Und wann kommt der Choral?

… fragte mich die evangelische Religionslehrerin, als ich beim Kollegenausflug 2003 in Ettenheimmünster auf der Silbermannorgel mein Konzert mit der Choralbearbeitung „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ und dem Präludium Es-Dur von Johann Sebastian Bach beendet hatte. Warum hat die Kollegin den Choral nicht gehört?

Wenige Jahre vor Bachs Tod hat der Notenstecher Georg Schübler den Thomaskantor Bach veranlasst aus Kantatensätzen sechs Stücke auszuwählen und möglichst leicht spielbar für Orgel zu bearbeiten. Die Bearbeitung von „Wachet auf“  hat nur drei Stimmen, die Oberstimme (ursprünglich für Violinen I & II und Viola) in der rechten Hand, die Singstimme des Tenors in der linken Hand, die Bassstimme (ohne die Begleitakkorde) im Pedal. Auf der Silbermannorgel hatte offensichtlich die Oberstimme mit einer Cornetmischung auf dem Positiv die Mittelstimme mit der Trompette/Basson auf dem Hauptwerk übertönt. Mittelstimmen sind bekanntermaßen schwerer zu hören als Ober- und Unterstimmen.

Auch in der Sendung „SWR2 Lied zum Sonntag“ am 30. Mai 2021 mit Klaus Nagorni von der evangelischen Kirche in Karlsruhe dominierte die Oberstimme, die dort in der Version der Sängerin Noa mit eigenen Text erklang.  

If all of the angels sang together surely, they’d say: we need you!
If all of the angels stood together they would embrace and greet you.
Some say, everything has always been this same, but they wouldn’t if they had a chance to meet you…
Now daylight is fading, and I will be waiting,
For you to send a sign from where the wind has taken every song every smile your spirit has awakened, sunrise birds singing out Halelluya, Halleluya.

Wenn alle Engel sicher zusammen sangen, würden sie sagen: Wir brauchen dich!
Wenn alle Engel zusammenstünden, würden sie dich umarmen und begrüßen.
Manche sagen, alles war schon immer so, aber sie würden es nicht tun, wenn sie die Chance hätten, dich zu treffen…
Jetzt verblasst das Tageslicht und ich werde warten,
Damit du ein Zeichen schickst, von wo der Wind jedes Lied genommen hat, jedes Lächeln,das dein Geist erweckt hat, Sonnenaufgangsvögel, die Halleluja singen, Halleluja.

Wenn man genau hinhört, liegt der Bearbeitung,  die Noa singt, nicht das „Choralvorspiel“ zugrunde, sondern der 4. Satz aus der gleichnamigen Kantate; denn man hört ganz deutlich die Begleitakkorde in der Gitarre. In Musik 1 und 2 ist vom Choral nichts zu hören. Erst Musik 4 lässt ab Takt 64 ganz im Hintergrund, von einem Streichinstrument gespielt, die letzten Zeilen der Choralmelodie erahnen:

Wir folgen all zum Freudensaal
und halten mit das Abendmahl.

Was der Text der Sängerin mit dem Choral zu tun hat, hat sich mir leider nicht erschlossen.

https://www.noasmusic.com/post/all-of-the-angels-letters-to-bach-lyrics

Die Bearbeitung von Murray Perahia in Musik 3 dagegen beruht auf dem Choralvorspiel wie auch die Bearbeitung meines Vater Anton Stingl (1908-2000) für Gitarre.

http://www.anton-stingl.de/Bach-Stingl-_Wachet_auf.mp3

Anton Stingl jun.

Glauben können wie du

Zum Abschluss des Marienmonats Mai veröffentlichte das Konradsblatt in der Nummer 21 vom 23. 5. 2021 ein Mariengebet des Franziskanerpaters Helmut Schlegel in der Vertonung von Joachim Raabe (GL Limburg 885).

Das Besondere an diesem Text sind die biblischen Marienzitate, die jeweils gegen Ende der drei Strophen eingebunden werden. Für den Kirchenmusiker Joachim Raabe war es nicht leicht, für ein solches Gebilde aus Eröffnungs- und Schlusszeile, den zum Zitat führenden Text und den Zitaten die passende Melodie zu finden. An einigen Stellen hätte ich mich für eine überzeugendere Lösung entschieden.

