Psalmenbuch für »Arme«

Das jüngst erschienene »Psalmenbuch«, herausgegeben vom Deutschen Liturgischen Institut und dem Liturgiereferat des Bistums Würzburg in Kooperation  mit dem Referat für Liturgie & Kirchenmusik des Bistums Passau, hat sich eine Mammut-Aufgabe gestellt. Sämtliche, d.h. etwa 960 Antwortpsalmen des gesamten Kirchenjahrs wurden zum Singen eingerichtet. Da musste man notwendigerweise bestimmte Anforderungen reduzieren wie einst im Mittelalter bei der « Biblia pauperum » ‒ der „Armenbibel“. Das war eine Kurzbibel, die für Scholaren oder Kleriker gedacht war, die sich den Erwerb einer vollständigen Bibel nicht leisten konnten, bzw. eine bebilderte Bibel, die als Erbauungsbuch für jene diente, die kein Latein oder überhaupt nicht lesen konnten.

Wenn das Bibelwerk mit dem Slogan  »Das Psalmenbuch – für alle Lektoren und Kantoren« wirbt, dann kann wohl nicht gemeint sein, dass die Lektoren jetzt auch noch die Antwortpsalmen lesen sollen, denn diese Psalmen finden sich seit eh und je bereits in den Lektionaren. Es bleibt dann nur die zweite Möglichkeit, dass Lektoren, die bisher nur gelesen haben, mit Hilfe eines Buches befähigt werden, Noten zu lesen und über Nacht singen zu können. Wenn sie dagegen womöglich mit kirchlicher Hilfe Gesangsunterricht erhielten, dann wären sie echte Kantoren, die die Psalmen mit reiner und klarer Stimme intonieren könnten.  Die im Prospekt verwendeten Begriffe »Lektoren« und »Kantoren« gelten vermutlich auch für Frauen, die sich schon seit langem in diesen Ämtern bewährt haben.

Das »innovative Konzept« namens »Methode Kantorale simplex« (einfach), nimmt Bezug auf das « Graduale simplex » von 1967, in dem einfachste lateinische Responsorialpsalmen  mit zweiteiligen Psalmodiemodellen und kurzen Kehrversen veröffentlicht wurden. Denselben Ansatz verfolgte auch Godehard Joppich in seinen »Preisungen« von 1998, deren Gesangsmodelle sich ausdrücklich auf die sogenannten Urmodi beziehen. In dieser jetzt 50 Jahre alten Tradition verspricht das »Psalmenbuch« Lektoren und Kantoren »ohne große Anstrengung den Einstieg in den gesungenen Vortrag des Psalms« durch Psalmtonmodelle zu ermöglichen –  hier vorsichtigerweise Singweisen genannt –,  die wie Supermodels auf wenige Töne abgemagert sind. Der Verkaufsprospekt weist darauf hin, dass auf Beugungen und Kadenzen weitgehend verzichtet wird, was natürlich nicht möglich ist, denn jede auch noch so einfache Schlusswendung stellt eine Kadenz dar. Was tatsächlich fehlt, sind zweiakzentige Kadenzen, die dafür sorgen, dass der Psalmvortrag kein »teuflisches Geplärr und Geleier« (J. S. Bach), sondern ein adäquates Gewand für das Psalmwort wird. Auch ist in den wenigsten Fällen die »steile Fügung« berücksichtigt, die durch Hervorhebung mit leichter Dehnung vor einer weiteren betonten Silbe zu einer sinnvollen Gliederung des Psalms verhilft. Auch auf ein Initium, das den Übergang vom Kehrvers zum Rezitationston bildet, wurde verzichtet.

Die »kurzen, einprägsamen Kehrverse« helfen die Kosten des Buches niedrig zu halten, weil sie nicht aus dem Gotteslob stammen, weshalb auch keine Lizenzgebühren anfallen. Die »schlichten Neuvertonungen« wurden aus dem Tonvorrat des jeweiligen Melodiemodells »schlecht und recht« entwickelt. Um die treuen Anhänger der Gotteslob-Kehrverse nicht zu vergraulen, sind zusätzlich die Nummern von passenden oder unpassenden Kehrversen aus dem Gotteslob angegeben. Da die Kehrverse by heart/par cœur/a memoria/auswendig gesungen werden sollen, dürfen sie eine bestimmte Länge nicht überschreiten. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnte ich experimentell nachweisen, dass man bis zu einer Zahl von 12 bis 13 Silben den Kehrvers nach einmaligem Hören erfassen kann. Das »Psalmenbuch« hält sich zwar  an diese Regel, aber leider wird sie zum Nachteil von Text und Melodie an vielen Stellen drastisch unterschritten.

Ein konkretes Beispiel soll die aufgezählten Mängel verdeutlichen. Auf der Suche nach dem Antwortpsalm zum Freitag in der 2. Fastenwoche findet man im Register I  (S. 14) die Angabe »Ps 105, 16-21 mit Kehrvers B«. Den Psalm 105 kann man erblättern oder auf der Seite 303 im Inhaltsverzeichnis die zugehörige Seitenzahl nachschlagen: Psalm 105 beginnt auf Seite 196. Dort stehen außer dem Kehrvers B noch zwei weitere Kehrverse, denn der Psalm wird mit unterschiedlicher Versauswahl noch an 13 anderen Tagen benötigt, wie z. B. am Fest der Hl. Familie und am  Mittwoch in der Osteroktav.

