katholisch.de: Die Fastenlieder im Gotteslob

Auf der Plattform katholisch.de veröffentlichte am 7.3.2020 der 29jährige Fabian Brand, der gerade ein Promotionsstudium in Theologie an der Universität Würzburg absolviert, einen Beitrag über „Die Fastenlieder im Gotteslob und ihre Bedeutung“. Von den  zwölf mit Noten und vier ohne Noten für die österliche Bußzeit vorgeschlagenen Gesängen im Gotteslob hat sich der Autor vier ausgesucht, deren theologischer Hintergrund von ihm gründlich beleuchtet wird. Wie üblich wird dabei der wichtige Träger des Textes, die Melodie, sträflich vernachlässigt.

Da sich meine Bemerkungen auf den Beitrag von Fabian Brand beziehen, ist es angebracht, ihn vorher zu lesen.

Bekehre uns, vergib die Sünde (GL 266)

Der Text des Kehrverses stammt aus der mozarabischen Liturgie in Spanien, seine Melodie aber erst aus dem Frankreich des 17. Jahrhunderts. In den Variae Preces (Solesmes, 1901, Seite 112-114) sind das lateinische Responsum Attende Domine, et miserere, quia peccavimus tibi und vier Versikel abgedruckt, die Josef Seuffert, der damalige Sekretär der Kommission für das Gotteslob 1975,  für die deutsche Übertragung umgeformt und erweitert hat. Der Text wurde damals unter dem Pseudonym Walter Röder veröffentlicht (GL 160). Die Melodie, die nicht nur an den Sonntagen, sondern auch an den Werktagen der Fastenzeit gesungen werden kann, steht im durseligen V. Modus. Leider wurde im Gotteslob 2013 die Wiederholung des Kehrverses am Anfang gestrichen, die im Gotteslob 1975 und in den Variae Preces als typischer Formbestandteil solcher Gesänge erhalten blieb.

Kreuz, auf das ich schaue (GL 270)

Für Fabian Brand ist das „ein modernes Lied für die Fastenzeit“, obwohl sein Text aus dem Liedtext Stern, auf den ich schaue, Feld auf dem ich steh (EG 407) von C.F.A. Krummacher aus dem Jahr 1857 recycelt wurde. Dabei wurde die Strophenlänge halbiert, sodass man anstelle der drei Doppelstrophen nur noch drei kurze Einfachstrophen betexten musste. In der Originalmelodie von Minna Koch von 1897 wirken die Takte mit den vier Viertelnoten durch eine Punktierung auf Taktzeit eins viel „beschwingter“ als die gleichlangen Viertel in der Bearbeitung und mit der folgenden Halbenote wird der Textbetonung Rechnung getragen: Kreuz, auf das ich schaue. Der singenden Gemeinde im 19. Jahrhundert gab man im Gegensatz zu heute durch die eingefügte Viertelpause öfters Gelegenheit zum Atmen. Weil das Lied nun viel kürzer ist, glaubte der Komponist bei der Einfahrt in die Garage mit zwei Halben kräftig auf die Bremse treten zu müssen. Das ging in der ersten Strophe bei dir mir nah noch gut. Aber bei der zweiten und dritten Strophe erwischte es lauter kurze Silben: Hoffnungs-zeit und nicht ver-zag.

Zeige uns, Herr, deine Allmacht und Güte (GL 272)

Siehe meinen Beitrag vom 1.4.2014.

Und suchst du meine Sünde (GL 274)

Siehe meinen Beitrag vom 1.2.2014.

Anton Stingl jun.

Amen, wir glauben

Manche Dinge  fallen einem erst richtig auf, wenn man sie selbst erlebt hat. So ging es mir neulich, als beim Mitarbeiterfest der Pfarrgemeinde am Sonntag vermutlich zur Erhöhung der Feierlichkeit das Apostolische Glaubensbekenntnis  aus dem Gotteslob (Nr. 178) gesungen wurde.

