Da pacem, Domine – Verleih uns Frieden gnädiglich

Als Dr. Martin Luther 1529 den Text der lateinischen Antiphon Da pacem, Domine ins Deutsche übertrug, schwebte ihm vielleicht vor, auch die Melodie der Antiphon so zu übernehmen, wie er sie als ehemaliger Augustiner-Eremit aus dem Kloster in Erfurt kannte.

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Die Melodie der Antiphon wurde am Ende des 10. Jahrhunderts im Hartker-Antiphonar der St. Galler Mönche zum ersten Mal mit Neumen festgehalten.

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In einer Handschrift des späten 13. Jahrhunderts aus dem Franziskanerkloster in Fribourg/Suisse wird die Antiphon in der uns heute vertrauten Quadratnotenschrift notiert.

Da pacem, Domine, Verleih uns Frieden gnädiglich,
in diebus nostris, Herr Gott, zu unsern Zeiten.
quia non est alius Es ist doch ja kein andrer nicht,
qui pugnet pro nobis, der für uns könnte streiten,
nisi tu Deus noster. denn du, unser Gott, alleine.

Bei dem Versuch, den deutschen Text der Melodie zu unterlegen, stellte sich aber heraus, dass die unterschiedliche Anzahl der Silben einen größeren Eingriff in das Original zur Folge gehabt hätte. Außerdem schien das Melisma auf der Endsilbe von alius für den Gemeindegesang wenig geeignet zu sein. Weil aber Martin Luther aufgrund seiner Vergangenheit sich im Gregorianischen Choral auskannte, wählte er eine andere Melodie im selben II. Modus, die ähnliche Wendungen hatte wie die Melodie von Da pacem, Domine.

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Der Adventshymnus Veni redemptor gentium, der von Ambrosius im 4. Jahrhundert stammt und zum ersten Mal mit seiner Melodie im Codex 366 der Stiftsbibliothek Einsiedeln im 12. Jahrhundert auftaucht, schien für dieses Unterfangen geeignet zu sein.

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In der großen St. Galler Tropen- und Sequenzsammlung des Pater Joachim Cuontz (vor 1507) wird der Melodie von Veni redemptor gentium der Text des Weihnachtshymnus Christe redemptor omnium aus dem 6. Jahrhundert unterlegt.

Veni, redemptor gentium; Verleih uns Frieden gnädiglich,
ostende partum Virginis Herr Gott, zu unsern Zeiten.
miretur omne saeculum: Es ist doch ja kein andrer nicht,
talis decet partus Deum. der für uns könnte streiten,
denn du, unser Gott, alleine.

Im Text des lateinischen Hymnus haben alle Zeilen acht Silben und die Zeilen der deutschen Gemeindestrophe wechseln zwischen acht und sieben. Sie lassen sich deshalb leicht anpassen. Die Sache hat nur einen Haken. Die Hymnusmelodie hat vier Zeilen, die Gemeindestrophe hat aber deren fünf. Wie löst Luther dieses Problem?

Klug-Verley

Das ist die Fassung von Verleih uns Frieden gnädiglich, wie sie 1535 in Wittenberg in den „Geistlichen Liedern“, gedruckt von Joseph Klug, veröffentlicht wurde.  Die erste Ausgabe des Gesangbuchs von 1529, für die Martin Luther das Lied geschaffen hatte, ist verloren.

Zunächst ist festzustellen, dass die ersten drei Zeilen tatsächlich der Hymnusmelodie folgen, die vierte Zeile aber davon abweicht. In der heute gebräuchlichen ökumenischen Fassung (GL 475 / EG 421) hat man sich bei dieser Zeile wieder dem Hymnus genähert. Die Melodie der fünften Zeile ist Luthers eigene Schöpfung, in der das „du“ auf der Quinte besonders hervorgehoben wird.

GL 473

GL 475

Kann die „Eierkohlennotation“ der Antiphon Da pacem, Domine im „Gotteslob“ außer den Melodietönen auch den Rhythmus wiedergeben? Die Virga strata aus dem Hartker-Antiphonar bei Da und Domine wird durch eine Doppelnote ersetzt, was eine Verdoppelung des Notenwertes suggeriert. Tatsächlich soll die Note aber neu angesungen werden. Die Liqueszenzen bei in und pugnet fallen völlig unter den Tisch. Ebenso fehlt die charakteristische Angabe celeriter (= schnell) bei den Cliven über diebus und Deus. Das Episem bei non dagegen ist eingetragen. Die senkrechten Episeme am Ende der beiden Tractuli bei alius werden unterschlagen.

