Der Fall „Georg Thurmair“

Etwas vollmundig wird im Nachwort der Neuerscheinung „Die Lieder des Gotteslob. Geschichte – Liturgie – Kultur“ (2017) behauptet, dass dieses Kommentarwerk das erste sei, „das alle echten Lieder eines großen katholischen Gesangbuchs umfassend erschließt“. Die Herausgeber scheinen vergessen zu haben, dass das achtbändige *Werkbuch zum Gotteslob (1975‒1978), aus dem im ganzen Buch immer wieder zitiert wird, diesen Anspruch mit etwas anderer Akzentsetzung, vor allem im musikalischen Bereich, bereits vor vierzig Jahren erfüllt hat. Nach Aussage der Herausgeber „findet die musikalische Seite Aufmerksamkeit, steht aber nicht im Vordergrund“. Genau, sie steht eher im Hintergrund, was man an der für deutsche Ohren eher abschätzig klingenden Bezeichnung „Melodist“ für einen Liedkomponisten feststellen kann. Zur Produktion eines Liedes gehören immer zwei Personen, eine für den Text und eine für die Melodie. Im Idealfall sind beide in Personalunion vereint. Da es aber sehr schwierig ist, das Verhältnis von Melodie und Text angemessen zu beschreiben, haben sich die Herausgeber in diesem Punkt vorsichtshalber äußerster Zurückhaltung befleißigt.

Im Allgemeinen werden die Lieder des *Gotteslob im vorliegenden Kommentarwerk sachlich kommentiert; „doch wird in wenigen Fällen mit Kritik an schwachen Texten oder misslungenen Fassungen nicht hinterm Berg gehalten“. Besonders hart traf die Kritik den Dichter Georg Thurmair (1909‒1984), „eine wichtige Figur in der Kirchenliedgeschichte des 20. Jahrhunderts“.

Bei den ersten seiner – alphabetisch eingeordneten – Lieder zollt HK dem Dichter noch Lob. In Alles meinem Gott zu Ehren (Nr. 455,2‒4) „bleibt Thurmair der Form und dem Geist der ersten Strophe zweifellos besser treu als Bone und Mohr“. Bei Also sprach beim Abendmahle (Nr. 281) wird Thurmair von HK ziemlich großzügig als „Texter der einflussstarken Sammlung *Kirchenlied von 1938 bezeichnet. Richtig ist, dass in dieser Publikation von 1938 im Nachwort (aus guten Gründen!) nur „Die Bearbeiter“ genannt werden. Bei Lasst uns loben, freudig loben (Nr. 489) wird Thurmair von FRW als ein Autor bezeichnet, „der sich als Lyriker, Publizist und Kirchenlieddichter engagiert für die liturgische Erneuerung und die Ökumene eingesetzt hat“. Es wird sogar Thurmairs Interpretation des Liedes aus dem *Werkbuch zum Gotteslob VII zitiert.

Ab Nun lässest du, o Herr (Nr. 500) wird der Ton schärfer. Bei der Beurteilung des Textes ist bei HK von „religiösem Füllmaterial“ die Rede. „Anstelle von sechs Zeilen [Lobgesang des Simeon; Lk 2,29‒32] hat Thurmair achtzehn Zeilen Platz, was zu vielen Füllphrasen führt, die den Sinn des biblischen Gesangs verändern und vernebeln.“ … „Dem Hinzugefügten steht Weggelassenes gegenüber.“ Zu Nun singe Lob, du Christenheit (Nr. 487) bemerkt EF unter der süffisanten Überschrift „Einheitsjubel“: „Das mit Bibelzitaten gesättigte Lied betrachtet die Einheit der Christenheit als Folge der Liebe des dreieinigen Gottes und der christlichen Geschwister untereinander.“ Ist das ernst gemeint oder Satire? Zur Umdichtung des Psalms 98 zum Text von Nun singt ein neues Lied dem Herren (Nr. 551) schreibt SF: „Insgesamt orientiert sich der Text Thurmairs eng an dem motivischen Gehalt des Psalms, auch wenn sich im Vergleich zum zweiten und dritten Teil des Psalms einige wenige thematische Verschiebungen in der zweiten und dritten Strophe ergeben“. Ähnlich sachlich bleibt der Ton von AA bei O Herr, aus tiefer Klage (Nr. 271). „Das Ich des Liedes hat in seiner tiefen Klage, in seinen Schuldgefühlen und im Angesicht seiner Sünden eine Hoffnung: Es wendet sich an das gerechte Gericht Gottes, das zugleich auch ein barmherziges ist, denn der Richter ist niemand anders als der barmherzige Vater des in Strophe 3 herangezogenen Gleichnisses.“

Im Artikel zu O Licht der wunderbaren Nacht (Nr. 334) schlägt AA einen ganz anderen Ton an. Mit den Schlagworten „Unglückliche Auslassungen und glückliche Schuld“ wird bemängelt, dass Thurmair nur ausgewählte Motive des Exsultet, des Osterlobs der Lichtfeier der Osternacht, aufgreift. „Vollständig ausgespart werden die alttestamentlichen Bezugsstellen (der Durchzug durchs Rote Meer in Ex 14 ist eine unverzichtbare Lesung der Osternacht!) und die Taufthematik.“ Hallo AA, geht’s noch? Kennen Sie nicht den Antwortpsalm (Ex 15) nach der dritten Lesung, in dem das von Ihnen Geforderte besungen wird? Sie wissen doch, Verdoppelungen in der Liturgie sind zu vermeiden! Die Taufthematik ist nur dann relevant, wenn in der Osternacht tatsächlich eine Taufe stattfindet. Und noch eine profane Bemerkung: Drei Strophen sind in der langen Osternachtfeier wirklich genug! Im Übrigen freue ich mich, dass mein Lied Lob der Auferstehung direkt nach dem Osterjubel von Thurmair im *Kirchenlied II stand, auch wenn ich im Gegensatz zu Thurmair mit diesem Lied keinen Erfolg hatte.

Das ganz große Geschütz hat sich HK für Wir sind nur Gast auf Erden (Nr. 505) aufgehoben. Es beginnt zunächst mit Zuckerbrot: „Er [Thurmair] ebnete mit diesen beiden Büchern [Singeschiff (1934) und Kirchenlied (1938)] über dreißig evangelischen Liedern die Bahn in den katholischen Gottesdienst, wo sie noch heute meistens in den Fassungen gesungen werden, die Thurmair ihnen gegeben hat.“ Anschließend wird die Peitsche geschwungen: „Er war als Poet nur mittelmäßig, aber als Bearbeiter alter Lieder sehr talentiert.“ Dann holt HK zum Vernichtungsschlag aus: „Was Thurmair sonst damals schrieb, Lieder vom Typus Wir stehn im Kampfe und im Streit [Georgslied von Georg Thurmair], atmet den kernig-altdeutschen Geist, der damals in der Jugend Mode war.“ … „Er war in der Hitlerzeit zweifellos ein Oppositioneller, aber der Geist dieser Opposition war nicht freiheitlich, demokratisch oder sozialistisch, sondern antiliberal, konservativ-christlich und deutschnational. Man bekannte sich zu markigen Wahlsprüchen wie ‚Alles für Deutschland! Deutschland für Christus!‘ Man schwärmte vom ‚Ewigen Reich‘, das von Christkönig regiert werden sollte. Die Sammlung *Kirchenlied ist das bedeutendste Zeugnis dieser Opposition.“ Seien Sie froh, HK, dass Sie vom Dritten Reich nicht mehr viel mitbekommen haben! Wie hätten Sie opponiert? Was das *Kirchenlied betrifft, so bin ich froh, dass ich mit einem so bedeutenden Gesangbuch allerdings erst nach Beendigung des Tausendjährigen Reiches kirchenmusikalisch aufgewachsen bin.