Kehrvers zu Psalm 105

Das Beispiel zeigt eine „Eierkohlennotation“, die auf die richtige rhythmische Interpretation des Textes vertraut. Die Melodie lässt erkennen, wie sparsam die Herausgeber mit dem Text und dem Tonvorrat des zugehörigen Psalmmodells umgegangen sind. Wenn sie den Vorschlag des Lektionars verwendet hätten, wären sie immer noch unter der Gedächtnisobergrenze geblieben: Gedenkt der Wunder, die der Herr getan!

GL 432

Als möglichen Ersatz für den hauseigenen Kehrvers wird aus dem Gotteslob die Nr. 432 angegeben. Die Melodie dieses Kehrverses hat zwar dasselbe Vorzeichen wie das Psalmmodell, aber die Melodie und vor allem der Text passen wie die Faust aufs Auge. In Ps 126,3 ist von Großem (Magnificavit) die Rede, in Ps 105,5a aber von Wunder (mirabilium).

Psalmenbuch, Seite 197, Zeile 7-8

Die gewählte Form, in der alle im Laufe des Kirchenjahrs erforderlichen Verse eines Psalms hintereinander aufgeführt werden, hat den Nachteil, dass erste Vers eines Antwortpsalms in den meisten Fällen nicht der erste Vers des Psalms ist, sondern innerhalb des Psalms möglicherweise auf den vorhergehenden Vers Bezug nimmt. Da der Hörer diesen Zusammenhang aber nicht kennt, muss der erste Vers des Antwortpsalms dieser Situation angepasst werden. Der erste Halbvers »Dann aber rief er den Hunger ins Land« muss zugunsten von »Er rief den Hunger ins Land« geändert werden. Auch wenn der Werbeprospekt verspricht, dass  »die Texte vollständig dem Wortlaut der revidierten Einheitsübersetzung entsprechen «, muss man sich die notwendigen Freiheiten zur Änderung nehmen, wenn sie dem Verständnis dienen. Da bei dem verwendeten »Singweise« jede Kadenz den Ton des nächsten Rezitativs vorwegnimmt, konnte man sich ein vermittelndes Initium sparen.

Psalmenbuch, Seite 197, Zeile 9-10

Wenn man auch der Beachtung des Kommas bei „Zeit, als“ und zusätzlich dem Zeilenumbruch vertraut, so wäre doch an dieser Stelle ein Dehnungszeichen hilfreich, um auf die „steile Fügung“ aufmerksam zu machen.

Psalmenbuch, Seite 197, Zeile 11-12

Warum ändert sich beim dritten Doppelvers innerhalb ein und desselben Antwortpsalms das Modell? Ist der König daran schuld, der sich aus der bisherigen Tiefe des Psalmvortrags befreien will? Abgesehen davon, wäre auch sehr von Vorteil, das Komma bei „König, der“ und „Völker, der“ im Notensystem zu markieren, ganz zu schweigen von der „steilen Fügung bei „Herrn über“, was von unerfahrenen Kantoren leicht übersehen wird. Die Schlusswendung zeigt eine besondere Schwäche, die im gesamten Buch immer wieder auftaucht: Der Schlusston wird über einen absteigenden Tetrachord erreicht, was außerhalb des Psalmenbuchs für „Arme“ sinnvollerweise nirgends vorkommt. Diese Wendung zeigt sich allenfalls innerhalb eines Stückes, aber nie am Ende.

Abschließend folgt eine Vertonung, die versucht, die gezeigten Schwächen zu vermeiden. Der Kehrvers bleibt mit 11 Silben im gesteckten Rahmen und schließt unisonisch an den Schlusston des Psalmverses an. Der Text des ersten Verses ist korrigiert. Das Modell verfügt in allen vier Teilen über Initium und Kadenz und die rhythmischen Besonderheiten sind berücksichtigt. Das gewählte Psalmtonmodell passt tonartlich zum Charakter des Textes.

Antwortpsalm am Freitag der 2. Fastenwoche

Abschließend soll noch auf die bescheidenen Schlussworte zum Konzept des Psalmenbuches hingewiesen werden: »Mit zunehmender Routine werden die Kantorinnen dann auf musikalisch anspruchsvollere Kantorenbücher zurückgreifen«. Also keine Rede mehr von Lektoren und Kantoren. Und die Herausgeber der anderen Kantorenbücher werden sich sich freuen.

Anton Stingl jun.

Die Crux mit den Kehrversen

Der Kahlschlag bei den Kehrversen im Gotteslob 1975 war aus musikalischen Gründen sicher berechtigt. Jedoch treten jetzt bei der Zuordnung der Kehrverse zu den entsprechenden Antwortpsalmen nach der Lesung vermehrt Schwierigkeiten auf. Betrachten wir zum Exempel die Antwortpsalmen der Sonntage 2 bis 9 im Lesejahr C. Hier gelingt die Zuordnung der Kehrverse nur in zwei von acht Fällen ohne Probleme, weil es sich bei diesen Kehrversen um Übernahmen aus dem Vorgängerbuch handelt und die Texte jeweils der Vorlage im Lektionar entsprechen.

