Psalmenbuch für »Arme«

Das jüngst erschienene »Psalmenbuch«, herausgegeben vom Deutschen Liturgischen Institut und dem Liturgiereferat des Bistums Würzburg in Kooperation  mit dem Referat für Liturgie & Kirchenmusik des Bistums Passau, hat sich eine Mammut-Aufgabe gestellt. Sämtliche, d.h. etwa 960 Antwortpsalmen des gesamten Kirchenjahrs wurden zum Singen eingerichtet. Da musste man notwendigerweise bestimmte Anforderungen reduzieren wie einst im Mittelalter bei der « Biblia pauperum » ‒ der „Armenbibel“. Das war eine Kurzbibel, die für Scholaren oder Kleriker gedacht war, die sich den Erwerb einer vollständigen Bibel nicht leisten konnten, bzw. eine bebilderte Bibel, die als Erbauungsbuch für jene diente, die kein Latein oder überhaupt nicht lesen konnten.

Wenn das Bibelwerk mit dem Slogan  »Das Psalmenbuch – für alle Lektoren und Kantoren« wirbt, dann kann wohl nicht gemeint sein, dass die Lektoren jetzt auch noch die Antwortpsalmen lesen sollen, denn diese Psalmen finden sich seit eh und je bereits in den Lektionaren. Es bleibt dann nur die zweite Möglichkeit, dass Lektoren, die bisher nur gelesen haben, mit Hilfe eines Buches befähigt werden, Noten zu lesen und über Nacht singen zu können. Wenn sie dagegen womöglich mit kirchlicher Hilfe Gesangsunterricht erhielten, dann wären sie echte Kantoren, die die Psalmen mit reiner und klarer Stimme intonieren könnten.  Die im Prospekt verwendeten Begriffe »Lektoren« und »Kantoren« gelten vermutlich auch für Frauen, die sich schon seit langem in diesen Ämtern bewährt haben.

Das »innovative Konzept« namens »Methode Kantorale simplex« (einfach), nimmt Bezug auf das « Graduale simplex » von 1967, in dem einfachste lateinische Responsorialpsalmen  mit zweiteiligen Psalmodiemodellen und kurzen Kehrversen veröffentlicht wurden. Denselben Ansatz verfolgte auch Godehard Joppich in seinen »Preisungen« von 1998, deren Gesangsmodelle sich ausdrücklich auf die sogenannten Urmodi beziehen. In dieser jetzt 50 Jahre alten Tradition verspricht das »Psalmenbuch« Lektoren und Kantoren »ohne große Anstrengung den Einstieg in den gesungenen Vortrag des Psalms« durch Psalmtonmodelle zu ermöglichen –  hier vorsichtigerweise Singweisen genannt –,  die wie Supermodels auf wenige Töne abgemagert sind. Der Verkaufsprospekt weist darauf hin, dass auf Beugungen und Kadenzen weitgehend verzichtet wird, was natürlich nicht möglich ist, denn jede auch noch so einfache Schlusswendung stellt eine Kadenz dar. Was tatsächlich fehlt, sind zweiakzentige Kadenzen, die dafür sorgen, dass der Psalmvortrag kein »teuflisches Geplärr und Geleier« (J. S. Bach), sondern ein adäquates Gewand für das Psalmwort wird. Auch ist in den wenigsten Fällen die »steile Fügung« berücksichtigt, die durch Hervorhebung mit leichter Dehnung vor einer weiteren betonten Silbe zu einer sinnvollen Gliederung des Psalms verhilft. Auch auf ein Initium, das den Übergang vom Kehrvers zum Rezitationston bildet, wurde verzichtet.

Die »kurzen, einprägsamen Kehrverse« helfen die Kosten des Buches niedrig zu halten, weil sie nicht aus dem Gotteslob stammen, weshalb auch keine Lizenzgebühren anfallen. Die »schlichten Neuvertonungen« wurden aus dem Tonvorrat des jeweiligen Melodiemodells »schlecht und recht« entwickelt. Um die treuen Anhänger der Gotteslob-Kehrverse nicht zu vergraulen, sind zusätzlich die Nummern von passenden oder unpassenden Kehrversen aus dem Gotteslob angegeben. Da die Kehrverse by heart/par cœur/a memoria/auswendig gesungen werden sollen, dürfen sie eine bestimmte Länge nicht überschreiten. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnte ich experimentell nachweisen, dass man bis zu einer Zahl von 12 bis 13 Silben den Kehrvers nach einmaligem Hören erfassen kann. Das »Psalmenbuch« hält sich zwar  an diese Regel, aber leider wird sie zum Nachteil von Text und Melodie an vielen Stellen drastisch unterschritten.