Da HK offensichtlich nur einen halben guten Faden an Thurmair lässt, ist es nur logisch, dass Wir sind nur Gast auf Erden als „Endprodukt“ einer Bearbeitung  eingestuft wird. Die Vorlage ist Ich bin ein Gast auf Erden von Paul Gerhardt (EG Nr. 529). Statt für die Strophen 1, 4 und 5 die „zwei Drittel aller Vokabeln, Bilder und Aussagen“ aufzulisten, die aus dem Lied von Paul Gerhardt stammen, hätte HK auch umgekehrt zeigen können, wie Thurmair den barocken Text Gerhardts von zwölf Strophen auf drei Strophen konzentrierte. HK erkennt sowohl das Lied von Gerhardt als auch von Thurmair als weltflüchtig. „In dieser Weltflüchtigkeit liegt seine Kraft.“ Der folgende Abschnitt klingt fast wie eine Versöhnung mit dem zuvor gebeutelten Thurmair. „Thurmairs Lied deutet an, dass man sich entscheiden muss, … ob man mit Hitler zieht oder dem Licht folgt.“

Es ist gewisslich an der Zeit (EG 149), die Autorenkürzel der beteiligten Bearbeiter aufzulösen.
HK: Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Kurze, Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Gesangbucharchiv Mainz, ist selbst einer der Herausgeber. Alle Artikel wurden von ihm bzw. „vom Herausgeberteam redaktionell durchgesehen und überarbeitet.“
AA: Dipl.-Theol. Andrea Ackermann, Liturgiewissenschafts-Promovendin und Mitarbeiterin im Gesangbucharchiv Mainz.
FRW: Franz-Rudolf Weinert, Dompfarrer in Mainz.
EF: Dr. Elisabeth Fillmann, Gesangbucharchiv Mainz.
SF: ist nicht im Verzeichnis der Autorenkürzel zu finden. Infrage kommen dürfte Dr. Siri Fuhrmann, Assistentin für Liturgiewissenschaft und Homiletik in Mainz.
Zum Glück hielten sich die meisten Autoren an die geforderte „wissenschaftliche Seriosität“ und überließen den „frischen Ton“ ihrem Herausgeber und seiner jüngsten Mitarbeiterin AA.

Anton Stingl jun.

Alle Zitate aus: Ansgar Franz/Hermann Kurzke/Christiane Schäfer(Hrsg.), Die Lieder des Gotteslob. Geschichte ‒ Liturgie ‒ Kultur. Bibelwerk Stuttgart 2017

Der Blogbeitrag vom 1.5.2018 wurde am 14.5.2018 überarbeitet, weil bedauerlicherweise die Autorenkürzel AA und HK bei O Licht der wunderbaren Nacht (Nr. 334) verwechselt wurden. Ich bitte das Versehen zu entschuldigen.

Wiederholung im Gotteslob

In der Fastenzeit soll man auf bestimmte Dinge verzichten, die einem „angenehm und lieb“ sind. Schon im Herbst hatte ich begonnen, diesen Vorschlag zu befolgen, als ich bei der Begleitung von »Ein Danklied sei dem Herrn« (GL 382) die Wiederholung des Schlussteils „ganz ohne Maß ist seine Huld und allbarmherzige Geduld“ schlichtweg vergaß. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen, dass die Wiederholung im Gotteslob-Anhang für die Diözesen Freiburg und Rottenburg  38 Jahre lang nicht notiert war. Wenn ich es aber recht bedenke, war mir die Nichtwiederholung doch sehr „angenehm und lieb“. Denn gilt hier nicht auch die Redensart „getretener Quark wird breit wird, nicht stark“? Schon bei den Anmerkungen zum Adventslied »O Herr, wenn du kommst« (GL 233)  hatte ich bei der Wiederholung der Schlusszeile „O Herr, wir warten auf dich“ solche Bedenken. Wiederholungen am Ende sind nur den großen Meistern gestattet. Auf das Problem der Wiederholung wurde ich wieder aufmerksam, als ich am 17.02.2019 im SWR2 das Wort zum Sonntag hörte und Thomas Weiser über das Lied »Brot, das die Hoffnung nährt« (GL 378) sprach, das seiner Meinung nach durch Wiederholung zum Ohrwurm wird. „Lied, das die Welt umkreist“ ist aber eher wie ein Satellit, der auch im Absturz die Welt nicht erreicht, weil er vorher verglüht. „Brot, das sich selbst verteilt,“ ist einfach eine Utopie.

Besonders die Lieder aus Taizé rechnen mit der Ohrwurmwirkung, denn keines dieser Lieder im Gotteslob kommt ohne Wiederholung aus: »Bleibet und wachet mit mir« (GL 286), »Confitemini Domino« (GL 618,2), »Gloria, Gloria« (GL 168,1), »In manus tuas Pater« (658,1), »Meine Hoffnung und meine Freude«, (365), zwei »Kyrie« (GL 154 und 156), »Laudate Dominum« (GL 394), »Laudate omnes gentes« (GL 386), »Magnificat« (GL 390), »Misericordias Domini« (GL 657,6), »Ostende nobis Domine« (GL 634,2), »Surrexit Dominus vere« (GL 321), »Ubi caritas et amor« (GL 445), »Veni Sancte Spiritus« (GL 345,2), »Veni Sancte Spiritus, tui amoris« (GL 345,1), »Geist der Zuversicht, Quelle des Trostes« (GL 350). »Kyrie« hat wenigstens ein Vorbild in den gregorianischen Kyrie-Gesängen, bei denen zweimal (früher dreimal) dieselbe Melodie gesungen wurde. Auch die lateinischen Taizé-Gesänge sind nicht ohne die gregorianischen Psalmantiphonen zu sehen, die abwechselnd mit Psalmversen gesungen wurden. Hier aber werden sie zum Selbstzweck. Die Communauté von Taizé schreibt dazu: „Die Gesänge sollen eine Atmosphäre schaffen, in der man gesammelt beten kann“ und „Alle können ohne engeren zeitlich Rahmen der Erwartung Gottes Raum geben.“ Die einfache Mehrstimmigkeit der Gesänge verstärkt den Wohlfühleffekt. Der Verstand wird ausgeschaltet und nur das Gefühl wird angesprochen.

Wiederholungen treten bereits bei Liedern aus der Barockzeit auf. Im Weihnachtslied »Als ich bei meinen Schafen wacht« (GL 246) dienen sie den damals beliebten Echoeffekten, wie man sie auch aus den Orgelwerken der damaligen Zeit kennt. Leider sind die Echos im Gotteslob nicht vermerkt. Der Kommuniongesang  »Wir rühmen dich, König der Herrlichkeit« (GL 211), dessen Melodie auf »Es sungen drei Engel« von 1605 zurückgeht, beruht auf dem „call and response“ / Ruf und Antwort-Prinzip. Dazu gehört auch das Lied von Huub Oosterhuis »Wer leben will wie Gott auf dieser Erde« (GL 460).

Bei manchen Liedern wird die ermüdende Wirkung einer Wiederholung bewusst abgeschwächt, indem man Voltenklammern einführt. Bei der Prima-Volta-Klammer endet die Melodie noch nicht auf dem Grundton, der erst bei der Seconda-Volta-Klammer erreicht wird, wie bei »Engel auf den Feldern singen« (GL 250) und »Manchmal feiern wir mitten im Tag« (GL 472). Bei »Suchen und fragen« (GL 457) sind die Voltenklammern ausgeschrieben.