Kehrverse 1

In einem weiteren Fall ist die Übernahme aus dem Gotteslob 1975 auch möglich, obwohl der Text nicht der Vorlage entspricht: „Gütig und barmherzig ist der Herr, voll Langmut und reich an Güte“ (Ps 103,8). Stattdessen wählte man eine Kompilation der Verse 3 und 4.

Kehrverse 2

In den nächsten zwei Fällen hat sich das Gotteslob 1975 zwar an die Vorlage aus dem Lektionar gehalten, aber die Vertonung des Kehrverses wurde nicht übernommen.

Kehrverse 3

Da es nun nicht wie 1975 zum Gotteslob ein offizielles Kantorenbuch zum Gotteslob gibt, „ohne welches das GOTTESLOB nur halb brauchbar ist“, wie es im Vorwort hieß, muss nun jeder Kantorenbuchherausgeber selber sehen, wie er zurechtkommt. Für den Kehrvers am 2. Sonntag ergab die Suche nach „Psalm 96“ den unbrauchbaren Treffer „Der Himmel freue sich, die Erde frohlocke, denn der Herr ist uns geboren, Halleluja“ (635,6). Die Volltextsuche unter 123 Kehrversen nach dem Wortstamm „künd“ ergab die zwei ebenfalls unbrauchbaren Treffer „Frieden verkündet der Herr seinem Volk. Sein Heil ist nahe“ (633,5) und „Alle wurden erfüllt mit Heiligem Geist und kündeten Gottes große Taten“ (645,5). Das Stichwort „Herrlichkeit“ war ergebnislos, dagegen gab es bei „Herr“ 70 Treffer. Ich habe mich für „Herr, du bist König über alle Welt“ (52,1) entschieden, weil der Text zu Vers 10a passt: „Verkündet bei den Völkern: Der Herr ist König.“ Für den 8. Sonntag ergab die Suche einen Treffer zu „Psalm 92“, doch der Text des 6. Verses „Wie groß sind deine Werke, o Herr, wie tief deine Gedanken“ (51,1) passte nicht zu den restlichen Versen. Die Suche mit „dank“ ergab drei Treffer: „Danket dem Herrn, er hat uns erhöht; Großes hat er an uns getan“ (404), „Danket dem Herrn, denn ewig währt seine Liebe“ (444), „Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig“ (558,1). Ich habe mich für den dritten Treffer entschieden, weil er auch zu „Huld“ in Vers 3 passt.
Bei den Sonntagen 4 bis 6 stand bereits im Gotteslob 1975 kein dem Lektionar entsprechender Kehrvers zur Verfügung.

Kehrverse 4

Auch im Gotteslob 2013 ist in diesen Fällen kein Kehrvers mit dem genauen Text des Lektionars zu finden. Die Suche am 4. Sonntag für „Psalm 71“ ergibt keinen Treffer. Der Alternativ-Text von 615,3 orientiert sich an der Grundhaltung der Verse 1−3. Beim 7. Sonntag findet sich zwar mit „Der Herr ist erhaben, doch er schaut auf die Niedrigen: Ja, seine Rechte hilft mir“ (77,1) ein Kehrvers aus dem entsprechenden Psalm, doch ausgerechnet die Verse 6 und 7 sind im Antwortpsalm ausgelassen. Die Stichworte „singen und spielen“ führen unweigerlich zum einzigen Treffer „Mein Herz ist bereit, o Gott, ich will dir singen und spielen“ (649,5). Der Text aus Jer 17,7 am 6. Sonntag wurde bereits im Gotteslob 1975 durch einen Text vom Anfang des Psalms ersetzt, so auch im Gotteslob 2013.

Kehrverse 5

Es würde sicher den Umfang des Gesangbuchs sprengen, wenn man alle Kehrverse des Lektionars übernehmen würde. Aber es ist doch schade, dass durch den Austausch von Kehrversen der intendierte Zusammenhang zwischen Lesung und Antwortpsalm in vielen Fällen verloren geht. Das sei an zwei der vorgestellten Beispiele gezeigt: 1) 5. Sonntag, 1. Lesung: … Sérafim standen über ihm. Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. − Kehrvers: „Vor den Engeln will ich dir singen und spielen, o Herr“. 2) 6. Sonntag, 1. Lesung: … Gesegnet der Mann, der auf den Herrn sich verlässt und dessen Hoffnung der Herr ist. − Kehrvers: „Gesegnet, wer auf den Herrn sich verlässt“. Besonders schade ist es, wenn man am 1. Adventssonntag des Lesejahrs C anstelle des vorgeschriebenen Kehrverses „Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele” den zwar teilweise wortgleichen, aber die Richtung doch umkehrenden Vers „Herr, erhebe dich, hilf uns und mach uns frei” (229) verwendet. In seiner Ratlosigkeit setzt das Freiburger Kantorenbuch an dieser Stelle den Kehrvers „Auf, lasst uns jubeln dem Herrn, vor sein Angesicht kommen mit Dank” (141).

Anton Stingl jun.

Wie hältst du’s mit der Treue?

