Wissenschaft versus Glauben?

In der katholischen Zeitung „Die Tagespost“ vom 6. 6. 2018 berichtet die Hildegard-Forscherin Barbara Stühlmeyer, die als Oblatin des Benediktinerinnenordens ein besonderes Verhältnis zum Gregorianischen Choral hat, von einem musikalischen Projekt in Liechtenstein, bei dem der Kirchenmusiker Krystian Skoczowski mit der Schola „Lux aeterna“  im Laufe eines Jahres die Gesänge der Messe für Verstorbene einstudierte. Skoczowski gilt bei der Vermittlung des Gregorianischen Chorals als Anhänger der Zwei-Methoden-Theorie. Für Laien präferiert er die herkömmliche Aufführungspraxis nach der Schule von Solesmes, den Profis ist jene Interpretation vorbehalten, die sich auf die Semiologie beruft, wobei Skoczowski gleichzeitig in seinem großen Artikel „Möglichkeiten und Grenzen der gregorianischen Semiologie in der liturgischen Aufführungspraxis”, der 2011 in der katholischen UNA VOCE Korrespondenz erschien, bezweifelt, dass die Semiologie das überhaupt leisten kann, was sie verspricht. Seine Hörerlebnisse in den Klöstern Marienstatt im Westerwald und Clervaux (Luxemburg) bringt er mit folgender Aussage auf den Punkt: „Hier bringen Menschen nicht Forschungsergebnisse, sondern ihren Glauben zum Klingen.“  Das Paradoxe daran ist, dass der Gesang der Mönche aus diesen Klöstern ebenfalls auf Forschungsergebnissen beruht, die allerdings bereits 150 Jahre alt sind. Am Beispiel des Introitus Requiem æternam aus der Messe für Verstorbene soll hier ein Überblick über die Forschungen gegeben werden, die seit jener Zeit unternommen wurden.

Nach dem Konzil von Trient 1577/78  erschien als Privatausgabe 1614 das Graduale de tempore, das unter dem Namen der Druckerei Medicæa bekannt wurde. Es wurde in Deutschland vom Verlag Pustet in Regensburg bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts nachgedruckt.

1614 Medicaea

Graduale de Tempore (Medicæa) 1614

Nach der Wiedergründung des Klosters St-Pierre in Solesmes 1833 waren die Mönche bestrebt, die ursprünglichen Melodien des Gregorianischen Chorals wiederzuentdecken. Ihre Forschungen und ihr Bemühen um Restitutionen fanden ihren Niederschlag im Liber Gradualis von Dom Pothier 1883. Beim Introitus Requiem æternam wurden gegenüber der Medicæa folgende Veränderungen vorgenommen: aeternam Verdoppelung von sol, dona eis andere Textunterlegung, Domine Antizipation und andere Textunterlegung, perpe-tua andere Textunterlegung, lu-ce-at je ein Ton weniger.

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Liber Gradualis 1883

Da der Verlag Pustet 1908 mit seiner Medicæa-Ausgabe den Wettlauf mit derjenigen von Solesmes verlor, mussten beim Erscheinen des neuen Graduale Romanum (Editio Vaticana) die Sänger und Sängerinnen notgedrungen umlernen.

1908 Vaticana

Graduale Romanum (Editio Vaticana) 1908

Das Kloster in Solesmes gab in der Folge eine eigene Privatausgabe des Graduale Romanum heraus, die mit eigenen – zum Teil choralfremden – Angaben versehen waren: Der Punkt, die mora vocis zum Verweilen der Stimme, das Episem, ein waagrechter Strich, zur Dehnung eines Tones und der Ictus, ein senkrechter Strich, der eine Solesmenser Theorie von Solesmes zum zum Rhythmus des Gregorianischen Chorals stützen sollte. Spätestens seit dem Erscheinen des neuen Antiphonale 2005 hat sich Solesmes von dieser Theorie verabschiedet und druckt die Zeichen nicht mehr. Es erübrigt sich also, weiter von ihnen zu reden.

1979 Solesmes

Neuausgabe Solesmes 1979

Als nach dem zweiten Vatikanischen Konzil eine neugeordnete Ausgabe des Graduale Romanum notwendig wurde, trug P. Rupert Fischer zu Studienzwecken in diese Ausgabe von 1979, das sogenannte Graduale Triplex,  die Neumen von St. Gallen und Laon (Ende 9. Jh./Anf. 10. Jh.) ein, bei den St. Galler Neumen vorzugsweise die des Cantatoriums 159 (um 922-925) und des Graduale Einsiedeln 121 (um 960‒970). Da der Introitus Requiem æternam ein vergleichsweise junger Gesang ist, ist er nicht in allen alten Handschriften enthalten. Deshalb wählte P. Rupert außer der Handschrift Laon die St. Galler Handschrift 339 (um 980/1000).