Ohne irgendeine Verschleierung der schlichten Wiederholung kommen die folgenden Lieder aus,  bei denen ich mich frage, warum überhaupt eine Wiederholung sein muss.  In »Gottes Stern, leuchte uns« (GL 259) hat man, wenn es beim ersten Mal mit der abtaktig beginnenden C-Dur-Tonleiter nicht ganz geklappt hat, eine zweite Chance. Falls man bei »Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen« (GL 400) von dem viermaligen Sextsprung noch nicht genug hat, darf man ihn bei der Wiederholung ein fünftes Mal singen. Selbst Franz Schubert greift bei »Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe« (GL 413) aus seiner Deutschen Messe zu diesem Mittel. In der Wiener Klassik war das ein zulässiges Stilmittel. Manchmal hat man den Eindruck, wie bei »Meine engen Grenzen« (GL 437), dass das Lied einfach zu kurz ist („meine kurze Sicht“) und deshalb eine Wiederholung braucht. Ähnlich könnte man auch bei »Bewahre uns, Gott« (GL 453) argumentieren. Da ist das letzte Lied »Es wird sein in den letzten Tagen« (GL 549) von ganz anderem Kaliber. 6/4-Takt, Tonart h-Moll, zwei Hemiolen, die räumliche Ausdehnung der Strophe, die melodische Verknüpfung der letzten Zeile mit dem Refrain und dessen Text „Auf, kommt herbei! Lasst uns wandeln im Lichte des Herrn!“ rechtfertigen allemal das Mittel der Wiederholung.

Aber, wie sagte schon Horaz: „Zum zehnten Mal wiederholt, wird es gefallen“.

Anton Stingl jun.

Luja sog i

Zur Diskussion, ob „Luja sog i“ vom „frohlockenden“ Engel Aloisius aus der humoristischen Satire „Der Münchner im Himmel“ von Ludwig Thoma stammt oder aus der bayrischen Mundart kommt, kann ich heute einen gewichtigen Beitrag liefern.

Im 10. und 11. Jahrhundert war es in Bayern üblich, an besonderen Tagen dem lateinischen Alleluia in der Messe eine auf dieselbe Melodie gesungene Prosula (Verkleinerungsform von Prosa) voranzustellen. Da musste der anschließende Stammtisch eben etwas später beginnen, zumal es zum erheblich längeren Alleluia-Vers ebenfalls eine Prosula gab. In zwei aus St. Emmeram in Regensburg stammenden Kantoren-Büchern, die zwischen 1024 und 1037 geschriebenen wurden, findet sich folgende Prosula zum Alleluia « Christus resurgens » ‒ Christus ist auferstanden.

Prosula Rex regum summe

‚Halle‘  Höchster König der Könige,  den jeder lobt im Himmel wie auf Erden, du hast mit der Schuld des Erstgeschaffenen Fleisch angenommen und uns dem gottlosen Feind entrissen, lasst uns miteinander singen: ‚luja‘.

Wer der Quadratnotation nicht mächtig ist, kann sich der Transkription in die „Eierkohlennotation“ bedienen.

Prosula Rex regum summe

Für die Prosula « Rex regum summe »wird das Wort Alleluia in zwei Hälften zerlegt. Die erste Hälfte steht wie eia (= auf!) als Aufforderung am Anfang, auf die zweite Hälfte am Ende führt der Text direkt hin: „Lasst uns miteinander singen: luja“.

Wir sehen also, dass „luja sog i“ ‒ hier im Singular im Unterschied zum Plural in der Prosula ‒ eine fast 1000jährige Geschichte hat. Allerdings wurde aus dem lateinischen langen ū, dessen Klang in der Prosula durch eine liqueszierende ‒ den Übergang von u nach i (j) markierende ‒ Verdoppelung noch verlängert wird, bei Aloisius ein kurz- und bündiger Vokal.

Die Tradition, die Melodie des Alleluia zu prosulieren [Verbum zu Prosula], hat sich nach dem 11. Jahrhundert auf Protest der Frauen, die zuhause mit dem Mittagessen warteten, rasch verloren. Vielleicht könnte man sie heute in der fünften Jahreszeit wieder aufleben lassen. Besonders geeignet erscheint mir zu diesem Zweck das im Gotteslob neu aufgenommene Halleluja des französischen Komponisten Alexandre Lesbordes (174,6).

GL 174,6

Entgegen der Vorschrift breit wird das Halleluja, wie im Beispiel auf YouTube zu hören ist, meist im etwas geschwinderen Schunkel-Tempo gesungen:

„Luja“-Prosula

Und so wird uns am Fasnachtsonntag, Entschuldigung, am Sonntag Septuagesima nach vorchristlicher, nein, vorkonziliarer Zählung ‒ das ist im Jahr 2019 der 8. Sonntag im Jahreskreis ‒ der Abschied vom Halleluja nicht mehr schwer fallen. Um gut über die hallelujafreie Zeit bis zur Osternacht zu kommen, lesen Sie am besten in meinem neuen Buch „Alleluia, dulce carmen“.

Anton Stingl jun.

„Kirchenlied“ verboten

1. Januar 2019

Gestern vor 76 Jahren erblickte meine Schwester Veronika das Licht der Welt. Aus diesem Anlass hatte mein Vater Heimaturlaub von seinem Militärdienst in Frankreich und weilte in Freiburg. Zu seinem Schrecken musste er  dort feststellen, dass Erzbischof Conrad Gröber das „Kirchenlied“ für den Gottesdienst verboten hatte, jenes Gesangbuch, das mein Vater in seinem Aufsatz „Kunst und Kitsch im Kirchenlied“ ausdrücklich „von Herzen“  gelobt hatte. Nach seiner Rückkehr in Frankreich schrieb er an Erzbischof Gröber den folgenden Brief.

An Erzbischof Gröber                                                                                                 Januar 1943

Hochwürdigster Herr Erzbischof, Exzellenz!

Als ich anlässlich der Geburt meines zweiten Kindes ein paar Tage in Freiburg auf Urlaub war, erfuhr ich zufällig, dass Euer Exzellenz das „Kirchenlied“ im öffentlichen Gottesdienst verboten haben. Ich konnte zunächst nichts denken und empfand einfach nur den Schmerz über die Beraubung der Jugend um ihre Lieder, die sie mit Begeisterung und tiefer Freude gesungen hat, wo immer das „Kirchenlied“ im Gebrauch war. Dann raffte ich mich auf und entschloss mich, sobald ich wieder in Frankreich ankam und es meine Zeit nach Dienst zuließ, Ihnen Exzellenz zu schreiben und das „Kirchenlied“ bei Ihnen als Musiker, Künstler und gläubiger Katholik zu verteidigen.

Glauben Sie mir, Exzellenz, dass sich die Jugend über das Erscheinen des „Kirchenliedes“ von ganzem Herzen gefreut hat, weil es sie viel mehr als die Lieder unserer Mütter und Großmütter, die wir sonst lieben und hochschätzen, zum Opfer Jesu Christi am Altar hinführte; viel mehr deshalb weil die Texte eine unmittelbare und echte Verbindung zur Frohbotschaft hatten und auch Worteinheit und -klarheit in ihnen war, viel mehr auch deshalb, weil den Melodien ein frischer neuer und zugleich reiner und herber, alter Hauch entströmte. Alles sprach die Jugend unmittelbarer an und nicht sosehr aus zweiter Hand, nach der Art von süßlichen Gipsmodellen, wie es so manches Lied aus den bisher gebräuchlichen Diözesangesangbüchern – ich spreche nicht nur vom „Magnifikat“ – an sich hatte. Ich möchte den Stil jener Gesangbücher vergleichen mit dem imitierenden und wenig ursprünglichen Stil der neuromanischen, neugotischen oder neubarocken Kirchen mit ihrem das religiöse Leben lähmenden Schablonenmaß und das „Kirchenlied“ mit dem Stil einer neuen Architektur, die wieder für wesentliche Raumfragen empfindlich geworden ist. In beiden, dem „Kirchenlied“ und der neuen Architektur kündigt sich ein Gemeinschaftsbewusstsein des religiösen Lebens an. Hier waren auch wieder Lieder, die jeder singen konnte, ohne rot zu werden über irgend eine Geschmacklosigkeit des Textes oder der Melodie, an die sich so manche gewöhnt haben, ohne sich Gedanken darüber zu machen.