Die Melodie der 1. Zeile ähnelt sehr dem Weihnachtslied „Leise rieselt der Schnee“. Wenn man die 4. und 5. Note vertauscht, erhält man genau den Anfang dieser Melodie. Die Korrektur vermeidet diesen Bezug und verstärkt durch die Kadenz die Text-Devise der Einleitung „… können wie du“.

In der 2. Zeile erzeugt die Tonwiederholung im 1. Takt eine zu starke Betonung auf der Zählzeit 4. Durch Tiefertransposition der 2. Takthälfte ergibt sich zusätzlich ein Terzsprung auf die 1 des nächsten Taktes, was die Sinnspitze an dieser Stelle unterstützt.

In der 3. Zeile und am Anfang der 4. Zeile stören erneut Tonwiederholungen den Melodiefluss. Durch Vermeidung der Repetition wirkt die Melodie organischer und verzichtet auf zu starke Betonungen.

Am Ende der 4. Zeile stellen die Zitate den Komponisten vor ein unlösbares Problem. „Mir geschehe dein Wort“ (vgl. Lk 1,38) beginnt eigentlich mit einer unbetonten Silbe. Also müsste auf der 1 eine Pause sein. Die Betonung auf 1 ist eine Notlösung. „Großes hat er getan“ ist eine Kurzfassung von „Denn der Mächtige hat Großes an mir getan“ (Lk 1,49). Weil im Original „mir“ betont ist, muss im Lied das entsprechende Wort „er“ betont sein. Wenn man bei beiden Zitaten unter Umständen die vorhandenen Lösungen akzeptieren kann, ist das beim 3. Zitat aus Joh 2,5 auch  bei bestem Willen nicht möglich. Bei „Was er euch sagt, das tut!“ liegen die Betonungen auf  „er“ und „sagt“, nicht auf „euch“. Eine Vertonung ohne Auftakt ist nicht zu realisieren. Die Betonung von „was“ auf der 1 ist nur die zweitbeste Notlösung. Die zusätzliche Transposition nach d-Moll versetzt die Zitate aus der durbetonten Sphäre der Melodie des NGLs in eine andere – biblische – Ebene. Außerdem wird aus der kraftmeierischen Quinte zur Schlusszeile eine menschlichere Quarte, die besser zu „So will ich…“ passt.

Anton Stingl jun.

Nun jauchzt dem Herren, alle Welt

Die Sendung von „SWR2 Lied zum Sonntag“ am 16. Mai 2021 hatte das Lied „Nun jauchzt dem Herren, alle Welt“ zum Thema. Das Lied stellt in seiner ursprünglichen Form die Bereimung von vier Versen aus Psalm 100 dar. Die erste Strophe sang der Domchor München, was die Autorin Karoline Rittberger-Klas als „feierlich und gleichzeitig beschwingt“ empfand.

Wenn man den kräftigen Gesang des Domchores, der das Lied auch noch einen Ton höher sang, als feierlich empfindet, dann mag die Autorin Recht haben. Beschwingt war der Gesang auf keinen Fall. In einem Dreier-Takt wie hier im GOTTESLOB (144) notiert oder in einem ⁶/₄-Takt wie im Evangelischen Gesangbuch sind die unbetonten Silben unbedingt leicht zu nehmen. Doch davon konnte in München keine Rede sein. Da wurde im Sinne der fünften Strophe einfach nur „mit lauter Stimm“gesungen. Das Motto  des SWR „(Gesangs)Kultur neu entdecken“ verwirklichte erst in der dritten Strophe der Projektchor [der Evangelischen Emmausgemeinde] Karlsruhe. Zurückhaltend in der Originaltonart C-Dur schwingt die Melodie im regelmäßigen Wechsel von unbetonten und betonten Silben.

Es bewahrheitet sich leider immer wieder, dass in der evangelischen Kirche eine bessere Gesangskultur herrscht als in der katholischen Kirche, was unter anderem damit zu tun hat, dass  zumindest im Süden Deutschlands die evangelische Kirche frühzeitig für hauptamtliche Kantoren gesorgt hat, während es beispielsweise 1966 in der Erzdiözese Freiburg nur drei hauptamtliche Stellen gab, wovon zwei am Freiburger Münster installiert waren.

https://www.kirche-im-swr.de/?page=beitraege&sendung=16

Anton Stingl jun.

