Danke

Am ersten Sonntag des Monats Oktober feiern evangelische und katholische Christen gemeinsam das Erntedankfest. Da lag es nahe, dass am zweiten Sonntag die Chapelle de la Vigne im Rahmen ihrer Freiburger BACHkantaten die Kantate »Wer Dank opfert« BWV 17 von Johann Sebastian Bach musizierte. Der Text der Kantate schließt sich eng an die Evangelienlesung des Sonntags an, der Heilung der zehn Aussätzigen (Lukas 17, 11−19). Dazu kommen noch mancherlei Bibelworte. Der Eingangssatz entstammt dem Psalm 50, 23: »Wer Dank opfert, der preiset mich«. In der Sopran-Arie, die sich an Psalm 36,6 (»Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen«) anlehnt, formuliert der Dichter »Wie sollt man dich mit Dank davor nicht stetig preisen?« Das Eingangsrezitativ zum II. Teil, Lukas 17, 15−16, entstammt dem Sonntagsevangelium selbst: »Nur einer von ihnen kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Er warf sich vor den Füßen Jesu zu Boden und dankte ihm«. Der Tenor singt im Mittelteil seiner darauf folgenden Arie: »Herr, ich weiß sonst nichts zu bringen, als dir Dank und Lob zu singen«. Nachdem die Kantate in gewohnter Weise mustergültig aufgeführt war und ich meinen Dank ins bereitgehaltene Körbchen gelegt hatte, kam mir die Frage: Welche Rolle spielt eigentlich der Dank in den Liedern des Gotteslob 2013?

Da das Buch über eine eigene Abteilung Lob, Dank und Anbetung verfügt, wird man ohne Schwierigkeiten fündig. In der 10. Strophe von »Großer Gott, wir loben dich« (GL 380) findet man den Satz »Alle Tage wollen wir / dich und deinen Namen preisen / und zu allen Zeiten dir / Ehre, Lob und Dank erweisen«. Doch von »Dank« ist im lateinischen Original des Te Deum nichts zu finden: »Per singulos dies benedicimus te; et laudamus nomen tuum in sæculum, et in sæculum sæculi« = An jedem Tag preisen wir dich und loben deinen Namen in Ewigkeit, ja in der ewigen Ewigkeit. Die Hinzufügung ist der dichterischen Freiheit von Ignaz Franz (1768) zu verdanken.

Guido Maria Dreves (1886) zählt in den Strophen von »Ein Danklied sei dem Herrn« (GL 382) Gründe für den Dank an den Herrn auf: »seine Gnade«, «seine Huld«, »unser Leben«, »jedes Haar«, »unser Name in Gottes Hand«.

»Nun saget Dank und lobt den Herren« (GL 385) ist eine Bereimung des Psalms 118 durch Ambrosius Lobwasser (1573). Der Psalm beginnt mit dem Vers »Danket dem Herrn, denn er ist gütig! / Denn seine Huld währt ewig! « Das Wort vom Danken taucht auch in der dritten Strophe auf. »Lasst danken uns in hellem Chore / dem großen Herrn der Herrlichkeit«. Es ist abgeleitet aus Vers 19: »Eintreten will ich, dem Herrn zu danken«. Die zweite Hälfte der vierten Strophe greift den Anfang der ersten Strophe wieder auf.

»Danket Gott, denn er ist gut« (GL 402) ist nach dem Vorbild des Psalms 136 geformt, der bereits eine litaneiartige Gestalt hat, bei der auf jeden Ruf der gleiche Kehrvers antwortet. Die Textfassung stammt von Christoph Johannes Riggenbach (1868).

Der Prototyp der Danke-Lieder ist „Nun danket all und bringet Ehr“ mit dem Text von Paul Gerhardt (1647), der auf dichterische Weise den Dreischritt des Herzens verwirklicht: Loben – Danken – Bitten. Das Lied fand seit Kirchenlied I (1938) Aufnahme auch in katholischen Gemeinden und wurde neben »Lobe den Herren« (GL 392) zum meist gesungenen Lied aus dem reformatorischen Erbe.