Ich persönlich war sehr glücklich über das Erscheinen des Kirchenliedes. Es kam in der Auswahl der alten Lieder sehr meinem Urteil nahe, da es gerade die Lieder enthielt, die ich unter dem alten überlieferten Liedgut auch schätzte bis auf verschwindende Ausnahmen. Und auch die neuen Lieder enthielten schöne und wertvolle Beispiele lebendigen Liedgestaltens unserer Zeit, worüber wir uns freuen konnten. Über einzelne Dinge kann man natürlich immer streiten. Ich bin selber als Komponist nicht mit jeder Einzelheit restlos einverstanden. Ist doch das „Kirchenlied“ ein ganz neuer Versuch, etwas neu- und wieder zu gestalten. Es konnte selber noch auf keine „Vorbilder“ zurückgreifen. Eine spätere Auflage wird vielleicht manches ändern und erweitern. Aber in der Grundlinie konnte man sich doch freuen über die Reinheit der Auffassung und den künstlerischen und religiösen Ernst, der dahinter steckte und auch über den Versuch, die praktische Verbindung zum Altar zu wahren.

Manche Lieder sind auch darin, die nicht in das hl. Messopfer hineingehören, sondern in eine Andacht. Aber das wird jeder hierfür zuständige Pfarrer schon zu scheiden wissen.

Ich möchte in diesem Brief nicht auf einzelne Lieder eingehen. Das erlauben mir die Umstände als Soldat nicht, da mir hier die Zeit dazu fehlt. Ich will auch nicht einer radikalen Ausmerzung gewisser Lieder das Wort reden. Ich weiß, wie so manches liebe Mütterlein an so manchem Lied, das ich nicht schätze, hängt. Sie soll es ruhig weitersingen und ich lächle nicht über sie.

Es steckt da, wie ich erst in den letzten Jahren eingesehen habe, nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein religiöses und zugleich psychologisches Problem des Volkes und der Generationen dahinter, das ich nicht verkennen will. Aber ich bitte Sie, Exzellenz, die religiöse und psychologische Lage auch der Jugend nicht zu übersehen, die ein geschärfteres Ohr für diese Dinge hat, als Sie vielleicht annehmen. Sie wird es überhaupt nicht verstehen und es Ihnen sogar übelnehmen, vor allem der Teil, der jetzt draußen im Felde steht, wenn Sie ihr etwas nehmen, woran sie mit ganzer Seele hängt, weil sie es als ihr Gotteslob empfindet, da es aus Ihr herausgewachsen ist. Nehmen Sie lieber dafür ein paar Sorgen der äußeren Organisation des Gottesdienstes in Kauf, die sich vielleicht – ich kann das nicht so übersehen – aus dem gleichzeitigen Bestehen des „Magnifikats“ und des „Kirchenliedes“ ergeben.

Dieses wollte ich ihnen sagen, Exzellenz. Verzeihen Sie, wenn ich unbewusst eine Form in meinen Zeilen missachtete, was ich nicht beabsichtigte. Ich sprach lediglich aus der starken Sorge um eine sehr wesentliche Sache, die durch Ihre Maßnahme großen Schaden erleiden könnte.

In diesem Sinn grüßt Sie ergebenst

                             Soldat Anton S t i n g l
                             Feldpostnr.  17050 B.

Das „Kirchenlied“-Verbot des Erzbischof Gröber von 1938 hatte auf die Dauer keinen Erfolg, im Gegenteil: Das Erzbischöfliche Ordinariat Freiburg erteilte am 28. August 1961 eine Druckerlaubnis für das „Kirchenlied“. In das gemeinsame Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“ , das 1975 erschien, wurden 79 der 140 Lieder des „Kirchenlied“ aufgenommen, wenn auch bei den meisten Liedern in einer textlich oder musikalisch überarbeiteten Form. Weitere 56 Lieder wurden in einzelne oder mehrere Diözesananhänge des „Gotteslob“ übernommen. In der Neuauflage 2013 wurden nur 6 Lieder entfernt. Somit hat sich der Wunsch meines Vaters voll und ganz erfüllt, „dass von diesem Geiste [des „Kirchenlied“] etwas in die künftigen deutschen Gesangbücher übergehen möge.“

Anton Stingl jun.

O Herr, wenn du kommst (GL 233)

  1. O Herr, wenn du kommst, wird es Nacht um uns sein,
    drum brennt unser Licht, Herr, und wir bleiben wach.
    Und wenn du dann heimkommst, so sind wir bereit.
    O Herr, wir warten auf dich.
  1. O Herr, wenn du kommst, jauchzt die Schöpfung dir zu,
    denn deine Erlösung wird alles befrein.
    Das Leid wird von alle deiner Klarheit durchstrahlt.
    O Herr, wir warten auf dich.
  1. O Herr, wenn du kommst, hält uns nichts mehr zurück,
    wir laufen voll Freude den Weg auf dich zu.
    Dein Fest ohne Ende steht für uns bereit.
    O Herr, wir warten auf dich.

Welches „Kommen“ meint Helga Esther Poppe (geb. 1942) in ihrem Lied von 1975 eigentlich, das adventliche oder das endzeitliche? Mit der Nacht in der zweiten Strophe könnte zwar die Weihnacht gemeint sein, aber das brennende Licht, deutet doch eher auf das Gleichnis von den klugen Jungfrauen hin, die wachend den Herrn erwarten (Matthäus 25).

Dem Urteil „Aus einem Guss“ im Handbuch „Die Lieder des Gotteslob“ (Seite 919) bleibt doch noch einiges anzufügen, was die einzelnen Formulierungen betrifft. In der ersten Strophe störte mich zunächst die Zeile und darum erheben wir froh unser Haupt einerseits, weil das erhobene Haupt auch den Hochmut bezeichnen kann, andererseits wegen des Anfangs und darum. Als ich aber den Song „Und darum Herr Richter steh ich heute hier“ von Gunter Gabriel hörte und die Headline „Fußball ist Kult – und darum Kultur!“ las, dachte ich: na gut. In der zweiten Strophe verstörte mich die Wendung wenn du dann heimkommst. Ich dachte immer, der Herr kommt und holt uns in sein Reich heim. Man kann doch nur in seine Heimat heimkommen. Was sind die paar Jahre auf Erden gegen die Ewigkeit? Am Problem in der dritten Strophe sind die Herausgeber schuld. Die dritte Zeile hieß ursprünglich so:

Jetzt erklingt auf dem melodischen Höhepunkt nicht mehr die Klarheit und alles gehört nicht mehr zu Leid, sondern wird zum Füllwort all degradiert. Unwillkürlich denkt man an die Verhunzung vieler Lieder als Folge von geschlechtergerechter Sprache. In der vierten Strophe passt das Wort laufen ohne Zweifel in unsere laufwütige Gegenwart. Aber die klugen Jungfrauen „gingen mit ihm in den Hochzeitssaal“. War bisher der Wortvorrat durchaus bürgerlich, so greift die Autorin zum guten Schluss doch noch zur Jugendsprache. Seit dem Buch von Frère Roger, Prior von Taizé (1975) „Ein Fest ohne Ende“ hat sich dieser Begriff – auch nur mit seinem zweiten Teil – epidemisch verbreitet: „Fulda feiert ohne Ende“, „Leben ohne Ende“, „Party ohne Ende“.

„Die freudige Bewegung der Melodie im Sechsvierteltakt ist durch die Tonart a-Moll etwas gedämpft, wird jedoch jeweils in der Schlusszeile durch die Erhöhung der Sexte und Septime zu Melodisch Moll aufgehellt (Die Lieder des Gotteslob, Seite 920).“  Wenn mit „dämpfen“ eine zurückhaltende Lautstärke gemeint ist, dann hat das Handbuch Recht. Zur „aufgehellten“ Schlusszeile möchte ich einen Vorschlag machen, da nur Beethoven und Konsorten Schlüsse wiederholen dürfen.

Für alle anderen empfiehlt sich ein einmaliger Schluss. In diesem speziellen Fall bewährt sich zuvor ein die Dominante umspielendes „Warten“, bis die Melodie am Schluss „kreuzweise“ zur Tonika aufsteigt.