Lied zum Sonntag

Die Sendereihe des SWR2 Lied zum Sonntag bot bisher bereits zum Frühstück einen wertvollen Ersatz für das kirchliche Gesangsverbot während der Pandemie. Während früher hauptsächlich Gesänge aus dem Bereich des Neuen Geistlichen Liedes in der Sendung erklangen, griffen die Autoinnen und Autoren jetzt auch auf altbewährtes kirchliches Liedgut zurück wie Heilig von Franz Schubert, Der König siegt, sein Banner glänzt, Hilf Herr meines Lebens, Wer leben will wie Gott, Dein Lob Herr ruft der Himmel aus, Der Morgenstern ist aufgedrungen, Wie schön leuchtet der Morgenstern, um entsprechende Beispiele von Anfang des Jahres bis heute zu nennen.

Doch heute am 18.4.2021 geschah etwas Merkwürdiges. Als Klaus Nagorni den Titel der heutigen Sendung ansagte „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“, dachte ich – wie vermutlich viele – an den bekannten Kanon von Albert Thate (1935) der dank der Liste ökumenischer Lieder weite Verbreitung gefunden hat.

Doch entweder hatte der Sender diesen Kanon nicht im Archiv oder für Nagorni war der Kanon ein zu ärmliches musikalische Gewand für seine Ausführungen zu der Stelle aus dem Lukas-Evangelium. Anstelle des Kanons hörte man Ausschnitte aus dem ersten Satz der Kantate Nr. 6 Bleib bei uns, denn es will Abend werden von Johann Sebastian Bach.  Die Kantate komponierte Bach für den Ostermontag, dessen Evangelium der Text entnommen ist. Somit hätte die Sendung eigentlich am Ostermontag ihren Platz gehabt. Doch leider ist der Montag kein Sonntag.

Es wäre zu wünschen, dass die Sendung Lied zum Sonntag in Zukunft bei der Definition des Wortes Lied wieder etwas genauer wird. Lied ist alles, was in einem Liederbuch steht oder im Internet zu finden ist. Ich empfehle einen Blick auf Frankreich, wo seit den 1830er Jahren mit le lied das Kunstlied deutscher Prägung bezeichnet wird.

In dieser schweren Zeit

https://www.youtube.com/watch?v=tzyxmmf910o

Schon vor längerer Zeit hatte ich nach einem Song gesucht, der die Corona- Zeit als Thema hat. Das Lied mit dem Text von Franz-Thomas Sonka und der Melodie Norbert M. Becker ist zwar schon während der ersten Welle entstanden, aber auch in der zweiten Welle noch immer aktuell.  Der Text unterscheidet sich wohltuend von den üblichen NGLs, bei denen das individuelle Ich im Vordergrund steht. Hier kommt tatsächlich Gott zu Wort. Die Strophen sind in der Textverarbeitung äußerst sparsam. In dieser schweren Zeit; Hab keine Angst; So spricht den Gott in diesen Tagen werden mehrfach wiederholt. Es kommen einige Punkte zur Sprache, die jeden betreffen: Dunkelheit, Einsamkeit und Sicherheit. Der Refrain spricht in verschiedenen zum Teil personalisierten Zitaten von der Gegenwart Gottes: Ich bin bei dir (euch) alle Tage (Matthäus 28, 20), meinen Segen schenk ich dir (Frieden gebe ich euch; Johannes 14, 27), Niemals lass ich dich im Stich (Hebräer 13, 5; 5. Mose 31, 6.8), Fürchte dich nicht (Jesaja 41, 10).

Der „schweren Zeit“ entsprechend sind die Strophen in Moll gehalten. Der Sänger hält zweimal nachdenklich inne, während die Begleitung in ihren einfachen Harmonien weiterschreitet. Hoffnung auf Besserung glimmt auf, wenn Gott in diesen Tagen mit großen Intervallen in Halben angekündigt wird.  Denn dann kommt bei Ich bin bei dir alle Tage tatsächlich Stimmung auf mit dem „Duke of Cumberland’s March“.