Ein konkretes Beispiel soll die aufgezählten Mängel verdeutlichen. Auf der Suche nach dem Antwortpsalm zum Freitag in der 2. Fastenwoche findet man im Register I  (S. 14) die Angabe »Ps 105, 16-21 mit Kehrvers B«. Den Psalm 105 kann man erblättern oder auf der Seite 303 im Inhaltsverzeichnis die zugehörige Seitenzahl nachschlagen: Psalm 105 beginnt auf Seite 196. Dort stehen außer dem Kehrvers B noch zwei weitere Kehrverse, denn der Psalm wird mit unterschiedlicher Versauswahl noch an 13 anderen Tagen benötigt, wie z. B. am Fest der Hl. Familie und am  Mittwoch in der Osteroktav.

Kehrvers zu Psalm 105

Das Beispiel zeigt eine „Eierkohlennotation“, die auf die richtige rhythmische Interpretation des Textes vertraut. Die Melodie lässt erkennen, wie sparsam die Herausgeber mit dem Text und dem Tonvorrat des zugehörigen Psalmmodells umgegangen sind. Wenn sie den Vorschlag des Lektionars verwendet hätten, wären sie immer noch unter der Gedächtnisobergrenze geblieben: Gedenkt der Wunder, die der Herr getan!

GL 432

Als möglichen Ersatz für den hauseigenen Kehrvers wird aus dem Gotteslob die Nr. 432 angegeben. Die Melodie dieses Kehrverses hat zwar dasselbe Vorzeichen wie das Psalmmodell, aber die Melodie und vor allem der Text passen wie die Faust aufs Auge. In Ps 126,3 ist von Großem (Magnificavit) die Rede, in Ps 105,5a aber von Wunder (mirabilium).

Psalmenbuch, Seite 197, Zeile 7-8

Die gewählte Form, in der alle im Laufe des Kirchenjahrs erforderlichen Verse eines Psalms hintereinander aufgeführt werden, hat den Nachteil, dass erste Vers eines Antwortpsalms in den meisten Fällen nicht der erste Vers des Psalms ist, sondern innerhalb des Psalms möglicherweise auf den vorhergehenden Vers Bezug nimmt. Da der Hörer diesen Zusammenhang aber nicht kennt, muss der erste Vers des Antwortpsalms dieser Situation angepasst werden. Der erste Halbvers »Dann aber rief er den Hunger ins Land« muss zugunsten von »Er rief den Hunger ins Land« geändert werden. Auch wenn der Werbeprospekt verspricht, dass  »die Texte vollständig dem Wortlaut der revidierten Einheitsübersetzung entsprechen «, muss man sich die notwendigen Freiheiten zur Änderung nehmen, wenn sie dem Verständnis dienen. Da bei dem verwendeten »Singweise« jede Kadenz den Ton des nächsten Rezitativs vorwegnimmt, konnte man sich ein vermittelndes Initium sparen.

Psalmenbuch, Seite 197, Zeile 9-10

Wenn man auch der Beachtung des Kommas bei „Zeit, als“ und zusätzlich dem Zeilenumbruch vertraut, so wäre doch an dieser Stelle ein Dehnungszeichen hilfreich, um auf die „steile Fügung“ aufmerksam zu machen.

Psalmenbuch, Seite 197, Zeile 11-12

Warum ändert sich beim dritten Doppelvers innerhalb ein und desselben Antwortpsalms das Modell? Ist der König daran schuld, der sich aus der bisherigen Tiefe des Psalmvortrags befreien will? Abgesehen davon, wäre auch sehr von Vorteil, das Komma bei „König, der“ und „Völker, der“ im Notensystem zu markieren, ganz zu schweigen von der „steilen Fügung bei „Herrn über“, was von unerfahrenen Kantoren leicht übersehen wird. Die Schlusswendung zeigt eine besondere Schwäche, die im gesamten Buch immer wieder auftaucht: Der Schlusston wird über einen absteigenden Tetrachord erreicht, was außerhalb des Psalmenbuchs für „Arme“ sinnvollerweise nirgends vorkommt. Diese Wendung zeigt sich allenfalls innerhalb eines Stückes, aber nie am Ende.

Abschließend folgt eine Vertonung, die versucht, die gezeigten Schwächen zu vermeiden. Der Kehrvers bleibt mit 11 Silben im gesteckten Rahmen und schließt unisonisch an den Schlusston des Psalmverses an. Der Text des ersten Verses ist korrigiert. Das Modell verfügt in allen vier Teilen über Initium und Kadenz und die rhythmischen Besonderheiten sind berücksichtigt. Das gewählte Psalmtonmodell passt tonartlich zum Charakter des Textes.

