Und wann kommt der Choral?

… fragte mich die evangelische Religionslehrerin, als ich beim Kollegenausflug 2003 in Ettenheimmünster auf der Silbermannorgel mein Konzert mit der Choralbearbeitung „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ und dem Präludium Es-Dur von Johann Sebastian Bach beendet hatte. Warum hat die Kollegin den Choral nicht gehört?

Wenige Jahre vor Bachs Tod hat der Notenstecher Georg Schübler den Thomaskantor Bach veranlasst aus Kantatensätzen sechs Stücke auszuwählen und möglichst leicht spielbar für Orgel zu bearbeiten. Die Bearbeitung von „Wachet auf“  hat nur drei Stimmen, die Oberstimme (ursprünglich für Violinen I & II und Viola) in der rechten Hand, die Singstimme des Tenors in der linken Hand, die Bassstimme (ohne die Begleitakkorde) im Pedal. Auf der Silbermannorgel hatte offensichtlich die Oberstimme mit einer Cornetmischung auf dem Positiv die Mittelstimme mit der Trompette/Basson auf dem Hauptwerk übertönt. Mittelstimmen sind bekanntermaßen schwerer zu hören als Ober- und Unterstimmen.

Auch in der Sendung „SWR2 Lied zum Sonntag“ am 30. Mai 2021 mit Klaus Nagorni von der evangelischen Kirche in Karlsruhe dominierte die Oberstimme, die dort in der Version der Sängerin Noa mit eigenen Text erklang.  

If all of the angels sang together surely, they’d say: we need you!
If all of the angels stood together they would embrace and greet you.
Some say, everything has always been this same, but they wouldn’t if they had a chance to meet you…
Now daylight is fading, and I will be waiting,
For you to send a sign from where the wind has taken every song every smile your spirit has awakened, sunrise birds singing out Halelluya, Halleluya.

Wenn alle Engel sicher zusammen sangen, würden sie sagen: Wir brauchen dich!
Wenn alle Engel zusammenstünden, würden sie dich umarmen und begrüßen.
Manche sagen, alles war schon immer so, aber sie würden es nicht tun, wenn sie die Chance hätten, dich zu treffen…
Jetzt verblasst das Tageslicht und ich werde warten,
Damit du ein Zeichen schickst, von wo der Wind jedes Lied genommen hat, jedes Lächeln,das dein Geist erweckt hat, Sonnenaufgangsvögel, die Halleluja singen, Halleluja.

Wenn man genau hinhört, liegt der Bearbeitung,  die Noa singt, nicht das „Choralvorspiel“ zugrunde, sondern der 4. Satz aus der gleichnamigen Kantate; denn man hört ganz deutlich die Begleitakkorde in der Gitarre. In Musik 1 und 2 ist vom Choral nichts zu hören. Erst Musik 4 lässt ab Takt 64 ganz im Hintergrund, von einem Streichinstrument gespielt, die letzten Zeilen der Choralmelodie erahnen:

Wir folgen all zum Freudensaal
und halten mit das Abendmahl.

Was der Text der Sängerin mit dem Choral zu tun hat, hat sich mir leider nicht erschlossen.

https://www.noasmusic.com/post/all-of-the-angels-letters-to-bach-lyrics

Die Bearbeitung von Murray Perahia in Musik 3 dagegen beruht auf dem Choralvorspiel wie auch die Bearbeitung meines Vater Anton Stingl (1908-2000) für Gitarre.

http://www.anton-stingl.de/Bach-Stingl-_Wachet_auf.mp3

Anton Stingl jun.

Glauben können wie du

Zum Abschluss des Marienmonats Mai veröffentlichte das Konradsblatt in der Nummer 21 vom 23. 5. 2021 ein Mariengebet des Franziskanerpaters Helmut Schlegel in der Vertonung von Joachim Raabe (GL Limburg 885).

Das Besondere an diesem Text sind die biblischen Marienzitate, die jeweils gegen Ende der drei Strophen eingebunden werden. Für den Kirchenmusiker Joachim Raabe war es nicht leicht, für ein solches Gebilde aus Eröffnungs- und Schlusszeile, den zum Zitat führenden Text und den Zitaten die passende Melodie zu finden. An einigen Stellen hätte ich mich für eine überzeugendere Lösung entschieden.