1979 Triplex

Graduale Triplex 1979

Die Neumen im Graduale Triplex zeigen bei e-is und et lux perpetua luceat Differenzen mit der Quadratnotation an. Deshalb sahen die Mitglieder der Gruppe „Melodierestitution“ der deutschsprachigen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Studien des Gregorianischen Chorals hier Handlungsbedarf.

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Graduale Novum 2011

Da die Handschrift aus Laon ca. 100 Jahre älter ist als St. Gallen 339, restituierte man an den oben genannten Stellen nach Laon.

Bleibt noch Skoczowskis Stoßseufzer in seinem Artikel in der UNA VOCE Korrespondenz: „Hinzu kommt das praktische Problem, dass die Sänger … neben dem lateinischen Text, dem Quadratnotentext und dem Dirigat auch mindestens eine Neumenschrift gleichzeitig mitverfolgen müssen.“ Nach 27 Jahren Erfahrung mit der Choralschola Freiburg – garantiert alles Laiensängerinnen und Laiensänger –  kann ich versichern, dass es keine Leseschwierigkeiten gab. Im Gegenteil, bei Gesängen ohne Neumen fehlten der Schola wichtige Informationen. Allerdings war die Neographie von http://www.gregor-und-taube.de eine große Hilfe, um das Auge zu entlasten. Weil aber im Graduale Novum aus wissenschaftlichen Gründen zwei Neumenschriften abgedruckt sind, die sich nur an wenigen Stellen unterscheiden, kann sich dort die Neographie jeweils nur auf eine der beiden Neumenschriften beziehen. Ich habe mir deshalb erlaubt, im Introitus Requiem æternam an diesen Stellen die Neumen von Laon in St. Galler Neumen zu „übersetzen“.

Zum Schluss muss noch über die wichtige Frage gesprochen werden, was der Gregorianische Choral eigentlich soll? Soll er „Türöffner zur katholischen Tradition sein“ oder „den Glauben zum Klingen bringen“? Die Kirche jedenfalls gibt in ihrer Liturgiekonstitution ein höheres Ziel vor, „nämlich die Ehre Gottes und die Heiligung der Gläubigen“. Und dazu dient keine „erleichterte“ Choralversion, die man mit dem großen Konvent von Solesmes singen kann. Hier zählt nur das unermüdliche Streben, der ursprünglichen Gestalt des gregorianischen Gesangs möglichst nahe zu kommen. Nur die Neumen zeigen den richtigen Weg, um den Text der Bibel sinngemäß zum Erklingen zu bringen. Ein paar Beispiele aus dem Introitus sollen das beweisen. Das Episem über der Virga am Anfang bereitet die Ruhe (requiem) vor, nach welcher der Akzentpes erst erklingen darf. Denselben Effekt hat der Salicus mit Episem vor der Akzentsilbe von aeternam. Der Epiphonus vor lux bewirkt durch Antizipation bei gleichzeitiger Verzögerung, dass das Licht umso stärker leuchten kann. Ebenso verzögert der augmentativ liqueszierende Pes die Akzentsilbe von perpetua, um dem „Immerwährenden“ Ausdruck zu verleihen.

Wenn zum Schluss des Berichtes „Hören, Singen und Glauben“ von Barbara Stühlmeyer zu lesen ist, dass sich Krystian Skoczowski „mit der gesamten Bandbreite der Tradition auskennt“, so ist zu hoffen, dass er den Satz von Thomas Morus nicht außer Acht lässt: „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“.

Anton Stingl jun.

Eierkohlennotation vs. Quadratnotation

Es war für viele einigermaßen enttäuschend, nicht nur für ausgesprochene Gregorianik-Fachleute, als sie das GOTTESLOB 2013 aufschlugen und die Notation der Gregorianischen Gesänge sahen. Die Herausgeber hatten sich weder von den „Eierkohlen“ verabschiedet, noch waren, wie beabsichtigt, die sogenannten Liqueszenzen durch kleineren Druck sichtbar gemacht worden. Die Layouter taten noch ihr Übriges dazu, indem sie in einzelnen Zeilen der Optik wegen widersinnige Leerräume einfügten. Das Ergebnis war, dass auf diese Weise statt eines lebendigen Gregorianischen Chorals das Bild eines langweiligen Cantus planus, eines platten Gesangs, entstand. Gleichzeitig versäumte man es auch, die Ergebnisse der seit über sechzig Jahren bestehenden Forschung in der Semiologie, der Lehre von der Bedeutung der Zeichen, im Notenbild sichtbar zu machen. Wegen der vermeintlichen „Una Sancta“, der heiligen Kirche, wagte man auch nicht, endlich die Töne zu verbessern, die bei der Restauration des Gregorianischen Chorals im 19. Jahrhundert irrtümlicherweise in die Melodien gerieten. Das Druckbild der Gregorianischen Gesänge im GOTTESLOB orientiert sich nach wie vor an der Ausgabe des Graduale von 1908, das bereits im Liber Gradualis von 1883 vorgebildet war. Das sei an zwei Beispielen demonstriert.

