Segne du, Maria

Das Konradsblatt setzt in der Ausgabe zum ersten Maisonntag (Nr. 18/2020) seine Reihe „Sonntagsandacht“ mit dem problematischen „Segne du, Maria“ (GL 535) fort. Zur Ehrenrettung der Erzdiözese Freiburg muss gesagt werden, dass das Lied dort nie in einem offiziellen Gesangbuch stand und vermutlich erst auf Wunsch von bayerischen und österreichischen Diözesen in das Gotteslob 2013 aufgenommen wurde. Es war übrigens das letzte Lied, das ich bei einer Trauerfeier auf der Orgel spielen „durfte“, als der Lockdown bereits begonnen hatte.

Segne du, Maria (GL 535)

Wieso problematisch? Da sind zunächst die einfachen Formulierungen von Cordula Wöhler: alle, die mir lieb – süße Trostesworte flüstre dann der Mund – Deine Hand, die linde – drück das Aug uns zu (Wie soll das gehen?). Dann wird in diesem Jesusfreien Lied Maria auf die Rolle der Mutter reduziert: Segne mich dein KindMuttersegen (eigentlich wird beim Muttersegen die Mutter gesegnet!) – Mutterhände. Bereits Sedulius († um 450) spricht in seinem Carmen paschale (Osterlied) von der Mutter des Sohns (des Königs), die Jungfrau blieb.

Salve, sancta parens, enixa puerpera regem,
Sei gegrüßt, du heilige Gebärerin, du hast den König geboren,

quæ ventre beato gaudia matris habens cum virginitatis honore
die gesegneten Leibes die Freuden einer Mutter hat samt der Ehre der Jungfräulichkeit.

Das Handbuch »Die Lieder des Gotteslob« spricht zu „Segne du, Maria“ die Mahnung aus, dass „um Missverständnissen vorzubeugen, der gottesdienstliche Kontext sicherstellen sollte, dass im Christentum keine Muttergottheit angebetet wird“.  Dass die Warnung nicht ohne Grund ist, zeigt sich z.B. an der 20000-Einwohner-Gemeinde Todtmoos im Südschwarzwald, wo vor zwei Jahren eine vier Meter hohe Sandsteinmuttergottes errichtet wurde. Auf ihrem Sockel ist zu lesen: Maria von Todtmoos/lässt niemanden hilflos. Und der ehemalige Bürgermeister spielt abends um 18 Uhr auf seinem Flügelhorn vom Balkon abwechselnd mit „Schön war die Zeit“ oder „One Moment in Time“ von Witney Houston das Lied „Segne du, Maria“. Im Dorf wurde noch kein Einheimischer positiv auf Covid-19 getestet.

Auch Melodie von Segne du, Maria ist höchst problematisch, weil sie Bezüge zu einem Lied aufweist, das aufgrund § 86a StGB nicht mehr gesungen werden darf.

Horst-Wessel-Lied

Das Horst-Wessel-Lied war ursprünglich ein Kampflied der SA und später die Parteihymne der NSDAP. Der Text entstand zwischen 1927 und 1929 auf eine aus dem 19. Jahrhundert stammende Melodie. Zur Auswahl stehen zwei Lieder, das vom Wildschütz Jennerwein und Ich lebte einst im deutschen Vaterlande.

Jennerwein-Lied
Ich lebte einst im deutschen Vaterlande

Welches der beiden Lieder für das Horst-Wessel-Lied tatsächlich Vorbild war, lässt sich nicht entscheiden. Unbestritten ist, dass der „Muttersegen“ mit denselben Tönen beginnt wie die drei anderen Melodien. Das bedeutet, wo man dort in seinen schönsten, im deutschen oder die Reihen (fest geschlossen) sang, hört man jetzt Maria. Weil Herrn Kindsmüller dieser Anfang so gut gefiel, wiederholte er ihn gleich in der zweiten Zeile. Auch in der vierten Zeile findet bei lass in dei(nem Segen) die Umkehrung des Dreiklangs wie im Horst-Wessel-Lied noch einmal Verwendung. Die Überhöhung des Oktavtons durch den Ton d mit anschließend stufenweisem Abgang im zweiten Teil ist ein Stilmittel, das alle Lieder außer „Jennerwein“ zeigen.

Man kann nicht sagen, ob sich Kindsmüller für „Segne du, Maria“ bei einem der beiden Volkslieder bediente, aber er wollte eine volkstümliche Melodie kom-ponieren und hat dabei Elemente der Volksmusik benutzt. Offensichtlich gibt es dafür immer noch einen Markt. Aber ist das Gesangbuch für die deutschsprachigen Länder der richtige Ort?

Anton Stingl jun.