Die Melodie der 1. Zeile ähnelt sehr dem Weihnachtslied „Leise rieselt der Schnee“. Wenn man die 4. und 5. Note vertauscht, erhält man genau den Anfang dieser Melodie. Die Korrektur vermeidet diesen Bezug und verstärkt durch die Kadenz die Text-Devise der Einleitung „… können wie du“.

In der 2. Zeile erzeugt die Tonwiederholung im 1. Takt eine zu starke Betonung auf der Zählzeit 4. Durch Tiefertransposition der 2. Takthälfte ergibt sich zusätzlich ein Terzsprung auf die 1 des nächsten Taktes, was die Sinnspitze an dieser Stelle unterstützt.

In der 3. Zeile und am Anfang der 4. Zeile stören erneut Tonwiederholungen den Melodiefluss. Durch Vermeidung der Repetition wirkt die Melodie organischer und verzichtet auf zu starke Betonungen.

Am Ende der 4. Zeile stellen die Zitate den Komponisten vor ein unlösbares Problem. „Mir geschehe dein Wort“ (vgl. Lk 1,38) beginnt eigentlich mit einer unbetonten Silbe. Also müsste auf der 1 eine Pause sein. Die Betonung auf 1 ist eine Notlösung. „Großes hat er getan“ ist eine Kurzfassung von „Denn der Mächtige hat Großes an mir getan“ (Lk 1,49). Weil im Original „mir“ betont ist, muss im Lied das entsprechende Wort „er“ betont sein. Wenn man bei beiden Zitaten unter Umständen die vorhandenen Lösungen akzeptieren kann, ist das beim 3. Zitat aus Joh 2,5 auch  bei bestem Willen nicht möglich. Bei „Was er euch sagt, das tut!“ liegen die Betonungen auf  „er“ und „sagt“, nicht auf „euch“. Eine Vertonung ohne Auftakt ist nicht zu realisieren. Die Betonung von „was“ auf der 1 ist nur die zweitbeste Notlösung. Die zusätzliche Transposition nach d-Moll versetzt die Zitate aus der durbetonten Sphäre der Melodie des NGLs in eine andere – biblische – Ebene. Außerdem wird aus der kraftmeierischen Quinte zur Schlusszeile eine menschlichere Quarte, die besser zu „So will ich…“ passt.

Anton Stingl jun.

Nun jauchzt dem Herren, alle Welt

Die Sendung von „SWR2 Lied zum Sonntag“ am 16. Mai 2021 hatte das Lied „Nun jauchzt dem Herren, alle Welt“ zum Thema. Das Lied stellt in seiner ursprünglichen Form die Bereimung von vier Versen aus Psalm 100 dar. Die erste Strophe sang der Domchor München, was die Autorin Karoline Rittberger-Klas als „feierlich und gleichzeitig beschwingt“ empfand.

Wenn man den kräftigen Gesang des Domchores, der das Lied auch noch einen Ton höher sang, als feierlich empfindet, dann mag die Autorin Recht haben. Beschwingt war der Gesang auf keinen Fall. In einem Dreier-Takt wie hier im GOTTESLOB (144) notiert oder in einem ⁶/₄-Takt wie im Evangelischen Gesangbuch sind die unbetonten Silben unbedingt leicht zu nehmen. Doch davon konnte in München keine Rede sein. Da wurde im Sinne der fünften Strophe einfach nur „mit lauter Stimm“gesungen. Das Motto  des SWR „(Gesangs)Kultur neu entdecken“ verwirklichte erst in der dritten Strophe der Projektchor [der Evangelischen Emmausgemeinde] Karlsruhe. Zurückhaltend in der Originaltonart C-Dur schwingt die Melodie im regelmäßigen Wechsel von unbetonten und betonten Silben.