Antwortpsalm am Freitag der 2. Fastenwoche

Abschließend soll noch auf die bescheidenen Schlussworte zum Konzept des Psalmenbuches hingewiesen werden: »Mit zunehmender Routine werden die Kantorinnen dann auf musikalisch anspruchsvollere Kantorenbücher zurückgreifen«. Also keine Rede mehr von Lektoren und Kantoren. Und die Herausgeber der anderen Kantorenbücher werden sich sich freuen.

Anton Stingl jun.

Die Crux mit den Kehrversen

Der Kahlschlag bei den Kehrversen im Gotteslob 1975 war aus musikalischen Gründen sicher berechtigt. Jedoch treten jetzt bei der Zuordnung der Kehrverse zu den entsprechenden Antwortpsalmen nach der Lesung vermehrt Schwierigkeiten auf. Betrachten wir zum Exempel die Antwortpsalmen der Sonntage 2 bis 9 im Lesejahr C. Hier gelingt die Zuordnung der Kehrverse nur in zwei von acht Fällen ohne Probleme, weil es sich bei diesen Kehrversen um Übernahmen aus dem Vorgängerbuch handelt und die Texte jeweils der Vorlage im Lektionar entsprechen.

Kehrverse 1

In einem weiteren Fall ist die Übernahme aus dem Gotteslob 1975 auch möglich, obwohl der Text nicht der Vorlage entspricht: „Gütig und barmherzig ist der Herr, voll Langmut und reich an Güte“ (Ps 103,8). Stattdessen wählte man eine Kompilation der Verse 3 und 4.

Kehrverse 2

In den nächsten zwei Fällen hat sich das Gotteslob 1975 zwar an die Vorlage aus dem Lektionar gehalten, aber die Vertonung des Kehrverses wurde nicht übernommen.

Kehrverse 3

Da es nun nicht wie 1975 zum Gotteslob ein offizielles Kantorenbuch zum Gotteslob gibt, „ohne welches das GOTTESLOB nur halb brauchbar ist“, wie es im Vorwort hieß, muss nun jeder Kantorenbuchherausgeber selber sehen, wie er zurechtkommt. Für den Kehrvers am 2. Sonntag ergab die Suche nach „Psalm 96“ den unbrauchbaren Treffer „Der Himmel freue sich, die Erde frohlocke, denn der Herr ist uns geboren, Halleluja“ (635,6). Die Volltextsuche unter 123 Kehrversen nach dem Wortstamm „künd“ ergab die zwei ebenfalls unbrauchbaren Treffer „Frieden verkündet der Herr seinem Volk. Sein Heil ist nahe“ (633,5) und „Alle wurden erfüllt mit Heiligem Geist und kündeten Gottes große Taten“ (645,5). Das Stichwort „Herrlichkeit“ war ergebnislos, dagegen gab es bei „Herr“ 70 Treffer. Ich habe mich für „Herr, du bist König über alle Welt“ (52,1) entschieden, weil der Text zu Vers 10a passt: „Verkündet bei den Völkern: Der Herr ist König.“ Für den 8. Sonntag ergab die Suche einen Treffer zu „Psalm 92“, doch der Text des 6. Verses „Wie groß sind deine Werke, o Herr, wie tief deine Gedanken“ (51,1) passte nicht zu den restlichen Versen. Die Suche mit „dank“ ergab drei Treffer: „Danket dem Herrn, er hat uns erhöht; Großes hat er an uns getan“ (404), „Danket dem Herrn, denn ewig währt seine Liebe“ (444), „Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig“ (558,1). Ich habe mich für den dritten Treffer entschieden, weil er auch zu „Huld“ in Vers 3 passt.
Bei den Sonntagen 4 bis 6 stand bereits im Gotteslob 1975 kein dem Lektionar entsprechender Kehrvers zur Verfügung.

Kehrverse 4

Auch im Gotteslob 2013 ist in diesen Fällen kein Kehrvers mit dem genauen Text des Lektionars zu finden. Die Suche am 4. Sonntag für „Psalm 71“ ergibt keinen Treffer. Der Alternativ-Text von 615,3 orientiert sich an der Grundhaltung der Verse 1−3. Beim 7. Sonntag findet sich zwar mit „Der Herr ist erhaben, doch er schaut auf die Niedrigen: Ja, seine Rechte hilft mir“ (77,1) ein Kehrvers aus dem entsprechenden Psalm, doch ausgerechnet die Verse 6 und 7 sind im Antwortpsalm ausgelassen. Die Stichworte „singen und spielen“ führen unweigerlich zum einzigen Treffer „Mein Herz ist bereit, o Gott, ich will dir singen und spielen“ (649,5). Der Text aus Jer 17,7 am 6. Sonntag wurde bereits im Gotteslob 1975 durch einen Text vom Anfang des Psalms ersetzt, so auch im Gotteslob 2013.

