Seht, der Stein ist weggerückt

Seht der Stein ist weggerückt
nicht mehr wo er war
nichts ist mehr am alten Platz
nichts ist wo es war.

Seht das Grab ist nicht mehr Grab
tot ist nicht mehr tot
Ende ist nicht Ende mehr
nichts ist wie es war.

Seht der Herr erstand vom Tod
sucht ihn nicht mehr hier
geht mit ihm in alle Welt
er geht euch voraus.

Lothar Zenetti (1926−2019)

Seit dem Jahr 1971, als das Gedicht veröffentlicht wurde, gab es immer wieder Versuche, den Text vom leeren Grab in ein angemessenes musikalisches Gewand zu kleiden. Die erste Vertonung stammt vom Limburger  Kirchenmusikdirektor Karl Fink (1971) und erschien im Limburger Diözesananhang von 1975, ebenso im Schweizerischen Katholischen Gesangbuch (1998), sowie im Regionalteil des EG (Evangelische Kirche von Hessen und Nassau) und im Gesangbuch der reformierten Kirche. Mit weiteren Vertonungen beteiligten sich Herbert Beuerle („Liedersammlung zum Osterfestkreis III“), Heinz Martin Lonquich (1937–2014)  http://www.heinz-martin-lonquich.de/hoerproben/ Nr. 49, Kurt Grahl  http://www.kurt-grahl.de/SehtDerSteinIst.MP3 und der evangelische Pfarrer Christian Hählke aus dem Westerwald.

Keine dieser Melodien fand bei den Gemeinden allgemeine Verbreitung. Deshalb unternahm man im Zuge der Vorbereitungen zum Gotteslob 2013 neue Anläufe, um für den Text neue Gewänder zu schneidern.

Für den Eigenteil der Diözese Aachen (GL 766) hat Domorganist Michael Hoppe „den Text zu Musik gemacht. Der Jubel wird sinnlich spürbar. Vor allem aber schärfen die zahlreichen Synkopen und Vorhalte das Bewusstsein: Es ist nicht alles aus dem Lot, aber die Welt hat sich für immer verschoben.“ (Karl Allgaier)

Die Melodie von Bezirkskantor Franz-Josef Oestemer im Eigenteil Limburg (GL 783) „hat die dorische Tonart der bisherigen Vertonung von K. Fink übernommen. Darüber hinaus lehnt sich die Melodie an den Duktus zweier bekannter Ostergesänge an. Die Melodie zitiert zu Beginn das berühmte „Christ ist erstanden“, bei „weggerückt“ rückt auch die Melodie einen Ton nach unten. Die Ostersequenz „Victimae pascali laudes“ klingt in der 3. Zeile an: bei „Platz“ jedoch rückt die Melodie einen Ton nach oben und macht damit hörbar, dass nichts mehr am alten Platz ist und nichts mehr so klingt, wie es war. Das im Original einmalige Halleluja wird in der neuen Vertonung von Oestemer auf ein dreimaliges Halleluja erweitert. Dabei wird die Melodie des Anfangs wieder aufgegriffen und zum dorischen Abschluss geführt.“ (Carsten Igelbrink)

Für einen Überraschung sorgte der Eigenteil Mainz (GL 812). Hier wird auf die allererste Vertonung von Karl Fink zurückgegriffen.

Gotteslob Eigenteil Mainz Nr. 812

 „Die Atmosphäre der grundlegenden Veränderung von allem Gewohnten, kommt auch durch die Melodie zum Ausdruck, die der Komponist nicht im gewohnten Dur oder Moll, sondern ausschließlich modal (dorisch) – für heutige Ohren eher fremd wirkend – verfasst hat. Der Verlauf der Melodie und deren Rhythmik verdeutlichen die Bilder und den Sinnzusammenhang des Textes: Man kann geradezu hören, wie der Stein weggerückt wird, dass die Dinge nicht mehr so sind wie früher. Das gilt zunächst für die erste Phrase (Zeile 1-2) mit ihren rhythmischen Unregelmäßigkeiten und Intervallsprüngen. Die Melodie der zweiten Phrase (Zeile 3-4) setzt eine Quint höher ein und steigt in Sekundschritten zum Spitzenton an. Die Steigerung entspricht der Dynamik des Textes in der zweiten Strophenhälfte, in der das zuvor aufgerufene biblische Bild überschritten wird. Die dadurch entstehende Spannung löst sich zum Ende der absteigenden Phrase und schließlich im Hallelujaruf auf.“ (Annette Albert-Zerlik)

Als Alternative zu der im Gesangbuch der evangelisch-methodistischen Kirche abgedruckten Fassung von Karl Fink komponierte Pfarrer Andreas Wittkopf seine neue Melodie.