Die nachfolgenden großen Intervalle in Halben bei Glaube und vertraue mir sind schon vom Strophenende bekannt. Etwas einfältig und dem Gotteswort nicht ganz angemessen wirken die unisonischen Halben bei Niemals lass ich dich im Stich. Im ¾-Takt klingt die Stelle im „Grotvalsen“ so:

In der nächsten Zeile erklingt zur Textwiederholung eine etwas melodiösere Variante. Mir scheint, dass sich die Melodie des Songs zu sehr in Abhängigkeit der sie begleitenden Akkorde bewegt.

Hoffen wir, dass aus der „schweren Zeit“ bald wieder eine „beschwingte“ Zeit wird und die Lieder von vornherein in Dur klingen dürfen.

Anton Stingl jun.

Ich bin der Weinstock

Der Abschnitt aus dem Johannesevangelium im 15. Kapitel, Vers 1-8 trägt in der Lutherbibel die Überschrift „Der wahre Weinstock“. Die Einheitsübersetzung betont mit ihrem Titel „Die zweite Abschiedsrede“ die Funktion und mit „Einheit mit und in Jesus“ die Intention, die dem Abschnitt zugrunde liegt. Die gängigen Liedvertonungen dieser Verse haben vor allem den Vers 5 im Blick: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht“. So auch die Vertonung von Hildegard Enders-Karner, die in ihrer Eigenschaft als Lehrerin für Religion und Musik anlässlich einer Erstkommunion 2003 den Text bearbeitet und vertont hat. Er wird hier dem originalen Bibeltext gegenübergestellt.

Strophe 1: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Früchte könnt ihr bringen nur durch mich.
Wenn ihr in mir bleibt, schenk ich euch Leben,
Meine treuen Jünger segne ich.

Vers 5: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.

Strophe 2: Wer nicht in mir bleibt, kann nichts vollbringen,
keine gute Tat, kein gutes Wort.
So wie die Rebe ohne den Weinstock
keine Früchte bringt
und dann verdorrt.

Vers 6: Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.
Vers 4: Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt.

Strophe 3: Wenn ihr in mir bleibt, habt ihr das Leben.
Bittet, worum immer ihr auch wollt.
Dann wird mein Vater euch alles geben,
dass ihr seine Huld erfahren sollt.

Vers 7: Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten. Vers 8: Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.

Refrain: Und die Früchte, die wir bringen,
sollen unsre Taten sein.
Helfen und teilen, gut sein und trösten
können wir mit Jesus nur allein.

Die Bearbeitung von Jesu Abschiedsrede durch Hildegard Enders-Karner umfasst offensichtlich nicht den in Gotteslob 2, Nr. 827 angegeben Abschnitt Joh 15, 1-8, sondern nur die Verse 4‒8.

In der 1. Strophe ist die erste Zeile ein wörtliches Zitat aus Vers 5 und die zweite Zeile eine freie Überarbeitung des letzten Teils dieses Verses. Die dritte Zeile beginnt mit einem leicht veränderten Zitat vom Anfang des zweiten Satzes. Dem folgt ein frei erfundenes Lebensversprechen, das auch in der 3. Strophe verwendet wird. In der vierten Zeile werden aus den Jüngern von Vers 8 „treue“ Jünger, eine nichtbiblische Bezeichnung. Von Segnungen ist im Neuen Testament nirgends die Rede. Aus den Psalmen ist beispielsweise ein Segenswunsch wie „Es segne dich der Herr vom Zion her“ (Ps 128,5; 134,3) bekannt:

Die 2. Strophe eröffnet mit einem Zitat aus dem Anfang von Vers 6, an das sich aber  nicht das Gleichnis von der Rebe anschließt, sondern ein Rückgriff auf das Ende des Verses 5 und sehr allgemein gehaltene Worte von „guter Tat“ und „gutem Wort“. Die 3. Zeile und  der Anfang der 4. Zeile nehmen Bezug auf den Mittelteil von Vers 4. Am Ende der Strophe hat das ursprüngliche Subjekt von „verdorrt“ gewechselt. In Vers 6 heißt es „Wer nicht in mir bleibt, wird weggeworfen und er verdorrt“. Daraus wird „So wie die Rebe … keine Früchte bringt und dann verdorrt“. Statt den drastischen Folgen für den Menschen zu zeigen, wird nur das Bild von der Rebe übernommen.