Dass man das Thema „Kommen des Herrn“ auch ganz anders sehen kann, zeigt das Lied „Heimkehr“ mit dem Text von Georg Thurmair (1909‒1984) von 1959 und der Melodie von Adolf Lohmann (1907‒1983) von 1961 in: Kirchenlied II (1967)

  1. Wir suchen dich mit Bangen in dem Gewirr der Zeit;
    o Herr, lass uns gelangen ins Reich der Ewigkeit!
    Lass uns in deinen Feuern als treu erfunden sein;
    hol uns in deine Scheuern als gute Ernte ein!
  1. Du hast dein Wort gegeben, wirst immer bei uns sein;
    schließ unser ganzes Leben in deine Liebe ein!
    Zeig uns, wie wir vertrauen, des Vaters Angesicht,
    dass wir ihn ewig schauen in seiner Glorie Licht!

Obwohl der Text dieses Liedes nur etwa 15 Jahre früher entstanden ist, zeigt er eine Sprache, die weit in die Vergangenheit zurückweist. Heil der Frommen beispielsweise stammt aus dem achtzehnstrophigen Lied „Die Zeit ist nunmehr nah“ von Paul Gerhardt. Auch Gewirr der Zeit und Glorie Licht sind Begriffe, die mindestens ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Hier geht es nicht um Freude und Fest, sondern um Bangen und in Feuern treu erfunden. Vertrauen und Liebe sind Voraussetzung für die Schau des Lichtes, bei Poppe wird dies alles ganz selbstverständlich erreicht. Für die christliche Wohngemeinschaft von jungen Frauen, die sie damals leitete, war dieser Ton sicher richtig. Das Lied von Thurmair/Lohmann war dagegen „für Einkehrtage, für eine Volksmission, zur Beichtvorbereitung und für die Fastenzeit“ gedacht.  Die Richtung des Wortes „Heimkehr“ im Titel ist hier klar: Die „Party ohne Ende“ findet im Himmel statt.

Anton Stingl jun.

Zum Schluss noch ein Tipp für ein Weihnachtsgeschenk:

75 Beiträge in kukikblog

75 Beiträge in »kukikblog« sind kein Grund zum Feiern (oder doch?), sondern vor allem ein Grund zum Aufräumen. Wer Ordung hält, ist zwar zu faul zum Suchen, gewinnt aber auch jede Menge an Lebenszeit. Wenn also jemand einen Beitrag aus den vergangenen 68 Monaten sucht, findet er ihn hier unter dem Titel, einem Schlagwort oder einer GL-Nummer. Viel Spaß dabei!
Ein besonderer Dank geht an Dr. Inga Behrendt für die Anregung zu dieser Liste und vor allem an Hildegard Morath-Hübner für ihr zuverlässiges Lektorieren der Beiträge und ihre zustimmenden Bemerkungen, wenn ihr ein Beitrag besonders gefiel.

Anton Stingl jun.