Bei der Beantwortung dieser Frage kommt man beim GOTTESLOB 213 in schwere Gewissensnöte, wenn man nach einem Kehrvers zum Antwortpsalm des fünften Sonntags der Osterzeit im Lesejahr B sucht. Dieser Vers lautet nach der Einheitsübersetzung im SCHOTT-Messbuch:

Deine Treue, Herr, preise ich in großer Gemeinde. Ps 22(21),26a

Kantorenbuch zum Gotteslob 51 A
Kantorenbuch zum Gotteslob 51 A
Kantorenbuch zum Gotteslob 51 B
Kantorenbuch zum Gotteslob 51 B
Münchener Kantorale B 2003 S.178
Münchener Kantorale B 2003, S. 178
Freiburger Kantorenbuch 2006 53
Freiburger Kantorenbuch 2006, Nr. 53

Im GOTTESLOB 1975 gab es da keinerlei Probleme, denn der entsprechende Kehrvers zum dritten Teil des Psalms 22(21) war sogar zweimal vertreten, wie ein Blick auf die Nr. 51 im Kantorenbuch zum Gotteslob (Graz/Freiburg 1975) verrät.

Neben der ausnotierten Fassung A der Psalmverse von Heribert Seiffert auf Fis gibt es im Kantorenbuch zum Gotteslob auch eine höhere Fassung auf G mit einem Psalmmodell von Josef Seuffert. Dummerweise haben die Herausgeber aber das falsche Modell erwischt. Denn Modell III 1 gehört zum 1. Psalmton, während der Kehrvers doch im III. Modus steht.

Das Münchener Kantorale von 2003, Lesejahr B, gibt auf Seite 178 unter a den gleichen „Treue“-Vers an, allerdings bei der gewählten Tonhöhe mit der falschen Nummer. Offensichtlich zweifelte man schon damals an der „Treue“ und gab einen zweiten Kehrvers zur Auswahl an.

Im Freiburger Kantorenbuch von 2006, Nr. 53 hatte man bereits so erhebliche Zweifel an der „Treue“, dass man gleich einen ganz andern Kehrvers auserkor.

Im ersten Vers in der Übersetzung des Münsterschwarzacher Psalters wird das Dilemma mit der „Treue“ sichtbar. Die Einheitsübersetzung scheint hier falsch zu liegen.

Was ist daran falsch?
Hieronymus hatte den Psalter dreimal ins Lateinische übersetzt. Der Vers 26a aus Psalm 22(21) weicht in allen drei Übersetzungen nur wenig voneinander ab.

Psalterium Romanum:
– Apud te laus mihi in ecclesia magna.
Psalterium iuxta Hebraeos und Psalterium Gallicanum (Vulgata):
– Apud te laus mea in ecclesia magna.

Antwortpsalmen Bonifatius B 36
Antwortpsalmen, Bonifatius B 36
Schott-Kantorale 2014 238
Schott-Kantorale 2014, 238
Freiburger Kantorenbuch 2013 53
Freiburger Kantorenbuch, 53
GL 401
GL 401
Antwortpsalm.de 401
Antwortpsalm.de 401
GL 631,1
GL 631,1
Os-So_5-B (22;657,3)
Neues Kantorenbuch, 5. Ostersonntag B

Beda Grundl, OSB, Augsburg 1908 übersetzt in „Das Buch der Psalmen nach der Vulgata für das deutsche Volk“ den Vers so: Dir gebührt mein Lob in großer Gemeinde. Ähnlich lautet der Text in der Lutherbibel 1984: Dich will ich preisen in großer Gemeinde und bei Alfons Deissler in „Die Psalmen“ 1986: [Erheben] will ich meinen Lobpreis in großer Gemeinde.

Bereits 1948 scheint man in Rom bemerkt zu haben, dass Hieronymus den Vers falsch übersetzt hatte, und veröffentlichte im Vatikanischen Psalter folgende Fassung des Verses: A te venit laudatio mea in coetu magno. Simon Streicher, OSB überträgt den Vers ins Deutsche: Von dir kommt mein Loblied in großer Versammlung. So übersetzt auch Arnold Maria Goldberg im Neuen Psalmenbuch 1961: Von dir ist mein Preisen in großer Versammlung. Die Münsterschwarzacher Übersetzung 2003 klingt zwar etwas gequält, hat aber im Grunde den gleichen Text: Von dir kommt, dass ich dich preise in großer Gemeinde.

Das GOTTESLOB 2013 ist nun leider vor der revidierten Einheitsübersetzung erschienen. Denn dort erhält der Vers folgende Fassung: Von dir kommt mein Lobpreis in großer Versammlung. Mit einem hinzugefügten „Herr“ hätte man daraus wunderbar einen passenden Kehrvers machen können. Da dem aber nicht so ist, mussten sich die Kantorenbuchmacher  auf andere Weise behelfen. Die meisten Herausgeber scheinen das Problem mit der „Treue“ erfasst zu haben, und stürzten sich auf „Treue“-lose Kehrverse.

Bei den Antwortpsalmen von Walter Hirt, Paderborn 2013 ging dieses Vorhaben allerdings gründlich daneben. Denn der vorgesehene Kehrvers GL 36,1 passt nur zum ersten Teil des Psalms, nicht aber zum zweiten Teil ab Vers 22. Die Gotteslobmacher haben deshalb vor diesen Vers ein rätselhaftes Kv gesetzt, uns aber nicht verraten, welcher Kehrvers gemeint ist. Wenigstens hat Hirt das richtige Psalmmodell aus der erweiterten Gemeindepsalmodie von Heinrich Rohr ausgewählt.