Die 3. Strophe zitiert am Anfang Vers 7 und fährt mit dem schon erwähnten Lebensversprechen aus der 1. Strophe weiter. Die 2. Zeile bringt ein weiteres um des Rhythmus willen ein wenig umgeformtes Zitat aus Vers 7. Der Begriff „Mein Vater“ aus Vers 8 erhält einen völlig anderen Sinn. Dort wird er dadurch verherrlicht, „dass ihr reiche Frucht bringt“. Im Lied wechselt der Vater vom Verherrlichten zum Alles-Geber, der uns seine Huld erfahren lässt.

Der Refrain knüpft an Vers 8 an und macht Vorschläge, was wir als „Jünger“ nur mit Jesus allein tun können: „helfen, teilen, gut sein und trösten“. Hat Jesus das in seiner Abschiedsrede wirklich gemeint? Ging es nicht vielmehr um die „Einheit mit und in ihm“? Geschäftigkeit allein genügt da nicht. Der Text ist anlässlich einer Erstkommunion entstanden, bei der man die Kinder nicht überfordern wollte. Es dürfte überhaupt schwierig sein, einen Text mit Jesusworten in eine moderne Form zu gießen, ohne den Text zu verfälschen.

Gotteslob 2, Nr. 627

Die Melodie hat die Form von zweimal 8 Takten, Strophe und Refrain. Die Strophenmelodie hat die Form a b a c, die des Refrains d e a c. Die Eröffnungszeile a dominiert, denn sie wird insgesamt dreimal verwendet.

Die Sequenz im zweiten Takt der Eröffnungszeile Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben lässt an Hierarchie denken: Weinstock oben, Reben unten. Auch in den beiden andern Strophen besteht dieses Gefälle: in mir – kann nichts, in mir – habt ihr. Die vier gleichen Töne h zu Beginn der zweiten Zeile sind keine sehr einfallsreichen musikalischen Früchte. Ein g am Anfang könnte die Melodie beleben und die folgenden drei Achtel etwas entlasten. Der Ton würde sich auch in die vorgegebene Harmonie einfügen. Mit demselben Ton wie die zweite Zeile beginnt auch der Refrain und erreicht bei „bringen“ den höchsten Ton des Lieds. Hier stellt sich die Frage: Wie komme ich von dem Ast herunter, auf den ich geklettert bin? Auf der Tonleiter stufenweise abwärtszusteigen und damit auch auf der unbetonten Silbe zwei Töne zu verteilen, halte ich für keine gute Lösung. Man sollte lieber den Mut haben zu einem kleinen Sprung von der halben Note d zu halben Note a. Die übrigen 44 Achtel bringen genügend Bewegung in das Lied.

Nebenbei: Die Lieddichterin und -komponistin Hildegard Enders-Karner darf nicht verwechselt werden mit der Pianistin Hildegard Clara Enders aus Rostock. Beide haben zufällig in Mainz studiert.

Anton Stingl jun.

Hilf, Herr, Dieter Bohlen

Nein, in der Überschrift ist kein Komma zu viel, denn sie bezieht sich auf das Lied „Hilf, Herr meines Lebens“. Dort wäre ein zweites Komma unangebracht. „Hilf, Herr meines Lebens“ ist eines der wenigen Lieder, die von der ersten Welle der „neuen geistlichen Lieder“, die 1972 von der Evangelischen Akademie Tutzing ausging, bis heute überlebt hat.

Hilf, Herr meines Lebens“ muss der Songwriter Dieter Bohlen gekannt haben, als er 1985 für Modern Talking seinen Song „Cheri Cheri Lady“ schrieb. Hat er das Lied bereits 1965 auf dem Evangelischen Kirchentag, durch den es allgemein bekannt wurde, kennengelernt? Eher unwahrscheinlich, da Bohlen zu diesem Zeitpunkt erst 11 Jahre alt war. 1975 erschien das Lied im katholischen Gesangbuch Gotteslob (Nr. 622). In den zehn Jahren bis „Cheri Cheri Lady“, als sich das Lied auch im katholischen Bereich verbreitete, könnte es auch Dieter Bohlen zu Ohren gekommen sein.