Kehrverse 5

Es würde sicher den Umfang des Gesangbuchs sprengen, wenn man alle Kehrverse des Lektionars übernehmen würde. Aber es ist doch schade, dass durch den Austausch von Kehrversen der intendierte Zusammenhang zwischen Lesung und Antwortpsalm in vielen Fällen verloren geht. Das sei an zwei der vorgestellten Beispiele gezeigt: 1) 5. Sonntag, 1. Lesung: … Sérafim standen über ihm. Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. − Kehrvers: „Vor den Engeln will ich dir singen und spielen, o Herr“. 2) 6. Sonntag, 1. Lesung: … Gesegnet der Mann, der auf den Herrn sich verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist. − Kehrvers: „Gesegnet, wer auf den Herrn sich verlässt“. Besonders schade ist es, wenn man am 1. Adventssonntag des Lesejahrs C anstelle des vorgeschriebenen Kehrverses „Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele” den zwar teilweise wortgleichen, aber die Richtung doch umkehrenden Vers „Herr, erhebe dich, hilf uns und mach uns frei” (229) verwendet. In seiner Ratlosigkeit setzt das Freiburger Kantorenbuch an dieser Stelle den Kehrvers „Auf, lasst uns jubeln dem Herrn, vor sein Angesicht kommen mit Dank” (141).

Anton Stingl jun.

Antwortpsalm – Falsche Antwort

Wenn im sonntäglichen Gottesdienst die Lektorin bzw. der Lektor nach der ersten Lesung mit einem bis zu Unhörbarkeit diminuierenden „Wort des lebendigen Gottes“ die Gemeinde zu einer zustimmenden Antwort zu bewegen versucht, und sich die Zuhörer höchstens zu einem gemurmelten „Dank sei Gott“ aufraffen können, an dem man spürt, wie viel „Begeisterung“ sich auf die Zuhörer überträgt, dann könnte vielleicht „der darauf folgende Antwortpsalm, der ein wesentliches Element des Wortgottesdienstes ist“, die Stimmung wieder heben. Über diesen Psalm heißt es in der Allgemeinen Einführung in das Römische Messbuch (revidierte Fassung von 1975): „In der Regel soll man den im Lektionar angegebenen Psalm nehmen, weil sein Text mit den Lesungen im Zusammenhang steht, denn er ist im Hinblick auf sie ausgewählt“. Doch da macht das GOTTESLOB 2013 in vielen Fällen einen Strich durch die Rechnung der deutschsprachigen Bischöfe. Nehmen wir als Beispiel den Psalm 25. Er steht bei den folgenden Gelegenheiten mit den zugehörigen Kehrversen im Lektionar.

1) Erster Adventssonntag (C): Zu dir, o Herr erhebe ich meine Seele. (Ps 25,1)
2) Erster Fastensonntag (B): Deine Wege, Herr, sind Huld und Treue
für alle, die deinen Bund bewahren. (vgl. Ps 25,10)
3) 3. Sonntag im Jahreskreis (B): Zeige mir, Herr, deine Wege,
lehre mich deine Pfade! (Ps 25,4)
4) 26. Sonntag im Jahreskreis (A): Denk an dein Erbarmen, Herr,
und an die Taten deiner Huld! (Ps 25,6ab)

Dieser Psalm und kein einziger dieser Kehrverse sind im GL 2013 zu finden. Den Psalm selbst hatte auch das GL 1975 nicht abgedruckt, aber im bisherigen Kantorenbuch zum Gotteslob findet man folgende Kehrverse: zu Nr. 1 „Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele“ (529,2), zu Nr. 2 „Der Herr hat uns befreit, auf ewig besteht sein Bund“ (233,7), zu Nr. 3 und zu Nr. 4 „Lehre uns, Herr, deinen Willen zu tun.“ (170,1). Immerhin stammt der erste Kehrvers aus dem zugehörigen Psalm, während die anderen nur sehr vage bis überhaupt nicht an den eigentlich vorgesehenen Vers erinnern.