Was der neutestamentliche Kehrvers GL 373 im SCHOTT-Kantorale von Heinz-Walter Schmitz, Freiburg 2014 mit dem nachfolgenden alttestamentlichen Psalm zu tun hat, kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Zugunsten des Herausgebers nehme ich an, dass ihn die Melodie des Kehrverses, die bei „Halleluja, lasst und singen“ (z.B. GL Freiburg/Rottenburg 796) geklaut wurde, österlich inspiriert hat. Über die falsche Rhythmisierung der Psalmverse kann man nur den Mantel der christlichen Barmherzigkeit ausbreiten. Wenn man aber einmal gehört hat, wie uninformierte Kantoren und Kantorinnen die Verse wiedergeben, wäre es besser, das Buch wäre nie erschienen.

In der Neuauflage des Freiburger Kantorenbuchs 2013 hat man sich vor dem Problem des Kehrverses einfach gedrückt und zur unveränderten Psalmbearbeitung der alten Auflage einen passenden Halleluja-Ruf gesetzt. In der Neuausgabe ist aber immer noch zu bemängeln, dass die Notation der Psalmverse in Vierteln und Achteln ein doppeltes Tempo gegenüber dem Kehrvers suggeriert, der in Halben und Vierteln notiert ist. Da diese Tatsache im Vorwort nicht erwähnt wird, und Vorworte im Allgemeinen auch nicht gelesen werden, wäre es besser gewesen, man hätte die Notation der Verse dem Kehrvers angepasst. Außerdem ist eine „weiße“ Notation besser zu lesen als eine „schwarze“. Kenner der Alten Musik wissen das.

Als bisher einzige Ausnahme hält die Webseite http://www.antwortpsalm.de mit dem Kehrvers GL 401 der „falschen“ Übersetzung die Treue. Als Alternative wird hier der Kehrvers GL 631,1 angeboten.

Dieser Kehrvers passt aber weder textlich noch musikalisch zur angebotenen Psalmvertonung. Er gehört, wie die Herausgeber des GOTTESLOB deutlich vermerkt haben, zum Psalmton IXa bzw. Ia, während sich die Psalmmelodie eindeutig im Psalmton VI bewegt.
Wenn „Treue“ nicht mehr gilt und das GOTTESLOB 2013 zwar den Kehrvers Nr. 80 mit dem „Lob in der Gemeinde“ aus Psalm 149,1 anbietet, der aber als Kehrvers zum Antwortpsalm viel zu ausladend ist, bleibt als Auswahlkriterium nur noch „preisen“ übrig. Dieses Wort findet man einzig und allein im Kehrvers Nr. 657,3: Dein Erbarmen, o Herr, will ich in Ewigkeit preisen.

Der vollständige Antwortpsalm steht unter http://www.neues-kantorenbuch.de zum Download bereit.

Bei allen vorgelegeten Beispielen muss erneut jene Frage gestellt werden, die Matthias Kreuels in seinem Beitrag „Kantor“ im Kirchenmusikalischen Handbuch hgb. von Harald Schützeichel 1991 gestellt hat: „Warum regen sich eigentlich nicht auf breiter Front die schöpferischen Kräfte der Kirchenmusik, um dieser musikalischen Sparte der Kantoren-Gesänge, die zunächst nur auf historische Vorgaben (Psalmton-Modelle, Kirchentöne usw.) zurückgreifen kann, wirklich neue Impulse zu geben?“ Auch die Aufforderung von Johannes Aengenvoort in seiner Einführung zur Edition Kantorenbuch zum Gotteslob 1976 harrt immer noch einer künstlerischen Erfüllung: „Je nach Ausbildungsstand und schöpferischen Fähigkeiten kann der Kantor seine Singweise improvisieren, selbst komponieren, sie von einem Kollegen einrichten lassen oder sie gedruckten Vorlagen entnehmen. Alle Komponisten und Verlage sind durch das Lektionar motiviert, im Schaffen und Herausgeben der Antwortpsalmen miteinander zu wetteifern.“

Anton Stingl jun.

Antwortpsalm – Falsche Antwort

Wenn im sonntäglichen Gottesdienst die Lektorin bzw. der Lektor nach der ersten Lesung mit einem bis zu Unhörbarkeit diminuierenden „Wort des lebendigen Gottes“ die Gemeinde zu einer zustimmenden Antwort zu bewegen versucht, und sich die Zuhörer höchstens zu einem gemurmelten „Dank sei Gott“ aufraffen können, an dem man spürt, wie viel „Begeisterung“ sich auf die Zuhörer überträgt, dann könnte vielleicht „der darauf folgende Antwortpsalm, der ein wesentliches Element des Wortgottesdienstes ist“, die Stimmung wieder heben. Über diesen Psalm heißt es in der Allgemeinen Einführung in das Römische Messbuch (revidierte Fassung von 1975): „In der Regel soll man den im Lektionar angegebenen Psalm nehmen, weil sein Text mit den Lesungen im Zusammenhang steht, denn er ist im Hinblick auf sie ausgewählt“. Doch da macht das GOTTESLOB 2013 in vielen Fällen einen Strich durch die Rechnung der deutschsprachigen Bischöfe. Nehmen wir als Beispiel den Psalm 25. Er steht bei den folgenden Gelegenheiten mit den zugehörigen Kehrversen im Lektionar.