Es bewahrheitet sich leider immer wieder, dass in der evangelischen Kirche eine bessere Gesangskultur herrscht als in der katholischen Kirche, was unter anderem damit zu tun hat, dass  zumindest im Süden Deutschlands die evangelische Kirche frühzeitig für hauptamtliche Kantoren gesorgt hat, während es beispielsweise 1966 in der Erzdiözese Freiburg nur drei hauptamtliche Stellen gab, wovon zwei am Freiburger Münster installiert waren.

https://www.kirche-im-swr.de/?page=beitraege&sendung=16

Anton Stingl jun.

Lied zum Sonntag

Die Sendereihe des SWR2 Lied zum Sonntag bot bisher bereits zum Frühstück einen wertvollen Ersatz für das kirchliche Gesangsverbot während der Pandemie. Während früher hauptsächlich Gesänge aus dem Bereich des Neuen Geistlichen Liedes in der Sendung erklangen, griffen die Autoinnen und Autoren jetzt auch auf altbewährtes kirchliches Liedgut zurück wie Heilig von Franz Schubert, Der König siegt, sein Banner glänzt, Hilf Herr meines Lebens, Wer leben will wie Gott, Dein Lob Herr ruft der Himmel aus, Der Morgenstern ist aufgedrungen, Wie schön leuchtet der Morgenstern, um entsprechende Beispiele von Anfang des Jahres bis heute zu nennen.

Doch heute am 18.4.2021 geschah etwas Merkwürdiges. Als Klaus Nagorni den Titel der heutigen Sendung ansagte „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“, dachte ich – wie vermutlich viele – an den bekannten Kanon von Albert Thate (1935) der dank der Liste ökumenischer Lieder weite Verbreitung gefunden hat.

Doch entweder hatte der Sender diesen Kanon nicht im Archiv oder für Nagorni war der Kanon ein zu ärmliches musikalische Gewand für seine Ausführungen zu der Stelle aus dem Lukas-Evangelium. Anstelle des Kanons hörte man Ausschnitte aus dem ersten Satz der Kantate Nr. 6 Bleib bei uns, denn es will Abend werden von Johann Sebastian Bach.  Die Kantate komponierte Bach für den Ostermontag, dessen Evangelium der Text entnommen ist. Somit hätte die Sendung eigentlich am Ostermontag ihren Platz gehabt. Doch leider ist der Montag kein Sonntag.

Es wäre zu wünschen, dass die Sendung Lied zum Sonntag in Zukunft bei der Definition des Wortes Lied wieder etwas genauer wird. Lied ist alles, was in einem Liederbuch steht oder im Internet zu finden ist. Ich empfehle einen Blick auf Frankreich, wo seit den 1830er Jahren mit le lied das Kunstlied deutscher Prägung bezeichnet wird.

In dieser schweren Zeit

https://www.youtube.com/watch?v=tzyxmmf910o

Schon vor längerer Zeit hatte ich nach einem Song gesucht, der die Corona- Zeit als Thema hat. Das Lied mit dem Text von Franz-Thomas Sonka und der Melodie Norbert M. Becker ist zwar schon während der ersten Welle entstanden, aber auch in der zweiten Welle noch immer aktuell.  Der Text unterscheidet sich wohltuend von den üblichen NGLs, bei denen das individuelle Ich im Vordergrund steht. Hier kommt tatsächlich Gott zu Wort. Die Strophen sind in der Textverarbeitung äußerst sparsam. In dieser schweren Zeit; Hab keine Angst; So spricht den Gott in diesen Tagen werden mehrfach wiederholt. Es kommen einige Punkte zur Sprache, die jeden betreffen: Dunkelheit, Einsamkeit und Sicherheit. Der Refrain spricht in verschiedenen zum Teil personalisierten Zitaten von der Gegenwart Gottes: Ich bin bei dir (euch) alle Tage (Matthäus 28, 20), meinen Segen schenk ich dir (Frieden gebe ich euch; Johannes 14, 27), Niemals lass ich dich im Stich (Hebräer 13, 5; 5. Mose 31, 6.8), Fürchte dich nicht (Jesaja 41, 10).