Titel Schlagwörter GL ediert
Wissenschaft versus Glauben? Barbara Stühlmeyer, Krystian Skoczowski, Lux aeterna, Requiem aeternam, Semiologie, Solesmes, UNA VOCE Gregorianischer Choral 2018-10-01
Drei ö-Lieder Bewahre uns Gott, Bewahrung der Schöpfung, Die Lieder des Gotteslob, Gott gab uns Atem damit wir leben, La paz del Senor, Solang es Menschen gibt auf Erden 425, 468, 453 2018-09-01
Eine „Königin“ mit Imageproblem? Amelie Tautor, Christ in der Gegenwart, CiG, Daniel Stickan, Die Klangwelten einer Königin, Karl-Heinz Göttert, Michael Gerd Kaufmann, SWR2 Cluster Orgel 2018-08-01
Verstörendes und eine Preisverleihung Godehard Joppich, Gregorianischer Choral, Jan-Eik Tulve, Vox Clamantis Preisträgerkonzert
für Godehard Joppich
2018-07-21
Fröhliche Lieder? Christ in der Gegenwart, Gregorianischer Choral, Introitus, Robert Vorholz, Zu Dir o Gott 142, 477, EG 169 Ps 8, 2/3 2018-07-17
Ist Jesus Christus noch der Herr? Hinkmar, Walter Röder 629,6
Phil 2, 6-11
2018-07-01
Osterschunkeln Albert Höfer, Die Lieder des Gotteslob, Georg Thurmair, Kirchenlied II Kl II, 37 2018-06-01
Der Fall „Georg Thurmair“ Georg Thurmair, Kirchenlied I, Kirchenlied II, Lieder des Gotteslob, O Licht der wunderbaren Nacht, Werkbuch zum Gotteslob, Wir sind nur Gast auf Erden 455, 500, 487, 551, 271, 334, 505, 529 2018-05-01
Missglückte Bergtour Konradsblatt, Peter Gerloff, Richard Mailänder, Meinrad Walter, Tabor 363, 375 2018-04-01
Amen, wir glauben Fritz Schieri, GGB 2009, Glaubensbekenntnis, Josef Seuffert 178 2018-03-01
Septuagesima Abschied vom Halleluja, Chartres, Durandus, Fastenzeit, Sonntage vor Ostern 176,2; 584,8; 175,2 2018-01-27
Ein Haifisch im II. Modus Erscheinung des Herrn, Albert Höfer, Herr der Könige der Erde, Silvestergespräche Kl II, 15 2018-01-01
Mit NGLs zum Exit Brot und Wein, neue Wege, Requiem, Silja Walter, Symbolum 77, Umweltschutz 456, 470, 468, Fr/Ro 854,
Fr/Ro 860
2017-12-01
Ein Halleluja für den Brexit anglikanische Kirche, England, For all the saints, Herr mach uns stark, Tempo 522 2017-11-01
Komm, Herr, mach mich schlau EG 170, GL 451, H moll-Messe, Heinrich Schütz. Aaronitischer Segen, Komm Herr segne uns, Lachen und Weinen 451 2017-10-01
Gegen den Strich Graduale, Köln, Marienfrede, Oberrhein, Soest, St. Gallen Illustrationen 2017-09-01
Goldene Hochzeit Peter Jansenss; Fintan O’Caroll; Christopher Walker; Petronia Steiner; Klaus Lohrbächer; Gerhard Tersteegen; Joachim Neander; Jacques Berthier; Magnificat; Martin Luther; Taizé Fr/Ro 715; 175,6; 167; Fr/Ro 744; 387; 390 2017-08-01
Stadt Land Orgel Dorforganist, Dorforgel, flotter Gesang, langsamer Gesang Orgel 2017-07-01
Singt dem Herrn ein neues Lied Adolf Lohmann. Kirchenlied II, Ars nova, Bela Bartok, Cantate, Dave Brubeck, Marienstatter Orgelbüchlein, Neues Geistliches Lied, NGL, Pentatonik 409 2017-06-01
Da pacem, Domine – Verleih uns Frieden gnädiglich Einsiedeln, Gregorianischer Choral, Joseph Klug, Martin Luther, St. Gallen 473, 475 2017-05-01
Österliches Halleluja Einsiedeln, Franziskaner, Hartker, Köln, Klosterneuburg, Medicea, Solesmes, Zwiefalten 175,2 2017-04-01
Irisches Halleluja Abschied vom Halleluja, Alleluia dulce carmen, Celtic Alleluia, Christopher Walker, Fintan O’Caroll, Irish Alleluia 175,6 2017-03-01
Martin Gotthard Schneider (1930−2017) Danke, Ein Schiff das sich Gemeinde nennt, Herr wir brauchen den Hirten EG 334, EG 169 2017-02-12
Musikalische Parallelwelten Ins Wasser fällt ein Stein, Irischer Segenswunsch, Kreuzungen, Kurt Kaiser, Möge die Straße uns zusammenführen, Neue Geistliche Lieder, NGL, Pass it on, Taizé NGL 2017-02-01
Gott loben in der Stille? Alfons Deissler, Günter Balders, Huugo Nyberg, Johann Sebastian Bach, Martin Luther, Psalm 65, zehnsaitige Harfe 399, 395, 274 2017-01-01
666 Marianische Antiphonen 666, Alma Redemptoris Mater, Ave Regina caelorum, Die Schönsten von allen, Regina caeli, Salver Regina, Wort-für-Wort-Übersetzung 666, 1-4 2016-12-01
Danke BWV 17, Chapelle de la Vigne, Danken, Danklied, Kurt Rommel, Martin Gotthard Schneider, Paul Ernst Ruppel, Rolf Schweizer 380, 382, 385, 402, 403, 405
EG 334
2016-11-01
Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört Adolf Fichter, GL 554, Gregor Frede, Johann Sebatian Bach, Kantate Nr. 140, Orgelbuch zum Gotteslob, Philipp Nicolai 554 2016-10-01
Segne dieses Kind – in Moll oder in Dur? Erna Woll, GL 636, Lothar Zenetti, Michael Schütz, Segne dieses Kind, Sequenz 210, 490 2016-09-01
Edith Stein 1916|2016 Edith Stein, P. Beda Grundl, Psalm 61, Roman Schleischitz 439 2016-08-01
Nicht weltlich, sondern geistlich Das Jahr steht auf der Höhe, Detlev Block, Jakob Steuerlein, Mit Lieb bin ich umfangen 465 2016-07-01
Der Teufel im Gotteslob? Eugen Eckert, Eugen Keilbach, Guido von Arezzo, Hexachord, Johann Sebastian Bach, Psalm 90, Schubert Winterreise, Sergej Andrewitsch Bazuk, Tritonus 434 2016-06-01
O Licht der wunderbaren Nacht Dominantseptakkord, Herbert Voß. Hans Leo Hassler, Johannes Brinkmann, Rainer Aberle, Tonsatz, Winfried Bönig 334 2016-05-01
Osterglocken Auferstehungsfeier, Christus ist erstanden, Dominikus Johner, Erich Przywara, Magnifikat, Nun läuten Osterglocken Fr/Ro 888, Fr/Ro 798, GL 318, 525, 337, 331, 533, 334, 325 2016-04-01
Alternativen Alternativmelodie, Erhabene Dreifaltigkeit, Herr nimm uns auch zum Tabor mit, Ich steh an deiner Krippe hier, O Welt ich muss dich lassen, Pange lingua gloriosi, Preise Zunge das Geheimnis, Selig wem Christus auf dem Weg begegnet 510, 101, 213, 159, 158, 256, 258, 257, 381, 369, 275, 484, 353, 147 2016-03-01
Lux et origo Gottes Stern leuchte uns, Licht das uns erschien, Seht ihr unsern Stern dort stehen, Singen wir mit Fröhlichkeit 113, 159, 158, 259, 262 2016-02-01
Falsche Töne – Orgelsätze zum Gotteslob 2013 (2) Bocksbeutel, Gregor Frede, Harald Kugler, Kar-Heinz Sauer, Michael Prätorius, Michel Praetorius, Orgelbuch, Peter Planyavsky 230, 204, 208 2016-01-01
Die Crux mit den Kehrversen Antwortpsalm, Kantorenbuch, Kehrvers, Lesung 312,7; 454; 517; 52,1; 558,1; 717,1; 527,1; 708,1; 651,3; 649,5; 31,1 2015-12-01
Ambrosius meets Schumann Hymnus, Te Deum, Vesper 628 2015-11-01
ADORO TE DEVOTE Adoro, Gotteslob 2013, Liber Usualis, Thomas von Aquin 497 2015-08-01
Wenn wir unsre Gaben bringen Gabenbereitung, Offertorium, Priestergebete Fr/Ro 738, GL 183, 186, 184, 187, 185, 188, 189 2015-07-01
CREDO – ICH GLAUBE Alan Wilson, Credo, Credo-Lied, Glaubensbekenntnis, Karl Norbert Schmid, Maria Luise Thurmair, Singmesse 122, 179, 354, 177, 178, 180 2015-06-01
Wie hältst du’s mit der Treue? antwortpsalm.de, Antwortpsalmen, Kehrvers, Münchener Kantorale, Münsterschwarzacher Psalter,  neues-kantorenbuch.de, SCHOTT-Kantorale, Schott. 529,7;
Ps 22(21),26a; 401
2015-05-01
Eierkohlennotation vs. Quadratnotation Eierkohlen, Graduale Romanum, Gregorianischer Choral, Kyrie, Lux et origo, Neumen, Quadratnotation, Sanctus, Semiologie 113, 115 2015-04-01
Man zeige alles, was man kann – 99 Euro (Teil 3) Christian Matthias Heiß, Clemens Ganz, Das ist der Tag den Gott gemacht, Domorganisten, Franz Stoiber, Großer Gott wir loben dich, Johann Gottfried Walther, Kündet allen in der Not, Klemens Schnorr, Lobpreiset all zu dieser Zeit, Martin Bernreuther, Orgelbuch, Stefan Schmidt, Winfried Bönig 218, 243, 221, 258, 268, 329, 380 2015-03-01
Falsche Töne? – Orgelsätze zum GOTTESLOB 2013 (1) Bernard Huijbers, Erwin Horn, GL 133, GL 377, GL 422, Heino Schubert, Karl-Heinz Sauer, Orgelbuch, Orgelsätze 377, 422, 133 2015-02-01
Das neue Gotteslob-Format Domorganisten, Eigenteil, Orgelbuch, Orgelsätze, Stammteil, Vorspiele 2015-01-01
Schon zu alt für „Modisches“? Andrew Lloyd Webber, Gotteslob 188, Jesus Christ Superstar, Raymund Weber, The Last supper 188 2014-11-30
99 Euro – Teil 2 Begleitsatz, Domorganisten, Metzler-Orgel, Orgelvertretungen, Peter Planyavsky, Vorspiel 479, 482, 478, 169, 197, 188 2014-11-11
Mit 99 Euro, da fängt der Ärger an! Domorganisten, GL 530, Gotteslob, Liedbegleitung, Liedsatz 530, 529 2014-11-01
Antwortpsalm – Falsche Antwort Antwortpsalm, Kantorenbuch, Kehrvers, Lektionar, Neues Psalmenbuch Psalm 25 Fehlanzeige 2014-10-01
Kyrietropen 1 Tropen zum Kyrie 163,8; 513 2014-09-06
Atemlos durchs Gotteslob Atemzeichen 186, 143, 332, 360 2014-09-01
Zieh an die Macht, du Arm des Herrn Kampf, political correctness, Thurmair 304 (GL 1975) 2014-08-03
Wer hat mein Agnus Dei geklaut? Agnus Dei, Credo, Sanctus 133, 136, 139, 203, 204, 208, 202, 205, 206, 207 2014-07-01
Das Neue am „Gotteslob“ Grafische Gestaltung, Margarethe Hopf, Romantik, Tanzen. 535, 568, 502, 545, 238, 336, 383, 489, 187, 145, 388, 418, 387, 93, 553, 323, 327, 330, 462, 331 2014-06-03
Meine Gesangbücher Magnifikat 1929, Kirchenlied 138,Magnifikat 1960, Kirchenlied II 1967, Gotteslob 1975, Beiheft zum Gotteslob 1985 2014-05-01
Zeige uns, Herr, deine Allmacht und Güte Freylinghausen 272 2014-04-01
Neue Lieder – alte Lieder Gottes Opferbrand, Statistik 382, 371, 250, 411, 359, 338, 547, 198, 224, 360, 261, 225, 383, 453, 259, 274, 430 2014-03-02
Und suchst du meine Sünde Schalom Ben-Chorin 274 2014-02-01
Stern über Betlehem Alfred Hans Zoller, She von Groov Coverage 261 2014-01-01
Wir ziehen vor die Tore der Stadt Tore, Vor-die-Tore-der-Stadt-Ziehen 225 2013-12-01
Nun sich das Herz von allem löste Jochen Klepper, Hans Jacob Hǿjgaard 509 2013-11-05
Wachet auf, ruft uns die Stimme Omnia habent tempora sua – Alles hat seine Zeit?