1. Kyrie I Lux et origo

Kyrie 01-1_GT
GL 113
Im Notenbeispiel aus GL 113 sieht man deutlich die gewaltigen Leerräume, die den Gesang behindern, und außerdem das zusätzliche Atemzeichen, das notwendig wird, wenn man über diesen Unsinn nachdenken muss. Dass unsere Vorfahren an dieser Stelle nie atmen mussten, sieht man an der Eindeutschung der Wortgruppe Kyrie eleison. Viele deutsche Kirchenlieder, die sogenannten Leisen, enden mit dem Ruf Kyrieleis, der ohne zu stottern gesungen werden kann. Die Unsitte, den Diphthong ei auf zwei Silben zu verteilen, den das Graduale Romanum übernommen hatte, begann bereits im späten Mittelalter. Die Humanisten bewiesen in der Renaissance, dass im griechischen Wort eleison beim Diphthong ei das e zwar als ε geschrieben wird, das i aber als η, das im Neugriechischen wie i ausgesprochen wird. Zur Zeit der ersten Niederschrift des Kyrie Lux et origo im 11. Jahrhundert aber war für die Silbe lei nur eine Neume (Note) vorgesehen.
Kyrie 01-1
In den Neumen der Handschrift aus St. Emmeram in Regensburg, geschrieben von 1031 bis 1037, sieht man ganz deutlich, dass über der Silbe lei nur ein in sich geschlossenes Zeichen steht, das zwei Töne auf gleicher Tonhöhe bedeutet. Diese Art, den Gesang durch Repetition zu intensivieren, ist für den Gregorianischen Choral besonders typisch. Außerdem erkennt man am Ende der Neume eine Öse, die die sogenannte Liqueszenz anzeigt. Sie soll verhindern, dass man die Silbe zu schnell verlässt, was auch der Schlusswirkung am Ende der Zeile zuwider liefe.
Dass im Graduale Romanum darüber hinaus noch eine Note fehlt, sieht man, wenn man das Kyrie mit dem namensgebenden Tropus (Textierung) des Kyrie in der oben genannten Handschrift vergleicht.
Kyrietropus 01-01_k
Man kann deutlich erkennen, dass auch im Kyrie anstelle der drei Töne des sogenannten Climacus im Graduale Romanum über der letzten Silbe von Kyrie vier Töne stehen. Durch die Verdoppelung des zweiten Tones, wird dieser besonders hervorgehoben, was wiederum ein besonderes Merkmal des Gregorianischen Chorals ist. In der Quadratnotation bemerkt man auch, dass der dritte Ton auf der ersten Silbe von Kyrie um eine Stufe von c nach h erniedrigt wurde. Wie schon Cäsar von den Friesen behauptet „Frisia non cantat“ (Die Friesen können nicht singen), hatten die Germanen tatsächlich ein Problem mit den Halbtönen. Sie erhöhten deshalb an allen möglichen Stellen das h zum c, was dem Gesang auf die Dauer die Spannung entzieht, wenn man den Höhepunkt zu früh bringt.