1) Erster Adventssonntag (C): Zu dir, o Herr erhebe ich meine Seele. (Ps 25,1)
2) Erster Fastensonntag (B): Deine Wege, Herr, sind Huld und Treue
für alle, die deinen Bund bewahren. (vgl. Ps 25,10)
3) 3. Sonntag im Jahreskreis (B): Zeige mir, Herr, deine Wege,
lehre mich deine Pfade! (Ps 25,4)
4) 26. Sonntag im Jahreskreis (A): Denk an dein Erbarmen, Herr,
und an die Taten deiner Huld! (Ps 25,6ab)

Dieser Psalm und kein einziger dieser Kehrverse sind im GL 2013 zu finden. Den Psalm selbst hatte auch das GL 1975 nicht abgedruckt, aber im bisherigen Kantorenbuch zum Gotteslob findet man folgende Kehrverse: zu Nr. 1 „Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele“ (529,2), zu Nr. 2 „Der Herr hat uns befreit, auf ewig besteht sein Bund“ (233,7), zu Nr. 3 und zu Nr. 4 „Lehre uns, Herr, deinen Willen zu tun.“ (170,1). Immerhin stammt der erste Kehrvers aus dem zugehörigen Psalm, während die anderen nur sehr vage bis überhaupt nicht an den eigentlich vorgesehenen Vers erinnern.

Aus dem GL 2013 hat das neu bearbeitete Freiburger Kantorenbuch folgende Kehrverse ausgewählt: zu Nr. 1 „Auf lasst uns jubeln dem Herrn, vor sein Angesicht kommen mit Dank“ (141 = GL 1975), zu Nr. 2 „Der Herr hat uns befreit, auf ewig besteht sein Bund“ (60,1 = GL 1975), zu Nr. 3 und Nr. 4 „Herr, du hast Worte ewigen Lebens“ (312,7 = GL 1975). Hier passt kein einziger Kehrvers zum Psalm.

In der Online-Publikation der Diözese Rottenburg-Stuttgart entdeckt man noch eine andere Zuweisung zu Nr. 4: „Du bist Licht und du bist Leben, Christus, unsere Zuversicht“ (373), also wieder keinen Treffer!

http://www.drs.de/arbeitsfelder/liturgie/antwortpsalmen/antwortpsalmen-lesejahr-a.html

Dass Kehrvers und nachfolgender Psalm nicht so sinnvoll zusammenpassen, wie das die Urheber des Lektionsplans ausgeklügelt haben, passiert auch bei den Psalmen 31, 32, 33, 41, 50, 54, 62, 68, 69, 78, 82, 86, 102, 106, 107, 108, 123, 124 und 132, weil das GL 2013 keine entsprechenden Kehrverse anbietet.

Die Mesalliance zwischen Kehrvers und Psalm besteht auch aus anderen Gründen. Die Herausgeber des GL 2013 haben aus dem bestehenden Angebot von Kehrversen die vermeintlich besten ausgewählt oder noch weitere in Auftrag gegeben. Aber wie Allzweckreiniger nicht für jeden Schmutz die beste Lösung sind, so kann auch nicht jeder Kehrvers an jeder Stelle seinen vorgesehenen Dienst erfüllen. In einem Vesperpsalm, bei dem er nur am Anfang und am Ende erklingt, darf er sich etwas weiter ausdehnen. Die Ruhe des Stundengebets lässt ihm mehr Raum. Beim Antwortpsalm dagegen wird er nach jedem Doppelvers wiederholt. Dort muss er kurz und prägnant sein und möglichst eine Zahl von 13 Silben nicht überschreiten, damit man ihn spontan auffassen kann. Die Tendenz vieler hebräischer Psalmverse, im zweiten Halbvers den ersten Halbvers mit anderen Worten zu wiederholen – der Parallelismus membrorum – erlaubt, den Vers in eine durch seine Kürze würzige Form zu bringen.

Das musikalische Gemischtwarenangebot der Kehrverse ist überdies mit den stilistischen Vorstellungen der einzelnen Kantorenbücher nur schwer in Einklang zu bringen. Die Vielfalt der Kehrverse reicht von der Münsterschwarzacher Gregorianik über das Neue Psalmenbuchs aus den sechziger Jahren bis zum Neuen Geistlichen Lied. Dazu kommen die unterschiedlichen Vorstellungen der Kantorenbücher, die wie z.B. das Freiburger Kantorenbuch, das „aus dem Reichtum englischer Rezitationsmodelle schöpft“, oder andere, welche die „Ergänzungszeile zur Gemeindepsalmodie“ von Heinrich Rohr verwenden. Das alles passt nicht zusammen. Richtige Frage – falsche Antwort!

Das Ideal wäre eine stilistische Einheit zwischen Kehrvers und Psalm. Der Psalm müsste immer die gleiche musikalische Form haben, damit man ihn wiedererkennen kann. Die Melodien der Kehrverse müssten wie ihre Texte aus den Psalmen aus dem musikalischen Erscheinungsbildes des jeweiligen Psalms herauswachsen. Ich höre den Einwand: Das geht doch nicht, das müssen dann unendlich viele Kehrverse sein! Meine „richtige“ Antwort: Es gibt da ein kleines Dorf – nicht in Gallien – sondern bei Freiburg, da singt die Gemeinde jeden Freitagabend zum Antwortpsalm aus 114 Kehrversen – und zwar nicht aus dem Gotteslob – den vorgesehen Kehrvers aus dem Lektionar. Der Vorrat reicht für die zwei Lesejahre I und II und die einfallenden Feste der Heiligen. Zu einem Psalm gibt es bis zu drei Kehrverse, die ohne Transpositionsakrobatik passgenau eingerichtet sind. Vorbild ist das Neue Psalmenbuch, das zuerst in Einzelausgaben für Kantor, Chor, Gemeinde und Orgel und dann 1971 in einer Gesamtausgabe erschien. Doch davon später mehr …

Anton Stingl jun.