Andreas Wittkopf

Schließlich soll noch die Vertonung des Rottenburger Diözesanmusikdirektors Walter Hirt (H) im Eigenteil Freiburg/Rottenburg (GL 800) vorgestellt und mit der Melodie von Andreas Wittkopf (W) verglichen werden.

Gotteslob Eigenteil Freiburg/Rottenburg Nr. 800

H benötigt für eine Strophe nur 6 Takte gegenüber 8 Takten bei W. Die Vorgaben von Lother Zenetti sind zweimal 4 Hebungen mit 3 Senkungen und zweimal 3 Hebungen mit drei Senkungen, was zur Folge hat, dass nach der zweiten Zeile eine ganze Note oder eine halbe Note und eine Pause notwendig werden. Nach der vierten Zeile muss eine Verbindung zum Halleluja-Refrain gesucht werden. H lässt die Melodie auf der Quinte, der Dominante, enden, W schreibt einen Quartvorhalt, der sich zum Leitton öffnet. Um seine sparsame Melodieerfindung zu verbergen, „motzt“ W an vier Stellen der Strophe und an zwei Stellen des Refrains die Melodie durch Synkopen auf. H dagegen hat den Ehrgeiz, eine „richtige“ Komposition anzuliefern. Das Wort Seht  am Beginn jeder Strophe wird durch die Punktierung zum musikalischen Zeigefinger auf die anschließende rasante Mountainbike-Tour. Die Anfangsworte der zweiten und vierten Zeile werden in den vorherigen Takt gezogen, um das gesteckte Sparziel von sechs Takten zu erreichen. Im einzigen achtelfreien Takt hat H zum Ausgleich eine intonatorische Falle gestellt. Die Melodie moduliert hier von D-Dur über gis und ais nach h-Moll. Da h aber erst am Ende der Zeile erreicht werden darf, wird noch ein Umweg über cis und d in Kauf genommen. Der höchste Ton d wird effektvoll bei den Worten alten Platz, Ende mehr, alle Welt erreicht. Beim Halleluja-Refrain tobt sich H in zweimal vier Takten nun richtig aus. Das erste Halleluja endet mit der hebräischen Betonung auf der letzten Silbe, das zweite beginnt mit einem emphatischem Sextsprung und betont das Wort auch in den beiden folgenden Rufe wie im Lateinischen auf der zweiten Silbe. Durch die zusätzliche Wiederholung entsteht der Eindruck, dass der Refrain wichtiger ist als die Strophen. Ob das ein Gemeindelied ist, darf bezweifelt werden.  Selbst Profis haben mit der Luft zu kämpfen (Vgl. das Liedportrait von Meinrad Walter).  

„Vielleicht könnte eine Ausführung durch eine Solistin / einen Solisten oder eine Schola sinnvoll sein, vielleicht auch in Hinblick darauf, dass die rhythmischen und melodischen Besonderheiten für manche Gemeinden schwierig zu bewältigen sind“ (Annette Albert-Zerlik zur Melodie von Kurt Fink).

Meinrad Walter, Lied zum Sonntag „Seht, der Stein ist weggerückt“ https://www.swr.de/swr2/programm/lied-zum-sonntag-seht-der-stein-ist-weggerueckt/-/id=661104/did=23910364/nid=661104/a949nk/index.html

Vielleicht sollte der Text aus „Texte der Zuversicht“ von Lothar Zenetti doch lieber Text bleiben und als Predigttext, Oster- oder Gute-Nacht-Gruß seine Bestimmung finden.

Anton Stingl jun.

Segne dieses Kind – in Moll oder in Dur?

Als meine Tochter im August 1975 in St. Maria in Bühl-Kappelwindeck getauft wurde, gestalteten wir die Feier nach dem neuen Gotteslob, dessen Stammausgabe im Frühjahr jenes Jahres bereits erschienen war. Damals konnte man die Stammausgabe vor der offiziellen Einführung am 1. Advent käuflich erwerben im Gegensatz zu dem Vorabdruck für die Einführung des neuen Gotteslob 2013, der „zum ausschließlich kirchlichen Gebrauch“ bestimmt war. Nur durch Zufall kam ich in den Besitz eines Exemplars, weil es herrenlos auf einer Orgel herumlag, an der ich zur Vertretung spielte. Nach der Eröffnung der Tauffeier mit dem vierstimmigen Choral „Lobe den Herren“ von Johann Sebastian Bach sangen wir zum Wortgottesdienst das neue Lied Nr. 636 Segne dieses Kind. In meiner späteren vollständigen Gesangbuchausgabe für das Erzbistum Freiburg fehlte ausgerechnet bei diesem Lied die Nummernangabe.