Der „schweren Zeit“ entsprechend sind die Strophen in Moll gehalten. Der Sänger hält zweimal nachdenklich inne, während die Begleitung in ihren einfachen Harmonien weiterschreitet. Hoffnung auf Besserung glimmt auf, wenn Gott in diesen Tagen mit großen Intervallen in Halben angekündigt wird.  Denn dann kommt bei Ich bin bei dir alle Tage tatsächlich Stimmung auf mit dem „Duke of Cumberland’s March“.

Die nachfolgenden großen Intervalle in Halben bei Glaube und vertraue mir sind schon vom Strophenende bekannt. Etwas einfältig und dem Gotteswort nicht ganz angemessen wirken die unisonischen Halben bei Niemals lass ich dich im Stich. Im ¾-Takt klingt die Stelle im „Grotvalsen“ so:

In der nächsten Zeile erklingt zur Textwiederholung eine etwas melodiösere Variante. Mir scheint, dass sich die Melodie des Songs zu sehr in Abhängigkeit der sie begleitenden Akkorde bewegt.

Hoffen wir, dass aus der „schweren Zeit“ bald wieder eine „beschwingte“ Zeit wird und die Lieder von vornherein in Dur klingen dürfen.

Anton Stingl jun.

Wer leben will wie Gott auf dieser Erde

Wer den Quellen des Liedes von Huub Osterhuis (GL 460) nachspürt, muss einige Hürden überwinden, bevor er am Ende eine handfeste Überraschung erlebt. Die Suche wird erschwert durch einen Schreibfehler in der Quellenangabe des Textes im neuen Gotteslob. Es muss, wie im alten GL 183 richtig angegeben, heißen: „Wie als een god will leven“. Dann erst stößt man auf das flämische Volkslied „Al van de droge haring willen wij zingen“ aus der Sammlung flämischer Volkslieder von Charles Edmond Henri de Coussemaker 1856.

Al van den drogen haring willen wij zingen
Ter ere van zijn kopje zullen wij zingen
‚t Is van zijn kop
Springt er maar op 
‚t Is van den drogen haring  

Wir wollen vom ganz trockenen Hering singen
Wir werden zu Ehren seines Köpfchens singen,
Es ist aus seinem Kopf
Spring einfach drauf
Es ist vom trockenen Hering.

In den folgenden Strophen bleibt die erste und letzte Zeile gleich. In der zweiten wird jeweils ein anderer Fischteil besungen, dem auch die Zeilen 3 und 4 gelten.

‚t Is van zijn oog           Es ist aus seinem Auge,
Springt er maar hoog  Spring einfach hoch,

‚t Is van zijn balg          Es ist von seinem Balg,    
Springt er maar half     Nur halbe Sprünge,

‚t Is van zijn stert          Es ist von seinem Schwanz,
Springt er met hert       Springt dort mit Herz,

Huub Oosterhuis hat die Melodie vom trockenen Hering als Ganzes übernommen, die Form aber modifiziert. Die zweite Zeile fungiert als Wiederholung der ersten und die instrumentale Wiederholung der letzte Zeile wie die erste ebenfalls zur Wiederholung durch die Gemeinde.

Al van den drogen haring willen wij zingen
Wie als een god wil leven hier op aarde
Wer leben will wie Gott auf dieser Erde                     

Es ist schon eigenartig, das Lied vom trockenen Hering als Melodie eines geistlichen Liedes zu verwenden. Im niederländischen Original trifft god wil leben auf den drogen haring. In der deutschen Übertragung hat Gott mit haring dieselbe Position. Jetzt wird klar, warum das alte Gotteslob dieses Lied unter Fastenzeit – Passionslieder eingeordnet hat. Fisch ist eine der traditionellen Fastenspeisen.

Anton Stingl jun.

Andachtslied nach der Kommunion

Der Theologe und Musikwissenschaftler Meinrad Walter empfiehlt im Konradsblatt Nr. 5 vom 31. 1. 2021 das Lied „Wir haben empfangen“ (GL 874 Freiburg/Rottenburg) als „verhaltenes und inniges Andachtslied“ nach der Kommunion.