Singt unserm Gott, ja singt ihm, spielt im ein kunstvolles Lied!

Kehrverse zu Psalmen im Gotteslob

Die Kehrverse zu den Psalmen stellen seit ihrer Einführung durch die Liturgiekonstitution (1963) ein besonderes Problem dar. Der Rat zur Durchführung der Liturgiekonstitution schreibt in seiner Erklärung zur Übertragung des „Graduale simplex“ in die Volkssprachen (1968):

„Die im ‚Graduale simplex‘ enthaltenen Gesangsformen (d.h. entweder mit einer nach den Psalmversen zu wiederholenden Antiphon oder mit einem kurzen Responsum, das auf die Melodie des Verses abgestimmt ist), können der musikalischen Eigenart und Singgewohnheiten der verschiedenen Völker angepasst werden; doch ist jede profane und weltliche Vortragsweise zu vermeiden.“

Die härteste Kritik von allen Gesängen im bisherigen Gotteslob erfuhren die Kehrverse. Die Aussagen reichen von „gutgemeint“, „musikalisch unausgegoren“ über „einfach unmöglich und qualitativ unhaltbar“ bis zu „primitiv“ und „einfältig“. Da ist nicht verwunderlich, dass aus dem „Überangebot“ von insgesamt 300 Kehrversen nur 17 für die Psalmen aus dem alten Buch übernommen wurden:

alt 156,1 = 484,1 149,2/3 190,1 236,1 253,1 527,2 528,3 600,1 649,1
neu 55,1 635,3/4 639,1 66,1 645,3 657,3 629,3 649,1 653,3
alt 685,1 710,1 712,1 718,1 719,1 722,1 = 741,1 738,1 743,1
neu 60,1 33,1 629,1 37,1 38,1 56,1 52,1 57,1

Die Psalmen im Gotteslob werden wie bisher fast ausschließlich in den acht Psalmtönen einschließlich Tonus peregrinus und irregularis gesungen. Die Veränderungen betreffen vor allem den zweiten Ton, bei dem man von der bisherigen „germanischen“ Fassung auf die „römische“ wechselte. Zur „Freude“ der Psalmensänger wurden teilweise auch die Textunterlegungen geändert. Da man aber bei 39 Psalmen einen anderen Psalmton als bisher gewählt hat und 10 neue Psalmen dazu kamen, fällt das nicht so sehr ins Gewicht.  Bei der Verwendung von Psalmtönen nach gregorianischen Modellen lag es nahe, auch Kehrverse in diesem Stil zu komponieren.

48,1 48,1 Daumen oben

Ein schönes Beispiel für „deutsche Gregorianik“ ist dieser Kehrvers von Rhabanus Erbacher. Die Melodie ist dem Rhythmus, den Sinnspitzen und der Gliederung des Textes bestens angepasst und ermöglicht mit dem Beginn auf dem Rezitationston a des ersten Psalmtons einen problemlosen Anschluss an den Schlusston g der Psalmtonformel. Zu überlegen wäre, ob man ohne das Atemzeichen vor Herr auskommen könnte. Aber man muss ja nicht bei jedem Gliederungszeichen atmen. Der Autor hat zusammen mit Godehard Joppich das Antiphonale zum Stundengebet (1979) und das Benediktinische Antiphonale (1996) bearbeitet. Von beiden Autoren und aus beiden Büchern wurden weitere Kehrverse in das Gotteslob aufgenommen.

In vielen Fällen ist es jedoch sinnvoll, das gregorianische Tonmaterial mit einem konkreten Rhythmus zu überformen und so „der musikalischen Eigenart und Singgewohnheiten der verschiedenen Völker“ entgegenzukommen.

44,1 44,1 Daumen oben

Der Rhythmus in diesem Kehrvers von Christoph Hönerlage verführt unwillkürlich zum Klatschen, von dem im nachfolgenden Psalm 47 die Rede ist: Ihr Völker alle, klatscht in die Hände! Die Melodie bewegt sich im Tonraum des siebten Modus und ermöglicht mit dem Anfangs- und Schlusston a den problemlosen Anschluss an die Psalmtonformel. Das „kunstvolle“ Lied ist eine Erweiterung des Psalmtextes, die der gesamten Gattung der Kehrverse als Motto dienen könnte. Wir wollen sehen, ob alle diesem Anspruch gerecht werden.