Wie könnte man nun dieses Wissen um den Gesang unserer Vorfahren vor rund tausend Jahren der singenden Gemeinde von heute nahebringen? Die katholische Kirche hat ja diesen Schatz im Gegensatz zur orthodoxen Kirche relativ unversehrt bis heute bewahrt, was vor allem dem Wirken des Benediktinerordens zu verdanken ist. Bei dem heutigen Bestreben, Gott „mit leichten Liedern zu loben“, gerät der anspruchsvollere Gregorianische Choral leider etwas aus dem Blickfeld. Vielleicht könnte eine geeignetere Notation Abhilfe schaffen. Bereits im Jahr 1903 machte das in Regensburg erschienene „Römische Gradualbuch“ den Versuch, die Gesänge im Fünfliniensystem mit Violinschlüssel zu notieren. In der Vorbemerkung wird das so begründet: „Da besonders in Deutschland die meisten Chöre von Jugend auf nur im Lesen des Violinschlüssels und im Treffen der Noten auf Grund der fixen Tonhöhe der Tasteninstrumente (Orgel) geschult sind, so dürften die Schwierigkeiten, welche mancherorts der Einführung und dem Vortrag des Choralgesanges entgegengestanden haben, durch diese Ausgabe beseitigt sein.“ Hat sich 2015 an dieser Situation etwas geändert?
Kyrie 01-1 Pustet
Die Melodie des Kyrie folgt in diesem Gradualbuch der Editio medicaea (1614/15), in der die Gregorianischen Gesänge leider in einer verstümmelten Fassung überliefert wurden. Aber immerhin heißt es in der Anmerkung zu (1): „Die Notengruppe ist auf dem Vokal e zu singen und am Schluss das i beizufügen.“
GL 113_n
Die hier vorgeschlagene Notation versucht, Vorteile und gewisse Nachteile der Quadratnotation mit den wertvollen rhythmischen Angaben der Neumen mit der Notation auf fünf Linien zu vereinigen. Ein Notenhals auf der rechten Seite bedeutet hierbei eine gewisse Verlängerung der Note. Die gezackte Note („Blitz“; Quilisma) weist auf eine Beschleunigung hin. Die gewellte Note („Nachdruck“) wird energisch verbreitert. Die geschwänzte Note (Liqueszenz) zeigt die Verzögerung an. Anstelle von zwei übereinander liegenden Noten zeigt die vertikal gespiegelte obere Note nun eindeutig die Richtung nach oben an (Pes). Zugegeben, das klingt zunächst kompliziert. Aber wenn man einmal die Gesamtgestalt der Melodie im Kopf hat, will man sie nie mehr anders hören und singen.

2. Sanctus I
GT 714,1
GL 115,1
Bei der Übertragung in GL 115 fällt besonders unangenehm auf, wie der Computersatz die übliche Textverteilung der Quadratnotation verändert hat. Während im althergebrachten Handsatz die Neume erst über dem Vokal einer Silbe beginnt, setzt sie der Computer automatisch zentriert über die Silbe. Durch solche vom „Normalen“ abweichenden Eigenschaften wie auch durch die Quadratnotation könnte man den Singenden klarmachen, dass es sich hier um etwas anderes als ein „Lied“ handelt.
GT 714,1-SG
GL 115-n
Für das Sanctus I kann man glücklicherweise auf Neumen zurückgreifen, die noch 100 Jahre älter sind als diejenigen bei Kyrie I; deshalb sehen manche von ihnen in der Wiedergabe auch etwas blass aus. Sie stammen aus dem Versicularium 381 der Stiftsbibliothek St. Gallen und sind um 930 möglicherweise von einem Mönch namens Salomon geschrieben worden. Da dieses Versicularium das sanktgallische Repertoire der im Galluskloster gesungenen liturgischen Gesänge mit Dichtungen u.a. der St. Galler Mönche Notker Balbulus, Tuotilo, Ratpert, Waltram oder Ekkehart I. enthält, zählt es weltweit zu den bedeutendsten Musikdenkmälern des frühen Mittelalters. Wenn man also auf die allerälteste Quelle zurückgreifen möchte, kommt man an dieser Fassung nicht vorbei. Sie hat außerdem den Vorteil, dass nach dem ersten auffordernden Ruf des Kantors die Gemeinde mit derselben Melodie einsetzen kann. Das steht in bewusstem Gegensatz zu jener ideologiebehafteten Meinung, das Sanctus müsste wegen der Formulierung in der vorausgehenden Präfation „una voce dicentes“ (mit einer Stimme singen) ausschließlich von der ganzen Gemeinde gesungen werden. Im Gegensatz dazu ist im Text gemeint, dass wir „vereint mit den Engeln und allen Heiligen“ singen sollen. Dazu müssen nicht immer alle gleichzeitig zugange sein. Am schönsten ist es doch, wenn nach dem letzten Ton der Präfation des Priesters der Kantor oder die Schola einen Ton höher das Sanctus I anstimmen. Leider ist man als Organist heutzutage gezwungen, dem Brauch in evangelischen Gottesdiensten zu folgen und nach der gesprochenen Präfation ohne Intonation mit möglichst lauter Orgelbegleitung die Gemeinde zu „kräftigem“ Singen zu animieren.

Nach dem jüngsten Kopftuchurteil des Bundesverfassungsgerichts stellte Johannes Röser in „Christ in der Gegenwart“ 12/2015, Seite 128 die Frage: „Gehört das Christentum noch zu Deutschland?“ Genauso könnte man fragen: „Gehört der Gregorianische Choral noch zur katholischen Kirche?“ Wenn wir diese Frage mit Ja beantworten, dann sollten wir alles dafür tun, dass dieser Gesang erhalten bleibt, nicht in einer popularisierten Form, sondern in der Form, wie ihn uns die ältesten Quellen überliefern.

Anton Stingl jun.