Verstörendes und eine Preisverleihung

Nach dem Konzert der Gruppe Vox Clamantis unter der Leitung von Jaan-Eik Tulve am 18. Juli 2018 in der Augustinus-Kirche in Schwäbisch Gmünd wurde dem Gregorianik-Forscher Godehard Joppich der diesjährige Preis der Europäischen Kirchenmusik verliehen. [1] Leider konnte Godehard Joppich (geb. 1932) den Preis nicht persönlich entgegennehmen, weil sein Gesundheitszustand dies nicht zuließ und zum größten Bedauern seine Frau vor wenigen Tagen verstorben war.

Ich wage zu bezweifeln, ob er mit der Auswahl und der Interpretation des Gregorianischen Chorals, wie sie das Ensemble Vox Clamantis bot, völlig einverstanden gewesen wäre. Zwar begann das Konzert mit vier Antiphonen aus der Laudes und Psalmen aus der Vesper am Fest des hl. Michael, die in dem von Godehard Joppich herausgegebenen Kodex Hartker (um 1000) zu finden sind. Doch man traute offenbar dem Publikum nicht zu, die ca. 40 Psalmverse ohne Begleitung zu ertragen. So wurde ein elektronischer Sound aus Geräuschen und Klängen gemixt, um die Hörer vom Aufnehmen der Psalmworte abzuhalten. Dennoch blieb nicht verborgen, dass in der Doxologie dem Spirítui Sancto, dem Heiligen Geist, nur in den beiden Psalmen im siebten Ton die richtige Betonung zuteilwurde, in den anderen erklang fälschlicherweise Spíritúi.

Aus dem Bereich des Messpropriums wählte man nicht die von Joppich bei seinen Forschungen so bevorzugten Gesangsteile Introitus oder Communio sondern zwei Vertreter der jüngsten Gattung des Gregorianischen Chorals, den Alleluia-Vers „Laetatus sum“ vom zweiten Adventssonntag und den Vers „In omnem terram“, der nicht zum Graduale Romanum gehört und in alten Handschriften entweder dem Fest des hl. Jakobus oder dem Evangelisten Matthäus zugeordnet wird. In beiden Alleluia-Versen verzichtete man auf den für den Gregorianischen Choral so typischen Wechsel zwischen Kantor und Schola (= kleinem Chor). Dadurch ging viel vom Rhythmus verloren, der in den Handschriften durch Episeme (= waagrechte Strichlein), Buchstaben und Liqueszenzen (= Veränderung der regulären Neumen) geregelt ist. Auch hier wurde der Gesang durch elektronisch erzeugte Geräusche und Klänge „untermalt“.

Den „Höhepunkt des Dialogs zwischen Mittelalter und Moderne“ bildete der Tractus „Domine, exaudi“ vom Karfreitag. Der Computer „produziert Störgeräusche und imaginäres Donnergrollen und umgibt den alten Gesang … mit einer endzeitlichen Klangkulisse“, begeistert sich die Journalistin in der Gmünder Tagespost. Hier offenbart sich das grundsätzliche Missverständnis: Die Musik des Gregorianischen Chorals ver-tont nicht den Text, sondern be-tont ihn. Aus der richtigen Betonung erschließt sich der Text für die Ausführenden und der Funke springt dann auch auf die Zuhörer über.

Bei der Allerheiligenlitanei schließlich gewann der Laptop die Oberhand über den Gregorianischen Choral. Was für die Osternacht vor einer Kindstaufe sinnvoll ist, alle Heiligen um ihren Beistand für das kleine Kind zu bitten, wird für ein Konzert sinnlos bzw. reine Folklore, wenn die vier Töne der Litanei in zwei Formeln endlos wiederholt werden. Da muss natürlich mit Elektronik kräftig nachgeholfen werden.

Den Gregorianischen Choral als ältesten abendländischen Gesang aus seinem liturgischen Kontext zu reißen und ihn konzertant darzubieten, kann nur dann befriedigend gelingen, wenn die Gesänge zueinander in einem textlichen Zusammenhang stehen und dieser durch geistliche Lesungen vertieft wird.

Anton Stingl jun.

[1] Betörendes und eine Preisverleihung. Überschrift in der Gmünder Tagespost am 20. Juli 2018.