In den Tagen des Herrn

Am 33. Sonntag im Kirchenjahr hatte ich vier Orgelvertretungen mit ein und demselben Liedplan. Während der Predigt, die ich hoch droben im Orgelgehäuse nur sehr schlecht hören konnte, präparierte ich das Gotteslob für das Lied nach der Predigt bzw. für die Gabenbereitung. Sonne der Gerechtigkeit (Nr. 481) stand auf der rechten Seite des Buches. Unwillkürlich fiel mein Blick auch auf die linke Seite. Dort sah ich den Kehrvers Nr. 480 In den Tagen des Herrn. Sein Text stammt vom Ende des Abschnitts über das Heilswalten Jahwes in Israel aus Psalm 72. Der Schluss des Verses bis kein Mond mehr scheint wurde im Kehrvers weggelassen.

Kehrvers In den Tagen des Herrn (GL 480)

Nach der temporalen Angabe – nein, nicht die mit 7 Buchstaben im Kreuzworträtsel – „In den Tagen des Herrn“ folgen zwei parallele Substantive: Gerechtigkeit und Fülle, die jeweils im gleichen Wortrhythmus ergänzt werden durch blühen und Frieden. Insgesamt entsprechen sich also Gerechtigkeit blühen und Fülle des Friedens. Das sind keine Gegensätze, sondern die Konjunktion und verbindet zwei Glieder, die in unterschiedlichen Worten dasselbe meinen (= Parallelismus membrorum).

Je länger ich die Melodie betrachtete, spätestens bei der vierten Vertretung, desto klarer wurde mir, dass die Melodie in keiner Weise dem Text gerecht wird. Statt einen großen Bogen zu schlagen, zerfällt sie in drei Abschnitte. Am Ende des ersten Abschnitts in den Tagen des Herrn neigt sich die Melodie ausgerechnet beim Gottesnamen nach unten. Das Aufforderungswort sollen beginnt sinnwidrig in der Tiefe. Bei Gerechtigkeit kommt die Melodie auch noch nicht richtig in die Gänge. Mit einem Quartsprung nach oben wird ausgerechnet blühen das am stärksten betonte Wort. Glücklicherweise passt sich die Melodie im letzten Abschnitt wunderbar elegant dem Text an, sodass ich mit diesem Vorbild im Kopf den vorangehenden Melodieteil erfolgreich korrigieren konnte.

Kehrvers In den Tagen des Herrn (GL 480) – Korrektur Anton Stingl jun.

Der Quartsprung hebt jetzt die Gerechtigkeit hervor, die mit dem absoluten Hochton als der wichtigste Begriff zu erkennen ist. Bei blühen steigt die Melodie zur unbetonten Silbe ab. Gerechtigkeit blü(hen) und Fülle des Frie(dens) korrespondieren jetzt miteinander. Das Modalverb sollen ist in die Höhe gerückt und zum Gottesnamen führt die Melodie jetzt spannungsvoll nach oben.

Schade nur, dass ich in nächster Zeit keine Gelegenheit haben werde, bei Vertretungen solche Überlegungen anzustellen. Denn die Kirchenbehörde hat mir mit einem siebenseitigen Personalbogen samt Vorlage der Mitgliedsbescheinigung der Krankenkasse und des Qualifikationsnachweises Kirchenmusik – ansonsten Bezahlung nach „D“ – und einer Selbstauskunftserklärung über 34 Straftaten, die ich nicht begangen habe, die Lust genommen, weiterhin die Kollegen zu vertreten.

Anton Stingl jun.