Bei dieser Vertonung muss die Gemeinde, bevor sie auch nur einen einzigen Glaubenssatz gehört hat, mit dreimaligem „Amen“ ihre Zustimmung beteuern. Das „Amen“ steht eigentlich erst am Ende eines Gebets. Nach der Intonation durch den Priester beginnt hier ein Dialog zwischen einem modellgestützten Kantorengesang und der Gemeindeakklamation.  Nach  der zweiten (hier: dritten) Akklamation weicht die Kantorenmelodie vom ersten Modell ab und steigt in die Tiefen des Todes hinab, von wo sie wieder auffahren muss in die Höhen des Himmels. Dort endet die Melodie vor der Akklamation nicht mit dem sonst üblichen Ton „a“, sondern mit „h“. Steht „h“ für Himmel? Zum Glück entsprach die Stimmlage der Kantorin der tiefen Grabespartie. Was machen aber höhere Stimmen an dieser Stelle? Während dieser 72 Töne währenden Episode durfte die Gemeinde nur den stimmlichen Bemühungen der Kantorin zuhören und auf den nächsten Einsatz warten. Bei „Er sitzt zur Rechten Gottes“ wechselt wiederum das Modell. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass die Position dieser „Rechten“ ziemlich weit oben ist, verharrt das Modell in mittlerer Lage. Erst bei der „Gemeinschaft der Heiligen“ wird wieder das erste Melodiemodell mit dem Spitzenton „c“ eingesetzt. Die „Auferstehung der Toten“ berührt erneut die Grabestiefe. „Das ewige Leben“ wird auf gleiche Melodie wie „die Lebenden und die Toten“ gesungen, scheint also nichts Besonderes zu sein.

Hier wollte jemand (GGB 2009) mit untauglichen Mitteln den Text „ver-tonen“ und die Gemeinde nur an jenen Stellen beteiligen, an denen in der ökumenischen Fassung ein Punkt steht: „… und der Erde.“ „… und die Toten.“  „… das ewige Leben.“ Weil das dem Bearbeiter doch ein wenig dürftig erschien, gestattete er noch eine Stelle, bei der in der lateinischen Fassung ein Doppelpunkt steht: „…unsern Herrn:“ und eine weitere mit einem Semikolon: „…in den Himmel;“  Weil  die Gemeinde mit der einfachen Akklamation „Amen, wir glauben“ an diesen wenigen Stellen nur kurz zu Wort kommt, hat man die Akklamation durch die Verdreifachung des „Amen“ künstlich verlängert. Nach Mt 5,37 „sei aber eure Rede: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ Auch „getretener Quark wird nur breit, nicht stark“. Am sinnvollsten wäre überhaupt keine Verdoppelung.

Ein solche Vertonung ohne Verdoppelung gab es bereits im Gotteslob 1975, wo Fritz Schieri das Apostolische Glaubensbekenntnis III (Nr. 448) nach einem variierten Modell gestaltet hat und bei dem die Gemeinde regelmäßig mit der Akklamation „Amen, wir glauben“ zustimmt. Gegen diese Vertonung könnte man einwenden, dass sie einen Ton zu hoch notiert ist, im unbeliebten III. Ton steht und einen geübten Kantor erfordert. Das waren wohl die Gründe, das Stück nicht wieder aufzunehmen. Da aber der Ersatz im Gotteslob 2013 mit Mängeln behaftet ist, schlage ich die nachfolgende Korrektur vor. Dabei gestehe ich gerne, dass das Ergebnis in vielem  dem Apostolischen Glaubensbekenntnis  I von Josef Seuffert im Gotteslob  1975 (Nr. 479) gleicht. Er benutzt für die Abschnitte ein dreiteiliges Modell, die Rezitation erfolgt im ersten Teil auf g, in den anderen Teilen auf a. Den Abschluss auf g übernimmt jetzt die Akklamation. Es gibt nichts Neues unter der Sonne (Koh 1,9)!

Anton Stingl jun.