636 Segne dieses Kind

Der Text dieses Tauflieds stammt von dem katholischen Priester Lothar Zenetti, der z.B. auch den Text Das Weizenkorn muss sterben (GL 210) verfasst hat. Das Lied zur Taufe hat eine neue Form. In der Art einer Litanei werden Bitten für ein Kind vorgetragen. „Alle, die zu diesem Kind gehören, Eltern, Geschwister, Verwandte, Paten und Freunde, die Gemeinde, in die es durch die Taufe eingegliedert wird, stellen sich mit ihrem ganzen Leben unter den Segen und die Liebe Gottes“ (Werkbuch zum Gotteslob VII, Freiburg 1978, S. 245). So haben wir es damals auch empfunden.

Mit der Melodie von Erna Woll (1917−2005), die zuletzt Professorin an der Pädagogischen Hochschule in Augsburg war, hatten wir damals keinerlei Probleme, denn die Noten standen ja da. Aber ich dachte mir schon, dass die „in reinem Moll stehende schwebende Melodie“ (Werkbuch) sicher nicht jedermanns Geschmack ist. Als ich später dann im Werkbuch las, dass „die Komponistin auf Antrag der EGB-Kommission die Melodie und den Rhythmus an einigen Stellen synkopenfrei umgeformt hat“, verstand ich, warum der ehemalige Domkapellmeister von Freiburg, Franz Stemmer, ihre Kompositionen etwas despektierlich als „Gewölle“ bezeichnet hat. Die Melodie von Erna Woll habe ich in den letzten 41 Jahren nirgends  mehr gehört. Jetzt hat das Segensgebet von Lothar Zenetti im Gotteslob 2013 eine neue Melodie erhalten.

490 Segne dieses Kind

Der evangelische Kirchenmusiker Michael Schütz (geb. 1963), Dozent für Popularmusik an der Universität der Künste Berlin, hat die Melodie statt wie Erna Woll in g moll und in meist tiefer Lage jetzt im helleren G dur und in höherer Lage angesiedelt und anstelle eines zwischen 2/4 und 3/4 schwankenden Taktes einen einheitlichen 2/2-Takt gewählt. Die Melodie lädt jetzt tatsächlich mehr zum Singen ein, wie ich jüngst als Kantor bei einer Taufe in Küssaberg am Hochrhein erfahren konnte. Sie weist aber auch Fehler im Wort-Ton-Verhältnis auf, die die Vorgängermelodie vermieden hat. Im Refrain liegt die sinngemäße Betonung auf sehen lernt, lieben lernt, greifen lernt … Michael Schütz legt aber mit einem Quartanstieg zu einer punktierten Halben auf Schlag eins die Betonung auf das untergeordnete Wort lernt. Erna Woll hat dieses Problem durch flexiblere Taktgestaltung und durch die Melodieführung an dieser Stelle besser gelöst. Das zweite Problem habe ich als Kantor am eigenen Leibe, sprich am Atem, erfahren. Zwischen Refrain und Vers hat der arme Kantor kaum Zeit zum Atmen. Auch diese Schwierigkeit hat Erna Woll elegant durch die Einfügung einer Pause umgangen. Was jetzt kommt, ist eine Geschmacksfrage. Wie oft darf man wie hier im Vers eine Sequenz weiterführen? Gemeint ist hier die Wiederholung eines musikalischen Motivs auf einer anderen Tonstufe. „Da dies dem Komponisten die Anstrengung neuer Ideen erspart, hat die Sequenz einen relativ schlechten Ruf und wird spöttisch Schusterfleck genannt“. Sicher ist, dass man sich die Melodie auf diese Weise leichter merken kann. Sicher ist aber auch, dass Michael Schütz durch die abwärts gehende Sequenz den Höhepunkt jeden Verses, die Verheißung, verpasst. Erna Woll dagegen belässt die Melodie des Verses zunächst in der Tiefe und verwendet statt der Sequenz eine Wiederholung. Allmählich steigt die Melodie an und erreicht bei Land bzw. bei Wort der Verheißung den höchsten Ton.

Jetzt könnte man bezogen auf die Melodie von Michael Schütz sagen: Wenn das die Lösung ist, dann möchte ich mein Problem zurück. Man könnte aber auch an der Lösung arbeiten.

Segne dieses Kind-Korrektur

Beim ersten Problem in der zweiten Zeile liegt jetzt der höchste Ton auf dem wichtigsten Wort. Das Atemproblem wurde durch das Einfügen einer Viertelpause gelöst. Die Sequenz des Verses wurde einfach umgedreht, und zwar was die Intervalle anbelangt als auch die Richtung. Auf diese Weise bildet nun die Verheißung den Höhepunkt. Man verzeihe mir am Ende den emphatischen Oktavsprung. Der Kantor schafft das!

Anton Stingl jun.