Wenn Sie jetzt die Aufnahme von „Cheri, Cheri“ Lady mit  Modern Talking hören, dann achten Sie besonders auf den zweiten Teil des Refrains:

Cheri Cheri Lady
Like there’s no tomorrow
Take my heart, don’t lose it
Listen to your heart

Cheri Cheri Lady
To know you is to love you
If you call me baby
I’ll be always yours

Beim Vergleich des Refrains mit der Melodie des Liedes (GL Nr. 440) ab Takt 3, werden Sie sicher feststellen, dass diese Takte vollständig in „Cheri Cheri Lady“ wieder auftauchen. Um auf die üblichen 8 Takte zu kommen, hat Bohlen die Takte 3 und 4 wiederholt. Die beiden letzten Takte führte er beim ersten Mal noch nicht zum Grundton d, sondern zur Quinte a.

Gotteslob Nr. 440

Während die Melodie dieser Takte relativ unverändert übernommen wurde, gerät der Text in eine völlig andere Sphäre. Bereits 1970 hat Markus Jenny den etwas negativen Formulierungen von Gustav Lohmann eine etwas positivere Fassung entgegengesetzt:

2. dass ich etwas wage                       
3. dass ich nicht gebunden
4. wollst mich dahin leiten

Bei Dieter Bohlen hört sich das dann so an:

Cheri Cheri Lady!
Als ob es kein Morgen gäbe,
Nimm mein Herz, verlier es nicht,
Hör auf dein Herz,

Cheri Cheri Lady!
Dich zu kennen heißt dich zu lieben.
Wenn du mich Baby nennst,
Ich werde immer dein sein.

Die Melodie, die der Musikwissenschaftler Hans Puls verfasst hat, fußt eigentlich auf der dorischen Kirchentonart. Aber im Gotteslob wie auch im Evangelischen Gesangbuch (Nr. 419) ist ein b vorgezeichnet, obwohl die sechste Stufe in der Melodie überhaupt nicht vorkommt.

Was sagt nun das Urheberrecht zur Übernahme  aus einem anderen Werk? Nach dem diese Frage im  § 24, Abs. 1 noch großzügig behandelt wird, schränkt der Absatz 2 dies ein: „Absatz 1 gilt nicht für die Benutzung eines Werkes der Musik, durch welche eine Melodie erkennbar dem Werk entnommen und einem neuen Werk zugrunde gelegt wird.“

Die Klärung dieser Frage  überlasse ich berufeneren Leuten und verabschiede mich mit einer weiteren Strophe zum Lied:

Hilf, Herr, Dieter Bohlen,
denn er hat gestohlen,
denn er hat gestohlen
aus dem Kirchenlied.

Anton Stingl jun.

Wiederholung ohne Berichtigung

Auch die Sendung „SWR2 Lied zum Sonntag“ lebt im Sommer von Wiederholungen. Am 18. Juli wurde die Sendung „Der mich trug auf Adlers Flügeln“ vom 25. April wiederholt. Und so konnte Thomas Steiger (Tübingen) zum zweiten Mal behaupten, dass die Melodie des Liedes Der mich trug auf Adlers Flügeln, dessen Text von dem niederländischen Dichter und Theologen Huub Osterhuis stammt, in dieser Sendung von dem niederländischen Komponisten Bernard Huijbers stammt. Huijbers hat das wohl bekannteste Lied von Oosterhuis Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr vertont. Zu dem Lied Der mich trug gibt es aber in der Sammlung „Du Atem meiner Lieder“ mit 100 Liedern und Gesängen zwei unterschiedliche Melodien zu diesem Text.

Die erste eher schlichte Melodie stammt tatsächlich von Bernard Huijbers. Sie kommt in ihrer Deklamation offensichtlich vom Gregorianisch Choral her.

Die zweite Melodie stammt von Tom Löwenthal, dem Leiter des Chores der Amsterdamer Studentenekklesia, die in Gottesdiensten nahezu ausschließlich Texte und Lieder von Oosterhuis verwendet. Er formte mit Hilfe von hauptsächlich gleichartigen Notenwerten die Melodie zu einer Hymne, deren Wirkung durch den Einsatz eines vierstimmigen Chores noch gesteigert wird. Man spürt auch, dass der der Komponist Erfahrung mit Theatermusik hat.