Die historisierende Notation der Gemeindestrophe Verleih uns Frieden gnädiglich suggeriert einen Zustand, den es so nie gegeben hat. Die Fassung im Klugschen Gesangbuch ist ganz klar metrisch gegliedert und die fünfte Zeile hat ihrer Sonderstellung entsprechend einen eigenen Rhythmus. Für die ersten vier Zeilen hielt man sich offenbar an die St. Galler Fassung von 1507, die 20 Jahre vor dem Klugschen Gesangbuch gedruckt wurde.

Anton Stingl jun.

Gott loben in der Stille? (GL 399)

„Gott loben in der Stille“? Geht das überhaupt? Das Zitat stammt aus Martin Luthers Übersetzung von Psalm 65 Vers 2: „Gott, man lobt dich in der Stille zu Zion, und dir hält man Gelübde.“ Diesen Vers hatte bereits Johann Sebastian Bach in seiner Kantate „Gott, man lobt dich in der Stille“ (BWV 120) den ersten drei Sätzen zu Grunde gelegt. Doch das Wort von der Stille, mit dem Günter Balders seinen Liedtext eröffnet, hat Luther im Psalmtext frei erfunden. Weder im hebräischen Original der Psalmen, noch in den griechischen und lateinischen Übersetzungen ist es zu finden. Alfons Deissler übersetzt den Vers so: „Dir gebührt Lobpreis, Jahwe, auf dem Sion, dir erfülle man Gelübde“. Die Stille wird im Alten Testament in ganz anderem Zusammenhang gesehen: „Gut ist es, schweigend zu harren auf die Hilfe des Herrn“ (Klg 3,26). Noch deutlicher sagt es Psalm 115 Vers 17: „Nicht die Toten lobpreisen Jahwe, noch wer zur Stille hinabfuhr“. Vers 18 setzt hinzu: „Wir aber, die Lebenden, segnen Jahwe von nun an auf ewig“. Luther leugnet den freien Willen des Menschen und billigt ihn allein Gott zu. Nach Luther kann also der Mensch nur schweigend beten, „bis er [Gott] die Stimme zum Lob befreit“. Das theologisch fragwürdige Lied hat zwar das ö-Sigel bekommen, aber selbst im Evangelischen Gesangbuch hat man sich nicht getraut, das Lied aufzunehmen.

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Nicht nur der Text ist fragwürdig, sondern auch seine musikalische Gestaltung. Im Liedporträt von Meinrad Walter erfährt man zwar, dass Günter Balders auf dem Flohmarkt ein Liederbuch von 1935 mit der Melodie von Huugo Nyberg fand, aber nicht, welcher Text dem Lied einst unterlegt war. Die Melodie ist in verschiedener Hinsicht ungewöhnlich. Bei den Zisterziensern wäre sie mit ihrem Umfang von zehn Tönen gerade noch durchgegangen. Denn der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux war der Überzeugung, dass man Gott nach dem Zeugnis der Psalmen (33,2; 92,4; 144,9) nur mit der zehnsaitigen Harfe loben soll. Deshalb dürfen die Choralmelodien nicht mehr als zehn Töne Umfang haben. Im Gegensatz zu dem im „Gotteslob“ zwei Seiten vorher stehenden „Den Herren will ich loben“ (395), dessen Dur-Melodie ebenfalls den Umfang einer Dezime erreicht, steht „Gott loben in der Stille“ in Moll, das es auch nicht verlässt, „wenn die Stimme zum Lob befreit“ wird. Besonders unbefriedigend ist aber der Rhythmus, der jeden Takt mit zwei Achteln beginnen lässt, die fast immer über einer unbetonten Silbe zusammengebunden werden. Oft sind das kurze Silben: Go-ott, de-er, mi-it, bi-is, ohne-e, ha-at, alle-e. Die Unterlegung eines Textes zu einer bestehenden Melodie ist ein schwieriges Unterfangen. Fast hätte ich gesagt, der umgekehrte Ablauf sei besser, wenn die Melodie nach dem Text gestaltet wird. Der Blick auf „Und suchst du meine Sünde“ (GL 274) belehrt mich leider eines Schlechteren. Das Problem mit den zwei auftaktigen Achteln über einer Silbe ist dort auch nicht zufriedenstellend gelöst.

Anton Stingl jun.

P.S. Auch in der neuen revidierten Lutherbibel 2017 wurde die falsche Übersetzung Luthers beibehalten: „Gott, man lobt dich in der Stille zu Zion, und dir hält man Gelübde.“