Der Text, der von dem Schriftsteller Paul Konrad Kurz stammt, machte dem Komponisten, dem Kirchenmusiker Rudolf (Rudi) Schäfer in Schramberg, einigermaßen zu schaffen, was unter Anderem am mehrmaligen Taktwechsel zu sehen ist. Die Textvorlage nämlich ist ein Gedicht mit zum Teil freien Rhythmen, denen ein vierhebiger Vers zugrunde liegt. Aber schon in der zweiten Zeile stört bei „Auferstehung“ eine überzählige Silbe den Ablauf. Im ersten Teil vor dem Doppelstrich beginnen die Zeilen mit Auftakt und haben elf Silben, im zweiten Teil beginnen sie mit einer Hebung und haben acht oder neun Silben. Die zweite Zeile schert mit einem zweisilbigen Auftakt aus. Das ist wahrlich kein Liedgedicht! Wie kommt der Komponist nun dem Text zurecht?

Er wählt für die Melodie des zweiten Teils eine Variante des ersten Teils. Es entsprechen sich also die Zeilen 5 und 1, 6 und 2, 7 und 3, 10 und 4. Da der zweite Teil zwei Zeilen mehr hat als der erste, wird dafür neues  Melodiematerial aus der Umstellung von Tönen der letzten Zeile gewonnen. Der Rhythmus des Liedes, der sich nach Meinrad Walter „den Worten anschmiegt“, verwendet 14-mal die Folge dam-da-da (ein Viertel – zwei Achtel). Um den Unterschied zwischen den Teilen hervorzuheben, könnte man einen Großteil der Melodie des ersten Teils in einen schwingenden 6/8-Takt verwandeln.

Auf diese Weise kann man auch der schwierigen Betonungslage bei „Auferstehung“ gerecht werden. Im zweiten Teil wird durch eine Rhythmusänderung die Betonung auf „Herr Jesus Christ“ gelegt. Der Wechsel von „Wir“ auf „Du“ erhält seine Entsprechung in der Änderung des Taktmaßes.

Noch ein Wort zu den Harmonien, die Meinrad Walter „nahezu farbig“ nennt. Die 30 Septim-Akkorde beweisen, dass dieses Lied zur Jazz- bzw. Pop-Szene gehören möchte. Wem diese Würzmischung nach der Kommunion zu scharf ist, kann sich auch mit schlichteren Harmonien begnügen.

Anton Stingl jun.

Wie schön leuchtet der Morgenstern (GL 357)

Mit diesem Lied eröffnete Mechthild Alber am 3.1.2021 im SWR2 die diesjährige Reihe „Lied zum Sonntag“. Nach der Erklärung des „ganz besonderen Morgensterns“ gestand sie, dass sie dieses Lied mag, obwohl ihr seine barocke Bildersprache fremd ist. Es ist die „wunderbare Melodie“, die ihrer Seele gut tut. Als besonderes Kennzeichen nennt sie die „fröhliche Beschwingtheit [der Melodie] als Vorgeschmack auf die himmlische Hochzeit“.

Wenn ich bedenke, wie viele Komponisten zur Morgensternmelodie  einen Satz geschrieben bzw. Choralbearbeitungen verfasst haben, dann muss es sicher noch mehr Eigenschaften der Melodie geben, die zu dieser Verbreitung beigetragen haben. Ich nenne nur Johann Sebastian Bach, Dieterich Buxtehude, Johann Pachelbel, Ernst Pepping, Michael Praetorius, Max Reger und Georg Philipp Telemann.

Philipp Nicolai wählte für sein Morgensternlied die sogenannte Barform: Stollen – Stollen – Abgesang. Beide Stollen haben dieselbe Melodie. Der Stollen beginnt mit ruhigen Halben. Ein Quintintervall unterstreicht „Wie schön“. Das Wort „leuchtet“ erklingt im „fröhlichen“ Durdreiklang. Die anschließende Wiederholung der Quinte führt zum „Morgenstern“, dessen Viertelnoten bereits eine Stufe höher erklingen. Der Stern „voll Gnad und Wahrheit“ steht auf dem höchsten Punkt der Melodie, die jetzt im Wechsel von Vierteln und Halben lebhafter wird. Der letzte Teil des Stollens leitet im tänzerischen ⁶⁄₄-Takt  zum Grundton zurück.