Hier kann man die Sendung noch einmal anhören und im Sommer 2022 kontrollieren, ob der Fehler vielleicht korrigiert ist.

Anton Stingl jun.

Wer leben will wie Gott auf dieser Erde

Wer den Quellen des Liedes von Huub Osterhuis (GL 460) nachspürt, muss einige Hürden überwinden, bevor er am Ende eine handfeste Überraschung erlebt. Die Suche wird erschwert durch einen Schreibfehler in der Quellenangabe des Textes im neuen Gotteslob. Es muss, wie im alten GL 183 richtig angegeben, heißen: „Wie als een god will leven“. Dann erst stößt man auf das flämische Volkslied „Al van de droge haring willen wij zingen“ aus der Sammlung flämischer Volkslieder von Charles Edmond Henri de Coussemaker 1856.

Al van den drogen haring willen wij zingen
Ter ere van zijn kopje zullen wij zingen
‚t Is van zijn kop
Springt er maar op 
‚t Is van den drogen haring  

Wir wollen vom ganz trockenen Hering singen
Wir werden zu Ehren seines Köpfchens singen,
Es ist aus seinem Kopf
Spring einfach drauf
Es ist vom trockenen Hering.

In den folgenden Strophen bleibt die erste und letzte Zeile gleich. In der zweiten wird jeweils ein anderer Fischteil besungen, dem auch die Zeilen 3 und 4 gelten.

‚t Is van zijn oog           Es ist aus seinem Auge,
Springt er maar hoog  Spring einfach hoch,

‚t Is van zijn balg          Es ist von seinem Balg,    
Springt er maar half     Nur halbe Sprünge,

‚t Is van zijn stert          Es ist von seinem Schwanz,
Springt er met hert       Springt dort mit Herz,

Huub Oosterhuis hat die Melodie vom trockenen Hering als Ganzes übernommen, die Form aber modifiziert. Die zweite Zeile fungiert als Wiederholung der ersten und die instrumentale Wiederholung der letzte Zeile wie die erste ebenfalls zur Wiederholung durch die Gemeinde.

Al van den drogen haring willen wij zingen
Wie als een god wil leven hier op aarde
Wer leben will wie Gott auf dieser Erde                     

Es ist schon eigenartig, das Lied vom trockenen Hering als Melodie eines geistlichen Liedes zu verwenden. Im niederländischen Original trifft god wil leben auf den drogen haring. In der deutschen Übertragung hat Gott mit haring dieselbe Position. Jetzt wird klar, warum das alte Gotteslob dieses Lied unter Fastenzeit – Passionslieder eingeordnet hat. Fisch ist eine der traditionellen Fastenspeisen.

Anton Stingl jun.

Andachtslied nach der Kommunion

Der Theologe und Musikwissenschaftler Meinrad Walter empfiehlt im Konradsblatt Nr. 5 vom 31. 1. 2021 das Lied „Wir haben empfangen“ (GL 874 Freiburg/Rottenburg) als „verhaltenes und inniges Andachtslied“ nach der Kommunion.

Der Text, der von dem Schriftsteller Paul Konrad Kurz stammt, machte dem Komponisten, dem Kirchenmusiker Rudolf (Rudi) Schäfer in Schramberg, einigermaßen zu schaffen, was unter Anderem am mehrmaligen Taktwechsel zu sehen ist. Die Textvorlage nämlich ist ein Gedicht mit zum Teil freien Rhythmen, denen ein vierhebiger Vers zugrunde liegt. Aber schon in der zweiten Zeile stört bei „Auferstehung“ eine überzählige Silbe den Ablauf. Im ersten Teil vor dem Doppelstrich beginnen die Zeilen mit Auftakt und haben elf Silben, im zweiten Teil beginnen sie mit einer Hebung und haben acht oder neun Silben. Die zweite Zeile schert mit einem zweisilbigen Auftakt aus. Das ist wahrlich kein Liedgedicht! Wie kommt der Komponist nun dem Text zurecht?