 72,1 72,1 Daumen unten

Das „gestillte Kind“ im Kehrvers von Christian Matthias Heiß wirkt sehr seltsam. Wenn man wirklich das Wort „gestillt“ benutzen will, müsste es im zweiten Teil heißen: „so ist meine Seele gestillt in mir“ (Alfons Deissler, Die Psalmen). Der nachfolgende Psalmtext in der Einheitsübersetzung verwendet den Begriff „kleines Kind“, was dann sicher zur Verwirrung führt. In der Vulgata steht an den beiden Stellen das Wort „ablactatus“, was so viel wie „entwöhnt“ heißt. Der Anfang des Kehrverses zitiert die Melodie „O heilge Seelenspeise“, und der zweite Teil trifft mit seiner Pentatonik nicht das Charakteristische des sechsten Modus. Der Rhythmus ist auch nicht besonders definiert. Man hätte den Kehrvers auch in „Eierkohlennotation“ mit Episemen schreiben können.

54,1 54,1 Daumen oben Daumen unten

Nach der Signalquarte am Anfang des Kehrverses von Klaus Wallrath und der anschließenden Bewegung zum Finalton des achten Modus wirkt der zweite Teil merkwürdig „angeklebt“. Es bleibt keine Zeit zum wirklichen Atmen vor dem zweiten Halbvers. Zudem kadenziert die Melodie zu einem vermeintlichen A dur und hängt dann noch eine Wendung an, die mit einem wichtigen Ton des siebten Modus endet. Der Kehrvers sollte eigentlich zum achten Psalmton führen.

664,5 664,5 Daumen obenDaumen unten

Während der erste Teil im Kehrvers von Reiner Schuhenn den Rezitationston des fünften Modus „engelgleich“ umspielt, marschiert der zweite Teil schnurstracks zum Oktavton, um dann in sehr gewöhnlicher Weise zum Finalton hinabzusteigen. Der Leser möge sich selbst ein passendes Wort der Kritik aussuchen.

633,3 633,3 Daumen oben

Kann man diesen Kehrvers von Christian Mathias Heiß auch ohne Begleitung eines Akkordinstruments singen? Es ist zwar ein hübscher Einfall, denselben Text auf dieselbe Melodie eine Terz höher zu singen. Aber den Ton f in der Mediante sauber zu intonieren ist nicht jedermanns Sache. Trotz dieses Einwands – auch die „Modulation“ von der Mediante F dur zurück nach A dur ist gelungen. Der Dreiertakt verleiht dem Vers noch einen zusätzlichen Schwung.

80,1 80,1 Daumen oben

Der Kehrvers von Jutta Bitsch steht eigentlich nicht im Dreiertakt sondern im 6/4-Takt. Jedenfalls muss man ihn so singen. Die Wiederholungen des Textes führen zu teilweise variierten Wiederholungen in Melodie und Rhythmus. Der erste Teil beginnt akzentuiert mit dem höchsten Ton des Tonraums im siebten Modus und bringt im dritten Takt den für diesen Modus charakteristischen Ton c. Die Melodie der ersten vier Takte wird anschließend rhythmisch variiert wiederholt. Der zweite Teil arbeitet mit einem neuen Rhythmus. Durch eine Synkope auf dem letzten Ton wird geschickt die vorletzte Note verkürzt. Die Melodie wird zunächst wieder zur Rezitationsstufe des siebten Psalmtons zurückgeführt und erreicht bei der Wiederholung des Textes den Finalton. Dieser gelungene Kehrvers stellt sich für das „Gottesvolk“ als ein fröhliches „Kampflied“ dar. „Auf in den Kampf“ geht es für die „Gemeinde“ erst beim nachfolgenden Psalm. 17 Klammern bei der Verteilung des Textes auf die Mittel- und Schlusskadenzen wollen bewältigt werden, damit es wirklich heißt: Singt dem Herrn ein neues Lied und nicht ein neues Lied.

64,1 64,1 Daumen oben

Wenn man die Jahreszahlen der Entstehung der neuen Kehrverse betrachtet, die von Einzelautoren geschaffen wurden, hat man den Eindruck, dass 2009 Einsendeschluss für die Kompositionen war. Anschließend wurden die Ergebnisse gesichtet und Unbrauchbares verworfen. Dann hat sich die „Gemeinsames Gebet- und Gesangbuch“-Kommission (GGB), eine Unterkommission der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz, hingesetzt und sozusagen in „Fließbandarbeit“ die fehlenden Melodien für rund ein Dutzend Kehrverse selbst erarbeitet. Viele von ihnen plätschern etwas unverbindlich in gregorianischem „Singsang“ dahin. Der Kehrvers zu Psalm 115 bildet da eine Ausnahme. Schon allein die Tatsache, dass er in barocker Manier den zweiten Modus mit Rezitationston g als e moll mit Leitton dis deutet, unterscheidet ihn von denen, die versuchen, sich an den jeweiligen Modus zu halten. Der Beginn des Kehrverses stellt die Gemeinde vor die nicht ganz leichte Aufgabe, statt mit Singen mit Einatmen zu beginnen. Ein überraschender Schlag auf eine Pauke könnte da helfen. Die kleinen Intervallschritte im ersten Teil passen gut zu „fürchten“ und „vertrauen“. Der höchste Ton wird im Terzsprung bei der Sinnspitze „Er“ erreicht. Sehr nachdrücklich wirkt der punktierte Rhythmus in Verbindung mit der fallenden Quinte bei „Schild und Hilfe“.

Man darf gespannt sein, ob die zu erwartenden neuen Kantorenbücher die offensichtliche Festlegung des Gesangsbuchs auf gregorianische Modelle übernehmen werden oder etwas Eigenständiges dagegenzusetzen haben.

Anton Stingl jun.