Die Melodie des Abgesangs ist ganz vom Text her erfunden. Entsprechende Zeilen haben dieselbe Tonfolge.

Lieblich,
freundlich,
schön und prächtig,
groß und mächtig,
reich an Gaben,
hoch und wunderbar erhaben.

Zunächst pendelt die Melodie auf der Stelle, zuerst in Halben zwischen Quinte und Terz, dann verkürzt in Vierteln zwischen Terz und Sekunde. Die fünfte Zeile führt die Bewegung  weiter und endet auf dem Grundton. Das „hoch“ zu Beginn der letzten Zeile wird im Oktavsprung auf den höchsten Ton erreicht. In den gleichen Tönen wie im Stollen, aber jetzt im Alla-breve-Takt, erreicht die „wunderbare“ Melodie ihren Schluss.

Anton Stingl jun.

Komm, du Heiland aller Welt (GL 227)

In seiner jüngsten Liedbetrachtung im Konradsblatt 49/2020 erwähnt Meinrad Walter, dass die Melodie von Komm, du Heiland aller Welt „auf einen gregorianischen Gesang zurückgeht, der schon über tausend Jahre alt ist“. Im Rahmen eines solchen räumlich begrenzten Beitrags kann natürlich die Überlieferung der Melodie nicht im Einzelnen verfolgt werden. Deshalb seien hier einige Stationen der Überlieferungsgeschichte aufgezeigt.

Der ambrosianische Hymnus Veni, redemptor gentium wird heutzutage in der Lesehore des Stundengebets während der acht Tage vor Weihnachten gesungen.

Liber Hymnarius 1983, Seite 11

Die Melodie in Verbindung mit dem Hymnentext findet sich zum ersten Mal in einer Fragmentensammlung aus dem 11./12. Jahrhundert in der Stiftsbibliothek Einsiedeln.

Einsiedeln, Stiftsbibliothek, Codex 366(472): Fragmenta Sequentiarum

Beide Melodien stimmen im Wesentlichen überein. Jedoch vermisst man in der Fassung des Liber Hymnarius vor allem die für den gregorianischen Stil so typischen Liqueszenzen, welche die wichtigsten Worte partum (Geburt), omne (alles bzw. jedes), partus (Geburt) hervorheben. Außerdem wurden die Durchgangsnoten bei Virginis (Jungfrau), saeculum Geschlecht und Deum (Gott) beseitigt. 

St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 546: Joachim Cuontz: St. Galler Sequentiar

Die Liqueszenzen waren im St. Galler Sequentiar bereits verschwunden, das P. Joachim Cuontz im Vorfeld der Seligsprechung des St. Galler Mönchs Notker Balbulus (gest. 912) im Jahre 1513 zusammenstellte. Der Melodie wurde in der Sammlung ein Hymnus der Weihnachtszeit unterlegt: Christe, redemptor omnium. Die dort notierte Melodie scheint die allgemein verbreitete Fassung des 16. Jahrhunderts gewesen zu sein, wie ein „Breviarium per totum annum“ des Augsburger Doms um 1580 zeigt, wo lediglich die Clivis bei decet durch einen Einzelton ersetzt ist.

Geistliche Lieder. Das Babstsche Gesangbuch 1545

Der Reformator Martin Luther schuf 1524 zur stark veränderten Hymnusmelodie eine fast wörtliche Übersetzung, die 1545 in das „Babstsche Gesangbuch“ übernommen wurde. Da Luther die acht Silben je Vers durch sieben ersetzte, wurden Eingriffe in die Melodie notwendig. Die melodischen Höhepunkte blieben dabei im Wesentlichen erhalten: gentium / Heidenpartum / (Jung)frauenomne / wunder. Im letzten Vers ist wegen der Vermeidung der vierten Stufe, auf der der Höhepunkt der gregorianischen Melodie liegt, keine Entsprechung zu finden. Der vierte Vers hat bei Luther dieselbe Gestalt wie der erste.