Er wählt für die Melodie des zweiten Teils eine Variante des ersten Teils. Es entsprechen sich also die Zeilen 5 und 1, 6 und 2, 7 und 3, 10 und 4. Da der zweite Teil zwei Zeilen mehr hat als der erste, wird dafür neues  Melodiematerial aus der Umstellung von Tönen der letzten Zeile gewonnen. Der Rhythmus des Liedes, der sich nach Meinrad Walter „den Worten anschmiegt“, verwendet 14-mal die Folge dam-da-da (ein Viertel – zwei Achtel). Um den Unterschied zwischen den Teilen hervorzuheben, könnte man einen Großteil der Melodie des ersten Teils in einen schwingenden 6/8-Takt verwandeln.

Auf diese Weise kann man auch der schwierigen Betonungslage bei „Auferstehung“ gerecht werden. Im zweiten Teil wird durch eine Rhythmusänderung die Betonung auf „Herr Jesus Christ“ gelegt. Der Wechsel von „Wir“ auf „Du“ erhält seine Entsprechung in der Änderung des Taktmaßes.

Noch ein Wort zu den Harmonien, die Meinrad Walter „nahezu farbig“ nennt. Die 30 Septim-Akkorde beweisen, dass dieses Lied zur Jazz- bzw. Pop-Szene gehören möchte. Wem diese Würzmischung nach der Kommunion zu scharf ist, kann sich auch mit schlichteren Harmonien begnügen.

Anton Stingl jun.

Wie schön leuchtet der Morgenstern (GL 357)

Mit diesem Lied eröffnete Mechthild Alber am 3.1.2021 im SWR2 die diesjährige Reihe „Lied zum Sonntag“. Nach der Erklärung des „ganz besonderen Morgensterns“ gestand sie, dass sie dieses Lied mag, obwohl ihr seine barocke Bildersprache fremd ist. Es ist die „wunderbare Melodie“, die ihrer Seele gut tut. Als besonderes Kennzeichen nennt sie die „fröhliche Beschwingtheit [der Melodie] als Vorgeschmack auf die himmlische Hochzeit“.

Wenn ich bedenke, wie viele Komponisten zur Morgensternmelodie  einen Satz geschrieben bzw. Choralbearbeitungen verfasst haben, dann muss es sicher noch mehr Eigenschaften der Melodie geben, die zu dieser Verbreitung beigetragen haben. Ich nenne nur Johann Sebastian Bach, Dieterich Buxtehude, Johann Pachelbel, Ernst Pepping, Michael Praetorius, Max Reger und Georg Philipp Telemann.

Philipp Nicolai wählte für sein Morgensternlied die sogenannte Barform: Stollen – Stollen – Abgesang. Beide Stollen haben dieselbe Melodie. Der Stollen beginnt mit ruhigen Halben. Ein Quintintervall unterstreicht „Wie schön“. Das Wort „leuchtet“ erklingt im „fröhlichen“ Durdreiklang. Die anschließende Wiederholung der Quinte führt zum „Morgenstern“, dessen Viertelnoten bereits eine Stufe höher erklingen. Der Stern „voll Gnad und Wahrheit“ steht auf dem höchsten Punkt der Melodie, die jetzt im Wechsel von Vierteln und Halben lebhafter wird. Der letzte Teil des Stollens leitet im tänzerischen ⁶⁄₄-Takt  zum Grundton zurück.

Die Melodie des Abgesangs ist ganz vom Text her erfunden. Entsprechende Zeilen haben dieselbe Tonfolge.

Lieblich,
freundlich,
schön und prächtig,
groß und mächtig,
reich an Gaben,
hoch und wunderbar erhaben.

Zunächst pendelt die Melodie auf der Stelle, zuerst in Halben zwischen Quinte und Terz, dann verkürzt in Vierteln zwischen Terz und Sekunde. Die fünfte Zeile führt die Bewegung  weiter und endet auf dem Grundton. Das „hoch“ zu Beginn der letzten Zeile wird im Oktavsprung auf den höchsten Ton erreicht. In den gleichen Tönen wie im Stollen, aber jetzt im Alla-breve-Takt, erreicht die „wunderbare“ Melodie ihren Schluss.

Anton Stingl jun.