Geprägte Zeiten

554 2013-10-01
Choral am Ende der Reise Das neue Gotteslob auf Titanic-Kurs, Näher mein Gott zu dir 502, 241, 242, 228, 222, 94, 96, 482, 548, 552 2013-09-01
Singt unserm Gott, ja singt ihm, spielt im ein kunstvolles Lied! Kehrverse zu Psalmen im Gotteslob 48,1; 44,1; 72,1; 54,1; 664,5; 633,3; 80,1; 64,1 2013-08-01
Ehre sei Gott in der Höhe Hans Haselböck 166 2013-07-01
HALLELUJA, HALLELUNEIN Gotteslob, Gregorianischer Choral, Halleluja 174,3; 174,5; 174,7-8; 175,2, 175,4-5; 176,2; 584,8; 174, 2013-06-18
Ich seh empor zu den Bergen Lied ohne Worte Fr/Ro 847 2013-06-01
Atme in uns, Heiliger Geist Atme in uns Heiliger Geist, Esprit de Dieu, three chords 346 2013-05-01
Jesus lebt, mit ihm auch ich Christian Fürchtegott Gellert 336 2013-04-01
Holz auf Jesu Schulter Kyrie eleison 291 2013-03-01
Heilig, heilig, heilig Gott Oliver Sperling, Clangat hodie 200 2013-02-18
Seliger aus unsrer Mitte Bernhard von Baden, Großer Führer, Lob sei Gott der uns im Glanze Fr/Ro 910 2013-02-18
Kunst und Kitsch im Kirchenlied Magnifikat, Münsteraner Gesangbuch, Kirchenlied I, Gotteslob 2013-02-18

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Wissenschaft versus Glauben?

In der katholischen Zeitung „Die Tagespost“ vom 6. 6. 2018 berichtet die Hildegard-Forscherin Barbara Stühlmeyer, die als Oblatin des Benediktinerinnenordens ein besonderes Verhältnis zum Gregorianischen Choral hat, von einem musikalischen Projekt in Liechtenstein, bei dem der Kirchenmusiker Krystian Skoczowski mit der Schola „Lux aeterna“  im Laufe eines Jahres die Gesänge der Messe für Verstorbene einstudierte. Skoczowski gilt bei der Vermittlung des Gregorianischen Chorals als Anhänger der Zwei-Methoden-Theorie. Für Laien präferiert er die herkömmliche Aufführungspraxis nach der Schule von Solesmes, den Profis ist jene Interpretation vorbehalten, die sich auf die Semiologie beruft, wobei Skoczowski gleichzeitig in seinem großen Artikel „Möglichkeiten und Grenzen der gregorianischen Semiologie in der liturgischen Aufführungspraxis”, der 2011 in der katholischen UNA VOCE Korrespondenz erschien, bezweifelt, dass die Semiologie das überhaupt leisten kann, was sie verspricht. Seine Hörerlebnisse in den Klöstern Marienstatt im Westerwald und Clervaux (Luxemburg) bringt er mit folgender Aussage auf den Punkt: „Hier bringen Menschen nicht Forschungsergebnisse, sondern ihren Glauben zum Klingen.“  Das Paradoxe daran ist, dass der Gesang der Mönche aus diesen Klöstern ebenfalls auf Forschungsergebnissen beruht, die allerdings bereits 150 Jahre alt sind. Am Beispiel des Introitus Requiem æternam aus der Messe für Verstorbene soll hier ein Überblick über die Forschungen gegeben werden, die seit jener Zeit unternommen wurden.

Nach dem Konzil von Trient 1577/78  erschien als Privatausgabe 1614 das Graduale de tempore, das unter dem Namen der Druckerei Medicæa bekannt wurde. Es wurde in Deutschland vom Verlag Pustet in Regensburg bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts nachgedruckt.

1614 Medicaea

Graduale de Tempore (Medicæa) 1614

Nach der Wiedergründung des Klosters St-Pierre in Solesmes 1833 waren die Mönche bestrebt, die ursprünglichen Melodien des Gregorianischen Chorals wiederzuentdecken. Ihre Forschungen und ihr Bemühen um Restitutionen fanden ihren Niederschlag im Liber Gradualis von Dom Pothier 1883. Beim Introitus Requiem æternam wurden gegenüber der Medicæa folgende Veränderungen vorgenommen: aeternam Verdoppelung von sol, dona eis andere Textunterlegung, Domine Antizipation und andere Textunterlegung, perpe-tua andere Textunterlegung, lu-ce-at je ein Ton weniger.

1883 Liber Gradualis-bz

Liber Gradualis 1883

Da der Verlag Pustet 1908 mit seiner Medicæa-Ausgabe den Wettlauf mit derjenigen von Solesmes verlor, mussten beim Erscheinen des neuen Graduale Romanum (Editio Vaticana) die Sänger und Sängerinnen notgedrungen umlernen.

1908 Vaticana

Graduale Romanum (Editio Vaticana) 1908

Das Kloster in Solesmes gab in der Folge eine eigene Privatausgabe des Graduale Romanum heraus, die mit eigenen – zum Teil choralfremden – Angaben versehen waren: Der Punkt, die mora vocis zum Verweilen der Stimme, das Episem, ein waagrechter Strich, zur Dehnung eines Tones und der Ictus, ein senkrechter Strich, der eine Solesmenser Theorie von Solesmes zum zum Rhythmus des Gregorianischen Chorals stützen sollte. Spätestens seit dem Erscheinen des neuen Antiphonale 2005 hat sich Solesmes von dieser Theorie verabschiedet und druckt die Zeichen nicht mehr. Es erübrigt sich also, weiter von ihnen zu reden.

1979 Solesmes

Neuausgabe Solesmes 1979

Als nach dem zweiten Vatikanischen Konzil eine neugeordnete Ausgabe des Graduale Romanum notwendig wurde, trug P. Rupert Fischer zu Studienzwecken in diese Ausgabe von 1979, das sogenannte Graduale Triplex,  die Neumen von St. Gallen und Laon (Ende 9. Jh./Anf. 10. Jh.) ein, bei den St. Galler Neumen vorzugsweise die des Cantatoriums 159 (um 922-925) und des Graduale Einsiedeln 121 (um 960‒970). Da der Introitus Requiem æternam ein vergleichsweise junger Gesang ist, ist er nicht in allen alten Handschriften enthalten. Deshalb wählte P. Rupert außer der Handschrift Laon die St. Galler Handschrift 339 (um 980/1000).

1979 Triplex

Graduale Triplex 1979

Die Neumen im Graduale Triplex zeigen bei e-is und et lux perpetua luceat Differenzen mit der Quadratnotation an. Deshalb sahen die Mitglieder der Gruppe „Melodierestitution“ der deutschsprachigen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Studien des Gregorianischen Chorals hier Handlungsbedarf.

2011 GrN-bz

Graduale Novum 2011

Da die Handschrift aus Laon ca. 100 Jahre älter ist als St. Gallen 339, restituierte man an den oben genannten Stellen nach Laon.

Bleibt noch Skoczowskis Stoßseufzer in seinem Artikel in der UNA VOCE Korrespondenz: „Hinzu kommt das praktische Problem, dass die Sänger … neben dem lateinischen Text, dem Quadratnotentext und dem Dirigat auch mindestens eine Neumenschrift gleichzeitig mitverfolgen müssen.“ Nach 27 Jahren Erfahrung mit der Choralschola Freiburg – garantiert alles Laiensängerinnen und Laiensänger –  kann ich versichern, dass es keine Leseschwierigkeiten gab. Im Gegenteil, bei Gesängen ohne Neumen fehlten der Schola wichtige Informationen. Allerdings war die Neographie von http://www.gregor-und-taube.de eine große Hilfe, um das Auge zu entlasten. Weil aber im Graduale Novum aus wissenschaftlichen Gründen zwei Neumenschriften abgedruckt sind, die sich nur an wenigen Stellen unterscheiden, kann sich dort die Neographie jeweils nur auf eine der beiden Neumenschriften beziehen. Ich habe mir deshalb erlaubt, im Introitus Requiem æternam an diesen Stellen die Neumen von Laon in St. Galler Neumen zu „übersetzen“.

