete mich , als ich nach dem Postludium meine sieben Sachen an der Orgel (Brille, Gesangbuch, Mikrofon, Orgelbuch, Orgelschuhe, Notentasche, Orgelschlüssel) versorgt hatte. In der Sakristei harrte ausnahmsweise noch mein Pfarrer aus und meinte, dass ich das Danklied viel zu langsam begleitet hätte. Er sang mir vor, in welchem Tempo er sich das Lied vorstelle. Ich war schon ein bisschen darüber enttäuscht, dass man so auf die Nase fallen kann, wenn man sich an die Tempovorgaben des offiziellen Orgelbuchs hält.

Wo liegt das Problem? Tatsächlich singen die Anglikaner ihre Hymne „For all the saints“ zwei Striche schneller: Viertel = 104. Das kann man in den verschiedenen Aufnahmen bei YouTube nachprüfen.

Plymouth Choir and Congregation

HIMaachen

David McWilliams

Dass dieses Tempo wirklich gemeint ist, sieht man bei dem Dirigenten der ersten Aufnahme, der deutlich die Viertel schlägt. Aber leider  war das immer noch nicht jenes Tempo, das meinem Pfarrer vorschwebte, der – 25 Jahre jünger als ich – offensichtlich unheilbar mit NGL infiziert ist. Ich begann deshalb nach deutschen Aufnahmen zu suchen.

Mädchenkantorei am Müncher Dom und Müncher Domsingknaben, Halbe = 66.

Mädchen der Chorsingschule Himmelfahrt, Mülheim/Ruhr-Saarn, Halbe = 72.

Bei diesem Tempo können tatsächlich die Viertel nicht mehr geschlagen werden, sondern der Dirigent muss zum Schlag der Halben übergehen. Unter dieser Maßnahme leiden zwangsläufig die Stellen mit den Achtelnoten. Anstelle von feierlichem Hymnuscharakter breitet sich eiliges Geschnatter aus. Anstelle von historisch informiertem Singen, wird das Lied einfach heruntergenudelt. Das Halleluja wird zur Karnevalsveranstaltung.

Nun ist klar, warum die Briten im Stammland der anglikanischen Kirche mit der EU und speziell mit den liturgisch beschleunigten Deutschen, die ihre Hymne verhunzen, nichts mehr zu tun haben wollen. Mit des Komponistene Ralph Vaughan Williams Fantasie on Greenleeves schicken sie uns noch einen letzten Gruß von der Insel.

Anton Stingl jun.