Wenn man auf Seite 469 die etwas wackelige Himmelsleiter (?) erklommen hat, gelangt man zum letzten Danklied der Gruppe Lob, Dank und Anbetung. In dem ebenfalls sehr bekannten »Nun danket alle Gott» (GL 405) mit dem Text von Martin Rinckart (1636) haben die drei Grundbewegungen des Herzens Dank, Bitte und Lob in den drei Strophen einen gültigen Ausdruck gefunden.

Die Ausbeute von sechs Liedern aus 21 zum Thema Dank ist nicht gerade berauschend, aber immerhin das Dreifache des Ergebnisses im Evangelium von den zehn Aussätzigen. Es fällt auf, dass die Texte (und auch die Melodien) alle aus früheren Jahrhunderten stammen: 1573 – 1636 – 1647 – 1768 – 1868 – 1886. Da war die Bilanz im Gotteslob 1975 doch besser. Dort bereicherten immerhin drei zusätzliche Lieder aus dem letzten Jahrhundert die Danke-Landschaft. Da gab es zum einen das »Liedchen« (Werkbuch zum Gotteslob III) von Rolf Schweizer (1966) »Das ist ein köstlich Ding, dem Herren danken« nach Worten aus Psalm 92, 2−6.9.

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In Kurt Rommels „Singet, danket unserm Gott, der die Welt erschuf“ (1963) werden in gestrafften Formulierungen wesentliche Glaubensinhalte formuliert: Gott, der die Welt erschuf – der uns das Leben gibt – der uns alle liebt – Gott, der Retter aus aller Not.

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Zu 271 gab es als Parallelstück eines meiner Lieblings-NGLs »Ich will dir danken, Herr, unter den Völkern« von Paul Ernst Ruppel (1964) nach Worten aus Psalm 108, 4−6.

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War es der Schwierigkeitsgrad der Melodie, der protestantische Stallgeruch oder die Entstehung in den 1960er Jahren, die zu ihrem Ausschluss aus dem katholischen Gesangbuch führten? Im Evangelischen Gesangbuch (1996) wurden zwei der Lieder (271 und 278) jedenfalls wieder abgedruckt (EG 285 und 291). Lied 277 scheint in einzelnen Diözesananhängen zu überleben (GL 790 Görlitz; GL 874 Österreich).

Gibt es keine Neuen Geistlichen Lieder aus den Jahren 1980−2010 zum Thema Danken? Fällt dieser Generation vielleicht das Danken so schwer wie den übrigen neun  Geheilten? Vielleicht gibt es jemand, der sich hier in der schier uferlosen Landschaft der NGLs auskennt? Mir jedenfalls fiel keines ein, dafür – vermutlich wie jedem andern auch – das »Danke für diesen guten Morgen« von Martin Gotthard Schneider, das er 1961 für ein Preisausschreiben der Evangelischen Akademie Tutzing geschrieben hat und mit dem er den ersten Preis gewann. Wer zu diesem Lied sein Vorurteil pflegt, möge doch lesen, was in der Edition der Preislieder des Wettbewerbs der Evangelischen Akademie Tutzing steht: »Es handelt sich um Versuche; das möge jeder bedenken, der keinen Gefallen daran findet. Wer die Lieder gerne singt, sollte sie nicht überschätzen«.

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Der Text fängt mit dem Dank beim Alltag jedes Einzelnen an und führt ihn zielsicher zum Heil des Herrn, dem unser Dank gilt. Die Musik bedient sich der bekannten Tschibum-Kadenz, die zweimal die erste Hälfte des Liedes ausfüllt und – verdichtet auf einen Takt – den Schluss bildet. Dem schlagerüblichen Klischee folgend rückt jede Strophe einen Halbton höher. Ist die Musik der Grund dafür, dass das Lied abgelehnt wird? Ins Evangelische Gesangbuch wurde »Danke« im Abschnitt Glaube – Liebe – Hoffnung, Unterabschnitt Loben und Danken jedenfalls aufgenommen (EG 334).

Zur Abwechslung könnte mal auch eine Katholische Akademie einen Wettbewerb für Neue Geistliche Lieder veranstalten. Vielleicht entsteht dabei ein neuer Hit zum Thema »Danken« .

Anton Stingl jun.