Aus dem GL 2013 hat das neu bearbeitete Freiburger Kantorenbuch folgende Kehrverse ausgewählt: zu Nr. 1 „Auf lasst uns jubeln dem Herrn, vor sein Angesicht kommen mit Dank“ (141 = GL 1975), zu Nr. 2 „Der Herr hat uns befreit, auf ewig besteht sein Bund“ (60,1 = GL 1975), zu Nr. 3 und Nr. 4 „Herr, du hast Worte ewigen Lebens“ (312,7 = GL 1975). Hier passt kein einziger Kehrvers zum Psalm.

In der Online-Publikation der Diözese Rottenburg-Stuttgart entdeckt man noch eine andere Zuweisung zu Nr. 4: „Du bist Licht und du bist Leben, Christus, unsere Zuversicht“ (373), also wieder keinen Treffer!

http://www.drs.de/arbeitsfelder/liturgie/antwortpsalmen/antwortpsalmen-lesejahr-a.html

Dass Kehrvers und nachfolgender Psalm nicht so sinnvoll zusammenpassen, wie das die Urheber des Lektionsplans ausgeklügelt haben, passiert auch bei den Psalmen 31, 32, 33, 41, 50, 54, 62, 68, 69, 78, 82, 86, 102, 106, 107, 108, 123, 124 und 132, weil das GL 2013 keine entsprechenden Kehrverse anbietet.

Die Mesalliance zwischen Kehrvers und Psalm besteht auch aus anderen Gründen. Die Herausgeber des GL 2013 haben aus dem bestehenden Angebot von Kehrversen die vermeintlich besten ausgewählt oder noch weitere in Auftrag gegeben. Aber wie Allzweckreiniger nicht für jeden Schmutz die beste Lösung sind, so kann auch nicht jeder Kehrvers an jeder Stelle seinen vorgesehenen Dienst erfüllen. In einem Vesperpsalm, bei dem er nur am Anfang und am Ende erklingt, darf er sich etwas weiter ausdehnen. Die Ruhe des Stundengebets lässt ihm mehr Raum. Beim Antwortpsalm dagegen wird er nach jedem Doppelvers wiederholt. Dort muss er kurz und prägnant sein und möglichst eine Zahl von 13 Silben nicht überschreiten, damit man ihn spontan auffassen kann. Die Tendenz vieler hebräischer Psalmverse, im zweiten Halbvers den ersten Halbvers mit anderen Worten zu wiederholen – der Parallelismus membrorum – erlaubt, den Vers in eine durch seine Kürze würzige Form zu bringen.

Das musikalische Gemischtwarenangebot der Kehrverse ist überdies mit den stilistischen Vorstellungen der einzelnen Kantorenbücher nur schwer in Einklang zu bringen. Die Vielfalt der Kehrverse reicht von der Münsterschwarzacher Gregorianik über das Neue Psalmenbuchs aus den sechziger Jahren bis zum Neuen Geistlichen Lied. Dazu kommen die unterschiedlichen Vorstellungen der Kantorenbücher, die wie z.B. das Freiburger Kantorenbuch, das „aus dem Reichtum englischer Rezitationsmodelle schöpft“, oder andere, welche die „Ergänzungszeile zur Gemeindepsalmodie“ von Heinrich Rohr verwenden. Das alles passt nicht zusammen. Richtige Frage – falsche Antwort!

Das Ideal wäre eine stilistische Einheit zwischen Kehrvers und Psalm. Der Psalm müsste immer die gleiche musikalische Form haben, damit man ihn wiedererkennen kann. Die Melodien der Kehrverse müssten wie ihre Texte aus den Psalmen aus dem musikalischen Erscheinungsbildes des jeweiligen Psalms herauswachsen. Ich höre den Einwand: Das geht doch nicht, das müssen dann unendlich viele Kehrverse sein! Meine „richtige“ Antwort: Es gibt da ein kleines Dorf – nicht in Gallien – sondern bei Freiburg, da singt die Gemeinde jeden Freitagabend zum Antwortpsalm aus 114 Kehrversen – und zwar nicht aus dem Gotteslob – den vorgesehen Kehrvers aus dem Lektionar. Der Vorrat reicht für die zwei Lesejahre I und II und die einfallenden Feste der Heiligen. Zu einem Psalm gibt es bis zu drei Kehrverse, die ohne Transpositionsakrobatik passgenau eingerichtet sind. Vorbild ist das Neue Psalmenbuch, das zuerst in Einzelausgaben für Kantor, Chor, Gemeinde und Orgel und dann 1971 in einer Gesamtausgabe erschien. Doch davon später mehr …

Anton Stingl jun.