Geistliche Lieder und Psalmen. Johann Leisentrit 1567

Dass die Übersetzung des Hymnus Veni, redemptor gentium problematisch ist, musste auch der katholische Domdechant zu Bautzen Johann Leisentritt erfahren, der in seinen „Geistlichen Liedern und Psalmen“ 1567 gleich zwei verschiedene Textversionen anbietet. Die Melodie ist mit der von Luther bis auf den zweiten Vers fast identisch, der sich durch die Auflösung der Punktierung in zwei Notenwerte von Luthers Bearbeitung unterscheidet.

In einem zweiten Anlauf  lautet die erste Strophe:

Kom der Heiden trewer Heiland /
der Jungfraw geburt mach bekannt/
das sich verwunder alle welt /
Gott solch geburt ihm hat bestellt.

Während die erste Version nach einer eigenständigen Übersetzung klingt, ist in der zweiten der Einfluss Martin Luthers nicht zu überhören.

Kirchenlied II 1967

Ob das Lied nach Leisentrit noch in weiteren katholischen Gesangbüchern stand, kann ich nicht sagen. Sicher ist nur, dass es 1967 mit einer gereimten Nachdichtung von Petronia Steiner in Kirchenlied II  erschienen ist. Als katholische Quelle wurden Leisentrits „Geistliche Lieder“ von 1567 angegeben. Ein Blick auf die Punktierung im zweiten Vers offenbart die wahre Herkunft der Melodie: Martin Luther. Mit dieser Melodiefassung wurde es auch in Gotteslob 1 und 2 übernommen.

Anton Stingl jun.

Das Agnus Dei ist kein Lied!

Das Agnus Dei ist kein Lied, auch wenn es in der SWR 2-Sendung „Lied zum Sonntag“ am 25. Oktober 2020 als Beispiel herangezogen wurde, um über die Rolle eines unschuldigen Lammes nachzudenken. Die Moderatorin Ruth Schneeberger wählte für das erste Musikbeispiel mit sicherem Griff die früheste bekannte Agnus-Melodie aus dem gregorianischen Repertoire des 10. Jahrhunderts. Das Agnus Dei bildet textlich und melodisch die unmittelbare Fortsetzung der Priester-Akklamation Pax Domini sit semper vobiscum Der Friede des Herrn sei mit euch. Ursprünglich war das Agnus Dei eine Akklamation, die nur aus einer einzigen Zeile bestand und zweimal wiederholt wurde.

Agnus Dei, qui tollis pecata mundi, miserere nobis.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.

Am Anfang des 12. Jahrhunderts wird in der dritten Zeile im Anklang an die Priester-Akklamation miserere nobis durch dona nobis pacemgib uns den Frieden ersetzt.

Die beiden nächsten Musikbeispiele bezogen sich auf die im Zuge der Verdeutschung der Liturgie durch Martin Luthers  „Deutscher Messe“ 1528 in Braunschweig entstandene Übertragung Christe, du Lamm Gottes, die fester Bestandteil der lutherischen Abendmahlsliturgie wurde.  Text und Melodie der Akklamation erhielten seit Mitte des vorigen Jahrhunderts auch im katholischen Kirchengesang einen festen Platz (Gotteslob Nr. 208).

Die Sendung klang aus mit dem Dona nobis pacem aus mit der Missa brevis Sancti Joannis de Deo (Kleine Orgelsolomesse) von Joseph Haydn. Hier sah man, dass das Agnus Dei nicht für sich allein steht, sondern Teil der gesamten Messe ist. Bis zum 13. Jahrhundert kennt man nur Paare (Kyrie – Gloria, Sanctus – Agnus Dei). Ab dem 14. Jahrhundert werden unter Einschluss des Credos vollständige Messen komponiert.

Das Agnus Dei ist kein Lied. Nur O Lamm Gottes unschuldig (GL 203) weist mit seinem Ablauf „ababcde“ das Merkmal eines Liedes auf.

Anton Stingl jun.