Amen, wir glauben

Manche Dinge  fallen einem erst richtig auf, wenn man sie selbst erlebt hat. So ging es mir neulich, als beim Mitarbeiterfest der Pfarrgemeinde am Sonntag vermutlich zur Erhöhung der Feierlichkeit das Apostolische Glaubensbekenntnis  aus dem Gotteslob (Nr. 178) gesungen wurde.

Bei dieser Vertonung muss die Gemeinde, bevor sie auch nur einen einzigen Glaubenssatz gehört hat, mit dreimaligem „Amen“ ihre Zustimmung beteuern. Das „Amen“ steht eigentlich erst am Ende eines Gebets. Nach der Intonation durch den Priester beginnt hier ein Dialog zwischen einem modellgestützten Kantorengesang und der Gemeindeakklamation.  Nach  der zweiten (hier: dritten) Akklamation weicht die Kantorenmelodie vom ersten Modell ab und steigt in die Tiefen des Todes hinab, von wo sie wieder auffahren muss in die Höhen des Himmels. Dort endet die Melodie vor der Akklamation nicht mit dem sonst üblichen Ton „a“, sondern mit „h“. Steht „h“ für Himmel? Zum Glück entsprach die Stimmlage der Kantorin der tiefen Grabespartie. Was machen aber höhere Stimmen an dieser Stelle? Während dieser 72 Töne währenden Episode durfte die Gemeinde nur den stimmlichen Bemühungen der Kantorin zuhören und auf den nächsten Einsatz warten. Bei „Er sitzt zur Rechten Gottes“ wechselt wiederum das Modell. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass die Position dieser „Rechten“ ziemlich weit oben ist, verharrt das Modell in mittlerer Lage. Erst bei der „Gemeinschaft der Heiligen“ wird wieder das erste Melodiemodell mit dem Spitzenton „c“ eingesetzt. Die „Auferstehung der Toten“ berührt erneut die Grabestiefe. „Das ewige Leben“ wird auf gleiche Melodie wie „die Lebenden und die Toten“ gesungen, scheint also nichts Besonderes zu sein.

Hier wollte jemand (GGB 2009) mit untauglichen Mitteln den Text „ver-tonen“ und die Gemeinde nur an jenen Stellen beteiligen, an denen in der ökumenischen Fassung ein Punkt steht: „… und der Erde.“ „… und die Toten.“  „… das ewige Leben.“ Weil das dem Bearbeiter doch ein wenig dürftig erschien, gestattete er noch eine Stelle, bei der in der lateinischen Fassung ein Doppelpunkt steht: „…unsern Herrn:“ und eine weitere mit einem Semikolon: „…in den Himmel;“  Weil  die Gemeinde mit der einfachen Akklamation „Amen, wir glauben“ an diesen wenigen Stellen nur kurz zu Wort kommt, hat man die Akklamation durch die Verdreifachung des „Amen“ künstlich verlängert. Nach Mt 5,37 „sei aber eure Rede: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ Auch „getretener Quark wird nur breit, nicht stark“. Am sinnvollsten wäre überhaupt keine Verdoppelung.

Ein solche Vertonung ohne Verdoppelung gab es bereits im Gotteslob 1975, wo Fritz Schieri das Apostolische Glaubensbekenntnis III (Nr. 448) nach einem variierten Modell gestaltet hat und bei dem die Gemeinde regelmäßig mit der Akklamation „Amen, wir glauben“ zustimmt. Gegen diese Vertonung könnte man einwenden, dass sie einen Ton zu hoch notiert ist, im unbeliebten III. Ton steht und einen geübten Kantor erfordert. Das waren wohl die Gründe, das Stück nicht wieder aufzunehmen. Da aber der Ersatz im Gotteslob 2013 mit Mängeln behaftet ist, schlage ich die nachfolgende Korrektur vor. Dabei gestehe ich gerne, dass das Ergebnis in vielem  dem Apostolischen Glaubensbekenntnis  I von Josef Seuffert im Gotteslob  1975 (Nr. 479) gleicht. Er benutzt für die Abschnitte ein dreiteiliges Modell, die Rezitation erfolgt im ersten Teil auf g, in den anderen Teilen auf a. Den Abschluss auf g übernimmt jetzt die Akklamation. Es gibt nichts Neues unter der Sonne (Koh 1,9)!

Anton Stingl jun.