Zum Schluss muss noch über die wichtige Frage gesprochen werden, was der Gregorianische Choral eigentlich soll? Soll er „Türöffner zur katholischen Tradition sein“ oder „den Glauben zum Klingen bringen“? Die Kirche jedenfalls gibt in ihrer Liturgiekonstitution ein höheres Ziel vor, „nämlich die Ehre Gottes und die Heiligung der Gläubigen“. Und dazu dient keine „erleichterte“ Choralversion, die man mit dem großen Konvent von Solesmes singen kann. Hier zählt nur das unermüdliche Streben, der ursprünglichen Gestalt des gregorianischen Gesangs möglichst nahe zu kommen. Nur die Neumen zeigen den richtigen Weg, um den Text der Bibel sinngemäß zum Erklingen zu bringen. Ein paar Beispiele aus dem Introitus sollen das beweisen. Das Episem über der Virga am Anfang bereitet die Ruhe (requiem) vor, nach welcher der Akzentpes erst erklingen darf. Denselben Effekt hat der Salicus mit Episem vor der Akzentsilbe von aeternam. Der Epiphonus vor lux bewirkt durch Antizipation bei gleichzeitiger Verzögerung, dass das Licht umso stärker leuchten kann. Ebenso verzögert der augmentativ liqueszierende Pes die Akzentsilbe von perpetua, um dem „Immerwährenden“ Ausdruck zu verleihen.

Wenn zum Schluss des Berichtes „Hören, Singen und Glauben“ von Barbara Stühlmeyer zu lesen ist, dass sich Krystian Skoczowski „mit der gesamten Bandbreite der Tradition auskennt“, so ist zu hoffen, dass er den Satz von Thomas Morus nicht außer Acht lässt: „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“.

Anton Stingl jun.

Drei ö-Lieder

Ferienzeit – Urlaubszeit auch für Organisten! Deshalb gab es für mich am 19. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) Gelegenheit zu zwei Orgelvertretungen in anderen Kirchen. Auf dem Liedzettel standen statt der erwarteten Vorschläge zu Eröffnung, Gabenbereitung und Dank, die sich in erster Linie auf das Thema „Brot“ in den Lesungen des Sonntags beziehen sollten, zu meiner Überraschung drei Lieder mit dem Logo „ö“, die zufälligerweise alle drei auf evangelischen Kirchentagen bekannt wurden: Solang es Menschen gibt auf Erden 1975 in Frankfurt am Main, Gott gab uns Atem, damit wir leben 1983 in Hannover und Bewahre uns, Gott 1985 in Düsseldorf.

Mit seiner Melodie  von Tera de Marez Oyens-Wansink, die außer in der dritten Zeile nur aus fünf Tönen besteht, und seinen eleganten Synkopen ist das Lied Solang es Menschen gibt auf Erden mit dem Text von Huub Osterhuis seit seinem Erscheinen im Gotteslob 1975 einzigartig. In der Ausgabe von 2013 wollten die Herausgeber der zunehmenden Überalterung der Katholiken Rechnung tragen und setzten deshalb die Melodie einen Ton tiefer. Offenbar blieben aber die Bearbeiter des Orgelbuchs standhaft und ließen es bei der Originaltonart F dur. Das „Rufen“ in der 5. Strophe muss sich Gehör verschaffen. Es gibt sogar zwei Begleitsätze, als Satz B den Satz aus dem alten Orgelbuch, der so wunderbar zur Melodie passt, und einen neuen Satz A für diejenigen, die es etwas schärfer gewürzt mögen. In der stimmigen Übertragung von Dieter Trautwein, die das Evangelische Gesangbuch unter der Rubrik ‚Erhaltung der Schöpfung‘ einordnet, ist in der vierten Strophe sogar noch ein kleiner Bezug zur Sonntagsliturgie zu finden: Brot, das uns vereint.[1]

Den Bearbeiter der Liedvorschläge für den 19. Sonntag hat das Thema ‚Bewahrung der Schöpfung‘ offenbar besonders stark beschäftigt. So hat er mit Gott gab uns Atem, damit wir leben versucht, das Thema ‚Gabenbereitung‘ abzudecken. Gaben Gottes sind Atem, Augen, Ohr, Worte, Hände, Füße. Aber sind diese Gaben bei der Gabenbereitung gemeint? Etwas überraschend ist auch die Rede von der möglichen Zerstörung der Erde durch Gott. „Gut gemeint, aber poetisch nicht zu Ende gemachter Versuch.“[2]

Bei der Notation der Melodie fällt auf, dass die Taktstriche falsch gesetzt sind. Die Silbe nach dem Taktstrich trägt nach allgemeiner Überzeugung die stärkste Betonung. Obwohl ich bestimmt gottgläubig bin, liegen die Hauptbetonungen nicht bei Gott, sondern bei Atemleben / Augensehn / diesegegeben / ihrbestehn. Dann entfalten auch die rhythmischen Zutaten, die Bruckner-Triole in der zweiten Zeile und die beiden Synkopen in der vierten und sechsten Zeile, am rhythmisch richtigen Platz ihre Wirkung.

Mit Bewahre uns, Gott stammt das vorgeschlagene Danklied mit Text und Melodie aus der völlig falschen Kiste. Das Lied mit dem ursprünglich spanischen Text La paz del Señor entstand 1968 im Horizont der Friedensbewegung und ist von argentinischen Volksweisen beeinflusst. Die deutsche Übertragung von Jürgen Eckert ist besonders bei We-geeeeen, Lei-deeeeen, Bö-seeeeen und Se-geeeeen nicht gelungen. Die Zeile Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft hieß ursprünglich Sei Willen und Kraft, die Frieden schafft. Diesen grammatikalischen Fehler konnten Germanisten nicht dulden. Da schafft sich auf Kraft reimen muss, musste Willen weichen. Willen hätte viel besser die Verbindung dieser Zeile zur Vaterunserbitte gezeigt: sei mit uns vor allem Bösen.

Auch wenn das Lied bei der öffentlichen Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs in Winnenden am 11.03.2009 gesungen wurde, ist es aus drei Gründen als Danklied der Messe ungeeignet. Der Text ist kein Danklied, wie man in der Rubrik ‚Lob, Dank und Anbetung‘ von Te Deum laudamus – Großer Gott, wir loben dich bis Erde, singe nachprüfen kann. ‒ Vorsicht! Unter den Liedern sind zwei blinde Passagiere aus der Schubert-Messe versteckt. ‒ Zweitens verkörpert das Lied den Typ des Segensliedes – Gib Herr, uns deinen Segen –, der in der Zeit der Aufklärung in den deutschen Singmessen verkörpert wurde und der heutzutage nicht mehr zur Messliturgie gehört. Und drittens, wenn bei Bewahre uns, Gott im Spanischen der Optimismus eines Aufbruchsliedes herrscht, dann ist im Deutschen die Stimmung wehmütig wie vor einem schweren Weg.[3] Da nützt auch der Sonntagsgruß des Priesters nichts mehr.

Anton Stingl jun.

[1] Mehr zu diesem Lied – eines meiner Lieblingslieder – findet sich im Artikel von Michael Pfeifer in: Die Lieder des Gotteslob, S. 1030ff.

[2] Ansgar Franz und Elke Liebig in: Die Lieder des Gotteslob, S. 376.

[3] Christiane Schäfer und Hermann Kurzke in: ‚Die Lieder des Gotteslob‘, S. 80ff.